6.9.2017, 10 Uhr

Das Treffen am Bannwaldsee – Vor 70 Jahren tagte erstmals die Gruppe 47

Brief von Radio München an Hans Werner Richter, 6. November 1947

Ein verschwundenes Manuskript! Aber es ist weder Roman noch Lyrik, sondern ein „Bericht ueber das Treffen am Bannwaldsee“, der in der Redaktion von Radio München verlorengegangen ist. Als er schließlich wiedergefunden wird, ist es für eine Veröffentlichung zu spät. Oder redet sich der Redakteur heraus, weil ihm die Sendezeit für einen Gesprächskreis literarischer No-Names zu schade ist?

Wer hat sich getroffen? Der im Brief erwähnte Schriftsteller Wolfgang Bächler war dabei, auch Wolfdietrich Schnurre. Eingeladen hatte Hans Werner Richter. Gastgeberin war die Schriftstellerin, Ethnologin und Fotografin Ilse Schneider-Lengyel, in deren Haus am Bannwaldsee nahe Schwangau die Zusammenkunft am 6. und 7. September stattfand: die erste Tagung der Gruppe 47.

Im Juli 1947 hatte die Verlegerin Inge Stahlberg junge SchriftstellerInnen zu einer Arbeitstagung geladen. Einigen Gästen schien dieses Treffen wenig geeignet, um Themen und Ausdrucksformen zu finden, die der Zeit, den Erfahrungen von Nationalsozialismus und Krieg entsprachen. Darum verabredeten sie unter Federführung von Hans Werner Richter einen eigenen Gesprächskreis zur Vorbereitung der neuen Literaturzeitschrift Skorpion. Hans Werner Richter und Alfred Andersch waren im April 1947 aus der Redaktion der politisch-literarischen Zeitschrift Der Ruf entlassen worden und wollten eine neue Publikationsplattform etablieren.

Vor dem Skorpion-Treffen mit 16 TeilnehmerInnen schrieb Ilse Schneider-Lengyel am 25.8.1947 an Hans Werner Richter: „Mitzubringen wären Lebensmittelmarken und Versorgung zum Frühstück. Wer irgend kann Bettwäsche.“ Fische für's Abendessen zog die Gastgeberin selbst aus dem See. Man genoss es, einander Texte vorzulesen, zu kritisieren, zu diskutieren. Die nächste Runde fand bereits Anfang November 1947 statt. Hans Georg Brenner, Schriftsteller und Übersetzer, lieferte den Namen: Gruppe 47.

Was war die Gruppe 47? Kein Verein, dem man hätte beitreten können, keine organisierte Interessenvertretung. Dazugehörte, wer von Hans Werner Richter eingeladen wurde: immer mehr namhafte Autoren und (weniger) Autorinnen, Kritiker wie Walter Jens, Marcel Reich-Ranicki, Walter Höllerer, Hans Mayer. Verlagslektoren, Rundfunk und Presse begleiteten die Tagungen.

Hans Werner Richter war von Anfang an auf Öffentlichkeit bedacht – er wollte schon für die erste Zusammenkunft einen Vertreter des Rundfunks mitbringen. Daraus wurde nichts, auch nicht aus dem Radio-Bericht, wie aus dem Brief von Rudolf Didczuhn, Redakteur bei Radio München, hervorgeht. Der Wunsch des Redakteurs „gelegentlich einmal wieder von Ihnen und Ihren Plaenen zu hoeren“ erfüllte sich. Spätestens als Günter Grass 1958 in Großholzleute vor großem Publikum vorab aus seinem Roman Die Blechtrommel las, war klar, dass die Literatur der Bundesrepublik ohne die Gruppe 47 als Diskussionsforum und Literaturbörse nicht mehr zu denken war.

Im Archiv der Akademie der Künste befinden sich neben dem Nachlass von Hans Werner Richter (in dem der Bericht für Radio München leider nicht erhalten ist) zahlreiche Bestände von AutorInnen, die zumindest zeitweise zur Gruppe 47 zählten, u.a.: Reinhard Baumgart, Nicolas Born, Hans Christoph Buch, Reinhard Döhl, Günter Grass, Rolf Haufs, Wolfgang Hildesheimer, Helmut Heissenbüttel, Walter und Inge Jens, Alexander Kluge, Reinhard Lettau, Wolfgang Lohmeyer, Elisabeth Plessen, Wolfdietrich Schnurre, Peter Wapnewski, Peter Weiss.

Ansprechpartnerin: Helga Neumann

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