Genius Loci - Dialog Potentiale

Was ‚bewegt‘ in Kunst + Leben? Genius Loci – einzigartiger Anreger für junge Kunst

Mit dieser Fragestellung wird der Blick geschärft für besondere ästhetische Qualitäten der Wirkungsstätte der JUNGEN AKADEMIE, das heißt für den Gebäudekomplex der Akademie der Künste am Hanseatenweg 10 in Berlin-Tiergarten, der 1960 errichtet wurde. Werner Düttmann hat ihn im Alter von nur 37 Jahren erdacht. Bauelemente, Materialien, Formen, Raumcharaktere, Funktionen und Inhalte sind derart sinnfällig gestaltet, dass sie sich unmittelbar sinnlich-räumlich als animierende Dialog-Potentiale erschließen lassen. Sie tragen als empirisch lesbares Manifest zum Selbstverständnis der Akademie bei und regen darüber hinaus transdisziplinäre Antworten und künstlerisch-forschende Resonanzen in individueller „Vielfalt über Grenzen hinweg“ an – und das in unverminderter Frische und mit aktueller Bedeutsamkeit nach über einem halben Jahrhundert.

Gartenterasse zwischen den Clubräumen

Zentraler Buchengarten mit Blick auf Glasgang, gefaltete Dachlandschaft vom Studio und Waschbeton-Kubus der Ausstellungshallen

Sheddach der großen Ausstellungshalle / Akademieparkplatz

Studio-Ansicht mit Doppelbühne (großes und kleines Parkett) für Theater, Tanz, Konzerte, Kino, Symposien etc.

Studio-Ansicht

Skulpturengarten, Hof zwischen den Ausstellungshallen (1. Stock, Waschbeton-Kubus)

Bürogang im 1. Stock  / "Blaues Haus"

Zugang zum Besprechungsraum (ehemalige Handbibliothek) und Clubraum-Lichthof zwischen Erdgeschoss und 1. Stock / "Blaues Haus"

Treppenhaus "Blaues Haus" (Ansicht vom 2. Stock / Verwaltung)

Werner Düttmann entwarf aus spürbar wacher Verantwortung gegenüber dem von der Mehrheit der Deutschen geduldeten Schrecken und maßlosen Grauen seiner jüngeren Vergangenheit eine humane, neu aufbrechende Gegenwelt zu dem monumental menschenverachtenden Größenwahn, zu symmetrisch effizient und lückenlos durchgeplanten Überwachungs- und Tötungsanlagen – eine Gegenwelt, die ebenso vorbildlich ansprechend ist wie sie demokratisch verpflichtet: menschliche Proportionen, belebender Abwechslungsreichtum, asymmetrische Bezüge, inhärente Beweglichkeit, durchlaufende Verbindungen und das, trotz aller Komplexität, dennoch stimmig einfach, schlicht und harmonisch. Sie ermöglicht Besinnung und reflektierten Austausch ebenso wie experimentelle Erprobung und spontane Improvisation.1 Der JUNGEN AKADEMIE geht es bei ihrer Revision des Gebäudekomplexes, mit der sie für die ortsspezifisch einzigartigen Qualitäten sensibilisieren will, auch darum, die Vor- und Nachkriegsmoderne, weniger als Stil, denn vielmehr als zeitlose Haltung steter Reformbemühung mit innovativem Anspruch, auf der Höhe der  jeweiligen Gegenwart neu zu entdecken und in Bezug auf die zukunftsbefähigend notwendige Transformation aller Lebensbereiche mit hoher aktueller Relevanz nachhaltig und verantwortungsvoll weiterzuentwickeln auch im Austausch und in Kooperation mit interessierten Partnern im In- und Ausland.

Zur Eröffnung seines Neubaus 1960 bekannte Werner Düttmann, das Haus sei die gebaute Antwort auf die Frage: Was ist eine Akademie heute? Sammlung und Ausstrahlung ermöglichend, soll dieser Ort der „Begegnung schöpferischer Kräfte aus aller Welt […] zum gegenseitigen Verständnis der Völker [dienen und die Akademie] in die Lage versetzen, […] hinauszuwirken und die Welt hereinzuholen“.2

Neben den dialogisch ausgerichteten und harmonisch oder kontrastreich aufeinandertreffenden Strukturen, Oberflächen, Wänden, Decken und Böden des Gebäudes, die Düttmanns Haltung formal und räumlich-atmosphärisch unterstützen, scheint mir eine Beobachtung von grundsätzlicher Bedeutung zu sein: Es sind veränderbare Räume durch flexible, partiell oder ganz zu schließende Schiebewände (vorn im Eingangsbereich auf dem Weg zum Studio sowie hinten im Clubraum zur Gestaltung größerer und kleinerer Versammlungs- und Besprechungsräume). Sie erfahren ein Echo in der festgefügten Architektur, in den einzelnen Baukörpern und Wänden, die über das gewohnte Maß hinausragen, trotz bau-plastisch entschiedener Präsenz doch eigentümlich in sich beweglich erscheinen. Sie suggerieren Veränderbarkeit in quasi manieristisch wandlungsfähig gestalteten fließenden Übergängen vertikal und horizontal, das heißt zwischen Innen und Außen, Oben und Unten, Groß und Klein, Nah und Fern, Transparenz und Konzentration bietenden Räumen, interner Clubatmosphäre und öffentlich reizvollen Veranstaltungs- und Versammlungsstätten. In stillen, seltsam unterschwellig wirksamen Momenten, die das Wesen der Kunst herausstellen, sind sie sinnlich konkreter Ausdruck latent subversiver Mobilität, Grenz- und Regelüberschreitung.

Das meint auch transdisziplinären Austausch (AGORA ARTES/Wechselspiel aller Künste, wie es die JUNGE AKADEMIE jährlich mit ihrem Stipendiaten-Programm unternimmt), der sich in unendlicher Mannigfaltigkeit individuell reagierend einlösen und weiterentwickeln lässt, so wie es die Bauteile vorführen, die einander zugewandt sind, sich respektvoll mit würdigem Abstand begegnen oder auch sympathisierend verschränken, wissbegierig füreinander aufgeschlossen sind, einander überschneiden oder ins Gespräch vertieft sich durchdringen, ohne dabei ihren eigenständigen Charakter zu verlieren.

Werner Düttmann hat in seinem Gebäudekomplex am Hanseatenweg ein zeitlos beeindruckendes architektonisches Manifest formuliert, mögliche Antwort und Frage zugleich, somit immer wieder neu verpflichtende Stellungnahme zu dem, was eine Akademie in ihrer jeweiligen Gegenwart zu sein hat. Dabei ist ihm scheinbar Unmögliches gelungen: Präzision, eine ausreichend klar geordnete, mit allen Sinnen ‚erlesene‘ Bestimmung wie zugleich irritierend asymmetrische, aber spielerisch anregende Öffnung, beständige Herausforderung, gleichsam geheimnisvoll anstiftende ‚Bewegung‘ im steten Bemü¬hen, Kunst und Gesellschaft, Kunst und Leben in aktuell angemessenem Verhalten gültig aufeinander zu beziehen und dieses besondere Verhältnis ständig erneuernd in Schwung zu halten.

Dem Genius Loci solch eines einzigartigen Ortes zwischen den Disziplinen künstlerisch forschend nachzuspüren und ihn mit breitgefächerten, spezifischen Mitteln näher zu erkunden, darin liegen die einmalige Chance und eine originäre Aufgabe der JUNGEN AKADEMIE. Auch überraschende Impulse für neue Kunst? Das gilt es, in einer „Kultur des Mit-ein-ander“ zu erproben und selbst herauszufinden – entweder durch autonome Kunst oder im Sinne des eigenen Umgangs mit der Wirklichkeit.

Die Frage „Was ‚bewegt‘ in Kunst und Leben?“ führt ins Zentrum spezifischer Voraussetzungen zwischen den Künsten und verschiedenen originären Werkansätzen. Es verbindet also mehrere in der Akademie der Künste interessierende Perspektiven in einer. Der Bezug auf Gemeinsames, objektiv real Verbindendes wie den konkreten Ort, an dem wir uns begegnen, kann unerwartete Zugänge öffnen, für diese Akademie, füreinander und für die eigene Entwicklung.

Darum sind alle herzlich dazu eingeladen und aufgerufen, sich diesen unvergleichlich anregenden wie feinsinnig durchdachten, wahrnehmbar herausragenden Qualitäten des Hauses mit ihren spezifischen künstlerischen Möglichkeiten zu stellen und daraus dialogisch Gewinn sowohl für die gemeinsame wie für die eigene Entwicklung zu ziehen. Als Wirkungsstätte der JUNGEN AKADEMIE können wir uns keinen, im doppelten Wortsinn ‚ansprechenderen‘ Ausgangspunkt für grenzüberwindende Zusammenarbeit wünschen. Willkommen in Berlin, international begehrt und gern besucht als Stadt des Experimentellen und Neuen!

Christian Schneegass, Leiter Junge Akademie, Akademie der Künste, Berlin

Anmerkungen:

1   Vgl. Adolf Arndt, Demokratie als Bauherr, Berlin 1961 [Anmerkungen zur Zeit 6]. Die Publikation in der Akademie-Reihe dokumentiert eine Rede, die der Autor 1960 in der Akademie der Künste hielt.

2   Werner  Düttmann, Der Neubau. In: Akademie er Künste. Die Mitglieder und ihr Werk. Berlin 1960, S. IXX–XXI

Genius Loci - Führung mit Hausgeist

Ausgehend von der sinnfällig die Bestimmung des Akademie-Areals zum Ausdruck bringenden Architektur am Hanseatenweg wurde ein längerfristig als „work in progress“ angelegtes künstlerisches Forschungsprojekt initiiert. Daraus entwickelte die Tänzerin/Choreografin Mareike Franz (Berlin-Stipendiatin 2008) gemeinsam mit der Jungen Akademie die sich von Mal zu Mal verändernde „Führung mit Hausgeist“ als gemeinsame Produktion.

Mareike Franz (Tänzerin/Performerin) interpretiert als "Hausgeist" den Genius Loci, hier vor der orangfarbenen Supraporte-Wand vom Besprechungsraum (ehemalige Handbibliothek) "Blaues Haus"

Mareike Franz (Tänzerin/Performerin) interpretiert als "Hausgeist" den Genius Loci, hier vor der orangfarbenen Supraporte-Wand vom Besprechungsraum (ehemalige Handbibliothek) "Blaues Haus"

Mareike Franz im internen Lichthof (zentraler Clubraum: an der Schiebetür zum Sitzungssaal)

Terrasseneinfriedung vor dem Sitzungssaal im Erdgeschoss / "Blaues Haus" mit Bronzeplastik von Rolf Szymanski "Wasserträgering", 1981

Zentraler (Sessel-)Clubraum zwischen Glasgangzutritt (li) und kleinem Gartenhof am Verwaltungszugang (re)

Mareike Franz interpretiert "Zwölf Fermate", 2013, eine Notenständer-Installation von Sunlay Almeida Rodrigues, Stipendiatin 2012, eine "Kammerspiel" -Resonanz auf das denkmalpflegerisch rekonstruierte Akademie-Farbkonzept von Werner Düttmann

Mareike Franz im internen Lichthof / zentraler (Sessel-)Clubraum

Mareike Franz (Tänzerin/Performerin) interpretiert als "Hausgeist" den Genius Loci, hier vor der orangfarbenen Supraporte-Wand vom Besprechungsraum (ehemalige Handbibliothek) "Blaues Haus"

Moment der Stille im Buchengarten mit Blick auf Glasgang und "Blaues Haus"

Querung des Waserbeckens parallel zum Glasgang im Bereich der Gartenterrasse der Clubräume

Dies ist eine alle Künste reflektierende Performance, die explizit auf den Genius Loci Bezug nimmt, ihn tänzerisch untersuchend, mit einer künstlerischen Resonanz fortwährend weiter empirisch erforscht und in Nuancen immer differenzierter zu beantworten versteht. – Es begann 2013 mit dem „Tag des offenen Denkmals“, gelangte 2014, aber auch bei AGORA ARTES, der Abschlußpräsentation der Berlin-Stipendiaten 2013, zur Aufführung, ferner zur Versammlung der Mitglieder der Akademie im Herbst und demnächst auch zur Preview des Gallery Weekend im April/Mai 2015. Mareike Franz gelingt es, ‚performativ‘ das Publikum zu begeistern, zu verzaubern, mit koboldhaftem Charme aufzuschließen und unerwartet frische Zugänge zu dieser von vielen geschätzten Berliner Kultureinrichtung zu schaffen. Die „Führung mit Hausgeist“ hat inzwischen ihre eigene kleine Fangemeinde gefunden und avancierte in kürzester Zeit quasi zu einer begehrten Kulturmarke der Jungen Akademie. Allein in im Jahr 2014 war diese Eigenproduktion insgesamt fünf Mal zu erleben, in unterschiedlichem Kontext und entsprechend überraschender Variation der Inszenierung. So lohnt es sich, diesem Wandel auf der Spur zu bleiben und sich von der „Führung mit Hausgeist“ stets aufs Neue überraschen zu lassen.