15.2.2017, 10 Uhr

„Our Stories – Rewrite the Future” #1: Ralph Hammerthaler über die Erzählpartnerschaft mit Geflüchteten

Bei dem Akademie-Projekt „Our Stories – Rewrite the Future“ finden sich junge Geflüchtete mit deutschsprachigen Autorinnen und Autoren zusammen, um gemeinsam literarische Geschichten, die auf den Berichten der Geflüchteten basieren, zu entwickeln. Die Workshops finden in deutscher Sprache statt und auch die aus dem Partnerschaftsprojekt entstehenden Texte werden auf Deutsch verfasst. Der Schriftsteller Ralph Hammerthaler erläutert, was ihn zur Teilnahme an diesem Projekt bewegt hat:

Zugegeben, ich zögerte einen Moment, ehe ich mich dem Projekt anschloss. Werden zurzeit nicht überall Flüchtlingsgeschichten erzählt? In Theatern, in Cafés, im Fernsehen, in der Zeitung. Selbstauskünfte über Selbstauskünfte, Reportagen über Reportagen. Noch ein Porträt und noch eines. Ist nicht längst alles bis zum Überdruss bekannt? Ja, so scheint es. Aber frage ich mich dann, was denn bekannt ist, so sehe ich mich ratlos die Schultern zucken. Zu vieles ist vorbeigerauscht. Durch das Projekt „Our Stories – Rewrite the Future“ kommt nun die Literatur ins Spiel, dieses langsame, wunderbar lässige Medium, das so tut, als hätte es alle Zeit der Welt und lieber nicht wissen will, worauf das Ganze hinausläuft. Trotzdem bildet die Literatur sich ein, wenn schon nicht die Geschichte, so doch die Substanz retten zu können. Und dafür ist ihr keine Finte zu schade, keine Lüge zu abgeschmackt, keine Verdrehung zu schwindelerregend. Guten Stoff aber braucht sie, sonst sind ihre Tricks nur klägliche Luftnummern. Guten Stoff muss sie besorgen in der Gestalt eines Vampirs. Eine andere Visitenkarte hab ich nicht.

Ralph Hammerthaler, geboren 1965 in Wasserburg am Inn, lebt als Autor in Berlin. Er studierte in München, Berlin und Jena und schrieb seine Doktorarbeit in Soziologie über „Politische Öffentlichkeit“. 1999 war er Kurator des Symposiums „Räumungen - Von der Unverschämtheit, Theater für ein Medium der Zukunft zu halten“ am Bayerischen Staatsschauspiel in München; außerdem Alleinjuror der Autorentheatertage am Schauspiel Hannover. 2000 bis 2002 arbeitete er als Kulturredakteur für die Süddeutsche Zeitung in Berlin und erhielt 2000 das Alfred-Döblin Stipendium der Akademie der Künste, Berlin. Er veröffentlichte eine Reihe von Sachbüchern, teils als Herausgeber, und Romane. Seine Stücke und Opernlibretti sind in mehrere Sprachen übersetzt und u.a. in Berlin, Halle, München, Mexiko-City und Omsk aufgeführt worden.

Veröffentlichungen:
Alles bestens, Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2002.
Aber das ist ein anderes Kapitel, Roman. Poss Verlag, Wasserburg 2007.
Der Schlaftöter, Monodram. In: Theater der Zeit, Januar 2009.
Der Sturz des Friedrich Voss, Roman. DuMont, Köln 2010.
Alexeij Sagerer. liebe mich – wiederhole mich, Künstlerische Biografie. In: Theater der Zeit, Berlin 2016.
Kurzer Roman über ein Verbrechen, Roman. Verbrecher Verlag, Berlin, 2016.

Das Projekt „Our Stories – Rewrite the Future“ wurde initiiert von Larissa Boehning. Es wird gefördert vom Deutschen Literaturfonds.