Einführung eines Elefanten ohne Wikipedia

14. März 2019

Von Kathrin Röggla

Wo kommen plötzlich all die Elefanten her? Wir wissen es nicht, wir wissen nur, sie kommen derzeit durch alles Mögliche durch und sind dann angeblich eine Krankheit, eine Drohung, eine Pleite, ein Unvermögen, ein Widerspruch, eine Brutalität, ja manchmal, so wird behauptet, sind sie sogar nur ein Sprichwort, das auf ein gewisses kommunikatives Versagen hinauswill, das wir später aus Romanen und Theaterinszenierungen herauslesen können.

Wir trauen uns scheinbar nicht, gewisse Fragen zu stellen, obwohl wir es besser wissen. Oder wir können es schlicht nicht, und zwar als Gruppe. Einer von uns könnte es vielleicht, aber zusammen können wir es nicht, was ziemlich merkwürdig ist. Was ist das für eine Situation, kollektiv Fragen nicht stellen zu können in einer vermeintlich tabufreien Gesellschaft, in der noch dazu ohne Ende öffentlich kommuniziert wird? Ist es am Ende ein dynamisches Versagen oder bleibt die Unmöglichkeit zur Thematisierung auf einer Stelle stehen? Soll man es als ein politisches Unvermögen bezeichnen oder eher ein technisches oder gehört das gar zusammen? 

Klar ist, die Elefanten vermehren sich, aber bleiben dabei immer in der situativen Singularität. Wie zeigt sich dies formal? Sind es unsere gesellschaftlichen Frage-Antwort-Spiele, d. h. die Formate, in denen wir kommunizieren, z. B. die Interviews, WhatsAapp-Chats, Übersetzungen, Übertragungen, Protokolle, in denen sich diese Ausweichbewegungen finden lassen? Wer könnte sie aufzeichnen und wie würde diese Kommunikationsstörung dann zu erkennen sein? Wo findet sie statt? Nur im primären sozialen Raum oder auch im Netz? Und was hat das mit dem Unglauben zu tun, den der Philosoph Jean-Luc Nancy in Was tun? erwähnt, ein Unglauben, dem sich alle Antworten heute gegenübersehen? Vielleicht hängt beides zusammen.

Zudem ist der Elefant dick. Ja, das kann man schon sagen. Er zeichnet sich aus durch Monstrosität. Wir vermeiden, etwas wahrzunehmen, nein, zu äußern, das uns beinahe an die Wand drängt, wir bewegen uns drumherum, obwohl dieser Umgebungsraum praktisch nicht mehr existiert. Es ärgert natürlich, dass wir ausgerechnet von einem Unvermögen zum Kollektiv gemacht werden, zu einem unfreiwilligen also, wo wir ansonsten eher vereinzeln und nach Gegenbewegungen suchen.

Aber was können wir Künstler in dieser Situation auch anderes machen, als uns an den Rändern, den Formen des Elefanten entlang zu bewegen, mal langsamer, mal schneller, mal rhythmischer, mal impulsiver, um seine Form zu erkunden. Denn so viel sei gleich verraten: Es fällt nicht immer leicht, die Situationen aufzulösen, in der dieses Tier sich zeigt. Vielleicht ist es auch nicht immer gut, ihn zum Verschwinden zu bringen. Die sich rasch vergrößernden Elefantenbibliotheken dieser Welt beginnen auch eher von einer Zunahme des Phänomens auszugehen als einer Abnahme.

In Z. gibt es bereits eine stattliche Ansammlung von 14.357 Büchern, die den Raumelefanten thematisieren, ob aus zoologischer, kommunikationstheoretischer, sozialpsychologischer, aber auch humortheoretischer Sicht. Eine nun anstehende Konferenz in B. wird sich unter der Leitung eines Teams um Frau Prof. Birkenhäuser und Herrn Prof. Gupta Devi darum bemühen, dieses unfreiwillige Tier zum Sprechen zu bringen, ja seine Klassifikation vorzunehmen, auch wenn der offizielle Konferenztitel ein ganz anderer ist und sich mehr um Nahostpolitik, was sage ich, um Migrationspolitik zu drehen scheint.

Unabhängig davon wird in F. eine Archäologie des gegenwärtigen Elefanten begonnen, der immer wieder ausgegraben werden muss, weil er sich oft genug unter dem Schutt unserer Vermeidungsbewegungen kaum noch zeigen kann, obwohl es heißt, dass eben gerade diese ihn scharf hervortreten lassen. Diesbezüglich gehen derzeit die Einschätzungen auseinander. In einer Gegenkonferenz in B. wird man sich dagegen um Elefantenschädel kümmern und um die Frage, ob dieses Tier etwa irgendwoher kommt – sein Auftauchen ist ja ziemlich plötzlich, manche sagen, abrupt, obwohl das nicht richtig ist. Der Elefant erscheint, was ja einige Zeit benötigt. Manche schreiben ihm insofern asiatische oder afrikanische Wurzeln zu, obwohl das offiziell geleugnet wird.

Allen ist klar, bis die richtigen Fragen kommen, wird einiger Gesprächsraum verbrannt werden. Vielleicht haben wir den dann auch nicht mehr. Insofern, wenn andernorts behauptet wird, es sei eben die Postdemokratie, die hier mit dem Erscheinen dieses Tieres anklopfen würde, oder der Postkolonialismus im Gewand der Postdemokratie, dass es diese unsere Gesellschaft sei, die durch beständigen Formenwandel geht, und diese notwendigerweise eine europäische sei, dann kann darauf nur mit einem alten Zitat Heiner Müllers geantwortet werden: Europa sei nur als Verbindung der Schuldigen zu denken.

Diese Schuld hat sich unseres Erachtens allerdings heute gedreht oder hat neue Fahrt bekommen, und zwar aus der Zukunft. Der Elefant ist ein Zukunftstier geworden und findet nur deswegen seinen stärksten Ausdruck in der Rückwärtsgewandtheit, den Retrotopien, die der Soziologe Zygmunt Bauman beschrieben hat. Wenn sich ein Elefant im Raum bewegt, dann tut er es rückwärts, und so weiß z. B. die Gruppe von Bundestagsabgeordneten schon wieder nicht, wie sie mit den AfDlern umgehen soll, denen sie sich jeden Tag im Gang gegenübersieht. Einfach grüßen?

Anfangsprobleme, sicher, klar, aber man darf hier durchaus fragen, wie etwas als Kommunikationsstörung zu bezeichnen ist, was in Wahrheit einen Riss durch ein Zeitalter darstellt. Wie kann ich von Frage-Antwort-Spielen sprechen, wenn es um politische Zerreißkräfte, ja Zerschlagungskräfte geht, wenn verbale Gewalt beinahe ständig im Spiel ist? Wir wissen, der Elefant im Raum ist größer – wie kann er also nur einmal kurz herüber ins Büro gekommen sein und nun ist er wieder fort? Woran sind alle Gespräche erstorben? Wird dieses Tier sich mit seinen Artgenossen zusammenschließen und den Rest der Regierungsbildung übernehmen? Nein, so weit wollen wir nicht gehen!

 

Kathrin Röggla, Schriftstellerin, ist Vizepräsidentin der Akademie der Künste und Mitglied der Sektion Literatur. Zusammen mit Manos Tsangaris und Karin Sander hat sie das Forschungslabor „Wo kommen wir hin“ initiiert.

Kathrin Röggla fragt darin nach Kommunikationskrisen, in der privaten wie öffentlichen Kommunikation, in der zunehmend Begriffe wie Dramaturgie oder Narrativ eine Rolle spielen. Ihr Projekt Der Elefant im Raum steht dabei als Metapher für ein kommunikatives Unvermögen, eine Ästhetik des Unsichtbaren – und wird nicht zufällig von diesem politischen Tier transportiert. Die Performance ist ab 18. Mai 2019 in der Akademie am Hanseatenweg zu sehen.

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