Internationale Bedeutung

Bücherregal in der Anna-Seghers-Gedenkstätte

Und habt ihr denn etwa keine Träume, wilde und zarte, im Schlaf zwischen zwei harten Tagen? Und wisst ihr vielleicht, warum zuweilen ein altes Märchen, ein kleines Lied, ja nur der Takt eines Liedes, gar mühelos in die Herzen eindringt, an denen wir unsere Fäuste blutig klopfen? Ja, mühelos rührt der Pfiff eines Vogels an den Grund des Herzens und dadurch auch an die Wurzeln der Handlungen.

Anna Seghers, Die schönsten Sagen vom Räuber Woynok (1938)

Neben den neun großen Romanen, darunter Das siebte Kreuz (1942), Transit (1944) und Die Toten bleiben jung (1949), schrieb Anna Seghers über sechzig Erzählungen, darunter die Zyklen Karibische Geschichten (1962, einzelne Erzählungen früher), Die Kraft der Schwachen (1965), Sonderbare Begegnungen (1973) oder Drei Frauen aus Haiti (1980). Immer nüchtern im Stil, verlässt sie doch mitunter den Bereich realistischen Erzählens und bezieht Mythisches, Phantastisches in ihren Erzählkosmos ein, so in der frühen Erzählung Die Legende von der Reue des Bischofs Jehan d’Aigremont von St. Anne in Rouen (1924/1925, zuerst veröffentlicht 2003 aus dem Nachlass), in Die Toten auf der Insel Djal (1924), Sagen von Artemis (1937/38), Das Argonautenschiff (1948/49). In der Erzählung Die Reisebegegnung (1970), in der die Schriftstellerin eine fiktive Unterhaltung von E.T.A. Hoffmann, Nikolai Gogol und Franz Kafka in einem Prager Caféhaus schildert, zeigt sie programmatisch – wie schon in der Erzählung Das wirkliche Blau (1967) –, dass Kunst und Literatur ihre eigene Realität erschaffen, in der auch Phantastik, Träume, Unbewusstes ihren Platz haben – damit verlässt sie das in der DDR propagierte Ideal des sozialistischen Realismus. Stets hatte sie ein ausgeprägtes Empfinden für das zeitgeschichtlich und zeitkritisch Relevante – genannt seien als Beispiele ihre Rede Vaterlandsliebe (1935 in Paris auf dem Internationalen Kongress zur Verteidigung der Kultur), Frauen und Kinder in der Emigration (ca. 1938, zuerst gedruckt 1985), der Essay Glauben an Irdisches (1969) sowie ihre Texte über Tolstoi und Dostojewski.

In der BRD wurden ihre Werke zögernd rezipiert, in der DDR oft einseitig. Hier wie dort wurde sie meist auf Das Siebte Kreuz und die parteikonforme Autorin reduziert, mit entsprechenden Wertungen – es war für beide Seiten einfacher, Widersprüche in Leben und Werk Anna Seghers' nicht wahrnehmen zu müssen. Der Komplexität ihres Werkes wurde man damit nicht gerecht.

Heute gilt Anna Seghers als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Erzählerinnen des 20. Jahrhunderts. Dramatiker wie Heiner Müller oder Volker Braun haben Motive ihrer Erzählungen für eigene Stücke adaptiert, z.B. benutzte Müller für sein Stück Der Auftrag (1979) Seghers’ Erzählung Das Licht auf dem Galgen (1961), und Volker Braun bezieht sich auf Seghers in Transit Europa (1988). Hans Werner Henzes Chorsymphonie Sinfonia N. 9 (1997) liegen Textpassagen aus dem Roman Das siebte Kreuz in Bearbeitung durch Hans-Ulrich Treichel zugrunde. Anna Seghers’ Prosa wurde weltweit in 42 Sprachen übersetzt. Viele ihrer Werke wurden verfilmt.

Die 1991 gegründete Anna-Seghers-Gesellschaft Berlin und Mainz e.V. vereint mehr als 230 Mitglieder aus 14 Ländern, darunter namhafte Literaturwissenschaftler/innen in Frankreich, den USA und China. Die literarische Gesellschaft gibt das Jahrbuch „Argonautenschiff“ heraus.

Dem Wunsch der Dichterin entsprechend wurde eine Stiftung gegründet, die sich aus den Tantiemen ihres Werkes speist und die jährlich den Anna-Seghers-Preis verleiht – jeweils im Wechsel an einen deutschsprachigen und einen lateinamerikanischen Autor oder eine Autorin.

Im Aufbau Verlag, Berlin, erscheint seit 2000 die wissenschaftlich kommentierte Werkausgabe, herausgegeben von Helen Fehervary und Bernhard Spies.