20.4.2016, 12 Uhr

Brechts Filmerbe in der Akademie der Künste

Privatfilm: Bertolt Brecht, etwa 1928, © Bertolt-Brecht-Erben

Das Archiv der Akademie der Künste hat mit der Sicherung und Digitalisierung des filmischen Bestands des Bertolt-Brecht-Archivs begonnen.

Die insgesamt 44 Filme, die in der Zeit zwischen den 1920er und späten 1970er Jahren entstanden, geben Einblicke in die Inszenierungsarbeit, in private Lebensmomente und die Rezeption des Werkes Bertolt Brechts. Zu einem großen Teil geht die kulturhistorisch wertvolle Sammlung auf den Nachlass Brechts zurück. Nach seinem Tode wurde der Bestand um weitere Filme aus der DEFA, dem Berliner Ensemble, Fernsehsendern sowie privaten Sammlungen und Nachlässen ergänzt. Unter den Arbeiten befinden sich seltene und unikale filmische Zeugnisse, von denen einige bisher noch unveröffentlicht sind.

Die Filme, zum großen Teil (Original-)Negative, frühe Kopien und Umkehroriginale, liegen in den analogen Formaten 8mm, 16mm und 35mm vor. Eine bereits beginnende chemische Zersetzung sowie starke physische Schäden wie Austrocknung, Perforations- und Flüssigkeitsschäden, Laufschrammen und Verschmutzungen belasten das historische Nitrat- und Azetatfilmmaterial. Seit 2008 befindet sich die Sammlung als Depositum in der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen, da dort die filmtechnische und -archivische Infrastruktur zur Erschließung und Lagerung der Filme gegeben ist.

Der einzigartige Charakter der Sammlung zeigt sich in der Vielfalt der vorhandenen filmischen Gattungen. Den Kern bilden private Filmaufnahmen aus den späten 1920er Jahren und Brechts Zeit im amerikanischen Exil, die zu den ältesten Materialien des Bestandes gehören. Sie zeigen neben Brecht und seiner Familie Künstler wie Kurt Weill, Lotte Lenya, Lion Feuchtwanger, Peter Lorre und Charles Laughton. Ein wichtiger Bestandteil der Sammlung sind von Brecht in Auftrag gegebene Inszenierungsdokumentationen der 1930er bis 1950er Jahre, die in Form von Einzelbildschaltungen aufgenommen wurden. Die älteste unter ihnen dokumentiert eine Aufführung des Stückes „Mann ist Mann“ im Jahr 1931. Brecht verwendete das Medium Film auch direkt in seinen Inszenierungen, indem er dokumentarisches Filmmaterial auf die Bühne projizierte. Erhalten sind solche Filmdokumente zu Inszenierungen von „Die Mutter“ und „Furcht und Elend des Dritten Reiches“. Weiterhin umfasst der Bestand Amateuraufnahmen von Theateraufführungen, Verfilmungen der Werke Brechts, Probeaufnahmen, sowie Porträts und Berichte über Bertolt Brecht und Helene Weigel. Inszenierungsdokumentationen und private Filmdokumente aus den Nachlässen von Ruth Berlau und Theo Lingen, die sich ebenfalls im Archiv der Akademie der Künste befinden, ergänzen den Korpus. Unter ihnen ist die einzige filmische Dokumentation einer Theaterinszenierung Brechts im Exil – der „Galileo“-Aufführung 1947 im Coronet Theatre in Beverly Hills mit Charles Laughton in der Hauptrolle, aufgenommen von Ruth Berlau auf 16mm-Filmmaterial.

Aufgrund des kritischen Zustands der 70.000 Filmmeter ist eine umgehende professionelle Bearbeitung des Bestandes notwendig. Da der Prozess der chemischen Zersetzung irreversibel ist, könnten sonst die filmischen Dokumente unwiederbringlich verloren gehen. In enger Zusammenarbeit mit der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen wird deshalb in den nächsten zwei Jahren die Sammlung durch Umkopierung auf ein dauerhaft stabiles Polyester-Trägermaterial gesichert und nach anschließender Digitalisierung an elektronischen Leseplätzen im Archiv der Akademie der Künste zugänglich gemacht werden.

Das Projekt wird gefördert durch die LOTTO-Stiftung Berlin und die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Diese Einzelbildschaltung einer Aufführung von Brechts Stück „Mann ist Mann“ ist die erste überlieferte filmische Dokumentation einer Theaterinszenierung von Bertolt Brecht. Sie wurde 1931 während einer Vorstellung im Staatlichen Schauspielhaus Berlin in seinem Auftrag als Studienmaterial hergestellt. Brecht betrachtete den Film als ein „sehr interessantes Experiment“. Aufgenommen wurden „mit Unterbrechungen die hauptsächlichen Drehpunkte der Handlung“, so dass „in großer Verkürzung das Gestische herauskommt“. Damit sollte die Idee des epischen Theaters verdeutlicht werden.