Vielfalt JA! - über Grenzen hinweg

ENTSTEHUNG

Die Förderung junger internationaler Kunst aller Sparten ist eine der zentralen Aufgaben der Akademie der Künste, die sie durch die Vergabe von Preisen und Stipendien erfüllt, insbesondere aber durch die explizit dafür geschaffene JUNGE AKADEMIE. Die Junge Akademie ist seit 2007 in der Satzung dieser über 300 Jahre alten traditionsreichen Akademie der Künste fest verankert. Der gleich nach politischem Umbruch 1989 und noch vor der 1993 erfolgten Vereinigung der beiden Akademien in Ost- und West-Berlin angestoßene Prozess zunächst parallel miteinander wetteifernder, teilweise auch recht unterschiedlicher Bemühungen , junge internationale Kunst in die Arbeit der Akademie einzubeziehen und stärker zu gewichten, bekam nach fast zwei Jahrzehnten ausdauernden Engagements dadurch erstmals eine solide Grundlage.

WIRKUNGSSTÄTTE

Sitz der Jungen Akademie und Zentrum ihrer Aktivitäten ist das Akademie-Gebäude am Hanseatenweg mit den Dachateliers als Wohn- und Arbeitsort der Stipendiaten, dem Büro der Jungen Akademie und Standorten wichtiger Partner wie dem Studio für elektroakustische Musik. Die besonderen baukünstlerisch-atmosphärischen Qualitäten des von Werner Düttmann geschaffenen und 1960 eröffneten Hauses als Begegnungsstätte mit  Versammlungs- und Veranstal-tungs¬räumen, Theatersälen und Ausstellungs¬hallen lassen den Genius Loci gemäß der Bestimmung dieses Hauses auch für die Stipendiaten aus aller Welt sinnfällig spürbar werden. Hier erhalten sie vielfältig und bisweilen unerwartete Impulse für experimentelle Arbeit über Grenzen hinweg, das heißt vor allem als Dialog zwischen den Künsten und verschiedenen Generationen. Ort und Programm inspirieren zu frischen Antworten auf die Frage: Was ist eine Akademie heute? Die Junge Akademie fühlt sich dadurch auf attraktivste Weise ortsspezifisch herausgefordert, im Rahmen ihrer eigenen Möglichkeiten diese unterschwelligen und doch anspruchsvoll leitenden Resonanzen bewusst zu machen, ihnen aus künstlerisch individueller Perspektive singulär, in kleinen Teams oder mitunter auch als ganze Jahrgangsgruppe des Berlin-Stipendiums nachzugehen und im Kontext übergreifender Akademie-Interessen auch Neues daraus zu schöpfen.

AUFGABEN

Das Team der Jungen Akademie betreut mehrere Stipendien an unterschiedlichen Orten im In- und Ausland gleichzeitig. Darum gehört das Ateliermanagement neben vielschichtiger anderer Organisa¬tion, dem Management aktueller Unternehmungen und paralleler Betreuung von Person und Werk zu den umfangreichen Tätigkeiten. Ausgehend von persönlichen Vorhaben der Stipendiaten, fördert die Junge Akademie dem Auftrag der Akademie der Künste gemäß darüber hinaus vor allem gemeinsam Projekte als transdisziplinär-künstlerische Forschung in kleinen oder auch größeren Gruppen. Im Mai, dem Monat der Stipendiaten,  bündeln sich ihre Aktivitäten, um dadurch mehr Gewicht und Sichtbarkeit in der Öffent¬lichkeit zu erlangen. Dazu gehören öffentliche und zahlreiche interne Veranstaltungen, sek¬tions¬über¬greifende Begegnungen, Workshops, im Laufe des Jahres aber auch verschiedene Beteiligungen an Veranstaltungen einzelner Sektionen (z.B.Thomas Kessler-Konzert am 22.10.14 mit zwei Berlin-Stipendiaten 2014), übergreifen¬den Projekten der gesamten Akademie („Schwindel der Wirklichkeit“), an Kulturprogrammen von Berlin (z.B. Art Week, Gallery Week¬end etc.) oder an bundesweit stattfindenden Events (z.B. Tag des offenen Denkmals). Neben der internen Zusammenführung der ausgewählten Stipendiaten aus aller Welt bemüht sich die Junge Akademie vorrangig um die Vermittlung von Kontakten, den Austausch und die Zusammenarbeit mit den Mitgliedern der Akademie, aber auch mit Alumni, den Stipendiaten der Vorjahre. Insbesondere bei Akademie-Großprojekten geschieht dies auch in der Absicht, daraus neben den Mentoren (Akademie-Mitglieder) möglichst ebenso einen verlässlichen Kreis von ortskundigen sowie gut vernetzten Vertrauten und Beratern für die jüngeren Stipendiatenkollegen aufzubauen. Daraus ergibt sich ein etwas anders gewichtetes Jahresprogramm als bisher. Zudem stellt die Junge Akademie entspre¬chend eigene Programmhefte, Dokumentationen als Film oder Publikation her, beteiligt sich an den allgemeinen Akademie-Veröffentlichungen (Ausstellungs-katalogen, Programm-Magazinen, Veranstaltungs-Übersichten, Infobrief usw.) und vermittelt ständig aktuelle Informationen über die eigene Website im Internet beziehungsweise direkt in Gesprächen und projektbezogenen Kooperationen mit Partnern auch außerhalb der Akademie. Die Arbeit der Jungen Akademie insgesamt unterstützt ein vom Präsidenten der Akademie der Künste berufener Beirat aus Akademie-Mitgliedern aller Kunst-Sektionen. Derzeit gehören ihm folgende Akademie-Mitglieder an: Nele Hertling (Akademie-Vizepräsidentin, Darstellende Kunst), Hubertus von Amelunxen (Bildende Kunst), Hilde Léon (Baukunst), Enno Poppe (Musik), Marcel Beyer (Literatur), Jutta Wachowiak (Darstellende Kunst), Hans-Helmut Prinzler (Film- und Medienkunst). Sprecher des Beirates im Senat der Akademie sind Enno Poppe und stellvertretend Hubertus von Amelunxen.  

Grundeinstellung

Die Junge Akademie fördert das Transitorische, prinzipiell jede Form von  Dialog-Bereitschaft und künstlerisch intendierter Verständigung über Grenzen hinweg. Daher zielt ihre Arbeit auf eine generelle Öffnung, das latente Interesse an originären Kunstauffassungen ebenso wie an den sich daraus ableitenden Schnittmengen vielfältig sich begegnender Interessen eines Stipendiatenjahrgangs. Spezifische, sich möglichst selbstverständlich kundtuende Potentiale dieser transnational wie transdisziplinär gemischten Gruppe, die individuell und gemeinschaftlich begründet sein können, in einer „Kultur des Mit-ein-anders“  herauszuarbeiten und zu nutzen, ist die besondere Herausforderung und Gelegenheit des Berlin-Stipendiums der Akademie der Künste.  Die Vielfalt junger Kunstauffassungen auch öffentlich besser ‚ins Gespräch zu bringen‘, kann mit Unterstützung namhafter Mitglieder (Mentoren / Juroren) sicher gelingen. Sie wird aber auch zunehmend als nicht zu unterschätzendes Potential der Akademie verstanden, als anregende Impulsquelle für die Arbeit der Mitglieder entdeckt und für unkonventionelle Ansätze von Begegnung und Austausch mit der Öffentlichkeit.

Die Junge Akademie untersucht experimentell Spielräume sinnlicher Erkenntnis und kreativer Verständigung zwischen dem Singulären und Pluralen. Die Fähigkeit freier Wechselbezüge breit gefächerter Begabungen diverser Kulturkreise wie auch Kulturen engagierten Handelns und Denkens über Grenzen hinweg wird entscheidend unsere Zukunft bestimmen und notwendige Lösungen für drängende Fragen und Probleme generieren. Im Team der Stipendiaten heißt dies mitunter spontan improvisierte, künstlerisch inspirierende Begleitung in weitgehend zwangloser Ensemblebildung wie auch inhaltlich langfristiger Kooperation. Dies beeindruckte in dem Pilotprojekt, der Performance-Nacht „Double-Projection“, einer Eigenproduktion, in der erstmals nahezu der gesamte Jahrgang der Berlin-Stipendiaten 2013 beteiligt war   (s. S.64-69). Claudia Wahjudi schrieb dazu im Tagesspiegel (12.10.2014) u.a.: „So leicht und leger wirkt das, als sei es das Selbstverständlichste der Welt, transdisziplinär und transnational gleichberechtigt zusammenzuwirken. […] Den Besuchern bietet sich etwas, das vielen Aufführungen und Ausstellungen fehlt: Aufenthaltsqualität. […] Lagerfeuerstimmung kommt aber nicht auf, dafür sind Themen und

Stipendien

Von den fünf Stipendien, die die Akademie der Künste vergibt und die Junge Akademie betreut, ist das Berlin-Stipendium das bedeutendste, da es dem Wesen dieser Einrichtung am meisten entspricht. Es wird von allen Sektionen in gleicher Weise getragen: Jurys aus Mitgliedern benennen in jedem Jahr zwei Kandidaten internationaler und interdisziplinärer junger Kunst. Als Artist-in-residence-Programm ist es verbunden mit einem Aufenthalts- und Arbeitsstipendium in Berlin, regulär für jeweils drei Monate in einem der drei Dachateliers der Akademie am Hanseatenweg im Berliner Bezirk Tiergarten, daneben existiert ein Gastatelier im Künstlerhaus Bethanien. Das Berlin-Stipendium, das mit dem PLENUM der neuen Stipendiaten im Rahmen der Mitgliederversammlung jährlich im Mai beginnt und als AGORA ARTES (Abschluss-Präsentation der Stipendiaten) im Mai des Folgejahres endet, bietet jungen künstlerischen Talenten aus aller Welt Anreize zu sektionsübergreifend gleichberechtigtem Austausch, grenzüberschreitender Kooperation und künstlerischer Forschung wie kein anderes. Über diesen Schwerpunkt unserer Arbeit hinaus wird seit 2007 das Saarland-Stipendium der Sektion Bildende Kunst, das seit 2002 jährlich als Berlin-Aufenthalts- und Arbeits-Stipendium auf der Basis von Kandidatenvorschlägen der HBKsaar von Akademie-Mitgliedern vergeben wird, hier zusätzlich mit erfasst.  Villa-Serpentara-Stipendiaten werden gleichfalls im Rahmen unserer Möglichkeiten mit betreut und Berichte der Stipendiaten über Arbeitsergebnisse erweitern unsere Veranstaltungen um Aspekte, die sich aus der künstlerischen Arbeit vor Ort in Italien ergeben. Vorrangig Berliner Künstler werden von Akademie-Mitglieder-Jurys für dreimonatige  Aufenthalte in Olevano bei Rom bestimmt. Das Engagement der Akademie in Olevano wird unterstützt durch Mitarbeiter der Villa Massimo, die die Villa-Serpentara-Stipendiaten der Akademie der Künste in ihre Ausstellungen und Veranstaltungen in Rom einbeziehen. Alle zwei Jahre wird das Ellen-Auerbach-Stipendium für internationale Fotografie verliehen: Eine wechselnde Jury aus Mitgliedern der Sektionen Film- und Medienkunst sowie Bildende Kunst, der die Fotografin Barbara Klemm als befreundete Expertin der 2004 verstorbenen Stifterin stets beratend angehört, entscheidet. 2014 gelang erstmals die Neuvergabe der Auszeichnung mit der Buchvorstellung eines zuvor geförderten Künstlers, die dieses Stipendium erst ermöglichte. An diese doppelte Würdigung soll auch künftig analog zum Berlin-Stipendium nach Möglichkeit angeknüpft werden. Das Schlubach-Hirschmeyer-Stipendium wird in wechselnden Intervallen an Szenografen vergeben.

Jahresprogramm

Die Arbeit der Jungen Akademie mit den Stipendiaten orientiert sich an den beiden Vollversammlungen der Mitgliedschaft der Akademie der Künste, ist daher vor allem saisonal auf Frühjahr und Herbst ausgerichtet. Der Schwerpunkt liegt im Mai, dem „Monat der Stipendiaten“ mit AGORA ARTES/ Wechsel-Spiel der Künste (abschließende Werkpräsentationen der Berlin-Stipendiaten des Vor¬jah¬res) und dem PLENUM der Berlin-Stipendiaten des laufenden Jahres (ca. 5-7-minütige medial unterstützte Selbstpräsentationen individueller Kunstpraxis). – Im September findet bundesweit der „Tag des offenen Denkmals“ statt. Seit 2013 beteiligt sich die Junge Akademie mit einem eigenen Beitrag an einem übergreifenden Thema, 2014 zu „Farbe“ und dem besonderen Charakter der Akademie-Architektur entsprechend (s. Genius Loci und „Führung mit Hausgeist“) im Dialog mit der Kollegin von der Sektion Baukunst. – „Offene Ateliers“ veranstaltet die Junge Akademie in den Dachateliers am Hanseatenweg zu den Mitgliedertagungen im Herbst. Die aktuell untergebrachten Gäste des Berlin-Stipendiums, zuweilen auch erweitert um Werkproben einiger Künstler desselben Jahrgangs, die zwischenzeitig vorab ihren Arbeitsaufenthalt in Berlin wahrnehmen konnten.

Sponsoren / Partner

Dank der nachhaltig treuen Unterstützung durch die Gesellschaft der Freunde der Akademie werden zahlreiche Sonderprojekte, insbesondere experimentelle, neu angelegte künstlerische Vorhaben mit allen Stipendiaten, überhaupt erst möglich. Seit Jahresbeginn 2014 hat sich aus dem Kreis der Gesellschaft der Freunde zudem die Initiative zur Gründung eines Junior-Clubs gebildet. Bereits seit der konstituierenden Runde gab es gemeinsam mit der Jungen Akademie einen intensiven Austausch über neue, bisher zu wenig bedachte und erprobte Möglichkeiten frischer Formen der Zusammenarbeit. Mit den „Jungen Freunden der Akademie“ trifft sich die Junge Akademie zu deren Jour Fixe, zu internen und öffentlichen Begegnungen mit den Stipendiaten bei Ateliertreffen, Besuchen von Programm- oder Performance-Nächten, Werkpräsentationen, Podiumsdiskussionen. Und es werden spezielle Führungen durch das Akademie-Gebäude veranstaltet, bei denen die qualitativen Vorteile des Genius Loci erörtert werden etc. Weitere Anlässe entwickeln sich empirisch vor Ort. Dabei gilt es herauszufinden, wie man im sinnlich-geistigen Austausch auch in dieser Runde prinzipiell gleichberechtigt und aus unter¬schiedli¬cher gesellschaftlich engagierter Perspektive heraus möglichst zu wechselseitigem Gewinn beitragen kann.

Ausblick

Die Junge Akademie arbeitet an ihrer Vernetzung mit innovativen Partnern in Berlin und darüber hinaus. Gute Kontakte bestehen bereits zur Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften , zu Kunsthochschulen usw. Die besten Botschafter der Jungen Akademie sind ihre Stipendiaten aus aller Welt. Darum sind sie für diesen ungewöhnlichen Ort, dessen Architektur gewordene Potentiale von Dialog und Begegnung über Grenzen hinweg immer wieder zu begeistern und in ihrer eigenen Arbeit anzuregen. – Ein Beispiel mag dies modellhaft besonders verdeutlichen: „Migrating Books“ von Ron Segal, Filmemacher und Schriftsteller und Tasuya Kawahara, Architekt und Designer (beide Stipendiaten von 2014) war eine Installation aus filigranen Regalelementen und darin aufgeschlagen dargebotenen Büchern, Literatur von israelischen und deutschen Autoren sowie deren Übersetzung in die jeweils andere Sprache. Das Konzept sah zudem vor, diese Installation in Israel und Deutschland zeitgleich an verschiedenen Orten auszustellen. Unabhängige Geister kennen keine Grenzen, nur deren subtile Überwindung durch Kunst beziehungsweise im Austausch und Zusammengehen recht unterschiedlicher schöpferischer Energien. „Migrating Books“ war Ausdruck poetischer Kraft in Leichtigkeit und Stille, auch Sinnbild für Hoffnung, beschwingte Hingabe oder grenzenlos ‚beflügelnde‘ Neugier, kurzum für das, was die Junge Akademie umtreibt, fördert und selbst ausschwärmend woanders in der Welt über die Stipendiaten anstiften möchte.

Migrating Books, 2015

KAWAHARA KRAUSE ARCHITECTS (Kawahara Tatsuya, Ellen Kristina Krause), Ron Segal, 18 m2