Salut! Schalom! Fred und Maxie Wander im Archiv

Archivpräsentation

Im Jahr 2014 konnten die literarischen Nachlässe von Fred und Maxie Wander für das Archiv der Akademie der Künste gewonnen werden. Die österreichischen Autoren lebten und arbeiteten etwa zwei Jahrzehnte in der DDR. Mit ihren Frauenprotokollen „Guten Morgen, du Schöne“ setzte Maxie Wander (1933–1977) einen Meilenstein der dokumentarischen Literatur. Die autobiografisch geprägten Bücher von Fred Wander (1917 – 2006 spiegeln seine Erfahrungen während der Nazidiktatur, in Exil und Konzentrationslager. Auch seine Jugend- und Reisebücher erreichten ein breites Publikum. Eine von Susanne Wander zusammengestellte Lesung aus Briefen und Texten gibt Einblicke in das Werk der Wanders, in zwei Vitrinen werden Dokumente aus beiden Nachlässen präsentiert. Begrüßung: Birgit Jooss, Einführung: Sabine Wolf, Lesung: Yohanna Schwertfeger und Thomas Bading.

Donnerstag, 24.9.2015

20 Uhr

Pariser Platz

Plenarsaal

Begrüßung Birgit Jooss, Einführung Sabine Wolf, Lesung Yohanna Schwertfeger und Thomas Bading.

5/3 €

Kartenreservierung

Tel.: (030) 200 57-1000
E-Mail: ticket@adk.de

Dokumentation

Salut! Schalom! – Abschied und Willkommen. Begegnungen über Länder und Zeiten hinweg, mit Menschen, mit sich selbst.

Als Titel und Motto unserer Veranstaltung zur Vorstellung der literarischen Archive von Fred und Maxie Wander schien uns diese Grußformel geeignet, das Zwie- und Selbstgespräch der Protagonisten, unsere heutige Lesung aus Texten und Briefen einzuleiten. Sie hören überwiegend unveröffentlichte Texte, Reflexionen, Tagebuchaufzeichnungen, Briefe – ausgewählt und in assoziativer Weise arrangiert von Susanne Wander.
Fred Wander im Sommer 45: Gewaltsam aus allen bürgerlichen Zusammenhängen gerissen, hat er nur noch sich selbst, seine Erinnerungen, seinen Lebenswillen. Geboren 1917 in ärmlichen jüdischen Verhältnissen in Wien, war er bei Kriegsende noch ein junger Mann, aber hatte schon in alle menschlichen Abgründe geschaut und suchte nun nach einem Platz in den neu sich bildenden gesellschaftlichen Verhältnissen. Hinter ihm lagen die Flucht vor den Nazis, die 1938 Österreich besetzten, das Exil in Frankreich, Internierung, schließlich Haft in den Konzentrationslagern Auschwitz, Groß-Rosen, Buchenwald; Zwangsarbeit, Hunger, Krankheit, Todesnähe. Seine Eltern und seine Schwester waren in Auschwitz ermordet worden. Er hatte unendlich viel verloren – aber auch gewonnen: menschliche Begegnungen, Erfahrungen, Geschichten.  „Über Millionen Tote kann man nichts sagen“, schrieb Wander später in seiner Autobiografie. „Aber über drei oder vier könnte man eine Geschichte erzählen!“  Ein innerer Impuls, Geschichten aufzunehmen und zu erzählen, sei bei ihm bereits als kleiner Junge durch seinen Großvater, den Schneider und Analphabeten Isaak Hoffmann ausgelöst worden, der ihm die Märchen aus Tausendundeiner Nacht erzählt habe – so schreibt Fred Wander viel später an Christa und Gerhard Wolf.  Geschichtenerzählen, Schreiben als Bewältigung des Erlittenen, als Mittel der Erkenntnis, als Möglichkeit zum Aussprechen des Unaussprechlichen wurde Fred Wander zur Existenzform. Er probierte vieles aus, verfolgte lange ein Projekt namens HEKUBA, eine klassische Romanhandlung, in der, wie der Titel schon ahnen lässt, der menschlichen Gedankenlosigkeit nachgegangen wird, die zur Schuld führt. In dieser konventionellen erzählerischen Form war aber das, was Fred Wander vorschwebte, nicht zu fassen, er suchte weiter nach dem richtigen Zugriff, die richtige Form für „seine Geschichte“. Im Nachlass sind Tagebuchaufzeichnungen von 1945/46 überliefert, erste literarische Texte und Gleichnisse, journalistische Arbeiten aus der ersten Hälfte der 1950er Jahre für österreichische Zeitungen, Kindergeschichten. Im Sommer 1955 bietet sich ihm die Möglichkeit eines Stipendiums für ein Jahr am Literaturinstitut Leipzig. Es folgt der erste Buch-Vertrag mit dem Mitteldeutschen Verlag Halle, es entsteht die Reportage „Korsika noch nicht entdeckt“. Der Band erscheint 1958 im Verlag Neues Leben, zugleich ein Jugendbuch „Taifun über den Inseln“. Darauf ließ sich, so schien es, eine schriftstellerische Existenz aufbauen, und Fred Wander übersiedelte 1958 – gemeinsam mit seiner Frau Elfriede, genannt Fritzi, dann Maxie – in die DDR. Später resümierte er: „Und so bin ich 30 Jahre in der DDR geblieben, weil ich ein Buch nach dem anderen geschrieben und immer sofort einen Vertrag für das nächste bekommen habe.“ Das Ehepaar Wander, beide damals Mitglied der KPÖ, stimmte überein mit den Idealen einer sozialistischen Gesellschaft. Dennoch blieben ihnen die Probleme, die Begrenztheiten dieses deutschen Teilstaates und der Menschen darin nicht verborgen. In ihren Briefen erzählen sie einander davon: „Wie unbegabt, wie reizlos, unpoetisch sind sie doch. Dass wir hier unser Leben verbringen sollen, anstatt in einem lateinischen Land, finde ich schade. Sie […] besitzen keine Leidenschaft, sie lieben nicht und hassen nicht. […] Sie glauben im Grunde an nichts, außer an ihre kleinbürgerlichen Ideale von Ordnung und Eigentum.“ (Fred an Maxie Wander, 28.2.64) Dennoch hatten sie Freunde, Kollegen, Geistesverwandte gefunden, trafen auf Hilfsbereitschaft und Solidarität. Als Österreicher mögen sie ein besonderes, in der Enge der DDR auffallendes, Kolorit eingebracht haben, nicht nur eine andere Sprachfärbung und die Weltläufigkeit, sondern auch den Blick von außen. Für alle die, denen dieses verwehrt war, ein wichtiges geistiges Korrektiv.
Mit seinem Buch „Der siebente Brunnen“ schließlich trat Fred Wander als über Fünfzigjähriger in die bleibende Literatur ein. Es erschien 1971 im Aufbau-Verlag Berlin und darf mit Fug und Recht zu den grundlegenden literarischen Werken über den Holocaust gerechnet werden, es gehört in eine Reihe mit den Büchern von Primo Levi, Jorge Semprun, Imre Kertész, Ruth Klüger…  Allerdings hatte und hat der Titel es schwer: schon 1972, ein Jahr nach dem Erscheinen, beklagt eine Mitarbeiterin des Schriftstellerverbandes: „Der siebente Brunnen ist eines jener Bücher, die viel gelobt und wenig gelesen werden. Die erste Auflage - 5000 Exemplare – ist noch lieferbar, an eine zweite kann vorerst nicht gedacht werden. Finanziell hat sich das Buch für den Autor nicht ausgezahlt.“ Woran lag diese zögernde Rezeption? Nach den Erzählungen des chassidischen Rabbis Löw  ist „Der siebente Brunnen“ der Brunnen der Wahrhaftigkeit, der alles hinwegspült, was irdischen Glanzes ist, der den Menschen reinigt und läutert. Fred Wander hat hier die der Unerhörtheit seines Stoffes angemessene Form gefunden. Als Chronist und Erzähler gibt er einigen der Millionen Toten - dem Mendel Teichmann, Meir Bernstein und anderen -  ihre individuellen Schicksale zurück, lässt sie erzählen, hört ihnen zu und gibt als Zeuge diese Lebensgeschichten weiter, an uns, die Nachgeborenen und die nach uns kommen. Zugleich macht Fred Wander das Erinnern und Erzählen, das Erinnern-Können und Erzählen-Können, zum Gegenstand des Buches. Wie funktioniert das Gedächtnis? Eine Frage, die sich auch Christa Wolf immer stellte, und die sie ihrerseits zum Gegenstand einiger ihrer Werke machte. Zum „Siebenten Brunnen“ verfasste sie einen Essay, in dem sie die Modernität des Werkes herausarbeitet: „Das ist zeitgemäßes Erzählen […] Die assoziative Methode gibt dem Buch eine erstaunlich ‚natürliche‘, lebendige und klare, dabei aber komplizierte Struktur, sie erlaubt einen souveränen Umgang mit Zeit und Raum und folgt zwanglos dem Strom der Erinnerung. Diese Art zu erzählen wird genau dem Vorgang gerecht, der sich hinter dem ‚eigentlichen Stoff‘ vollzieht und der ebenso eine Realität ist wie die Baracken, die Waldhöhlen, das tägliche Stück Brot und die ausgezehrten Gesichter der Kameraden: dem Vorgang der Selbstbefreiung des Autors.“ Fred Wander erhielt für sein Werk im Jahr 1972 den Heinrich-Mann-Preis der Akademie der Künste, die Rezensionen waren äußerst positiv. Doch ist es ein Buch, das man nicht zum Vergnügen liest. Christa Wolf: „[Man] zögert, ein Buch wie jenes… sofort zu lesen, versucht dann die zweite Lektüre möglichst aufzuschieben. Ertappt sich, wie man mit sich selber handelt: Wenigstens ein bestimmtes Kapitel nicht noch einmal lesen müssen (‚Woran erinnert dich Wald?‘), wenigstens nicht die Seiten, die vom Leben und Sterben des Tadeusz Moll handeln.“ Zur Schullektüre wurde es in der DDR jedenfalls nicht, im Gegensatz etwa zu Bruno Apitz‘ Roman „Nackt unter Wölfen“, in dem der kommunistische Widerstand im Lager Buchenwald im Mittelpunkt des Geschehens steht. Ein Verfilmungsprojekt scheiterte, bemängelt wurde „die Häufung von  Grausamkeit im Verhältnis zur Passivität der Figuren, deren Haltungen aus religiösen Motiven erwachsen“, außerdem bediene der bittere Ernst der Geschichte nicht den Massengeschmack. Immerhin wurde „Der siebente Brunnen“ bis heute in 7 Sprachen übersetzt, es gab Nachauflagen und Neuausgaben in Ost- und West und im vereinigten Deutschland, und es wäre zu wünschen, das Werk erlangte noch einmal die öffentliche Anerkennung, die es verdient. 
Als Fred Wander den „Siebenten Brunnen“ schrieb, hatten er und seine Frau Maxie kurz zuvor die größte denkbare Erschütterung erlitten, den Tod ihres Kindes, ihrer Tochter Kitty. Wir wissen davon aus Maxie Wanders Tagebüchern und Briefen, die Fred Wander postum herausgegeben hat und auch aus seiner Autobiografie „Das gute Leben oder Von der Fröhlichkeit im Schrecken“. Ihrem Andenken ist sein Werk gewidmet.
Maxie Wander, geboren als Elfriede Brunner 1933 in Wien, war 1958 mit Fred Wander in die DDR gegangen, sie hatte bis dahin im „Neuen Theater in der Scala“ in der Buchhaltung gearbeitet und als Sekretärin im Wiener Friedensrat. In der DDR leidet sie unter den Banalitäten des Alltages. Haushalt und Kinderbetreuung erfüllen sie nicht, und sie hasst nach eigener Aussage die diversen Jobs als Stenotypistin oder Sekretärin. Auch ihr ist das Schreiben schon lange eine lebensnotwendige Ausdrucksform, sie führt Tagebuch und schickt lange Briefe an die in Österreich zurückgebliebenen Verwandten. Aus ihrer Korrespondenz mit Fred Wander ist anfänglich ein Lehrer-Schülerin-Verhältnis herauszuspüren; der um 16 Jahre Ältere und soviel Lebenserfahrenere gibt Anstöße und Ratschläge für das Schreiben, erklärt ihr seine Sicht auf die Welt. Doch recht bald zeigt sich, dass Maxie Wander ihrem Mann eine ebenbürtige Partnerin  wird, sie gibt ihrerseits ihm Ratschläge, setzt sich streitbar mit ihm auseinander, ist unbequem, emanzipiert sich. Mit großem Ernst bildet sie sich weiter, absolviert Kurse am Institut für Nachwuchsentwicklung für Rundfunk und Fernsehen, verfasst Gerichtsreportagen. Es erscheinen einige Artikel und Kurzgeschichten. Sie hilft Fred Wander bei einigen Projekten, ein gemeinsames Reisebuch entsteht: Paris – Doppeltes Antlitz, bei dem sie sich als Fotografin erprobt. Ihre journalistischen Erfahrungen setzt sie schließlich nutzbringend ein bei ihrem Projekt der Frauenporträts: „Guten Morgen, du Schöne. Protokolle nach Tonband“. Ihre erste Buchpublikation ist zugleich ihre letzte; schwer erkrankt, kann sie noch den Erfolg in seinen Anfängen erleben. Das Buch war einmal das vielleicht berühmteste Werk der DDR-Literatur. Noch im Erscheinungsjahr verkaufte es sich 60.000 Mal, es folgte eine Schallplatte und zahlreiche Theateradaptionen.  1980 war „Guten Morgen, du Schöne“  nach einer Aussage von Karsten Krampitz in der DDR der meistgespielte Text unter den Stücken ostdeutscher Dramatiker, noch vor Heiner Müller und Peter Hacks. Durch Wolfgang Langhoff wurden drei Porträts verfilmt: wunderbare Monologe von Jutta Wachowiak, Ruth Reinecke und Lotte Loebinger loteten das von Maxie Wander verdichtete dokumentarische Material aus. Die Frauenprotokolle erschienen leicht gekürzt auch in der Bundesrepublik; das Vorwort von Christa Wolf, die im Jahr nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns zur Unperson geworden war,  konnte nur in der westdeutschen Ausgabe erscheinen. Furore machte das Buch, weil es in frischer, direkter, ungewohnt offener Sprache den individuellen Glücksanspruch von Frauen behauptete. In der mehr oder weniger geschlossenen Gesellschaft der DDR, in der Anpassung an kollektive Normen und Zurückstellung eigener Bedürfnisse zugunsten gesellschaftlicher Erfordernisse verlangt wurde, ein unerhörter Gedanke. Die feministischen Aspekte, unter denen das Buch im Westen vor allem rezipiert wurde, waren Maxie Wander zwar wichtig, dominierten aber nicht Ihr Anliegen. Sie hatte ja auch Interviews mit Männern und mit Kindern geführt und entsprechende Veröffentlichungen vorbereitet, zu denen ihr dann nicht mehr die Zeit blieb. Ihr war es um die Emanzipation von Menschen gegangen, um das Menschliche als das Politische schlechthin, und damit traf sie am Ende der 1970er Jahre, in einer Zeit der Desillusionierung und Stagnation einen Nerv. Auf ihre Weise näherte sie sich damit auch – wenngleich auf gänzlich anderer Ebene – den Intentionen Fred Wanders, der durch sich die Einzelpersönlichkeiten sprechen ließ und ihnen damit zugleich ihre Würde wiedergab.
Nach Maxie Wanders frühem Tod machte sich Fred Wander um ihren Nachlass verdient, er gab Tagebücher und Briefe heraus, es erschienen mehrere Ausgaben in Ost und West. Aus diesen Texten ersteht Maxie Wander in ihrer Widersprüchlichkeit, ihrer Neugier, Offenheit, Ungeduld, ihrem steten Ringen um Selbstverwirklichung. Es ist ihre Stimme, die uns ihre Persönlichkeit wiedergibt. Aus diesen Texten lässt sich auch schließen auf die Facetten des Zusammenlebens der Wanders,  ein an- und aufregendes Miteinander, einen geistigen Austausch, ein gemeinsames Streben nach Wahrhaftigkeit und vieles mehr. Uns sind daraus auch bereits einige Kosenamen vertraut, mit dem Maxie Wander ihren Mann anredete, Jossel, Crampus. Nicht alle Anspielungen in den Texten, die Sie gleich hören werden, kann und muss ich auflösen. Doch ein Briefpartner Maxie Wanders sei kurz gewürdigt: Ernst Epler, auch er ein Verfolgter der Nazis, der sein Exil in den USA verbrachte, war ein enger Freund von Fred Wander. Bei ihm hatte dieser sein journalistisches Handwerkszeug gelernt. Susanne Wander, die Epler noch kennengelernt hat, schrieb mir, sie „habe kaum jemand anderen gekannt, der so voller Geist, hintergründigem Witz und Ironie war, sehr wienerisch und sehr jüdisch.“
Fred Wanders ergreifender Text „Von Bildern und Menschen“ lässt erkennen, dass der Autor und - nicht zuletzt - begabte Fotograf einen Blick für das Wesentliche einer Situation und eines Menschen besaß. Wer würde nicht bei seiner Beschreibung eines brennenden Hotelhochhauses in Südkorea und der sich aus diesem stürzenden Menschen zu Weihnachten 1971 die Bilder der brennenden Twin Towers im Jahre 2001 assoziieren?
So erscheinen die heute zu hörenden Texte von teils bestürzender Aktualität.
Fred Wander, der „Wanderer“, der dem „Geruch der alten Städte“ nachhängt, sich nirgends zu Hause fühlt, von Unruhe ergriffen durch Zeiten und Länder getrieben ist, schreibt 1964 an seine Frau: „… gibt es nicht Millionen, die auf Wanderung sind? Entwurzelte Menschen, die Nomaden geworden sind, moderne Nomaden, die dorthin ziehen, wo sich bessere Lebensbedingungen finden? Hat nicht in unserer Zeit eine Völkerwanderung stattgefunden? Sollte nicht da unser Thema liegen?“

Sabine Wolf, September 2015