1985
Joachim John

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Jurybegründung und Laudatio

"Im Grunde genommen erleben wir Ellers Werke auch unbewußt als surreale Verfremdung der bekannten Dinge, die gerade mit der täuschend genauen Darstellung arbeitet – ganz im Sinne eines René Magritte." (Auszug Laudatio)

Vorschlag zur Auszeichnung mit dem Käthe-Kollwitz-Preis 1985 an den Grafiker und Maler Joachim John

Joachim John, einer der bedeutendsten Grafiker der DDR, ist vor allem Zeichner. Die technischen grafischen Mittel, die er benutzt, werden diesem grundsätzlichen Charakter seiner Kunst unterworfen. Das Lineare beherrscht alle seine Arbeiten. Er vermag mit diesem vergleichsweise beschränkten Gestaltungsprinzip jedoch eine Expressivität hervorzubringen, die seinen Arbeiten weite Beachtung gewonnen hat. Diese Ausdruckskraft aber gilt einem Komplex von Themen, der seiner Kunst politischen Charakter gibt.
Aus diesem Grunde sind seine meisterlichen Blätter nicht allein unter stilistischem Aspekt zu bewerten. Der hohe geistige Anspruch und die Formbeherrschung erheben Johns Grafik in den Rang bedeutender Kunst. Seine Auseinandersetzung mit dem durch faschistische Untaten in Vergangenheit und Gegenwart verursachten menschlichen Leid wird durch Bild-Erfindungen gesteigert, die Begriffliches, Abstraktes eindringlich veranschaulichen (Die ständige Exekution und Auferstehung des Friedens (1978), Kaltnadelradierung). Auch in Blättern zu literarischen Werken (Bücher, Becher) ist Johns Kunst von hoher Qualität.

Seit seiner Übersiedlung in den Bezirk Schwerin (1977) hat der Künstler auch kulturpolitisch erfolgreich gearbeitet. In der Kreisstadt Gadebusch, in deren Nähe er wohnt, entstand durch seine Initiative eine Galerie, deren Ausstrahlung weit über den Kreis hinausreicht. Johns geduldige Arbeit hat bei vielen Menschen in dieser Gegend die Überzeugung hervorgebracht und bestärkt, dass die Kunst ein unverzichtbarer Teil des Lebens ist. Sowohl das eigene künstlerische Werk als auch die beharrliche Publizierung der Arbeit anderer mit John in progressiver politischer Haltung übereinstimmender Künstler entspricht dem bekannten Wort von Käthe Kollwitz: „Ich will wirken in dieser Zeit“. Die Sektion Bildende Kunst der Akademie der Künste der DDR schlägt Joachim John zur Auszeichnung mit dem Käthe-Kollwitz-Preis der Akademie vor.

Manfred Böttcher: Laudatio auf Joachim John

Meine Damen und Herren, liebe Freunde,
lieber Jochen John!

Ich wüsste nicht, ob es ebenso klug wie schön wäre, dieser Tradition zu folgen, dem jeweiligen Vorgänger das Wort für den neuen Preisträger zu erteilen, wenn nicht außer Achtung und Respekt etwas anderes dazu käme, das ihm die Zunge löst. Ich habe also Glück und neben der Ehre die Freude, in Joachim John einen Künstler zu würdigen, dem ich mich in vielem verbunden weiß.

Vor allem, auf dem Wege zu sein – nicht angekommen, es sei denn in der Verantwortung der täglichen Arbeit. Es ist der schwere Weg, der nicht vorgezeichnet ist, der für den Künstler immer einzige Weg der Selbstfindung.

Die Zweifel und das Bewusstsein des Ungenügens, die neben der Lust schöpferischer Arbeit diesen Weg begleiten, mögen bewirken, dass sich in die feierliche Gehobenheit einer Preisverleihung die Nuance Skepsis mischt, ohne die der Käthe-Kollwitz-Preis weniger wert wäre. – Aber auch die Beunruhigung vor der Medaille, dem warmen Regen, dem Doppelgesicht des Erfolgs, die wie kein anderes, den künstlerischen Impuls zu Rahmen vermögen. Rouault gedachte mit Dankbarkeit seines Lehrers Moreau, der ihm einen späteren Erfolg wünschte und damit die Möglichkeit, sich tiefer und ungezwungener auszudrücken. Diese Skepsis ist zu loben, denn sie zeichnet die Preisträger aus, die den Wert des Preises entscheidend mitbestimmen. Und durch die Auswahl solcher Ketzer die Institution, die ihn vergibt. Mag das diese Ausstellung belegen.

Aber vor allem ist hier künstlerische Leistung zu würdigen. Es gibt viele Facetten in Johns bisherigem Werk. Die Zeichnungen und Druckgrafiken nehmen wohl den größten Raum ein. Aber es gibt auch den Maler John, den schreibenden John und den Dichter. Seine Erzählbegabung, die Lust am Fabulieren durchdringt und nährt sein gesamtes Schaffen. Wache Anteilnahme am Geschehen dieser Welt im Sichtbaren wie im Unsichtbaren sichern ihm den weiten Spannraum seiner Themen und Motive, die Wahl seines Standpunktes in dem Bewusstsein, dass das Leben in seinen Widersprüchen und Verstrickungen immer neue Herausforderung ist.

Doch in aller künstlerischen Arbeit gilt sein Streben der Objektivierung eines Sachverhaltes im Bild. Das macht, dass ein Gedicht von John als gebautes Bild erscheint, und eine Radierung oder Zeichnung oder Gestus des Dichterischen behält, ohne der Gefahr literarischen Ausdrucks zu erliegen (der hier das Gegenteil von Objektivierung wäre). Diesem Prinzip ist Illustration fremd. Die Mittel gehorchen dem Impuls, und die Form sucht Vollendung in sich selbst.

Ein Gedanke, der mir in diesem Zusammenhang immer wieder kam: wie sehr Johns Kunst realistisch ist. Nicht, weil er Realität abbildet, sondern weil er Realität meint. Die Haltung, die die Begegnung mit Wirklichkeit voraussetzt, sie kritisch reflektiert und leidenschaftlich darstellt. Die Haltung des denkenden Künstlers. Mir fiel auf, wie ausgesprochen selten in unserer Kunstlandschaft der wirklich realistische Künstler auftaucht, wie ich ihn verstehe. Dieser Gedanke, aus gegebenem Anlass in persönlicher Sicht ein Bild einer künstlerischen Entwicklung zu geben, aus kurzzeitlicher Distanz den Impuls dieser Entwicklung zu sehen und als wesentlich realistisch zu deuten, soll das Lob in dieser Rede sein.
Es scheint mir bezeichnend, dass gerade der realistische Künstler zuweilen in Zweifel gerät, dass seine Mittel für komplexe Gestaltung noch ausreichen.

Als sich in Johns Arbeitsraum, einem Laden in der Allensteiner Straße, Zeichnungen mit Lithokreide zu Lorcas Zigeunerromanzen zu Hunderten, wie mir schien, stapelten (von denen er einige wenige ausdrucken ließ), glaubte er, von der Wucht der bildhaften Sprache Lorcas getroffen, an die Grenze realistischer Ausdrucksweise gekommen zu sein. Die Blätter waren mit Zeichen bedeckt, die Figürliches nur noch bedingt zuließen. Die Intensität hat mich damals tief beeindruckt.

Später sah ich dieselbe Intensität wieder auf großformatigen Kartons, die den Verrat an der Humanität, die Krieg und Gewalt anprangerten. Es waren und sind noch die Versuche, mit bildnerischen Mitteln den Bildraum zu erschließen, der eine überzeitliche Aussage möglich macht. Eines Bildraumes, der nicht für die Figuren gemacht ist, sondern durch sie selbst bestimmt wird. Dann wird das Ganze zum Ausdruckswert durch den bewussten Prozess der Gestaltung. In dem Fernsehfilm von Wim Wenders Der Stand der Dinge kam dieser Dialog zwischen Produzent und Regisseur vor: „Ein Film ohne Farbe – das ist doch wie ein Haus ohne Wände – was soll da das Dach tragen?“ Regisseur: „Der Raum zwischen den Figuren trägt das Dach.“ Das ist ein Plädoyer für den Schwarzweißfilm gegen die Mode, aber es trifft auch auffallend auf die Schwarzweißkunst Johns zu. Raum als existentielle Beziehung!

In diesen zeichnerischen Arbeiten ab Mitte der siebziger Jahre hat John kein Mittel gescheut, einen ablesbaren Ausdruck zu geben: der Inszenierung, der dramatischen Zuspitzung, der forcierten Charakterisierung, der Allegorie, der christlichen Symbolik, der Bedeutungsperspektive ...

Diese Blätter haben Reliefcharakter durch plastisch räumliche Verdichtung. Aber auch durch die Spuren der Auseinandersetzung, die Bleistift und Radiergummi hinterlassen und einen Bogen Papier in unfreiwillig langer Arbeit zum Schlachtfeld der Gedanken machen. Von Eleganz keine Spur mehr, doch wo es gelingt Eigenart und Dichte, Wahrhaftigkeit und Schönheit. Eine konzentrierte Ausstellung solcher Zeichnungen im Club der Kulturschaffenden in der Otto-Nuschke-Straße ist mir in lebhafter Erinnerung.

In den großen Radierungen ist daraus der Gewinn gezogen, in sinnbildhafter Form ein Thema gedanklich komplex auszusprechen – realistisch! Sie sind durch die druckgrafischen Möglichkeiten einem größeren Publikum bekannt geworden, ich brauche sie nicht näher zu bezeichnen.

Einige Grundthemen begleiten seine Arbeit seit Jahren. Aber ein Beispiel scheint mir charakteristisch für das übergreifende Thema, seine Verwandlung und Umdeutung aus einer sinnlichen Erfahrung ins reflektierte Bild: Eine Reihe Radierungen, in verschiedenen Zuständen, zeigen das Erlebnis einer Flamenco-Truppe. Von Anfang an pointiert auf die Spannung und das Rollenspiel von Mann und Frau. Gestisch in knapper spröder Linienführung auf blendend weißem Grund oder in breitflächiger Aquatinta malerisch die Volumen betonend, leuchtendes Fleisch, schimmernde Seide – Stolz und Sinnlichkeit.

In späteren Fassungen hat sich die Szene in einem makabren Tanz auf dem Seil verwandelt. In den Schabracken ihrer alten Gewaltenteilung posieren sie in Totenstarre: Monarchie, Klerus und Militär. Noch später wird der Gedanke wichtiger als die Form, der Verweis auf Immer noch Guernica (1978), sowohl die Situation meinend als das Bild des Jahrhunderts – das Beispiel Picasso. John nannte ihn einmal treffend den größten Dialektiker unter den Malern.

Mit dem zweiten großen Vorbild will ich enden, mit einem Wort, das Käthe-Kollwitz-Preisträger genauso betrifft wie uns alle – dem Schlusssatz Beckmanns im dritten Brief an eine Malerin, den guten Weg betreffend: „Er ist schwer, ich weiß es, mit seinen Fallstricken links und rechts. Wir alle sind Seiltänzer! Bei ihm ist's wie in der Kunst, auch bei allen Menschen: Der Wille, das Gleichgewicht zu erreichen und zu behalten.“

Joachim John:
Meine Damen und Herren, liebe Freunde!

Ich danke den Mitgliedern unserer Akademie für diesen Preis. – Durch die Fenster unseres Wohnzimmers sieht man die gepflügte Erde, im Oberlicht die hochgelegene Kante des Ackers. Zwischen den Fenstern hängt von Käthe Kollwitz das Blatt Pflugzieher und Weib. Der Horizont auf der Lithografie läuft zu beiden Seiten in den wirklichen Horizont des gepflügten Feldes. Man hat so zwei Zeiten im Auge, die der Kollwitz und die Gegenwart, da die Erde gemeinsam bearbeitet wird und unter weitaus weniger Mühen. – Teilte man die Kunst – grob vereinfachend und ungenau, aber doch manches verdeutlichend – ein in naive und sentimentalische Kunst, wie bei Schiller, wenn man also unterscheidet in Darstellung des Sichtbaren und Darstellung des Reflexes auf Sichtbares, so finde ich mich tatsächlich meist auf Seiten der Käthe Kollwitz. Auf dieser Seite treibe ich, wie es bei Arno Schmidt heißt, längere Gedankenspiele – was auf dem Papier erscheint, ist meistens wie ein Schnipselchen aus meinem Film.

Von Kind an am Dramatischen interessiert, erfuhr ich durch ältere, erfahrenere Menschen von dem grenzenlos komplizierten und trotzdem oder auch deswegen so fesselndem Hauptdrama, der Gesellschaftsmechanik. Ich habe früher nicht gedacht, dass ich darin ein Thema für mich fände – ich wollte so ähnlich wie Niemeyer-Holstein malen.

Der Akademie der Künste habe ich viel zu verdanken. Vor über 20 Jahren wurde ich Meisterschüler – auf Verdacht. Fritz Cremer hegte diesen Verdacht und gewann dafür Werner Klemke. Mein späterer Meister, Hans Theo Richter, sah auf den ersten Blick, dass mir die Grundkenntnisse, die er voraussetzte, fehlten. Er wurde trotzdem bewogen, mich anzunehmen. Wir fanden ein gutes Verhältnis – er ließ mich machen. Es wurde nicht das Verhältnis Lehrer und Schüler, es wurde ein familiäres. Wenn ich es Richter betreffend väterlich nennen würde, so wäre dies ein wenig ungenau, zu allgemein und auch ein wenig übertrieben – es war eher: kultivierter Onkel toleriert exotischen Neffen.

Durch die legendäre Akademieausstellung „Junge Künstler“ am Robert-Koch-Platz kam ich nach Berlin. Und traf auf meine eigentlichen Lehrer, die Künstler meiner eigenen Generation, die sich schon formuliert hatten: Stötzer, Förster, Fitzenreiter, Böttcher, Metzkes, Sammler, Goltzsche, Vent, Uhlig, Krepp, Knebel, Lindemann, Zickelbein – es sind ihrer 20 bis 30. Ich werde nie wieder einen so bedeutenden Augenblick erwischen wie den jetzigen, um mich öffentlich bei den Gleichaltrigen zu bedanken.

Inzwischen ist eine neue, tätige Generation gewachsen, auch durch uns gewachsen und durch uns hindurch gewachsen, wie im Frühling das Gras durch die vorjährige verfilzte Wiese. Cremers Verdacht mich betreffend, scheint sich mit dem Verleihen dieses Preises zumindest zum Teil zu bestätigen. Ich kann diesen Preis nicht als Belohnung für etwas von mir Hergestelltes verstehen, sondern als massive Ermunterung. Dem Wort verleihen entnehme ich den Sinn, dass da etwas zurückerstattet werden soll. Ich werde mir Mühe geben.

Werner Stötzer über Joachim John
Jan. 1985

Meine Bereitschaft, über den Zeichner und Maler Joachim John zu schreiben, geschieht spontan und aus Freude, ihn für den Käthe-Kollwitz-Preis der Akademie der Künste vorschlagen zu dürfen. Spontan, weil ich vor kurzer Zeit ihn besuchen konnte, aus Freude, weil mir die Betrachtung seiner alten und neuen Arbeiten eine Spannung gab, für die jeder, der Kunst liebt, dankbar ist. Denn Kunst ist das, was ich bei ihm wiedersah.

„Was die Schönheit ist, das weiß ich nit“, schreibt Albrecht Dürer, und für John würde ich dazu sagen, aber es ist die Wahrheit. Die wunderbare Sucht nach Deutung unserer Welt, mit Phantasie, nicht Phantasie des Imaginären, sondern Phantasie als Erscheinung. Diese Phantasie tritt als Zeichnung auf und es ist schon erregend, wie klar hier eine im besten Sinne sehr deutsche Zeichenkunst entstanden ist. Sein Inhalt ist der Mensch und sein Ziel ist die Verteidigung des Menschen. Er macht ihn zum Maß aller Dinge. Diesem oft genug verhöhnten und zerstörten Maß gilt seine Arbeit, und erregend ist, wie alle guten Traditionen über das Handwerkliche hinausgeführt sind. Seine Federzeichnungen und Radierungen, Techniken, die Härte und Spröde besitzen, gleichen der Zähigkeit seines Geistes, und seinem Zutrauen zu uns. Er wirkt wirklich in seiner Zeit. Damit meine ich sein Mitmachen in allem, was uns nützlich ist. Er zieht seine Kreise und verbindet sie.

Ich lebe wie er auf dem Lande und kann beurteilen, was es heißt, in einer mecklenburgischen Landschaft Kulturarbeit zu machen, nicht Administrieren, sondern geduldig die Menschen auf die Wichtigkeit der Kunst und auf das Wesen der Kunst hinzuweisen. Von ihm erfährt man wenig über diese Arbeit, aber sie ist sehr sichtbar geworden. Er hat es fertig gebracht, in der Kleinstadt Gadebusch eine Galerie aufzubauen, deren Ausstrahlung weit über den Kreis hinausgeht. Die Ausstellung von Cremer, Mucchi und anderen fanden so ein neues Publikum. Im Theaterfoyer in Schwerin sitzt dieser John in den großen Pausen an einem Tisch und zeichnet mit spitzen Federn Szenen, die Leute kaufen, und er spendet die Einnahme. Er spürt junge Leute auf, zeichnet und malt mit ihnen, stellt mit ihnen in den Clubhäusern aus.

Betroffen stehe ich bei ihm zu Hause vor den vielen Skizzen, den Vorzeichnungen, den Bildern, Lithografien und Radierungen und denke, wie schön die Mühsal der Arbeit sichtbar wird, die vielen Niederlagen und zwischendurch ein Sieg.

Ansichten aus der Ausstellung