Farhad Delaram, Tattoo, Filmstill © Mohammad Reza Jahanpanah

Covered Memories – Filme aus dem Iran Maned & Macho, When the kid was a kid, Ayan and the White Balloon, Tattoo, The Visit

Filme und Gespräche

Text: Afsun Moshiry (Kuratorin)

Seit jeher sind westliche Gesellschaften von der Stärke und Ausstrahlung iranischer Frauen fasziniert, angezogen und beunruhigt. Antike griechische Darstellungen einflussreicher persischer Herrscherinnen und anderer Führungsfiguren wie Kassandane, Atossa, Amestris, Artunis und Artemisia, vermitteln nicht nur Respekt und Ehrfurcht, sondern auch die Angst und den Argwohn der männlichen Betrachter angesichts des Muts und des Eigensinns dieser weiblichen Figuren. Ihre Geschichte und ihre Geschichten sind bis heute eng mit der Identität von iranischen Frauen verbunden. Im Kontrast dazu stellen westliche Medien sie oftmals nur als Opfer ohne eigene Stimme dar.

Vor der Islamischen Revolution 1979 gab es durchaus Fortschritte in Bezug auf Rechte und Freiheiten von Frauen, etwa im Familienrecht oder bei der Freiheit, sich durch Mode auszudrücken. Damals wollte die Monarchie das Land nach westlichen Maßstäben modernisieren. Der in der iranischen Kultur vorherrschende und tief verwurzelte religiöse und kulturelle Konservatismus stellte sich auch schon während dieser Periode jeder Form der Liberalisierung entgegen. Obwohl iranischen Frauen scheinbar die gleichen Freiheiten wie den Männern im Land zustanden, wurde ihnen von ihren Familien und Gemeinden dennoch untersagt, sie auch tatsächlich wahrzunehmen. Letztlich setzten sich die Gegner der Liberalisierung durch, und infolge der Islamischen Revolution wurden die Einschränkungen schließlich auch gesetzlich verankert.

Auf das Leben der iranischen Frauen wirkte sich das dramatisch aus: Sie müssen nun unter anderem in der Öffentlichkeit einen Hidschab tragen und die Erlaubnis ihres Ehemannes oder ihres männlichen Vormunds einholen, um ins Ausland zu reisen, zudem wird ihnen nach einer Scheidung das Sorge- und das Eigentumsrecht entzogen. Der Funke des liberalen Fortschritts in der Geschichte des Iran ist inzwischen fast vergessen. Ikonen aus dieser kurzen, aber zutiefst prägenden Zeit – wie die legendäre Dichterin und Filmemacherin Forugh Farrochzād – dienen den Generationen von Frauen, die jenseits dieser kurzlebigen Zeit der Freiheit aufgewachsen sind, jedoch immer noch als Quellen der Inspiration.

Das Filmprogramm Covered Memories bietet einen Einblick in das Leben der modernen iranischen Frau und die Gesellschaft, die sie umgibt. Die zur Vorführung ausgewählten Filme sind jenen von ihnen gewidmet, die im Angesicht von Widrigkeiten und drohender Repressalien ihre Eigenständigkeit zu verteidigen suchen und subtile Formen des Widerstandes entwickelt haben. Das Wort "Covered" (deutsch: verhüllt) reflektiert sowohl die physische Bedeckung, die den Frauen auferlegt wird, als auch die durch Selbstzensur unterdrückten Gefühle, die sie daran hindern, sich frei auszudrücken und selbst Entscheidungen zu treffen. Iranische Frauen müssen heute permanent vorsichtig sein, um innerhalb der Zwänge zu überleben, die die Gesellschaft ihnen aufoktroyiert. "Memories" (Erinnerungen) hingegen spiegelt die lange Geschichte von Frauen als Protagonistinnen iranischer Kultur, nicht nur als Objekte männlicher Unterdrückung, sondern in ihrer Rolle als Künstlerinnen, Philosophinnen, Wissenschaftlerinnen, Führungspersönlichkeiten und Gestalterinnen der Weltgeschichte.

Ich spreche aus der Tiefe der Nacht
aus der Tiefe der Finsternis
und der Tiefe der Nacht spreche ich.

Wenn du zu meinem Haus kommst, Freund,
bring eine Lampe und ein Fenster mit,
durch das ich schauen kann
hinaus auf die Menge in der fröhlichen Gasse.  

Forugh Farrochzād

Kurzfilmprogramm | 18.30 bis 21 Uhr

Das Kurzfilmprogramm startet mit Shiva Sadegh Assadis überbordendem Animationsfilm Maned & Macho (2017). Darin geht es um ein heranwachsendes Mädchen, dessen unterdrückte Emotionen und Instinkte in Tieren verkörpert werden, die ihren Träumen entspringen, weil niemand in ihrer Familie für ihre Gefühle empfänglich ist.

Der Film When the Kid was a Kid (2009) von Anahita Ghazvinizadeh, einer herausragenden Schülerin von Abbas Kiarostami, erforscht die sich entwickelnde Perspektive eines Jungen auf seine geschiedene Mutter – über sein Spiel mit Freunden, in dem er ihre Rolle einnimmt.

In ihrem sehr persönlichen Film Ayan and the White Balloon (2015) ergründet Vida Dena die gesellschaftlichen Schwierigkeiten, die sie bei ihrer Rückkehr in den Iran erlebt. Sie stellt eine Polizeikontrolle nach und spielt dabei verschiedene Varianten durch. Darüber hinaus reflektiert sie über Fragen der Herkunft und Entfremdung.

In Tattoo (2018) dokumentiert Farhad Delaram die große Bedrängnis, in die eine junge Frau gerät, als sie eine Verlängerung ihres Führerscheins beantragt, ein Verfahren, das in mehreren erniedrigenden Verhören endet, nur weil sie tätowiert ist. Der Film erhielt den Preis für den besten Kurzfilm im Berlinale-Wettbewerb Generation 14plus 2019. Farhad Delaram ist zudem Stipendiat der JUNGEN AKADEMIE, des Artist-in-Residence-Programms der Akademie der Künste.

Von Filmemacherin Azadeh Mousavi stammt The Visit (2019), eine eindrucksvolle Momentaufnahme des Versuchs einer Frau, ihren Mann zu besuchen, der als politischer Gefangener in einem iranischen Gefängnis sitzt.

Wir freuen uns darauf, Farhad Delaram und Vida Dena für Fragen und Antworten im Anschluss an die Vorführungen ihrer Filme begrüßen zu dürfen. Interviewbeiträge auf der Online-Plattform der Jungen Akademie ergänzen die Filme ab Anfang Oktober.

Informationen und Tickets zum anschließenden Dokumentarfilm „No Land’s Song“ um 21 Uhr.

Das Filmprogramm wurde von Afsun Moshiry und Farhad Delaram, Stipendiat der JUNGEN AKADEMIE, gemeinsam kuratiert.

Donnerstag, 15.10.

18.30 Uhr

Hanseatenweg

Studio

Kurzfilmprogramm

Gespräch mit Vida Dena und Farhad Delaram

Moderation: Afsun Moshiry

In englischer Sprache

€ 6/4

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