Halle 1

Der Elefant im Raum

Ein Ausstellungsprojekt von Kathrin Röggla

The Party, USA 1968, aka: Der Partyschreck, Regie: Blake Edwards, Darsteller: Claudine Longet, Peter Sellers

Das Zeichenhafte von Mark Lammert

Aus einem Arbeitsbuch von Mark Lammert

Die aus dem Englischen stammende Redewendung „Der Elefanten im Raum“ zielt auf eine kommunikative Störung ab. Alle im Raum Anwesenden wissen von einer dringenden Sache, die einfach nicht anzusprechen ist. Je mehr der Elefant erscheint, desto schwieriger ist es, über seine Anwesenheit zu sprechen, das „Tier“ zeichnet sich deutlich ab und bleibt doch unsichtbar.

Diesem Phänomen kann man auf privater, medialer oder politischer Ebene begegnen. Dass es sich bei diesem Tier nicht zufällig um einen Elefanten handelt, macht der Film Der Partyschreck von Blake Edwards aus dem Jahr 1968 deutlich. Darin spielt Peter Sellers einen ständig Katastrophen hervorrufenden indischen Schauspieler, der durch eine Verwechslung auf die Party eines mächtigen Hollywoodproduzenten gerät und diese gehörig durcheinanderbringt. Zwischen seinen vergeblichen Anpassungsversuchen und der rassistischen Überheblichkeit der anderen Gäste sowie der Gastgeber schlingert der Film einem riesigen postkolonialen Schaumbad (mit einem realen Elefanten) entgegen, das das Partygeschehen in die von Schaumflocken umgebene Unsichtbarkeit schickt.

Unter dem Zeichen des Elefanten werden ab 18. Mai 2019 einzelne Räume des Akademie-Gebäudes am Hanseatenweg in eine labyrinthische Ordnung gebracht. Halle 1, das Studio für Elektroakustische Musik, das sogenannte Beckett-Atelier, das Foyer, der Gräsergarten treten ein in eine Struktur des Unsagbaren, des verhinderten Gesprächs, des verdrängten Konflikts und Missverständnisses in einer raumübergreifenden akustischen, visuellen und performativen Installation, die Mark Lammert, Eran Schaerf und Kathrin Röggla mit anderen Mitgliedern der Akademie und Gästen entwickelt haben. Wohin kommen wir, wenn dieses Sprichwort wörtlich und gleichzeitig sinnbildlich genommen wird oder ins Kosmologische gezogen wie bei Alexander Kluges neuen Elefantenbildern?

Es sind stets doppelte Besetzungen, die die Räume verbinden, alleine in der von Kathrin Röggla und Leopold von Verschuer produzierten mehrstündigen Hörinstallation gibt es beispielsweise ein Gespräch über den Schauspielerkörper als Material zu hören, das perfide wirkt, weil er das Objekthafte überdehnt und so der Schauspielerin ihre Souveränität plötzlich zurückgibt. Wie die ständige Verkehrung von Opfer und Täter, von Benennung und eigentlichem Problem in unserer Mediengesellschaft, weist sie darauf hin, dass das Wörtlichnehmen von Redewendungen keine harmlose Operation ist. Eran Schaerfs Performance handelt vom Umgang der Gesellschaft mit Erzählungen, die ihre konstitutive Erzählung unterbrechen, Mark Lammert erstellt seine visuelle Archäologien des politischen Tiers. Hier wendet sich das Material gegen seine Zurichtung, dort meldet sich der verdrängte, oftmals koloniale Konflikt zurück und darüber hinaus treten die Räume hervor, die nicht mehr bloße Gefäße sein wollen, sondern zeigen, was sie an Elefanten in Wirklichkeit beherbergen – und es ist kein Zufall, dass ausgerechnet Komik, Witz und Groteske plötzlich eine räumliche Lösung zu bewirken vermögen.

Eine Zoologie des „Elefanten im Raum“ zu entwickeln, führt darüber hinaus eine Zukünftigkeit in unsere Verhandlungsprozesse ein. Es ist mit der üblichen rhetorischen Problematisierung der Sichtbarkeit nämlich nicht getan, man muss das Material ernst nehmen und zugleich strukturell danach fragen, was es mit dem zwanghaft erneuten Auftauchen immer neuer Elefanten auf sich hat. Man muss die Elefanten ernst nehmen, ihre lange Geschichte, die in die Zukunft reicht. Was ist ihre Verbindung zur Konfliktstruktur unserer Gesellschaft? Wer streitet wirklich mit wem? Wer möchte wirklich die Realität eines persistierenden kriegerischen Konflikts erfassen? Am Ende wird die Frage stehen: Kann man Elefanten zuhören? Und welche Produktionsräume teilen wir mit ihnen?

Diese Raumverknüpfung wird nicht nur mit visuellen und akustischen Mitteln, Video und Radiophonie gesetzt, sondern auch mit performativen Mitteln, so spielen auch literarische Gesprächsformen, Übersetzungs- und Kopiervorgänge eine Rolle, entstehen wird außerdem eine Publikation. Adisa Bašić, Joachim Bliese, Hanna Hartman, Jens Harzer, Kerstin Hensel, A. L. Kennedy, Alexander Kluge, Karin Krauthausen, Katja Lange-Müller, Andreas Neumeister, Doron Rabinovici, Kathrin Schmidt, Manos Tsangaris, Valery Tscheplanowa, Johannes Ullmaier, Angela Winkler und Hanns Zischler schließen sich dieser Recherche an.

 

Konzept: Kathrin Röggla
Akustische Gesamtregie: Leopold von Verschuer
Ton und Technik: Jean Szymczak
Texte: Kathrin Röggla, Eran Schaerf, Kurt Tucholsky, Alberto Moravia, Claudia Cardinale, Jean-Luc Godard, Alvaro García de Zúñiga, Valère Novarina, Heiner Müller, Thomas Carlyle
Sprecher: Dörte Fiedler, Jens Harzer, Mark Lammert, Kathrin Röggla, Manos Tsangaris, Valery Tscheplanowa, Leopold von Verschuer, Angela Winkler, Hanns Zischler sowie Silke Buchholz, Alexander Chernykow, Markus Lieberenz, Philomena Röggla, Eran Schaerf, Jean Szymczak, Claudia Wiedemer, Kindersprechchor Martino Bresadola Banchelli, Peer Salvador Hinz, Nepomuk, Philomena uund Mathissa Röggla

 

Zur Preview ist die Ausstellung an folgenden Tagen geöffnet:

13. April 2019, 18 – 22 Uhr
14. April 2019, 18 – 22 Uhr
25. April 2019, 18 – 22 Uhr
8. Mai 2019, 17 – 23 Uhr
11. und 12. Mai 2019, 11 – 19 Uhr
15. Mai 2019, 18 – 22 Uhr

In einer vom 21. bis 25. Mai 2019 stattfindenden Gesprächsreihe mit Arabelle Bernecker-Thiel, Ulf Bünermann, Heike Kleffner, Patrick Kroker und Frank Raddatz wird Kathrin Röggla den Elefanten live in die Literatur einführen.

Das Projekt findet im Rahmen von „Wo kommen wir hin“ statt, einer dreimonatigen Werkstatt und Besetzung des Hanseatenwegs von einigen Mitgliedern der Akademie der Künste im Zeitraum vom 21. März bis 2. Juni 2019, in der versucht wird, den Zusammenhang zwischen politischen und ästhetischen Formen und Formierungen zu untersuchen.

 

Kathrin Röggla, Schriftstellerin, ist Vizepräsidentin der Akademie der Künste und Mitglied der Sektion Literatur. Zusammen mit Manos Tsangaris und Karin Sander hat sie das Forschungslabor „Wo kommen wir hin“ initiiert.