Robert Frank – Filmmaker

Filmprogramm

Mit seinem fotografischen Œuvre zählt Robert Frank (1924–2019) zum Kanon der Kunstgeschichte. Seine Filme und Videos hingegen, die ab 1959 den Schwerpunkt seiner Arbeit bildeten, werden vielerorts noch immer als ein film- und kunsthistorisches Geheimnis gehandelt. In Deutschland sind sie bis auf wenige Ausnahmen kaum bekannt. Die Akademie der Künste widmet diesem Werk nun ein dichtes Wochenende: sechs Kinovorstellungen mit 14 ausgewählten Frank-Filmen und, zum Auftakt, Laura Israels wunderbarem Film über den Künstler.

Frank wurde in Zürich geboren und zum Fotografen ausgebildet, emigrierte aber schon 1947 nach New York. Seine „Andersartigkeit“, die er in der schweizerischen Enge und nicht zuletzt wegen seiner jüdischen Herkunft stark empfunden hatte, blieb auch in den USA bestimmend für ihn. Sein Fotoband The Americans lieferte 1958 einen aufsehenerregenden Kontrast zum amerikanischen Selbstbild; die unmittelbar danach einsetzende Filmarbeit machte Franks Distanz zum „Betrieb“ noch deutlicher. Seine Lebensweise (ab 1970 zumeist in der harschen Abgeschiedenheit von Nova Scotia, Kanada) und seine künstlerische Suche überlagern einander: im Widerstand gegen alles Geschliffene und Formelhafte, im Versuch, den sogenannten Spinnern und Außenseitern, ihren Unter- und Nebenwelten ein filmisches Reich zu erschaffen, das die üblichen Kategorien transzendiert.

Dokumentarisch, fiktional, essayistisch, experimentell – Tagebuch, Autobiografie, Cinéma vérité, Fantasterei – ganz kurz und feature-length: Franks Kino berührt diese Kategorien in unterschiedlicher Weise und gehört keiner von ihnen an. Auch das Personal dieser Filme ist radikal offen. Er selbst, seine Angehörigen oder sein Postbote zählen genauso dazu wie Berühmtheiten, die seinen Weg kreuzten oder mitbestimmten: von den Beat-Dichtern Allen Ginsberg und Jack Kerouac (der 1959 die Off-Erzählung zu Franks Erstling Pull My Daisy beitrug) bis zu den Rolling Stones, deren Backstage-Realität er 1972 in Cocksucker Blues einfing (was der Band wenig behagte – und dazu führte, dass der Film nur selten gezeigt werden darf).

Frank blieb unverfügbar, so wie die Gespinste der Wirklichkeit, die er zu erhaschen suchte. In seinem späten Meisterwerk The Present (1996) sieht man ein Schriftbild: „Memory“ – und wie es mühevoll gelöscht wird. Dann hören wir Robert Franks Stimme: „I lost. So what? That’s the question.“

Kuratiert von Alexander Horwath & Regina Schlagnitweit

Die Veranstaltung ist Robert Frank zu seinem 100. Geburtstag in 2024 gewidmet.


Programm

Samstag 2.3.

16 Uhr
About Me: A Musical (1971) s/w, 30 min
Don’t Blink (2015) von Laura Israel, s/w, 82 min, Originalversion mit deutschen Untertiteln

Ein kurzes, schiefes, zweiflerisches Selbstporträt, gefolgt vom liebevollen Blick einer Vertrauten auf zwei Dekaden enger Zusammenarbeit. Fast trotzig sagt Robert Frank in und über About Me: A Musical: „My project was to make a film about music in America. Well, fuck the music. I just decided to make the film about myself. And this here is the young lady playing me.“ In einem künstlerischen Akt der Befreiung wird das Auftragswerk des American Film Institute über den Haufen geworfen – und die zentrale Frage („Worüber soll man einen Film machen?“) an die Straße, ans Publikum weitergereicht. 44 Jahre später macht Franks Editorin und Archivarin Laura Israel einen Langfilm über ihn. Er hat sich seine Bockigkeit auch als Neunzigjähriger erhalten, fühlt sich aber sichtlich wohl als Raconteur seiner eigenen Geschichte. „Don't Blink!“ – denn es gäbe zu viel zu verpassen in dieser Wunderkammer voll rarer Filmausschnitte, Erinnerungen, Fotografien, eingebettet in ein Netz von Komplizen. Auf dem Soundtrack erklingt der New-York-Pulsschlag von Velvet Underground (European Son) bis Tom Waits (Hang on St. Christopher). Hang on, Hl. Robert!

18.30 Uhr
Conversations in Vermont (1969) s/w, 26 min
Life Dances On (1980) s/w und Farbe, 32 min
The Present (1996) Farbe, 23 min

Wie kann das Kino „Ich“ sagen? Und wie existiert dieses „Ich“ im großen Mosaik von Familie, Freundschaft und Welt? Zwischen 1969 und 1996 fertigt Frank eine Art Film-Trilogie dazu an: fern aller autobiografischen Abrundungen, offen für alle Krisen – auch jene der Kunstpraxis. Die Vergangenheit ist immer gegenwärtig, und die Befragung anderer dient immer zur Infragestellung der eigenen Weltsicht. Schon in den Gesprächen in Vermont, einem „Familienalbum“, versucht Frank mit seinen Kindern Pablo und Andrea das Aufwachsen in der Bohème zu ergründen. 1980 will Pablo dann schon auf den Mars – und Andrea ist tot, so wie Franks bester Freund Danny Seymour. Auf der „Skid Row“ in New York trifft er auf einen Typen, der alles angreifen muss. Wo beginnt, wo endet der Faden zur Welt? „I'm 55 years old, I gotta do something“, sagt Frank und versucht, den Wind zu fotografieren, in Farbe. The Present schließlich wird zur unprätentiösen Summe seines Werks – ein scheinbar loses Tagebuch, das die perfekte Balance zwischen Franks persönlichen Vorstellungen von „Ordnung“ und „Zufälligkeit“ repräsentiert. Die Orte, Personen, Motive seines Lebens und seiner Kunst geistern allesamt durch diesen Film und kommen nicht zur Ruhe. Seine tierischen Gefährten in Nova Scotia und die Blicke durchs Fenster stellen weitere Fragen: Wo verläuft die Schwelle zwischen Innen und Außen?

20.45 Uhr
Pull My Daisy (1959) von Robert Frank und Alfred Leslie, s/w, 28 min
Energy and How to Get It (1981) s/w, 30 min
Paper Route (2002) Farbe, 23 min
Moving Pictures (1994) Farbe, stumm, 17 min

Den Rahmen dieses Programms bilden zwei Werke, die stellvertretend für Robert Franks (vorläufige) Absage und Wiederannäherung an die Fotografie stehen. Als Brücke lassen sich die Worte von Jack Kerouac hören und sehen. „Early morning in the Universe“ – 1959 pflocken Frank und seine Beat-Generation-Kumpane mit Pull My Daisy einen Film in die Landschaft, der das New American Cinema mitbegründet und (auch durch die Mitwirkung von Delphine Seyrig) einen Dialog mit der Nouvelle Vague beginnt. Das Spiel-im-Bild von Ginsberg, Corso & Co. und Kerouacs Sprech-Improvisationen auf der Tonspur sind gleichermaßen ausgelassen, hemdsärmelig und sinnsuchend. 35 Jahre später zeigt Moving Pictures Kerouacs Worte in gebotener Stille: „Lonesome traveller ... the forlorn rags of growing old.“ Der Mittelteil des Programms untersucht zwei weitere abseitige bzw. „randständige“ Lebensentwürfe – und, für Frank ganz bezeichnend, eigenwilligste Formen des verbalen und filmischen Sprechens. Energy and How to Get It, ein idiosynkratisch wilder Ritt durch Wendover, Nevada, beginnt als vermeintliches Porträt des Kugelblitz-Forschers Robert Golka, bevor William S. Burroughs als „Energy Czar“ und Robert Downey als „Hollywood agent“ die Szene kapern. Zwei Dekaden später kurvt Frank auf der Paper Route durch sein Heimatterrain in Nova Scotia. Befeuert durch die ewige Frage: How to live your life? begleitet er den Zeitungszusteller Bobby McMillan auf dessen Schneefahrten durch die Morgendämmerung. Am Ende der Dialog: „How do you like to be filmed?“ – „Good!“

Sonntag 3.3.

16 Uhr
Tunnel (2005) s/w und Farbe, 4 min
Me and My Brother (1965-68, re-edited 1997) s/w und Farbe, 91 min

In seinem ersten Langfilm erkundet Robert Frank die Zonen des „Wirklichen“ und „Unwirklichen“. Was findet tatsächlich statt, was geschieht „nur“ in der Imagination? Wo wird das schiere Sein zum Spiel? Und wer zum Teufel ist das „Me“ im Titel? Me and My Brother gehört – wie etwa auch Shirley Clarkes Portrait of Jason oder Jim McBrides David Holzman’s Diary – zur Familie der Meta-Truthmovies, die in den späten 1960er Jahren die Ansprüche des Cinema vérité und des Direct Cinema infrage stellten. Franks Protagonist ist Julius Orlovsky, ein Katatoniker, dessen motorisches Verhalten zwischen extremer Erregung und Passivität pendelt. Zusammen mit seinem Dichter-Bruder Peter und dessen Liebhaber Allen Ginsberg zieht Julius durch Lower Manhattan. Während einer Überlandfahrt nach Kansas und San Francisco verschwindet er – der Schauspieler Joseph Chaikin muss für ihn einspringen. Frank orchestriert mit Verve (und mit Sam Shepard als Co-Autor) den Widerstreit zwischen verschiedenen Wahrheitskonzepten des Kinos. Der blutjunge Christopher Walken übernimmt Franks Part (mit dessen Stimme), und irgendwann deklamiert Allen Ginsberg: „Truth breaks through!“ Eine unbehagliche Hauptrolle spielt „die Wahrheit“ auch in Tunnel, Franks geheimnisvollstem Film: die Schlachtung eines Stiers zur Musik von Wolfgang Amadeus Mozart.

18 Uhr
Home Improvements (1985) Farbe, 24 min
Candy Mountain (1987) von Robert Frank und Rudy Wurlitzer, Farbe, 91 min, Originalversion mit deutschen Untertiteln

La vie de Bohème, und wie sie einander bedingen: das Leben als Künstler und die privaten Verstrickungen. Home Improvements ist Franks erste Videoarbeit, gedreht mit einer semiprofessionellen Portapak-Kamera zwischen November 1983 und Ende 1984. Ein „Alltagsfilm“ zwischen New York City und Mabou, Nova Scotia, den so gegensätzlichen Rückzugsorten von Frank und seiner Frau, der Malerin und Bildhauerin June Leaf. Frank ist 59, sein Sohn Pablo in der Psychiatrie, June wird hospitalisiert. Der Nebel, die Wintersonne von Mabou brennen sich ein, und Frank zerstört mit einer Bohrmaschine einen ganzen Stapel seiner Fotos. Etwa gleichzeitig entwickelt er mit dem Schriftsteller Rudy Wurlitzer seinen einzigen „klassischen“ Spielfilm: Candy Mountain ist stilistisch ein Gegenpol zu Home Improvements, aber heimlich verwandt. Ein verträumt-verkrachter Musiker erhält den Auftrag, den besten Gitarrenbauer der Welt zu finden, der verschwunden ist. Auf dem Weg nach Cape Breton, Nova Scotia, trifft er auf seltsame Vögel wie Joe Strummer, Tom Waits, Dr. John und Bulle Ogier – und erkennt am Ende, in der Begegnung mit seiner Zielperson, dass in der Kunst (auch jener des Gitarrenbaus) das Auslöschen ebenso wichtig sein kann wie das „Machen“. In J. Hobermans Worten: „In a way, this shaggy-dog hipster road film is Frank’s ultimate work – evoking the end of the road and even the end of Endsville – but he has persevered.“   

20.45 Uhr
Cocksucker Blues (1972) s/w und Farbe, 89 min
Zum Auftakt: Surprise Film s/w, 8 Min

„Except for the musical numbers, the events depicted in this film are fictitious. No representation of actual persons and events is intended.“ – Ist Cocksucker Blues also eine weitere Dekonstruktion der Truthmovies? Oder lässt sich gerade das Gegenteil behaupten: dass der amerikanische Dokumentarfilm sein Sujet selten so nah, so direkt, so unverblümt vermittelt hat? Auch wenn die Rolling Stones bis heute keine Freude damit haben, dass der Film aufgeführt wird, seine schiere Existenz können sie ihm nicht absprechen. Als die Band und Robert Frank aufeinandertrafen, gab es nur gegenseitige Bewunderung. Frank steuerte für das Albumcover von Exile on Main St. eine Fotocollage bei. Und die Stones luden ihn ein, ihre erste Nordamerika-Tour seit dem Altamont-Desaster filmisch zu dokumentieren, vielleicht sogar zu „zelebrieren“. Wahrscheinlich bedachten sie nicht, dass Frank schon mit dem berühmten Fotoband The Americans sein Desinteresse am High-Glam-Life deutlich demonstriert hatte. Den widrigen, unkooperativen Umständen zum Trotz zimmerte sich der Filmemacher in der Folge seine eigene Erzählung. Schäbig, dreckig, rau, dröge – für Jim Jarmusch bleibt Cocksucker Blues eine Offenbarung, eine Ernüchterung: „It makes you think that being a rock star is one of the last things you’d ever want to do.“

 

Alle Filme, ausgenommen Don’t Blink und Candy Mountain, © Robert Frank, 2024, distributed by The Museum of Fine Arts, Houston

2. — 3.3.2024

Hanseatenweg

Studio

Alle Filme in Originalversion

Kuratiert und eingeführt von Alexander Horwath & Regina Schlagnitweit (Wien)

Tagesticket € 12/8

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