Literaturarchiv

Das Literaturarchiv der Akademie der Künste ist mit gegenwärtig 320 personenbezogenen Beständen, Institutionsarchiven und Sammlungen (3000 laufende Regalmeter) nicht nur die größte Archivabteilung in der Akademie, sondern bildet – neben dem Deutschen Literaturarchiv Marbach und dem Goethe-und-Schiller-Archiv Weimar – auch einen der größten Fonds an Literaturarchiven in Deutschland. Die hier versammelten literarischen Zeugnisse vom Ausgang des Kaiserreichs bis zur Gegenwart bieten einen repräsentativen Querschnitt zur deutschen Literatur im 20.  und 21. Jahrhundert.

Der 1952 übernommene Nachlaß Heinrich Manns stellt die Verbindung zur Preußischen Akademie der Künste her. Der große Romancier, Verfasser des "Untertan" und des "Henri Quatre", hatte der 1926 gegründeten Sektion Dichtkunst vorgestanden und war nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten zum Austritt aus der Akademie und ins Exil gezwungen worden. In Los Angeles hatte er sich 1949 bereit erklärt, die Präsidentschaft der Deutschen Akademie der Künste in Ost-Berlin zu übernehmen, verstarb aber kurz vor deren Gründung im März 1950. Die überlieferten Zeugnisse aus dem Archiv Heinrich Manns spannen den Bogen von der Kaiserzeit über die Weimarer Republik und das Exil bis in die Nachkriegszeit.

Die Literatur der Weimarer Republik ist in ihrer ganzen Vielfalt vertreten. Hier sind u.a. die Namen von Georg Kaiser, Vicki Baum, Gottfried Benn, Ferdinand Bruckner, Leonhard Frank, Franz Jung, Klabund oder Hans José Rehfisch zu nennen. Hierher gehören Theodor Däubler, Carl Einstein und Salomo Friedlaender, deren avantgardistische Formensprache im Expressionismus wurzelt, aber ebenso Walter von Molo und Bernhard Kellermann als Vertreter einer eher traditionellen Schreibweise. Nicht zu vergessen kritische Oppositionelle wie Kurt Tucholsky, schärfster publizistischer Gegner der Nationalsozialisten, Walter Mehring oder der unmittelbar sozialrevolutionär engagierte Erich Mühsam.

Ein Schwerpunkt der Sammlung gilt dem Exil. Die meisten der Emigranten hatten sich bereits in der Weimarer Republik einen Namen gemacht. Manche gingen nach Kriegsende in die DDR wie Johannes R. Becher, Anna Seghers, Friedrich Wolf, Arnold Zweig und nicht zuletzt Bertolt Brecht, herausragender Dramatiker, Regisseur und Begründer des Berliner Ensembles. Viele kehrten nicht zurück. Walter Benjamin nahm sich auf der Flucht vor den deutschen Verfolgern das Leben; sein aus verschiedenen Provenienzen zusammengetragener, geretteter Nachlaß wird seit 2004 in der Akademie betreut.

Der Nachlaß von Hans Werner Richter, Gründer der Gruppe 47, die das literarische Leben der Bundesrepublik zwischen Kriegsende und 1968 maßgeblich bestimmt hat, bildet eine Klammer für die Archivbestände der westdeutschen Literatur. Darin erscheinen gewichtige Namen: Reinhard Baumgart, Wolfgang Hildesheimer, Walter Jens, Reinhard Lettau, Wolfdietrich Schnurre und Peter Weiss.

Mit Vor- und Nachlässen vertreten sind DDR-Schriftsteller aus verschiedenen Generationen: Erich Arendt, Franz Fühmann, Georg Maurer, wichtige Förderer und Mentoren der Nachfolgenden: die Lyriker Uwe Greßmann, Heinz Kahlau, Rainer Kirsch, Inge Müller oder die Dramatiker Heiner Müller und Georg Seidel. Die jüngere Generation von Autoren, die wegen ihrer kritischen Haltung aus der DDR herausgedrängt wurden, wird durch die Archive von Kurt Bartsch, Jurek Becker, Thomas Brasch, Wolfgang Hilbig, Karl-Heinz Jakobs  und Klaus Schlesinger repräsentiert.

Eine Quellensammlung besonderer Art ist der Arbeit Walter Kempowskis zu verdanken, einmalig in der Fülle an Lebensdokumenten eigener und fremder Provenienz, einmalig in der historischen Dimension, in der Verbindung von biographischer und künstlerischer Aussage. Auf ganz andere Weise haben Edgar Hilsenrath und Nobelpreisträger Imre Kertész den Katastrophen des letzten Jahrhunderts literarische Gestalt gegeben. Die Archive dieser Autoren werden ebenfalls in der Akademie der Künste betreut, wie auch das vielseitige Werk des Autors, Komponisten und Kabarettisten Georg Kreisler, das sich vom Exil bis 2011 erstreckt. Literarisch und zeithistorisch herausragende Materialien enthalten die Archive von Christa Wolf und Peter Schneider.

Über Bedingungen und Hintergründe literarischer Entwicklungen, Auseinandersetzungen und Verständigungen geben wichtige Aktenbestände Aufschluß: die Archive des Schriftstellerverbandes der DDR, der west- und ostdeutschen PEN-Vereinigungen, des Zentralhauses für Kulturarbeit der DDR und des Verlages Volk und Welt.

Experimentelle Autoren, deren Werke die Grenzen der klassischen Gattungen überschreiten, sind mit Helmut Heißenbüttel und Reinhard Döhl vertreten. Ihre Werke der konkreten Poesie, ihre typographischen und kalligraphischen Versuche finden im interdisziplinären Charakter des Akademiearchivs adäquate Aufnahme. Eine große Sammlung akustischer Poesie aus dem Verlag edition s press erweitert das Spektrum in den medialen Bereich. Genannt seien in diesem Zusammenhang auch das Archiv der Lyrikerin und Performance-Künstlerin Ginka Steinwachs, das Verlagsarchiv der Redaktion PRO/Hansjürgen Bulkowski mit bedeutenden Materialien zur Konzeptkunst, das Archiv des Bielefelder Colloquiums Neue Poesie und das Archiv des Lyrikers Bert Papenfuß.

Eine besondere Verantwortung obliegt dem Archiv mit der Sicherung und Betreuung der Manuskripte und Briefschaften von Akademie-Mitgliedern und -Preisträgern. Mit solchen gewichtigen literarischen Vorlässen wie denen von Friedrich Dieckmann, Günter Grass, Harald Hartung, Rolf Haufs, Ingomar von Kieseritzky, Fritz Mierau, Aras Ören und Thomas Rosenlöcher öffnet sich das Literaturarchiv in die Zukunft.

Sabine Wolf

(Stand 11.3.2013)


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