05.11.2015  12:00

KONTAKTE `15

Internationales Festival für elektronische Musik und Klangkunst – Nachbericht

Am letzten Septemberwochenende (25. bis 27.9.2015) fand mit großem Erfolg das internationale Festival des Studios für Elektroakustische Musik KONTAKTE ’15 statt. Mit einem dreitägigen Programm, bei dem 70 Künstler und Künstlerinnen aus 21 Ländern in der Akademie zusammentrafen, wurde das Gebäude am Hanseatenweg mit Konzerten, Klanginstallationen, Filmen, Gesprächen und Workshops bespielt. Das Festival wurde in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Elektroakustische Musik (DEGEM), dem Berliner Künstlerprogramm des DAAD, der Canadian Electroacoustic Community (CEC) sowie den Berliner Hochschulen, Universität der Künste, Hochschule für Musik Hanns Eisler und Technische Universität, veranstaltet und durch die Ernst von Siemens Stiftung als Hauptförderer ermöglicht. Die Vielfältigkeit des Programms spiegelte sich im regen Publikumszuspruch und sprach sowohl das Fachpublikum als auch interessierte Besucher jeden Alters an.

 


The Auditive Peculiarities of Khôra“, Gruppenarbeit Studierender des Masterstudiengangs Sound Studies an der UdK Berlin © AdK

Am Freitag fand in Halle 2 der Festivalauftakt mit dem Berliner Lautsprecherorchester unter Leitung von Wolfgang Heiniger und Kirsten Reese statt. Das Konzert präsentierte fünf Uraufführungen von Studierenden der Berliner Hochschulen und diente somit gleichzeitig der Auseinandersetzung der jungen Komponisten mit der eigenen Arbeit und des Publikums mit den musikalischen Belangen der jüngeren Generation. Nach dem Eröffnungskonzert erhielten die Besucher Gelegenheit, mit den Künstlerinnen und Künstlern der Klanginstallationen ins Gespräch zu kommen und einen Installations-Rundgang an die verschiedenen Orte in und um das Akademie-Gebäude zu unternehmen. Zwei speziell für die Räume der Akademie entwickelte audiovisuelle Arbeiten und eine Gruppenarbeit lieferten Studierende des Masterstudiengangs Sound Studies an der UdK Berlin. Darüber hinaus gab es die durch einen Open Call der DEGEM ausgewählten Arbeiten zu entdecken, so z. B. den von André Bartetzki in Klang versetzten Gräsergarten. Insbesondere die Klanginstallationen des mexikanischen Künstlers Manuel Rocha sowie „Schattenorchester III“, das bisher größte mechanische Orchester des Kybernetik und ObjektkunstPioniers Peter Vogel, begeisterten auch die jüngste Zuhörerschaft.

 


Peter Vogels „Schattenorchester III“ mit Besuchern © AdK

Die drei Abendkonzerte im Studio spiegelten die Verbindung von Tradition und Moderne auf eine selbstbewusste und gleichberechtigte Weise wider, indem sie Uraufführungen und aktuelle Kompositionen mit Ausnahmewerken und seltene Zeitdokumenten des 20. Jahrhunderts zusammenführten. Besondere Schwerpunkte waren hier Arbeiten von Akademie-Mitgliedern und die Gründung des Studios für Elektroakustische Musik der Akademie der Künste (Ost), Anfang der 1980er Jahre durch Georg Katzer (das gleichnamige aktuelle Festival versteht sich ja als Fortführung der in den 1980er Jahren von Katzer initiierten Veranstaltungsreihe KONTAKTE).

 

Das Konzert am Freitagabend begann mit einer herzlichen Begrüßung durch Akademie-Präsidentin Jeanine Meerapfel, die auf die Anfänge des Studios für Elektroakustische Musik zurückblickte. Das Konzert brachte Georg Katzers „L’homme machine“ für sprechenden Kontrabassisten und Live-Elektronik sowie die deutsche Erstaufführung des im Kugelauditorium auf der Expo 1970 in Osaka aufgeführten Siebenspurbands „Dialectics“ (1969/70) von Erhard Grosskopf zum Klingen. Es folgten zwei experimentelle Filmdokumente der 1960er Jahre, wobei die erst kürzlich erfolgte Entdeckung von Hermann Scherchens Klang-Licht-Spiel „Achorripsis“ (1962), die in Zusammenarbeit mit dem Musik- und Filmarchiv der Akademie der Künste und mit freundlicher Unterstützung der Deutschen Kinemathek zum ersten Mal mit Tonspur gezeigt werden konnte. Am Schluss erklang die Uraufführung von Valerio Sannicandros „Ephemeris-Ekleipsis“, eine Raumkomposition, die speziell für den Studiosaal der Akademie konzipiert wurde und von beiden Seiten des Studios zu hören und zu sehen war. 

 

 
Matthias Bauer spielt „L’homme machine“ von Georg Katzer am Eröffnungsabend © AdK

An den späten Abenden des Festivals wurde das Studiofoyer mit Late Night-Sessions bespielt. In Zusammenarbeit mit dem Berliner Künstlerprogramm des DAAD präsentierten die irische Komponistin Karen Power und der libanesische Improvisationsmusiker Mazen Kerbaj am 25. September Mehrkanal-Improvisationen. Powers aus Field Recordings gewonnene Klänge der unzähligen Zustandsformen von Wasser und Kerbajs virtuoser Umgang mit der Trompete und verschiedenen Klangobjekten fanden großen Anklang bei den zahlreichen Besuchern.

 


Mazen Kerbaj und Rabih Beaini am Freitagabend im Studiofoyer © AdK

Als Gastländer waren Mexiko und Kanada zum Festival eingeladen. Mexiko präsentierte sich am Samstagmorgen mit dem Matineekonzert „Multichannel Mexico Today“, das einen Einblick in das musikalische Schaffen der aktuellen mexikanischen Kreativszene gewährte. Am Samstagnachmittag wurde Georg Katzers CD-Neuerscheinung „Les paysages fleurissants. Elektroakustische Kompositionen aus vier Jahrzehnten“ exklusiv vorgestellt. Der langjährige Leiter des elektronischen Studios der TU Berlin Folkmar Hein wies in seiner Laudatio auf die Bedeutung des Bourges-Preises hin, den Katzer 1977 erhielt und Grenzen für DDR-Komponisten öffnete. Hein verdeutlichte Katzers darauffolgende Erfahrungen in internationalen Studios wie Bourges und Stockholm, deren Ergebnisse auf der neuen CD repräsentativ versammelt sind. Großen Einfluss gewann Katzer schließlich als Gründer des Studios für Elektroakustische Musik der Akademie der Künste der DDR und der deutschen Sektion der Confédération Internationale de Musique Electroacoustique (CIME), heute DEGEM. „Man kann kaum glauben, dass eine einzelne CD, wie sie heute aus der Taufe gehoben wird, eine derartige Geschichts-Bedeutung widerzuspiegeln vermag“, konstatierte Hein.

 


Séverine Ballon spielt Hans Tutschkus „pressure – divided“ (UA) © AdK

Der Samstagabend stand im Zeichen der DEGEM. Begonnen wurde mit einem Stück von Ralf Hoyer, das 1980 als erste Produktion den Grundstein für das Studio für Elektroakustische Musik legte. Darüber hinaus bot das Programm einen repräsentativen Einblick in neueste Arbeiten deutscher Komponisten der elektroakustischen Szene, darunter ein neues Werk von Hans Tutschku, virtuos auf dem Cello gespielt von Séverine Ballon. Spielerisch konterkariert wurden die stationären konzertanten Formate auch durch mobile Klanginterventionen. „Smart Phones and Raspberry Pis“ bot mittels Mobiltelefonen, dem Einplatinencomputersystem Raspberry Pi und dem Software-Synthesizer Csound, Live-Elektronik im Buchengarten. Es folgte spätabendlich am 26. September ein Surround Sound-Konzert von Mario de Vega und Robert Henke, deren Livesets das Studiofoyer sphärisch durchwaberten.

 


Smart Phones and Raspberry Pis“-Performance (Alex Hofmann) im Buchengarten © AdK

Am Samstag- und Sonntagvormittag stellten junge Komponisten in offenen Gesprächen ihre Arbeitsweisen vor, an denen sich auch das Publikum rege beteiligte. Das Begleitprogramm wurde abgerundet mit einem zweitägigen Workshop sowie Vorträgen und Gesprächen, in denen aktuelle Themen wie Open Source und die Auswirkungen neuer Distributionsformate aufgegriffen wurden.

 

Jef Chippewa (CEC) spricht mit Folkmar Hein nach dem Konzert der kanadischen JTTP 2015-Preisträger © AdK

Das Matineekonzert am 27. September bot den jungen kanadischen Preisträgern des Kompositionswettbewerbs „JTTP 2015“ eine Bühne, wobei die handwerklich fein gearbeiteten akusmatischen Arbeiten herausragten. Am Sonntagnachmittag fand die Voraufführung eines Dokumentarfilms über das „Subharchord“ statt, über dessen Entwicklung in der DDR der frühen 1960er Jahre der ehemalige Leiter des „Experimentallabors für akustisch-musikalische Grenzprobleme“ Gerhard Steinke am Vormittag desselben Tages unterhaltsam und informativ berichtete. Seinen feierlichen Abschluss fand das Festival mit dem Sonntagabendkonzert „KONTAKTE...“, das die Traditionslinien elektroakustischer Musik aufgriff und damit den Bogen zu den avancierten Uraufführungen junger Komponisten spannte, die im Verlauf des Festivals erklungen waren. Herausragende Interpreten wie Ernst Surberg, Benjamin Kobler und Michael Pattmann brachten Werke von Georg Katzer, Dieter Schnebel, Karlheinz Stockhausen und des ehemaligen Akademie-Präsidenten Boris Blacher zu Gehör. Bei Schnebels „Monotonien“ (1988/93) und Blachers „Multiple Raumperspektiven“ (1962) handelte es sich um historische Rekonstruktionen selten gespielter Werke, die das Studio für Elektroakustische Musik wieder erlebbar machte.

 


 Nele Hertling vor dem Sonntagabend-Konzert „Kontakte…“ © AdK

Das Abschlusskonzert einleitend, sprach Nele Hertling über die Bedeutung der elektroakustischen Musik für die Akademie der Künste in Ost und West: „An der Akademie der Künste der DDR hatte Georg Katzer ein elektronisches Studio gründen und betreiben können, das auch nach der Zusammenführung der beiden Akademien weiter geführt werden konnte, doch erst mit dem nach der Renovierung möglich gewordenen Einzug in das Haus am Hanseatenweg hat sich in gewisser Weise ein Kreis geschlossen – im heutigen Programm begegnen sich nun Georg Katzer und Boris Blacher in ihren Werken. “ KONTAKTE ’15 sei „ein wunderbarer Beleg für die entstandene Kontinuität“ und „sicher nur ein Auftakt für viele kommende Projekte und Veranstaltungen“, sagte Hertling.  

 

Karlheinz Stockhausens „Kontakte“ (Benjamin Kobler und Michael Pattmann) am letzten Abend als Abschlusskonzert © AdK

Die für das Festival eingerichtete Projektwebsite stellt eine Dokumentation sämtlicher Beiträge und aller dort durchgeführten Veranstaltungen zur Verfügung und ist online abrufbar unter http://www.adk.de/de/projekte/2015/Kontakte/einfuehrung.htm

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