Für die Kunst des 20. Jahrhunderts ist das Experiment ein
entscheidender Impuls: Die unterschiedlichsten Materialien wurden im
Zuge der Fortschrittsbegeisterung und technischen Erneuerungen und der
ökologischen Gegenbewegungen darauf auch für die künstlerische Arbeit
fruchtbar gemacht. Die Darstellung der sichtbaren Welt oder ihres
idealen Überbaus, des Überirdischen und die damit verbundene Konzeption
des Bildes als eines illusionistischen Ausblicks in diese Welten
erschienen vor dem Hintergrund zweier Weltkriege, politischer Umstürze
oder der Globalisierung nicht mehr als eine zwingende Maxime der Kunst.
Dieses experimentelle Denken setzt auf das Spiel als einer Möglichkeit,
sich auszuprobieren und neue Erkenntnisse zu gewinnen. Das Spiel
besitzt dabei eine kulturprägende Funktion. Durch Wiederholung,
Einübung und damit Ausarbeiten eines Regelwerkes und schließlich durch
Variation und Neuaufführung wird das experimentell Erprobte zur
Kulturform (Johan Huizinga). Das heißt, daß insbesondere für das
20./21. Jahrhundert das Spielerische eine zentrale Bestimmung der Kunst
ist.
Die generelle Verbindung von Kunst und Spiel besteht darin, daß beide
auf einem eigenen Spielfeld mit selbst gesetzten, jeweils spezifisch
festgelegten und immer wieder neu interpretierten Grenzen und Regeln
agieren. Beide sind sie unvernünftig, vom rationalistischen und auf
Effektivität zielenden Standpunkt aus überflüssig und zwecklos – und
sie bereiten Vergnügen. Das ludische Prinzip bereichert das Schaffende.
Der Künstler ist so nicht nur ein ergebnisorientiert handelnder homo
faber, sondern vor allem ein kreativ das Feld seiner Möglichkeiten
ausschöpfender homo ludens.
Die spezifischen Verbindungen von Kunst und Spiel bildeten zugleich die
Leitkategorien für die Auswahl der Werke für die Ausstellung Faites vos
jeux ! Sie seien hier kurz umrissen:
Regel und Zufall, die Adaption und Modifikation von Spielregeln, die
Erstellung neuer Regelsysteme – sie bilden einen systematischen und
systemkritischen Boden für die Kunstproduktion. Marcel Duchamps
spielerische und ironische Hinterfragung aller Aspekte der
künstlerischen Arbeit setzt hier an. Duchamp, der die “Eigenart des
Lebens als Spiel” untersuchte, ist eine Kulminationsfigur für das Thema.
Die Bricollage, der Einbezug von Kinetik und das Einrichten von
Versuchsanordnungen animieren als konkrete Experimente das Material und
rufen u.a. bei Peter Fischli & David Weiss oder Alexander Calder
eine heitere Lebendigkeit hervor.
Die Aktivierung des Potentials des Unbewußten sowie der Kindheit als
einer Lebensperiode vor der Spezialisierung, Neugierde und
Entdeckungslust, die Erschaffung von Parallelwelten, das Zitieren oder
Ausleben von Infantilität und “Ursprünglichkeit” stellen z.B. für die
Surrealisten ein Füllhorn dar, mit Hilfe dessen sie die Kunst von ihren
akademischen Verkrustungen befreien wollen.
Das Rollenspiel und das Clowneske – nicht als neoliberales Einüben
ertragreicher, an die jeweilige Situation angepaßter Rollenmodelle,
sondern als Entwurf einer mit den überkommenen Klischees jonglierenden
und eigendefinierten Existenz – charakterisiert beispielsweise die
künstlerische Haltung von Christian Boltanski oder Cindy Sherman.
Die Bereitstellung von Handlungsspielräumen, die Erkundung eines
Möglichkeitsfeldes und die damit einhergehende Erweiterung des
Kunstbegriffs sowie die Fortführung der Idee des “offenen Kunstwerks”
(Umberto Eco) bestimmen besonders die Werke und Aktionen der mit Fluxus
verbundenen Künstler.
Der “Ernst” des Lebens gegenüber der “Freiheit” der Kunst, das
Aufdecken strategischer Erwägungen gegenüber der Fluktuation von
Bezügen spielen eine Rolle u.a. bei Arnold Schönberg und Öyvind
Fahlström.
Die Ausstellung in der Akademie der Künste stellt vier Generationen von
Künstlern und Künstlerinnen des 20./21. Jahrhunderts vor. Die Auswahl
internationaler Positionen bietet einen konzentrierten Blick auf
Kernphänomene der Verbindung von Kunst und Spiel.
Kuratorin: Nike Bätzner
Kontakt: 030-6943088, nike.baetzner@freenet.de
Ausstellung 19. November 2005 bis 1. Januar 2006
dienstags bis sonntags 11.00-20.00 Uhr
Hallen 1 und 2
Eintritt € 5,-/ermäßigt € 3,-
Eintrittsticket gilt auch für die Ausstellung "Maxim Kantor"
Führungen sonntags 12.00 Uhr, € 3,- pro Person
Gruppenführungen bis 20 Personen zum Preis von € 35,-, Anmeldung
unter
hartwig@adk.de, Tel. 030 200 57-21 89
Faites vos jeux ! zeigt Werke von:
Hans Arp
Gustavo Artigas
Hugo Ball
Hans Bellmer
Alighiero Boetti
Christian Boltanski
Monika Brandmeier
Marcel Broodthaers
John Cage
Alexander Calder
Lygia Clark
Marcel Duchamp
Öyvind Fahlström
Robert Filliou
Peter Fischli & David Weiss
Raoul Hausmann
Hannah Höch
Carsten Höller
Stan Laurel & Oliver Hardy
Zbigniew Libera
Axel Lieber
George Maciunas
René Magritte
Paul McCarthy
Meret Oppenheim
Tony Oursler
Takako Saito
Arnold Schönberg
Kurt Schwitters
Cindy Sherman
Roman Signer
Roland Stratmann
Jean Tinguely
und
Gemeinschaftswerke von Max Ernst, Max Morise, André Masson; Oskar
Dominguez, Georges und Germaine Hugnet, Yves und Jeanette Tanguy; Meret
Oppenheim, Roberto Lupo, Anna Boetti; Remedios, Adolphe Acker, Georges
Mouton, Georges Péret
Im Anschluß an die Station in der Akademie der Künste Berlin wird
die Ausstellung im Museum für Gegenwartskunst Siegen gezeigt werden.
Zuvor war sie zu sehen im Kunstmuseum Liechtenstein, siehe www.kunstmuseum.li
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog
Die Katalogtexte behandeln zwei Themenfelder: Zum einen wird der These
nachgegangen, daß der Kunst prinzipiell ein spielerischer Charakter
eigen ist. Zum anderen werden bestimmte Kunstströmungen des 20./21.
Jahrhunderts wie Dada, Surrealismus, Fluxus, Intermedia sowie
Themenfelder wie Rollenspiel, strategisches Vorgehen, Regel und Zufall,
der Einbezug des Publikums, die Konkurrenz von Spaß und Ernst, das
kreative Ausloten von Grenzen oder gesellschaftliches Ritual und die
Verbindung dieser Themen zum Spiel vorgestellt.
Der Katalog enthält Beiträge von Nike Bätzner, Michael
Lüthy, Gunda Luyken, Jürgen Pech, Gabriele Knapstein, Christoph
Metzger, Ernst Strouhal, Michael Glasmeier, Ruth Sonderegger,
Christiane Meyer-Stoll, Constanze von Marlin, Philip Ursprung, Ulrich
Stock und ein Werkverzeichnis mit Lebensdaten der Künstler.
224 Seiten, 13 Essays, ca. 250 großteils farbige Abbildungen, 25
Euro während der Ausstellung, 34 Euro im Buchhandel, ISBN
3-7757-1621-1.
Die Ausstellung wird
gefördert durch den
Hauptstadtkulturfonds
mit freundlicher Unterstützung von
Fürstentum Liechtenstein
Stiftung Fürstlicher Kommerzienrat Guido Feger
Pro Helvetia
Französische Botschaft

Kubix