Hören und Sehen – Konzert mit ensemble Mosaik Werke von Michael Beil, Carola Bauckholt, Trond Reinholdtsen, Matthias Kranebitter, Stefan Prins

Konzert

Soziale Netzwerke, Überwachungspraktiken, Videospiele, Drohnenkrieg – in der digitalisierten Welt verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Virtualität zunehmend. Neue Technologien erweitern den menschlichen Verfügungsradius mit bislang unabsehbaren Folgen, und es ist nicht die Frage, dass, sondern wie der „disorienting effect of technology“ Natur und Gesellschaft verändert.

Mit ihren Kompositionen öffnen Carola Bauckholt, Michael Beil, Matthias Kranebitter, Stefan Prins und Trond Reinholdtsen schon etwas die Tür zu diesem mutierten Universum. Sie gehören zu der jüngeren Komponistengeneration, die bevorzugt mit neuen Technologien arbeitet, mit  Samples, Videos, live erzeugten Bildern, Game-Controller. Sie reflektieren die medientechnologischen, in die Gesellschaft strahlenden Fragestellungen in einem Idiom, das sich ebendiesen Entwicklungen verdankt. Stück für Stück vom ensemble mosaik zusammengesetzt und von Enno Poppe kuratiert, nehmen ihre Arbeiten alltägliche und globale Erscheinungen ins Visier, spielen mit Wechselbezügen, Irritationen, Abweichungen, Verunsicherung.

In frei zugänglichen Proben und den beiden Voraufführungen nebst Diskussion am 26. und 28.11. kann dieser ungewöhnliche Erfahrungsraum getestet werden, bevor das Wahrnehmungstraining mit dem kompletten Programm in diesem Konzert abschließt.


Programm
Michael Beil exit to enter (2013)  
für Flöte, Klarinette, Schlagzeug, Klavier, Violine, Cello, Live-Video und Zuspiel

Carola Bauckholt In gewohnter Umgebung III (1994)
für Cello, Klavier und Video

Trond Reinholdtsen Unsichtbare Musik (2009/2014)  
für Sopran, Klarinette, Violoncello, Gitarre, Klavier, Schlagzeug, Komponist und Samples

-- Pause --

Matthias Kranebitter nihilistic study no.7 (2013)
für Flöte, Oboe, Klarinette, Saxophon, Klavier, Violine, Cello und Elektronik

Carola Bauckholt Laufwerk (2011) 
für Flöte, Klarinette, Violine, Viola, Cello, Kontrabass, Schlagzeug, Klavier und Samples

Stefan Prins Generation Kill - Offspring 1 (2012) 
für Cello, Percussion, 2 Game-Controller Performer, 2 Videoprojektionen und Live-Elektronik


ensemble mosaik
Enno Poppe – Leitung
Bettina Junge – Flöte
Simon Strasser – Oboe
Christian Vogel – Klarinette
Martin Losert – Saxophon
Adrian Pereyra – Gitarre
Roland Neffe – Schlagzeug
Ernst Surberg – Klavier
Chatschatur Kanajan – Violine
Karen Lorenz – Viola
Mathis Mayr – Cello
Matthias Bauer – Kontrabass
Daniel Plewe – Klangregie

Angela Postweiler – Sopran
Trond Reinholdtsen – Sprecher


Michael Beil
exit to enter (2013)  
“This is the difference between truth and fiction: fiction has to make sense”
(Wilhelm Wexler in The International, 2009)

Carola Bauckholt
In gewohnter Umgebung III (1994)
Das Trio In gewohnter Umgebung III  für Video, Cello und Klavier entstand 1994. Carola Bauckholt schrieb es für die Darstellerinnen im Video, Françoise Rivalland und Elena Andreyev. Das Video entstand mit Unterstützung der Medienhochschule in Köln, für Kamera und Schnitt war Johannes Thor verantwortlich. In vielen Stücken, so auch in dem Zyklus In gewohnter Umgebung I-III (1991-1994), verlässt die Komponistin den üblichen Rahmen des Konzertpodiums, die Musiker sind häufig gleichzeitig Sprecher und Schauspieler, das Konzert verlangt eine regelrechte Bühnenausstattung. Auf die Konzertbühne gebracht werden vielfach alltägliche Handlungen, Abläufe, Bewegungen, Gegenstände in Aktion und die dazugehörenden Geräusche und Töne. Gerade aber die selbstverständlich erscheinenden Beziehungen zwischen dem Akustischen und Visuellen werden kompositorisch unter die Lupe genommen, nicht selten zunächst einmal getrennt, dann in anderer Form, in anderer Instrumentierung wieder zusammengebracht. Für den Zuhörer und Zuschauer eröffnet sich eine farbenreiche akustische Mikrowelt, die auch das Auge schärft. Der Triopartner „Video“ in In gewohnter Umgebung III trägt als Medium sowohl zur Distanzierung von „Alltagsriten“ als auch zur Schaffung von mikroskopischer Nähe zu sehr gewöhnlichen Gegenständen bei - sei es zu einem Toaster, zu einem Wasserhahn, zu einer Kaffeetasse oder einer Wärmflasche. Das präparierte Klavier und das Cello nehmen das Zoomen akustisch auf, sie korrespondieren mit Bild und Ton des Videos, interpretieren den Film aber mitunter auch ganz eigen. Hierzu Carola Bauckholt: „Ich habe das Medium Film gewählt, um die gewohnte Umgebung so zu erfassen, wie sie in der Phantasie mit all ihren Sprüngen und Vereinzelungen möglich ist. Durch den Film können visuelle Eigenschaften den akustischen ebenbürtig behandelt werden, weil sie sich wie die Klänge nicht wirklich materialisieren, sondern „nur“ die Sinne in Schwingung versetzen. In einem Trio (Video, Cello, Klavier) treten die Elemente auf formaler, inhaltlicher und musikalischer Ebene in heftige Kommunikation.“
(Christa Brüstle)

Laufwerk (2011)
Ein Laufwerk (running gear, drive, turntable) ist ein Gerät eines Computers für den Zugriff auf ein Speichermedium für digitale Daten.
Ein Laufwerk ist auch derjenige Teil des Uhrwerks einer mechanischen Uhr, der den Energiespeicher (Antrieb) mit dem Schwingsystem (Gangregler) verbindet.
Vorgestellt habe ich mir Schleifen von prerecorded sounds, die sich ins Ensemble hinein und sich wieder herauswinden.
Fast alle samples sind Klänge, die von den Instrumenten erzeugt worden sind. Jeder Klang ist sein eigenes Laufwerk und behält sein Tempo. Dadurch entsteht ein plastisches Gebilde.
Die verschiedenen Mechaniken bilden zusammen einen funktionierenden Organismus; ein Ensemble.
(Carola Bauckholdt)

Trond Reinholdtsen
Unsichtbare Musik (2009/2014)  
Unsichtbare Musik is not a bad piece. It is a good piece. Sometimes it may feel bad. But it is not bad, but good.
(Trond Reinholdtsen)

Matthias Kranebitter
nihilistic study no.7 (2013)
„Nur der Nihilismus ist konstruktiv.“ (Jean Dubuffet, Wider eine vergiftende Kultur)
Der Titel nihilistic study ist ein bewusst gewählter Widerspruch zwischen akademisch forschendem Rahmen und völliger Verneinung, Loslösung von dogmatischen Konzepten, Befreiung von jeglichem Regelwerk, ja sogar von herkömmlichem Sinn.
Die Komposition ist eine Liste - die meist gebräuchliche Erzählform des narzisstischen Spätkapitalismus -, welche die unterschiedlichen musikalischen Ereignisse bzw. Aktivitäten aneinanderreiht, widersprüchlich, heterogen, manchmal scheinbar sinnlos, verstörend und stets den roten Faden der Komposition verlierend. Was übrig bleibt vom „unendlichen Spaß“ (David Foster Wallace) ist schlussendlich die Erstickung im Überdruss.
(Matthias Kranebitter)

Stefan Prins
Generation Kill - Offspring 1 (2012) 
Last year, while I was working on Piano Hero #1 and #2, the Arab Revolutions had ignited the Middle-East. Protesters in several Middle-Eastern countries made the whole world witness the revolutionary events by making videos with their smartphones or webcams and uploading them to the internet. With the use of the social media - such as Facebook and Twitter - the whole process was accelerated, and before anyone realized, the people of Tunisia and Egypt had overthrown their dictatorial regimes, while full-blown civil wars started to split Libya and to paralyse Syria.
In the same year, 2011, a large-scale investigation was released, which calculated that there is one CCTV surveillance camera for every 32 persons in the UK.

October 2011: the Americans started to withdraw their troops in Iraq, while they were still fighting the taliban and Al Qaeda in Afghanistan. More and more images were released of successful (at least according to the official bulletins) bombings by so-called "drones" -"unmanned aerial vehicles", who are remotely controlled by military personal in secret control centers in the US. Parallel to these images, an increasing stream of eye-witnesses started to appear on the internet, telling of innocent people who were killed by these bombings.

Strolling through the internet, I found at around the same time a 7-year old video-clip on Youtube which was a teaser for the TV-series "Generation Kill", based on the homonymous book in which Evan Wright chronicled his experiences as an embedded reporter with the 1st Reconnaissance Battalion of the US Marine Corps during the 2003 Iraq invasion. One of the statements which shocked me the most was made by one of the soldiers: "It's the ultimate rush -- you're going into the fight with a good song playing in the background". Evan Wright explained further: "This is a war fought by the first playstation generation. One thing about them is they kill very well in Iraq."

At that point, I realized that my next piece had to musically reflect on all of these connected facts, on a society which is more and more monitored, on the increasing importance of internet, networks and
 social media, which are fuelled by videos taken with webcams and smartphones, on video-games and on wars fought like video-games, on the line between reality and virtuality which gets thinner by the day.
(Stefan Prins, July 2012)

 

Biografien

Carola Bauckholt
wurde 1959 in Krefeld geboren. Dem Studium bei Mauricio Kagel 1978-1984 an der Musikhochschule Köln schloss sich eine dreijährige Assistenz bei ihm an. 1985 war sie an der Gründung des Thürmchen Verlages und 1991 des Thürmchen Ensembles beteiligt. Seit Ende der 1980er Jahre erhielt die in Freiburg lebende Komponistin verschiedene Auszeichnungen und Stipendien, darunter 1986 das Bernd Alois Zimmermann-Stipendium der Stadt Köln, 1997 Villa Massimo Stipendium in Rom, 1998 den  Künstlerinnen Preis NRW und 2010 den Musikautorenpreis der GEMA in der Kategorie Experimentelle Musik. Ihr Stück „hellhörig“ erklang  2011 auf einer internationalen Tournee mit Stationen in Warschau, Santiago de Chile u.a. 2013 wurde Carola Bauckholt zum Mitglied der Akademie der Künste gewählt. www.thuermchen.de/ENSEMBLE/mitglieder/carola-bauckholt.html

Michael Beil
studierte in Stuttgart Klavier, Musiktheorie und Komposition. 2000 gründete er zusammen mit Stephan Winkler die Gruppe Skart zur Konzeption und Realisation von Konzerten mit intermedialen Inhalten. Zuvor unterrichtete er an Musikschulen in Berlin und hatte zwischen 2000 und 2007 die künstlerische Leitung des Festivals Klangwerkstatt inne. Zu seinen Auszeichnungen zählen verschiedene Stipendien und Preise. 2007 wurde Michael Beil an die Hochschule für Musik und Tanz Köln als Professor für elektronische Komposition berufen und leitet dort das Studio für Elektronische Musik. Zentrale Festivals wie Ultraschall in Berlin, ECLAT in Stuttgart oder Wien Modern präsentierten seine Stücke, die überwiegend elektronische Musik, Instrumentalmusik und Video kombinieren. http://www.michael-beil.com/

Matthias Kranebitter
geboren 1980 in Wien, begann seine musikalische Ausbildung (Medienkomposition, Elektroakustische Komposition, Klavier) in seiner Heimatstadt, woran sich postgraduale Studien in Contemporary Music Through Non-Western Techniques in Amsterdam anschlossen. 2009 bis 2011 besucht er ein weiterführendes Kompositionsstudium in Graz. Der Schwerpunkt seiner kompositorischen Arbeit liegt auf der Verwendung von Elektronik bzw. Liveelektronik, doch er schreibt ebenso für Instrumentalbesetzungen, einschließlich Jazz. Matthias Kranebitter wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Kompositionspreis der Münchner Symphoniker (2007), dem Förderungspreis der Stadt Wien (2014), und hat Aufführungen von Moskau bis Chicago, Mexiko oder Belgrad. 
http://matthiaskranebitter.com/

Stefan Prins
1979 in Belgien geboren, absolvierte zunächst ein Ingenieursstudium, woran sich ein Klavier- und Kompositionsstudium in Antwerpen und weiterführende Ausbildungen (Musiktechnologie, Sonologie, Kultur- und Technologiephilosophie) anschlossen. 2011 nahm er ein Ph.D.-Studium in Komposition an der Harvard University bei Chaya Czernowin auf. Seine Stücke erlangten große internationale Erfolge, werden von führenden Interpreten und Orchestern aufgeführt und wurden vielfach prämiert, jüngst mit dem Young Composers Award der ISCM World Music Days (2014) oder dem Kranichsteiner Musikpreis (2010). Die Royal Flemish Academy of Belgium for Science and the Arts ernannte ihn in diesem Jahr zum Laureaten. Besonders eng arbeitet er mit dem belgischen Nadar Ensemble zusammen und war Mitbegründer des collectief reFLEXible, das auf Improvisation und multidisziplinäre Aufführungen spezialisiert ist.
www.stefanprins.be

Trond Reinholdtsen
geboren 1972 in Norwegen, studierte an der Norwegischen Musikakademie in Oslo. Von komplexistischen Anfängen entwickelte sich seine Musik in eine extrem performative Richtung, die essayistische Einschübe, Ansprachen des Komponisten an das Publikum,  filmische und gestisch-mimische Elemente enthält („opra“). Er war einer der Initiatoren der zeitgenössischen Musik-Zeitschrift Parergon, an der er bis heute mitarbeitet. Seine Stücke wurden auf zentralen Festivals wie dem Huddersfield Contemporary Music Festival oder den Donaueschinger Musiktagen aufgeführt. Er pflegt enge künstlerische Kontakte mit den Musikern von asamisimasa, plus-minus, Mark Knoop, mit Vegard Vinge und Ida Müller (Volksbühne Berlin).
http://www.listento.no/symfoni/kontakt.nsf/pub_e/per2002032114471190605172

Enno Poppe
geboren 1969 in Hemer/Sauerland, gehört zu den wichtigsten jüngeren Komponisten Neuer Musik in Deutschland. Er ist als Dirigent seit 1998 Mitglied des ensemble mosaik. Poppe studierte Dirigieren und Komposition an der Universität der Künste Berlin, u.a. bei Friedrich Goldmann und Gösta Neuwirth. Es folgten weiterführende Studien in den Bereichen Klangsynthese und algorithmische Komposition an der TU Berlin und am Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe. Er erhielt verschiedene Stipendien und Preise, so in den letzten Jahren den Preis der Kaske-Stiftung 2009, der Hans- und-Gertrud-Zender-Stiftung 2011, den Hans-Werner-Henze-Preis 2014, und ist Mitglied der Akademie der Künste, Berlin, der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste, Düsseldorf und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, München. Enno Poppe lebt seit 1990 in Berlin.

Angela Postweiler
begann Ihre Ausbildung in Freiburg im Breisgau und führte sie in Bremen mit dem Schwerpunkt Alte Musik bei Harry van der Kamp und Katharina Rikus weiter. Neben Lied und Oratorium widmet sie sich besonders innovativen szenischen Produktionen, die Gestaltungselemente aller Kunstsparten beinhalten. Sie arbeitete u.a. zusammen mit vocaalLAB nederland, Klangforum Heidelberg, Vocalconsort Berlin, RIAS Kammerchor und Gesualdo Consort Amsterdam, bei Konzertreihen und Festivals wie Märzmusik, Platforma Moskau, Gaudeamus Muziekweek, Festival Oude Muziek, Berliner Tage für Alte Musik, Istanbul Foundation for Culture and Arts u.a.


ensemble mosaik
Das ensemble mosaik wurde 1997 auf Initiative junger Berliner Instrumentalisten und Komponisten gegründet und hat sich als besonders vielseitige und experimentierfreudige Formation zu einem der renommiertesten Ensembles für zeitgenössische Musik in Deutschland entwickelt. Sein anerkannt hohes Niveau beruht nicht nur auf den herausragenden Fähigkeiten der einzelnen Musiker. Auch sind die meisten von ihnen Gründungsmitglieder des Ensembles, so dass sich durch langjährige intensive Zusammenarbeit ein profilierter und unverwechselbarer Klangkörper entwickeln konnte.
http://www.ensemble-mosaik.de/

Samstag, 29.11.2014

19.30 Uhr

Hanseatenweg

Studio

Leitung Enno Poppe

www.schwindelderwirklichkeit.de

€ 10/6

Kartenreservierung

Tel.: (030) 200 57-1000 E-Mail: ticket@adk.de
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