17.11.2014  07:00

Vor 50 Jahren: Theodor W. Adorno zum Tod von Eduard Steuermann

<p>Theodor W. Adorno und Eduard Steuermann in Darmstadt; Foto: Susanne Schapowalow</p>

Theodor W. Adorno und Eduard Steuermann in Darmstadt; Foto: Susanne Schapowalow

Unten der Durchschlag eines Briefes, den Adorno nach dem Tod des Freundes an Josef und Rose Gielen, die Schwester von Steuermann (und Mutter von Michael Gielen), schrieb. Am 11. November 1964 war Eduard Steuermann in New York gestorben. Adorno hatte davon durch Lotte Tobisch erfahren. »Die Gielens«, hieß es im Brief von Tobisch, »waren wie vom Blitz getroffen, denn sie wußten zwar, daß er schwerkrank ist, aber nicht, daß er an Leukämie leidet und sein Zustand absolut hoffnungslos ist«.

 

Drei Jahre zuvor hatte Adorno über Steuermann geschrieben: »Es handelt sich ohne alle Frage um einen der bedeutendsten Musiker unserer Tage. Er gehört zu dem engsten Kreis von Schönberg; als Pianist ist er Schüler von Busoni. Er hat fast das gesamte Klavierwerk von Schönberg uraufgeführt, auch das Klavierkonzert, und dessen gesamte Kammermusik mit Klavier, und war überhaupt, was man den Bülow des Schönbergkreises nennen könnte; entfaltet heute in New York eine im bedeutenden Sinn pädagogische Wirksamkeit, die weit ausstrahlt. [Absatz] Aber all das ist nicht das Entscheidende. Steuermann, von dem buchstäblich keine Note gedruckt vorliegt, ist sicher einer der originellsten und merkwürdigsten Komponisten der Gegenwart, alles eher als das, was man sich unter einem auch-komponierenden Pianisten vorstellt, beste und strengste Schönbergschule, dabei von einem durchaus eigenen und merkwürdigen Ton. Fürchtete ich nicht, daß es verschmockt klingt, so würde ich sagen, seine Musik in ihrer dunklen und oft rätselhaften Verschlungenheit, auch einem sehr tiefliegenden und keineswegs etwa folkloristisch dingfest zu machenden jüdischen Element, habe etwas genuin Kafkasches. […] Von der Integrität Steuermanns, seiner vollkommenen Unfähigkeit zur leisesten Kon[z]ession, vermögen Worte keine Vorstellung zu geben; mir ist er einer der allernächsten Menschen.« (Adorno an Ingeborg Bachmann, 6. Oktober 1961)

 

 

 

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