Die Künstlerarchive der Akademie der Künste
Eine Erwerbungsgeschichte

Mit 1.200 Einzelarchiven, die 12.000 laufende Regalmeter mit weitgehend unikalem Schriftgut füllen, 25.000 großformatigen Blättern Theatergrafik, 55.000 Bauplänen und 2.000.000 Fotografien, einer Kunstsammlung von 65.000 und der Plakatsammlung mit 40.000 Objekten sowie ihrer Bibliothek mit 550.000 Bestandseinheiten zählt das Archiv der Akademie der Künste zu den bedeutendsten Kunstarchiven im deutschen Sprachraum. In allen Kunstsparten wartet es mit prominenten Beständen auf, u. a. von Walter Benjamin, Elisabeth Bergner, Bertolt Brecht, Hanns Eisler, Walter Felsenstein, Günter Grass, George Grosz, John Heartfield, Helmut Käutner, Walter Kempowski, Imre Kertész, Käthe Kollwitz, Fritz Kortner, Heinrich Mann, Heiner Müller, Erwin Piscator, Hans Scharoun, Artur Schnabel, George Tabori, Bruno Taut, Christa Wolf, Konrad Wolf, Hans Zender und Bernd Alois Zimmermann. Aber nicht nur den großen Namen verdankt ein Archiv seinen Rang, sondern auch Beständen von besonderer archivischer Qualität. So enthalten die Nachlässe der weniger bekannten Autoren Carl Hauptmann oder Alexander Koval fulminante Korrespondenzen, so dokumentiert das Archiv des Regisseurs Fritz Wisten auf einmalige Weise den Jüdischen Kulturbund in Deutschland (1933 – 41), so belegt das Archiv Walter Kempowskis wie keine andere Quelle die schriftlich und fotografisch fixierten Lebensgeschichten der Deutschen im 20. Jahrhundert.

Den spartenübergreifenden Ansatz, der es von allen anderen Archivgründungen der Nachkriegszeit unterscheidet, verdankt das Archiv der Akademie. Die Künstlersozietät gliederte sich im Lauf ihrer über dreihundertjährigen Geschichte seit 1696 in sechs Sektionen auf: Bildende Kunst, Baukunst, Musik, Literatur, Darstellende Kunst, Film- und Medienkunst. Diese Struktur spiegeln sechs Archivabteilungen wider, zu denen das historische Verwaltungsarchiv, die Kunstsammlung mit 65.000 Arbeiten (zuzüglich der angegliederten Plakatsammlung mit 40.000 Exemplaren) sowie die Bibliothek mit 550.000 Bänden hinzukommen. Der spartenübergreifende Ansatz von Akademie und Archiv versteht Kunst als ein dialogisches Ensemble der einzelnen Kunstrichtungen. Diese Leitidee erweist sich gerade für die Zeit seit 1900, die den zeitlichen Rahmen der Personalarchive bildet und in der sich die Künste zunehmend wechselseitig durchdringen, als besonders fruchtbar. Auch die Sammelschwerpunkte sind spartenübergreifend:

  • Geschichte der Berliner Akademie der Künste seit 1696
  • Die Archive ihrer Mitglieder seit 1900
  • Künstler und kulturelles Leben in Berlin
  • Künstleremigration zur Zeit des Nationalsozialismus sowie – als Enklave in Deutschland – der Jüdische Kulturbund (1933 – 41)
  • Kunst und Kultur in der DDR
  • Archive von Künstlervereinigungen und –verbänden

Zum Künstlerexil während des Nationalsozialismus, zum Jüdischen Kulturbund sowie zur Kunst und Kultur in der DDR betreut das Akademiearchiv die größten Bestände überhaupt. Solche kulturgeschichtlichen Themen machen den Sinn des spartenübergreifenden Archivs ebenso anschaulich wie künstlerische Praxis, in der verschiedene Künste zusammenwirken. So sind die Opern „Johann Faustus“ oder „Das Verhör des Lukullus“ bzw. „Die Verurteilung des Lukullus“ genuin nur in beiden Sparten - im literarischen Archiv Brechts und in den Musikarchiven Eislers und Dessau - zu erfassen. (Die kulturpolitischen Diskussionen, die sie auslösten, sind darüber hinaus im Verwaltungsarchiv der DDR-Akademie dokumentiert.) So bildet für den Malik-Verlag der verlegerische Anteil Herzfeldes im Literaturarchiv mit dem buchgestalterischen John Heartfields und dem künstlerischen z. B. von George Grosz (beide in der Kunstsammlung und den Archiven der bildenden Kunst) eine Einheit. Auf der anderen Seite lässt sich die Theaterpraxis eines George Tabori von seiner literarischen Tätigkeit ebenso wenig trennen wie bei Heiner Müller oder wie Einar Schleefs literarisches Werk von seiner Theaterregie und bildnerischer Arbeit oder die Verflechtung literarischer und bildkünstlerischer Arbeit und Motive im Werk von Günter Grass.

Daß das Akademiearchiv heute die genannten, auch in ihren Übergängen schlüssigen Schwerpunkte besitzt, verdankt es weniger theoretischen Sammelkonzeptionen - so oft derlei Anstrengungen auch unternommen wurden – als einem wachen Umgang mit den jeweiligen Erwerbungsmöglichkeiten, deren Realisierung wiederum neue eröffnete. In dieser Hinsicht gleicht das Archiv eher einem Strom, in den Bäche und Flüsse münden, und den die Archivleitung am besten kanalisiert, wenn sie sich – um im Bild zu bleiben - die Intelligenz des Wassers zu eigen macht. 55 Jahre nach Einrichtung des ersten Künstlerarchivs wird hier eine Erwerbungsgeschichte des Gesamtarchivs vorgelegt. Freilich sind die Erwerbungen häufig zu komplex, um sie unter einem eindeutigen Datum zu fassen, wie es hier und im tabellarischen Anhang geschieht. Das Vertragsdatum ist in der Regel nicht mit dem der Übernahme identisch, die Jahre später (aber auch davor) erfolgen kann. Die erste Übernahme muß nicht die des größten Teils sein, ja, Übernahmen können sich über Jahrzehnte erstrecken. Ein anfängliches Depositum mag erst wesentlich später endgültig als Eigentum erworben werden. Zu einer Sammlung kann, wie bei George Grosz, erst 25 Jahre später der eigentliche Nachlaß dazukommen; wichtige Teilnachlässe – wie jüngst bei Brecht – können erst Jahrzehnte nach Übernahme des Hauptbestands auftauchen.


Die Künstlerarchive der DDR-Akademie 1950 bis 1966

Die Erwerbungsgeschichte der Personenarchive beginnt im Jahr 1950 mit einem für die Akademie in mehrfacher Hinsicht bedeutungsvollen Namen. Heinrich Mann war als ein herausragender Repräsentant der republikanischen Literatur seit 1926 Mitglied und seit 1931 Vorsitzender der Sektion für Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste gewesen. Im Februar 1933 wurde er das erste Opfer der nationalsozialistischen Gleichschaltung der Akademie; seinem politisch erzwungenen Ausschluß kam er – gemeinsam mit Käte Kollwitz – am 15. 2. 1933 durch Austritt zuvor. Im amerikanischen Exil hatte er sich 1949 bereit erklärt, nach Berlin zurückzukehren und Präsident der „Deutschen Akademie der Künste“ der DDR zu werden; er starb jedoch am 12. 3. 1950 noch in Los Angeles. Bereits am 16. 3. 1950 kam es – noch vor der offiziellen Gründung der Akademie am 24. 3. - zu einem Regierungsbeschluß, aufgrund dessen sich der Minister für Volksbildung, Paul Wandel, am 3. 4. 1950 an den Akademiepräsidenten Arnold Zweig wandte: „Ich halte es für dringend geboten, daß die Akademie der Künste sofort die Frage überprüft, wie wir durch eine geeignete Sammlung (Archiv u. a.) das literarische Erbe von Heinrich Mann verwerten können. Vielleicht wäre es zweckmäßig, daß die Akademie sich die Aufgabe stellt, die Gesamtausgabe der Werke von Heinrich Mann zu bearbeiten ...“
 
Die Gründung eines Archivs auf höchster politischer Ebene sollte es in der DDR noch öfter geben, so bei Johannes R. Becher, Bertolt Brecht und Helene Weigel, Ernst Busch, Hanns Eisler, Alfred Kurella, Martin Andersen-Nexö, Anna Seghers und Konrad Wolf. Ungewöhnlich blieb hingegen eine Archivgründung, ohne dass der künstlerische Nachlaß direkt verfügbar gewesen wäre. Den Grundstock des Heinrich Mann Archivs bildete zunächst eine – aus dritter Hand erworbene - Sammlung von Briefen Thomas Manns an Heinrich; mit der Übernahme des eigentlichen Nachlasses von der in Prag lebenden Tochter Leonie Mann konnte 1951 begonnen werden. Neben dem schriftlichen Archiv umfasste er auch die Nachlassbibliothek, die bis heute einen herausragenden Bestandteil der Akademie-Bibliothek bildet .

Die Archivgründung Heinrich Mann sollte der politischen Würdigung dienen, diese wiederum durch eine Edition erfolgen; die eigentliche archivarische Tätigkeit blieb dem zunächst untergeordnet. Die problematische Dominanz editorischer Arbeit über das Archiv, ein in der Archivgeschichte wiederkehrendes Phänomen, beschrieb ein akademieinternes Gutachten anhand des Heinrich Mann-Bestands im Jahr 1955: „Während aber im Verlaufe der Jahre die Ausgabe rasch voranschritt, wurde die Archivierung der durch die Tochter des Dichters übergebenen Bestände aus dem Nachlass vernachlässigt. Eine solche Feststellung ist für uns nicht unwichtig, denn die Vernachlässigung der Archivierung zugunsten der Edition zeigte sich auch später, als die Nachlässe Weinerts und Wolfs in die Betreuung der Akademie übergingen und stellt – die maßgeblichen Archiv-Wissenschaftler haben das immer wieder betont – einen entscheidenden Fehler dar. Eine Ausgabe (...) leidet stets darunter, wenn sie begonnen wird, bevor der Nachlaß geordnet vorliegt.“

Einen zweiten 1950 übernommenen Dichternachlaß, den Bettina von Arnims, gab die Akademie 1954 ans Goethe-Schiller-Archiv nach Weimar ab. Die DDR strebte eine verbindliche Aufgabenteilung an, wonach die Akademie für die Zeit ab 1900, Weimar für die Jahre von 1750 bis 1900  zuständig war; die Staatsbibliothek (Ost), ihrerseits für die Zeit vor 1750 zuständig, hielt sich allerdings nicht immer an diese Regelung. Das zweite, in der Akademie verbliebene Künstlerarchiv stammte erneut von einem Schriftsteller; die Literatur war und blieb im Osten (wie auch später im Westen) bei der Entwicklung des Gesamtarchivs bestimmend. Wie die meisten Künstler, für die in der Folge Archive eingerichtet wurden, war Friedrich Wolf  aufgrund seiner politischen Haltung ins Exil gegangen, danach in den sozialistischen deutschen Teilstaat zurückgekehrt und mit der Mitgliedschaft in der Akademie der Künste der DDR geehrt geworden. Das Archiv wurde rasch, noch in seinem Sterbejahr 1953, eingerichtet, und zwar zunächst privat von seiner Witwe im Wohnhaus des Dichters. Die Archivarbeit vor Ort erleichterte psychologisch eine bald nach dem Tod erfolgende Archivierung, ermöglichte den Zugang der Akademie zu den Beständen und bot auch die Gelegenheit für Mitwirkung und Einfluß der Angehörigen auf die Nachlasspflege, die dafür z. T. eigens honoriert wurden. Die Nachteile einer langsamen und weniger stringenten Archivierung wurden in Kauf genommen.

Die nächsten, 1955 in der Akademie eingerichteten, Mitglieder-Archive stammten von Erich Weinert und Bernhard Kellermann. 1956 begann die Arbeit am Nachlaß des im Vorjahr verstorbenen F. C. Weißkopf in dessen Wohnung. In Todesjahr Brechts 1956 begann Helene Weigel mit der Erschließung seines Nachlasses im gemeinsamen Haus in der Chausseestraße, wobei sie erfolgreich bestrebt war, den Einfluß der Akademie und des Staats zu begrenzen. (Erst nach ihrem Tod 1971 erfolgten Ministerratsbeschlüsse über die offizielle Einrichtung der Archive von Brecht und Weigel durch die Akademie.) Dem expressionistischen Dichter, Kulturminister der DDR und Präsidenten der Ost-Akademie (1953 – 56) Johannes R. Becher sprach der Ministerrat 1959, ein Jahr nach seinem Tod, ein Außenarchiv zu; auch der Nachlaß von Louis Fürnberg (1964) verblieb in seinem früheren Haus in Weimar. Weitere Mitgliedernachlässe folgten von Bodo Uhse (1963), Hans Marchwitza (1965), Willi Bredel (1966) und Alex Wedding (1966). Das mit dem Heinrich Mann-Archiv gesetzte hohe literarische Niveau konnten diese Nachfolge-Archive nicht immer halten; auch richteten sie das Spektrum des Gesamtarchivs verstärkt in Richtung der proletarisch-revolutionären Arbeiter- und der sozialistischen Aufbauliteratur nach 1945 aus.
 
Besondere Aufmerksamkeit erregten Archive, die aus der Bundesrepublik übernommen wurden, wie bei Leonhard Frank. Er war 1933 aus der Preußischen Akademie ausgeschlossen worden, Mitglied der DDR-Akademie, lebte aber in der Bundesrepublik. Der Archiv-Transfer von West nach Ost zu Lebzeiten 1960 bedeutete, ähnlich wie die Übernahme der Archive von Hans Jose Rehfisch aus München (1961), von Leo Weismantel aus Jugenheim (1966) und des 1969 in der Schweiz gestorbenen DDR-Akademie-Mitglieds Günther Weisenborn (1972) auch einen politischen Prestigeerfolg in der Konkurrenz des Kalten Kriegs. Ein Bestand mit internationalem Flair stammte von Martin Andersen Nexö, der nach dem Krieg - in seiner Heimat Dänemark weniger geschätzt - als Ehrenmitglied der Akademie in der DDR gelebt hatte. Ab 1956 wurde sein Nachlaß bearbeitet und 1980 an die Königliche Bibliothek Kopenhagen übergeben; eine Mikrofilm-Kopie verblieb in der Akademie.

Die Literaturarchive standen auch Nicht-Mitgliedern offen, die in der DDR gelebt hatten. Hierdurch kamen u. a. Nachlässe von Autoren hinzu, die schon vor 1933 renommiert gewesen waren, wie Rudolf Leonhard (1955), Hans José Rehfisch (1961) oder Egon Erwin Kisch (gest. 1948), dessen Originalnachlaß nach Archivierung und Verfilmung für die Akademie nach Prag weitergegeben wurde. Zu erwähnen ist auch der aus Agnetendorf stammende Teilnachlaß von Gerhart Hauptmann (1957), den nach der Wende die Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz erhielt. Der Nachlaß seines älteren, bereits 1921 verstorbenen Bruders Carl Hauptmann kam 1969 hinzu. Andere, meist kleinere Bestände, z. T. auch mit Kopien, richtete die Akademie für Antifaschisten ein, die während des Nationalsozialismus umgekommen waren, wie Erich Mühsam (Mikrofilm-Archiv der in Moskau befindlichen Originale, 1956) oder Kurt Rosenfeld (1958). Als die Literaturarchive auf ca. 40 Bestände angewachsen waren, strukturierte die Reform 1966/67 deren Arbeit um. Hatte bis dahin jedes Einzelarchiv seine eigenen Mitarbeiter, die sich um das Archiv, die zugehörige Bibliothek und deren wissenschaftlich-editorische Auswertung kümmerten, entstanden nun zwei übergreifende Arbeitsgruppen. Mit dem Anspruch eines zentralen „integrierten Archivs für die deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts“ konzentrierte sich die Arbeitsgruppe für Handschriften auf die Archivierung des Schriftguts. Die Arbeitsgruppe für Druckschriften begründete eine kohärente Gesamt-Bibliothek der Akademie und erstellte umfangreiche bibliographische Kataloge. Die Editionen sollten künftig von Archiv und Bibliothek personell getrennt erfolgen; die Werkausgaben von Andersen-Nexö, Johannes R. Becher, Bertolt Brecht, Herbert Jhering, Bernhard Kellermann, Heinrich Mann, Louis Fürnberg, Erwin Piscator, Anna Seghers, Friedrich Wolf, Erich Weinert, F. C. Weiskopf, Arnold Zweig u. a., waren ein wesentlicher und bleibender Teil der Akademiearbeit.

Die Sektion Darstellende Kunst gründete 1951 die Abteilung für Deutsche Theatergeschichte, die für ihre wissenschaftliche Arbeit umfangreiche, als Archive bezeichnete, systematische Sammlungen anlegte. Das „Archiv für deutsche Theatergeschichte“ sammelte Handschriften, Bühnengrafik, -fotos, Programmhefte, Kritiken und Autographen. Hieraus sind heute noch bestehende Sammlungen hervorgegangen: die Autographensammlung zum Theater, die Fotosammlung zum deutschsprachigen Theater, die Grafiksammlung zum Theater, sowie die „Sammlung zum deutschsprachigen Theater“ mit Programmheften, -zetteln und Kritiken. In diesen systematischen Rahmen wurden auch die erste kleinere personenbezogenen Bestände übernommen, die des 1943 hingerichteten Spielgruppenleiters Willy Schürmann-Horster 1960, das Archiv von Ilse Berend-Groa mit Materialien aus aus dem Exil in Odessa 1965. 1966 kamen post mortem die Archive des Theater- und Filmregisseurs Erich Engel sowie des Intendanten des Deutschen Theaters und Akademiemitglieds Wolfgang Langhoff hinzu. Neben dem theatergeschichtlichen Archiv wurde 1952 bis 55 auch ein Film-Archiv geführt.

Die Sektion für Bildende Kunst erwarb seit der Gründung der Akademie Kunstwerke, so bereits 1950 die 36 Bronzebüsten des Juli-Parlaments von Daumier und in der Folge insbesondere Werke von Akademiemitgliedern. Aus der 1955 eingerichteten Litho- Druckwerkstatt – 1977 folgte eine Radier-Werkstatt - erhielt die Kunstsammlung jeweils einen Belegdruck. 1958 erfuhr sie eine wesentliche Erweiterung, als die Sowjetunion Teile der Kunstsammlung der Preußischen Akademie, die die Trophäenkommission der Roten Armee bei Kriegsende nach Moskau verbracht hatte, an die Akademie der Künste der DDR übergab. Damit stand auch ein herausragender historischer Bestand mit Schwerpunkten bei Chodowiecki, Schadow und Blechen zur Verfügung. Mit dem Teilnachlaß von Hella Sasse hielt 1963 der erste zusammenhängende Bestand Einzug, der Werke und Schriftgut enthielt. Seit 1950 sammelte die Sektion für Bildende Kunst auch Fotos sämtlicher nachweisbarer Werke der Akademiemitglieder und anderer wichtiger Maler sowie Fotos der Künstler und Kunstausstellungen. Heute umfasst dieser inzwischen historische Bestand ca. 75000 Aufnahmen. Ebenfalls 1950 wurde, um die Kulturpolitik der DDR zu dokumentieren, eine Plakatsammlung eingerichtet; seit den siebziger Jahren verlagerte sich deren Schwerpunkt auf Theaterplakate; heute umfasst die Sammlung ca. 40.000 Exemplare.

Die Sektion Musik führte ab 1951 ein „Volkslied-Archiv“, das sie 1955 ans Institut für Volksliedforschung weitergab; seit betreute 1956 sie das Arbeiterliedarchiv - eine umfangreiche Sammlung von politischem Liedgut, in der Regel Druckschriften, seit 1840. Außerdem sammelte sie einzelne Autographen und Aufführungsmitschnitte von Akademiemitgliedern. Als erstes Personenarchiv wurde 1963 auf Beschluß des Ministerrats der Nachlaß des Akademiemitglieds Hanns Eisler eingerichtet. Ein dritter, ebenfalls separat geführter Bestand, entstand ab 1965 mit dem sog. Paul Robeson-Archiv, einer Sammlung über den schwarzamerikanischen „antiimperialistischen“ Sänger.

Die Archive der West-Akademie von 1956 bis Ende der siebziger Jahre

Vier Jahre nachdem die DDR die „Deutschen Akademie der Künste“ gegründet hatte, trat 1954 das Gesetz zur Gründung der „Akademie der Künste“ in Kraft. Der föderalen Kulturhoheit der Bundesrepublik entsprechend, war sie eine vom Land Berlin getragene Einrichtung, deren Mitglieder die Freiheit und Unabhängigkeit der Kunst und die staatsferne Autonomie in ihre Satzung schrieben. Die konstituierende Sitzung Anfang Februar 1956 statt. Auch im Westen kam der Impuls zur ersten Archiverwerbung kurz nach der Gründung und ebenfalls von außen, hier aus dem universitären Bereich. Die Befürchtung, der Nachlaß von Georg Kaiser könne an die DDR-Akademie gehen, trug wesentlich zur raschen Entscheidung im September 1956, das Georg Kaiser-Archiv einzurichten, bei. Hier war das Ziel einer Edition der wesentliche Antrieb der Erben. Georg Kaiser war 1933 aus der Preußischen Akademie ausgeschlossen worden, doch galten die frühen expressionistischen Erfolge des 1945 im Schweizer Exil Gestorbenen im Nachkriegsdeutschland nicht allzu viel. So stieß die Idee, ein umfassenderes Akademie-Archiv nach ihm zu benennen, auf massive Abwehr der Akademiemitglieder. Zugleich geriet das Akademiearchiv, das 1958 mit einem Kopientausch zwischen Kaiser und Brecht eine gute Arbeitsbeziehung zum Ostarchiv begründete, im selben Jahr in offene Konkurrenz mit der Deutschen Schillergesellschaft, die 1955 in Marbach das „Deutsche Literaturarchiv“ gegründet hatte. Im Unterschied zur geregelten Zuständigkeit der DDR-Archive wurde innerhalb der Bundesrepublik lediglich der erste Zugang zu verschiedenen Archivgebern abgesprochen.

Insgesamt tat sich die West-Akademie mit ihrem Archiv schwer, dem mit dem 1945 in den Westteil der Stadt gelangten Archiv der Preußischen Akademie von Anfang an ein kulturgeschichtlicher Schatz ersten Ranges zur Verfügung stand. Merkwürdigerweise nützen die Akademie und ihr Archiv in den fünfziger und sechziger Jahren diesen Bestand so gut wie nicht. Erst die kritische Auseinandersetzung mit der Akademiegeschichte in Inge Jens’ Buch „Dichter zwischen rechts und links. Die Geschichte der Sektion für Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste“ (1971) und die Archiv-Ausstellungen „Theater im Exil“ (1973) und „Bücherverbrennung“ (1983) öffneten der Akademie einen Zugang zu ihrer Geschichte. Bezeichnend war auch der Umstand, daß das neue Akademie-Gebäude am Hanseatenweg 1958/59 zunächst keine Archivräume vorsah und hierfür Werkstätten und Lager umgewidmet werden mußten.

Für die Bibliothek legte der Kauf der 12.000 Bände umfassenden Gelehrtenbibliothek von Conrad Muschler im Jahr 1958 einen gewichtigen Grundstock, denen später u. a. größere Nachlassbibliotheken von Walter von Molo und Ludwig Berger folgten. Die Einwerbung literarischer Archive kam erst ab 1962 wieder in Gang und folgte zwei unterschiedlichen Richtungen. Auf der einen Seite standen Autoren des Expressionismus, an deren Wiederentdeckung das Akademiearchiv beteiligt war. In der Regel waren sie ins Exil gegangen. Auf der anderen Seite die Mitglieder der Nachkriegsakademie West, die in der Regel in Deutschland geblieben waren. Die ersten expressionistischen Bestände konnten, auch wegen der durch Nationalsozialismus bzw. Exil beeinträchtigten Überlieferung , häufig nur in kleinerem Umfang als sog. Sammlung, übernommen werden. In dieser Linie stehen die Sammlungen Paul Gurk (1959), Walter Rheiner (1961), Alfred Wolfenstein (1962), Theodor Däubler (1964), Paul Kornfeld, Paul Zech und Arno Holz (1966) sowie Mynona (1969). Oft war eine in Aussicht gestellte Ausstellung der Anreiz, die Materialien zu übergeben. In dieses geschickt aufgebaute Beziehungsnetz fügten sich auch große und gewichtige Archivbestände exilierter Autoren wie das Ödön von Horvath-Archiv (1962), das aus rechtlichen Gründen 1986 wieder abgegeben werden musste, und das Carl Einstein-Archiv (1962) sowie ebefalls 1962 folgte das Archiv des 1930 verstorbenen Naturalisten Julius Hart. Die Grenze der Literatur zur Theaterkritik überschritten die beiden wichtigen Exil-Archive von Alfred Kerr (1960) und Julius Bab (1962).

Die Archive der Akademie-Mitglieder, die allesamt während des Nationalsozialismus in Deutschland geblieben waren, hatten unterschiedliches literarisches Gewicht: Ferdinand Bruckner (1961) dieser bedeutende Bestand schlug ebenfalls die Brücke zum Theater, Wolfgang Goetz (1961), Walter von Molo (1964), der schon Mitglied der Preußischen Akademie gewesen war, Gerhart Pohl (Beginn der Übernahme mit einer Ausstellung 1967) und Bonaventura Tecchi (1969). Damit endeten erst einmal die literarischen Zugänge des West-Archivs und setzen erst 1979 wieder ein. Die Gründe hierfür sind vielgestaltig. Im Lauf der sechziger Jahre gaben in der Akademie die Mitglieder der Gruppe 47 immer stärker den Ton an, worauf sich die älteren Autoren, auch als potentielle Archivgeber, zurückzogen. Außerhalb Berlins hatte die ursprünglich auf den süddeutschen Raum konzentrierte Deutsche Schillergesellschaft in Marbach, die seit 1955 das Deutsche Literaturarchiv betrieb, ihre Erwerbungstätigkeit geschickt ausgeweitet. Währenddessen entstand zudem ein eigener Markt für Schriftsteller-Archive. Auf diesen mochte sich die Akademie, die ihre operativen Mittel ausschließlich für Ausstellungen, Veranstaltungen und Publikationen einsetzte, nicht einmal ansatzweise begeben.

Das Akademiearchiv wich auf das Theater aus, wo neben den Kritikerarchiven von Kerr und Bab die 1962 erworbene umfassende Programmheft- und Kritikensammlung des Theaterenthusiasten Wilhelm Richter einen breiten Materialfundus für die Zeit ab 1900 gelegt hatte. Diese, auch Filmkritiken umfassende Sammlung führte das Archiv weiter. In den siebziger Jahren entstand, beginnend mit Heinz Hilpert und Heinz Tietjen (1970), aus den Mitgliedernachlässen ein bedeutendes Theaterarchiv. Die Archive exilierter Regisseure und Darsteller - Ludwig Berger (1970), Fritz Kortner und Erwin Piscator (1971), Ernst Deutsch (1972) und Leonhard Steckel (1973) – kulminierten in der großen Ausstellung „Theater im Exil“ im Herbst 1973. Die Mitgliedernachlässe von Mary Wigman (1973), Jürgen Fehling (1974), Elsa Wagner (1975) sowie Käthe Dorsch und Tilla Durieux (1977) setzten den Zuwachs fort, der gegen Ende der siebziger Jahre zurückging. Ein Grund hierfür lag im Personalbestand des West-Archivs, das Mitte der siebziger Jahre mitsamt der Bibliothek gerade dreieinhalb Planstellen umfaßte, mit denen es auch eine umfangreiche Pressedokumentation führte. Die personellen Ressourcen, die schon für die Archivierung des Vorhandenen nicht ausreichten, schienen der Einwerbung neuer Bestände nicht mehr gewachsen zu sein.

Aus diesem Grund blieb auch der Aufbau der Archive in der Musik und der Bildenden Kunst fragmentarisch. 1968 und 1972 wurden die Mitgliedernachlässe der Komponisten Gerhart von Westerman und Heinz Tiessen, 1976 der erste Teilnachlaß des Dirigenten und Pioniers der elektronischen Musik Hermann Scherchen übernommen. Für die Bildende Kunst war 1967 das umfangreiche Käthe Kollwitz-Archiv von besonderer Wichtigkeit, auch deshalb, weil Kollwitz gemeinsam mit Heinrich Mann 1933 die Preußische Akademie hatte verlassen müssen. Ebenfalls 1967 kam die „Sammlung Fidus“ hinzu, und im gleichen Jahr legte ein kleine Sammlung zu George Grosz einen Grundstein, der erst viel später zum Tragen kommen sollte. Als ähnlich kluge Zukunftsinvestition erwies sich die 1963 angelegte Sammlung Lovis Corinth, die den großen Namen des Mitglieds der Preußischen Akademie mit dem Archiv verband.

Archive zur Baukunst sammelte die Akademie schon seit 1958. Sie gehörten jedoch personell, räumlich und organisatorisch nicht zum zentralen Archiv, das alle anderen Kunstsparten betreute, sondern zur Mitglieder-Abteilung Baukunst. Hugo Häring hatte der Akademie seinen umfangreichen Nachlaß vermacht, diese übernahm ihn 1958 mit der Verpflichtung, sein nachgelassenes Werk „Das neue Bauen“ zu publizieren. Dieser Begriff benennt einen der Schwerpunkte der Architekturarchive, eine Spielart der Moderne, die sich vom Bauen in rein kubischen Formen absetzte. Insbesondere der 1960 übernommene Nachlaß von Bruno Taut – er war 1934 aus der Preußischen Akademie ausgeschlossen worden und 1938 gestorben – und der Nachlaß des ersten Präsidenten der West-Akademie Hans Scharoun, sind dieser Richtung zuzurechnen.

In schöner Regelmäßigkeit gingen in den Folgejahren weitere Nachlässe als Schenkungen ein, von August Endell (1963), Adolf Rading (1965) und dann - lauter Mitgliederarchive - von Werner Hebebrand (1968), Hans Scharoun (1972), Max Taut, Wassili Luckhardt (mit den Arbeiten seines 1954 verstorbenen Bruders Hans), von Heinrich Lauterbach (alle 1973) und Richard Döcker 1974. Sie stehen auch für eine Kontinuität des Bauens in Deutschland seit den zwanziger Jahren. 1975 kam die Sammlung Martin Wagner hinzu, des Stadtbaurats, der am 15. 2. 1933 als dritter Aufrechter aus Protest aus der gleichgeschalteten Preußischen Akademie ausgetreten war.

Mitte der siebziger Jahre brachen die Erwerbungen der Baukunst ab. Ein Grund hierfür war wohl das Scheitern der Mendelssohn-Erwerbung. Die Kunstbibliothek kaufte den Nachlaß, weil die Akademie, der Ankäufe fremd blieben, die Summe nicht bereitzustellen vermochte. Eine andere Ursache war ein Versuch des Abteilungssekretärs, die Akademiebestände in die Gründung eines Berliner Architekturarchivs zum 20. Jahrhundert einzubringen. Nicht zuletzt behinderte aber ein personeller Engpaß schon die Archivierung des Vorhandenen. Der Sekretär der Abteilung Baukunst allein vermochte die Doppelaufgabe von Veranstaltungen und Mitgliederbetreuung auf der einen und Erwerbung und Archivierung von Nachlässen auf der anderen Seite nicht zu leisten.


Die Ost-Archive von 1967 bis zur Gründung der nationalen Forschungs- und Gedenkstätten 1985

Nach der Strukturreform des Jahres 1967 beschäftigten die Archive und die Bibliothek der DDR-Akademie 47 Mitarbeiter. Die Zentralisierung erfolgte jedoch nur bei der Literatur, die weiterhin auch die Außenarchive von Brecht, Becher, Ehm Welk und Friedrich Wolf betreute. In den anderen Kunstsparten blieben die Einzelarchive direkt den Mitglieder-Sektionen zugeordnet und hatten jeweils ihre eigenen Mitarbeiter. Dieses änderte sich erst mit Gründung der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten 1985.

Die Literaturarchive bauten ihre Bestände in den sechziger Jahren zielstrebig aus; sie hatten in der DDR ein Monopol und waren seit dem Mauerbau auch vor etwaiger Abwanderung sicher. (Erst nach der Biermann-Ausbürgerung 1976 und den nachfolgenden Ausreisen rückten alternative Archivstandorte wieder in den Bereich des Möglichen.) Im Zentrum standen weiterhin Akademiemitglieder, die aus dem Exil zurückgekehrt und in der DDR verstorben waren. 1967 begann die Archivierung des Nachlasses von Ehm Welk in dessen Wohnung in Bad Doberan, 1969 erhielt Kurt Barthel ein Außenarchiv in Rostock-Warnemünde. 1969/70 sprach der Ministerrat dem ersten Akademiepräsidenten Arnold Zweig eine Gedenkstätte mit Außenarchiv zu. Zum nach Helene Weigels Tod gleichfalls aufgrund von Ministerratsbeschlüssen (1971) geführten Brecht-Weigel-Archiv kamen mit den Nachlässen von Elisabeth Hauptmann (1974) und Ruth Berlau (1975) wichtige Bestände zu Brecht hinzu; die Brecht-Weigel-Gedenkstätte eröffnete schließlich 1978. Der Ministerrat verfügte 1975 das Alfred Kurella-Archiv; weitere Mitgliederbestände stammten von Bruno Apitz 1980, Paul Rilla 1983, Max Zimmering 1983 und Erich Arendt 1984. Ebenfalls 1984 beschloß der Ministerrat, die Anna Seghers-Gedenkstätte mit Außenarchiv einzurichten. 1985 vermachte Wieland Herzfelde der Akademie seinen Nachlaß; mit ihm kam dann 1988 ein umfassender Bestand der bekannten Malik-Bibliothek in die Akademie, deren Buchbestände die Bibliothek Jung-Alsen (1975) mit einer Vielzahl rarer Expressionismus-Drucke bereicherte.

Um die Archivfrage schon zu Lebzeiten zu regeln, hatten Künstler wie Arnold Zweig, F. C. Weiskopf, Willi Bredel, Johannes R. Becher, Erich Weinert, Hanns Eisler Erbverträge mit der Akademie geschlossen. Einen direkteren Weg ging das Akademiemitglied Franz Fühmann; der 1922 Geborene übergab von 1966 an jeweils nach Fertigstellung seiner Bücher die zugehörigen Manuskripte. Er war der erste Literat im Archiv, der als Kind bzw. Jugendlicher im nationalsozialistischen Deutschland gelebt hatte. Noch jünger kam der 36jährig verstorbene Uwe Gressmann, ein Außenseiter des DDR-Literaturbetriebs, hinzu, dessen Nachlaß die Akademie 1971 vom Schriftstellerverband übernahm, der auch schon das Archiv von Rudolf Leonhard weitergegeben hatte. Die Sowjetunion trat beim Teilnachlasses von Walter Benjamin, den die Gestapo in Paris beschlagnahmt hatte und der 1945 nach Moskau verbracht worden war, als Archivgeber auf; über Potsdam gelangte der Bestand 1972 an die Akademie über. Die Sowjetunion stellte 1983 auch ein Kopienarchiv von Maxim Gorki zur Verfügung. Nach den Archivübernahmen, die bis dahin stets als Schenkung bzw. in Ausnahmefällen wie Brecht, Eisler oder Felsenstein als Deposita erfolgten, fällt in den Jahren 1978 bis 80 eine Reihe von Ankäufen ins Auge, darunter eine Sammlung Georg Heym und das 1979 in der Bundesrepublik erworbene Hans Fallada-Archiv. Neben einer größeren Zahl von Schriftstellern des sozialistischen Aufbaus, deren Ruhm eher auf die DDR beschränkt blieb, betreute das Archiv damit eine ganze Reihe von Autoren, die im gesamten deutschen Sprachraum und auch international bekannt waren: Becher, Benjamin, Brecht, Fallada, Hauptmann, Heinrich Mann, Seghers, Herzfelde, Friedrich Wolf und Arnold Zweig.

Zusätzlich zu ihrer umfangreichen systematischen Sammeltätigkeit seit Anfang der fünfziger Jahre, dokumentierte die Sektion Darstellende Kunst ab 1967 den Entstehungsprozeß nahezu aller wichtigen Inszenierungen der DDR mit eigens gefertigten Protokollen und Fotoaufträgen; die Methode folgte Brechts Modellbüchern und der Felsensteinschen Regiedokumentation. Die Dokumentation ging 1972 auf den Verband der Theaterschaffenden über, wurde 1994 in die vereinte Stiftung Archiv der Akademie der Künste zurückgeholt und umfaßt heute mehr als 1300 Inszenierungen. Aufgrund des Vertrauens, das die Theater in die wissenschaftliche Archivtätigkeit gefasst hatten, baute die Mitgliedersektion Darstellende Kunst ab 1967 einen umfangreichen Fundus von Personalarchiven auf. Erstaunlich sind die vielen Archiven zu Lebzeiten, auch von relativ jungen Künstlern; diese Art der Erwerbung hatte bereits hier ihre erste prägnante Ausprägung. Das Akademiemitglied Maxim Vallentin übergab 1968 zu Lebzeiten sein Archiv u. a. mit Materialien zum künstlerischen Exil in der Sowjetunion. Sowjetisches Exil und das Theater der Weimarer Republik umfasste der Nachlaß des Regisseurs und Autors Gustav von Wangenheim (1976). 1972 richteten die Akademiemitglieder Manfred Wekwerth, Lilo Gruber und - extern in der Komischen Oper - Walter Felsenstein Archive zu Lebzeiten ein, und auch Walter Ihering fixierte sein Vermächtnis, das dann 1977 in Kraft trat. Mitglieder-Archive kamen zu Lebzeiten auch vom Filmregisseur Kurt Maetzig (1973) und vom Theaterwissenschaftler Ernst Schumacher (1977). 1981 verfügte der Ministerrat ein Außenarchiv für das verstorbene Akademiemitglied Ernst Busch, ebenfalls 1981 kam es zur Vereinbarung mit der Choreographin und Tänzerin Palucca über ein Mitgliederarchiv, das 1991 übernommen wurden. Der Sprung in die jüngere Generation gelang mit den Archiven zu Lebzeiten von Frido Solter (1980), Alexander Lang (1983), Peter Konwitschny (1986) und der Sammlung Volker Pfüller (1985). Sylta Busses Bühnenbildarchiv wurde noch zu Lebzeiten1985 eingerichtet, das große Archiv des Akademiemitglieds und Bühnenbildners Karl von Appen (1985) post mortem.

Im Sterbejahr des Akademiepräsidenten Konrad Wolf 1982 regelte ein Ministerratsbeschluß sein Archiv, dem er noch zu Lebzeiten zugearbeitet hatte. Die Bestände zum Film gehörten - bis zur Ausgliederung einer eigenen Archivabteilung Film 1999 – weiterhin zur Darstellenden Kunst, deren Mitgliedersektion auch die Filmemacher umfaßte. Mit größerem Abstand zum Sterbejahr waren 1967 das Archiv des 1946 verstorbenen Moskauer Exilanten Heinrich Greif, 1972 des ehemaligen Dresdner Intendanten Alfred Reucker (gest.1958), der beherzt gegen den Nationalsozialismus eingetreten war, sowie 1979 des früheren Intendanten der Staatsoper Unter den Linden Ernst Legal (gest. 1955) übernommen worden.

Bei den Musikarchiven kamen 1970/71 zum Eisler-Archiv vier weitere Personalarchive jüngst verstorbener Mitglieder hinzu: von Rudolf Walter-Régeny, der auch Mitglied der West-Akademie gewesen war, von Ottmar Gerster, Leo Spies und Fidelio Finke. Die Mitgliederarchive Jean Kurt Forest und Max Butting folgten 1976 bzw. 1979, weitere Erwerbungen kamen bis 1985 nicht zustande.

Die Bestände zur Bildenden Kunst bereicherte 1969 nachhaltig der künstlerische Nachlaß von John Heartfield, der die Gesamtheit seines Collagewerks und sein schriftliches Archiv umfasste. Beides wurde zunächst in der Wohnung Heartfield als Einheit behandelt; der Primat kam dabei dem bildkünstlerischen Werk zu. Den Nachlaß von Max Lingner betreute ab 1968 ein Außenarchiv. Weitere Kunstgut-Nachlässe wurden von den Mitgliedern Rudolf Bergander (1972), Bert Heller (1975) und Will Lammert (1979), Kunst- und Schriftgutnachlässe von Lea Grundig (1980, zusammen mit dem Nachlaß ihres Mannes Hans Grundig) sowie Klaus Wittkugel (1983) übernommen. Hinzu kamen Bestände von Künstlern, die keine Akademiemitglieder bzw. vor der Akademiegründung Ost verstorben waren: 1970 Heinrich Vogeler (gest. 1942 in der Sowjetunion), 1974 Robert Sterl (Mitglied der Preußischen Akademie, gest. 1932) sowie 1973 Oskar Nerlinger und Alice Lex-Nerlinger. Eine Schenkung im Jahr 1985 brachte einen Werk-Teilnachlaß von Paul Eliasberg aus Hamburg in die Kunstsammlung.


Die West-Archive von 1980 bis zur Akademievereinigung 1993

Bei der programmatischen Trennung von Akademie und Staat war es ungewöhnlich, aber segensreich, dass das Eingreifen des Landes Berlin die Stagnation überwand, in die die Literaturarchive der West-Akademie nach 1969 geraten waren. Der Literaturreferent der Berliner Kulturverwaltung schloß Verträge zugunsten der Akademie und akquirierte auch die hierfür erforderlichen Mittel von beträchtlichem Umfang; das Land Berlin wurde zum wichtigsten Dauer-Leihgeber der Akademie. Dieses kam beiden Erwerbungslinien zugute. Die Literatur des Expressionismus und der zwanziger Jahre verstärkten der schwedische Nachlaßteil von Kurt Tucholsky, das Archiv des Kriminalschriftstellers Hans Hyan (beide 1979), die Nachlässe des 1933 ins Exil getriebenen Walter Mehring (1982) sowie des Autors Erik Reger (1986) und eine Briefsammlung Gottfried Benn (1987), der als Mitglied der Preußischen Akademie an deren Gleichschaltung unrühmlich beteiligt und auch Mitglied der West-Akademie gewesen war. Die Mitglieder-Archive führte das - zu Lebzeiten 1985 eingerichtete - Archiv von Hans Werner Richter fort. Als Gründer und Leiter der Gruppe 47 bot Richter den Anknüpfungspunkt für weitere Archive dieser literarischen Gruppierung, die seit den fünfziger Jahren das literarische Geschehen der Bundesrepublik dominiert und auch die Literaturabteilung der Akademie seit den sechziger Jahren bestimmt hatte. Beim Nachlaß von Peter Weiss verbanden sich Akademiemitgliedschaften (West und Ost), Zugehörigkeit zur Gruppe 47 zusätzlich mit der Exilerfahrung in Schweden.

Kooperationen mit den Mitgliederabteilungen ermöglichten es, die neu gewonnenen Autorenarchive in großen wegweisenden Ausstellungen erstmals der Öffentlichkeit bekannt zu machen. „Dichter und Richter. Die Gruppe 47 und die deutsche Nachkriegsliteratur (1988) stellte das Hans Werner Richter-Archiv vor, die Peter Weiss-Ausstellung präsentierte 1991 den Au-tor, Maler und Theatermann. Unter den Architektur-Ausstellungen sei die über Hans Scharoun (1993) hervorgehoben. Ende der achtziger Jahre erwarb auch die Akademie selbst wieder zeitgenössische Literaturarchive, und zwar zwei gewichtige Mitglieder-Archive zu Lebzeiten. Das eine von Wolfgang Hildesheimer (1988), auch mit Unterlagen zu seinem Exil in Palästina und London, das andere vom ehemaligen Akademiepräsidenten Günter Grass (1991), der zu diesem Zeitpunkt aus der Akademie ausgetreten war – ein Beleg dafür, wie das Archiv in bestimmten Fällen auch ein Korrektiv zur Mitgliedschaft bilden kann.

Die deutschen Autoren des Expressionismus und der zwanziger Jahre hatten in der Regel in Berlin als kulturellem Zentrum dieser Epoche gelebt. Nach dem Krieg verlor zumindest der Westteil der Stadt diese Position, der Sammelschwerpunkt Berlin erhielt einen stärker lokalen Bezug, beim schon erwähnten Erik Reger, der nach dem Krieg Herausgeber des Tagesspiegel war, bei den Archiven Beheim-Schwarzbach und Burschell (1984), des Übersetzers Alexander Koval (1986) und der Autorinnen Ingeborg Drewitz (1988) und Annemarie Weber (1991) sowie beim - erneut vom Land Berlin erworbenen - Archiv von Wolfdietrich Schnurre (1991). Insgesamt hatten neben wichtigen Beständen zum Expressionismus und den zwanziger Jahren wie Georg Kaiser, Carl Einstein, Ferdinand Bruckner bis zur Vereinigung der Archive 1993 auch bekannte Autoren der Nachkriegszeit - H. W. Richter, Peter Weiss, Günter Grass, Wolfgang Hildesheimer u. a. – ihren Weg ins Westarchiv gefunden.

Die Darstellende Kunst erhielt bis Mitte der achtziger Jahre weitere Mitglieder-Nachlässe, 1980 Helmut Käutner, 1982 Carl Ebert, in dichterer Folge dann ab Mitte der achtziger Jahre Leopold Lindtberg (1985), Werner Hinz (1985) und von der Ausdruckstänzerin Mary Wigman (1986). Eine zweite Wissenschaftler-Stelle (neben der des Archivleiters) im West-Archiv verstärkte ab 1980 insbesondere die Theaterkompetenz. Das kam einer breiteren, auch über die Mitglieder hinausgehenden Erwerbungstätigkeit zugute, bei den Schauspieler-Archiven Willy Trenk-Trebitsch (1983), der Sammlung Harry Meyen/Romy Schneider (1984), den Archiven von Theo Lingen und Kurt Meisel (beide 1990), Falk Harnack (1991), Brigitte Horney (1992) und Käthe Braun (1993). Zwei insbesondere für die Berliner Theatergeschichte wichtige Mitgliederbestände kamen mit dem Nachlaß Ernst Schröders (1992) und, zu Lebzeiten, vom langjährigen Nachkriegsintendanten Boleslaw Barlog (1993) hinzu. Berliner Theatergeschichte hatte auch der Kritiker Friedrich Luft (1991) geschrieben. Das Theater der Vorkriegszeit dokumentierten das Archiv des exilierten Regisseurs Rudolf Bernauer (1980) und die Sammlung zur im sowjetischen Exil umgekommenen Schauspielerin Carola Neher (1985) sowie der Teilnachlaß Leopold Jessner (1986). Den Bogen vom Berlin der zwanziger Jahre über das Exil bis in die Nachkriegszeit schlug das Mitgliederarchiv von Elisabeth Bergner (1989). Durch den vom Land Berlin erworbenen Nachlaß des Dramaturgen und Autographensammlers Carl Werckshagen (1987), eine Bühnenbildsammlung zu Lebzeiten von Wolfgang Roth (1989) und den Nachlaß des Tänzers und Choreographen Gerhard Bohner (1993) waren auch andere Bereiche der Darstellenden Kunst vertreten.

Mit den kleineren Nachlässen des Kabarettisten Erich Lowinski (Elow, 1978) und der Grotesktänzerin Valeska Gert (1982) wuchs ein  Bestand zu Kabarett und Unterhaltungskunst der Weimarer Republik heran. Hierzu zählen insbesondere die Komponistenarchive von Friedrich Hollaender (1985) und Mischa Spoliansky (1990), die aus den Exilorten Los Angeles und London geholt wurden, sowie der Operettenkomponist Jean Gilbert (1985). Ungeahnte Folgen hatte die Nachlaß-Übernahme Fritz Wisten 1987, mit der erstmals Unterlagen des Ost-Berliner Theaters (Intendanz des Theaters am Schiffbauerdamm und der Volksbühne am Luxemburgplatz) ins West-Archiv kamen. Das im Bestand enthaltene Verwaltungsarchiv des Jüdischen Kulturbunds in Deutschland (1933 – 41), das Wisten als sein letzter künstlerischer Leiter heimlich gerettet hatte, erlaubte eine weltweite Recherche nach überlebenden Künstlern dieser volksbühnenartigen Vereinigung. Hieraus ging die erste große, 1992 realisierte Ausstellung über den Jüdischen Kulturbund in Deutschland hervor, der bis 1941 unter der Kontrolle der Gestapo mit Theateraufführungen, Konzerten, Lesungen, Kabarett, Kindertheater und Filmprogrammen ein jüdisches Kulturleben entwickelt und behauptet hatte. Die Recherchen führten zu über 70 meist kleineren Archiven, die gemeinsam mit dem Wisten-Archiv die Geschichte und die Künstler des Jüdischen Kulturbund in Deutschland dokumentieren. Größere Bestände stammten vom Gründer und Intendanten des Kulturbunds, Kurt Singer (1990), vom Sänger Werner Seelig-Bass und der Musikkritikerin Anneliese Landau (1993).

Erst neun Jahre nach dem Nachlaß von Karl Otto (1977) setzten bei den Baukunst-Archiven wieder die Erwerbungen ein, ab 1989 auch dadurch gefördert, dass dem Abteilungssekretär erstmals ein wissenschaftlicher Baukunst-Archivar zur Seite stand. 1992 ging dann die sog. Sammlung Baukunst aus der Zuständigkeit der Mitgliederabteilung in die Verantwortung des Gesamtarchivs über. Nach Paul Baumgarten (1986) folgten in dichter Folge weitere Mitglieder-Archive, vom Akademiepräsidenten und Architekten des Hanseatenwegs Werner Düttmann (1988), Bernhard Pfau (1989), Bernhard Hermkes und Walter Rossow (beide 1991). Mit dem Archiv von Harry Rosenthal (1989) kam ein Emigrantenbestand, mit Paul und Jürgen Emmerich und deren Partner Paul Mebes (1993) ein Berliner Architektenbestand außerhalb der Akademiemitgliedschaft hinzu.

Die neue Stelle eines wissenschaftlichen Archivars im Jahr 1989 erlaubte auch der Musik erstmals eine stringente Erwerbungstätigkeit, so der Mitgliedernachlässe des Kritikers Hans Heinz Stuckenschmidt und des Komponisten und Chorleiters Hans Chemin-Petit. Den endgültigen Durchbruch brachte die Schenkung des Mitgliedernachlasses von Bernd Alois Zimmermann, des Komponisten der „Soldaten“, ebenfalls im Jahr 1989. 1990 vermachte der damalige Akademiepräsident Giselher Klebe sein Archiv der Akademie. Das Archiv zu Lebzeiten des Mitglieds Frank Michael Beyer schloß sich gleichfalls 1990 an, der Nachlaß des vormaligen Akademiepräsidenten Boris Blacher 1991. Mit Bertold Goldschmidt kam 1991 ein wichtiges Emigrantenarchiv zu Lebzeiten aus London. Bereits im Zeichen der Akademieannäherung Ost und West gelangte 1992 aus den Händen von Ruth Berghaus das Archiv Paul Dessaus in die West-Akademie - auch er, vor seiner Rückkehr ins sozialistische Deutschland, ein jüdischer Emigrant des Jahres 1933.

Wo allerdings, wie bei der Bildenden Kunst, weiterhin kein Fachpersonal zur Verfügung stand, blieben die Erwerbungen sporadisch. Auf den Mitgliedernachlaß Hans Richters (1982), dem Pionier des Experimentalfilms, folgte 1991 der – aus Mexiko übernommene - Exilnachlaß des Herausgebers der Zeitschrift „Das Kunstblatt“, Paul Westheim. Bis zur Akademie-Vereinigung1993 war der Stellenplan des West-Archivs auf 12 feste Positionen angewachsen. Auch das Historische und Verwaltungsarchiv war seit 1991 zunächst mit Projektmitarbeitern, dann mit einem ständigen wissenschaftlichen Archivar besetzt, so daß die systematische Erschließung des gewaltigen Archivs der Preußischen Akademie beginnen konnte – eine Voraussetzung für das 300jährige Akademiejubiläum im Jahr 1996.

Die Ost-Archive von 1986 bis zur Archivvereinigung 1993

Die 1985 gegründeten „Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der DDR für deutsche Kunst und Literatur des 20. Jahrhunderts“ umfassten einerseits die Forschungsabteilungen der DDR-Akademie, andrerseits bildeten erstmals alle Archive, Sammlungen und Bibliotheken eine eigene Organisationseinheit. Den Arbeitszusammenhang von Archiven und Bibliothek förderte ein Archivneubau am Robert Koch-Platz 10 nachhaltig. Ab 1988 beherbergte er die Archive der Literatur, Darstellenden Kunst und Musik, das Verwaltungsarchiv und die Zentralbibliothek, deren Nutzer alle erstmals eine gemeinsame Benutzungsabteilung betreute.
Außenarchive betrieb die Akademie zunächst weiterhin für Friedrich Wolf, Max Lingner, Anna Seghers (alle in Berlin) sowie Walter Arnold in Dresden, Kurt Barthel in Warnemünde, Louis Fürnberg in Weimar und mit dem Tanz-Archiv in Leipzig. Als museale Gedenkstätte und Außenarchiv fungierten die Häuser von Johannes R. Becher, Brecht/Weigel, Anna Seghers und Arnold Zweig. Die Kunstsammlung und das Schriftgut zur Bildenden Kunst hatten in der Hermann-Matern-Straße (heute Luisenstraße) 58 – 60 ihre eigenen Räume. Die Musikarchive von Robeson, Eisler und das Arbeiterliedarchiv blieben – aus systematisch nicht nachvollziehbaren Gründen - weiterhin in den Forschungsabteilungen. Die Archive, Sammlungen und Bibliotheken hatten (ohne die Gedenkstätten) 103 Mitarbeiter. Schon vor der Wende begann die systematische Rückführung der Außenarchive, zu groß waren die konservatorischen Risiken und die evidenten Mängel einer weniger stringenten Archivierung.

Vor diesem Hintergrund gingen die Erwerbungen bis zur Wende weiter. Allerdings hatten die Folgen der Biermann-Ausbürgerung mit Arbeitsaufenthalten außerhalb der DDR und Ausreisen das archivarische Monopol der DDR-Akademie im Prinzip bereits in Frage gestellt. Bei der Literatur kamen die Mitgliedernachlässe von Hans Lorbeer (1987) und Wilhelm Girnus (1989) hinzu; außerhalb der Mitgliedschaft waren es u. a. die Archive von Peter Edel (1986) und Walter Victor (1989). Das Mitglied der Musikwissenschaftler Ernst Hermann Meyer vermachte 1986 seinen Nachlaß testamentarisch, die Übernahme erfolgte dann in den neunziger Jahren.

Die Wende von 1989 brachte auch einen vermehrten Zugang von Mitgliederarchiven und Beständen anderer Künstler, insbesondere solcher, die sich der kulturellen Tradition der DDR verpflichtet fühlten. Die Akademiearchive galten – wie sich herausstellen sollte, zu Recht – als sicherer Ort, der seine bedeutende archivarische Substanz unbeschadet bewahren würde. Der DDR-Bezug spielte in der Bildenden Kunst bei den Archiven des Kunsthistorikers Karl Max Kober (1992) und Fritz Dudas (1993) eine wichtige Rolle, in den Archiven Kurt Lades (1990) und Erich Bischofs (1993) wesentlich auch das Exil. Die Literaturarchive sicherten u. a. die Mitgliedernachlässe von Alexander Abusch, Otto Gotsche (beide1990) und Max Walter Schulz (1993). Bei der Musik übergaben der Komponist Eberhard Schmidt (1986) und das Akademiemitglied Hans Pischner (1990), der Cembalist und langjährige Staatsopern-Intendant, ihre Archive, bei der Darstellenden Kunst kamen die Nachlässe des Mitglieds Max Burghardt (1990), des Bühnenbildners Hans Kind (1990) und des Schauspielers Alfred Dreifuß (1993) hinzu.

Eine erste Wende-Veränderung bedeutete die Neuwahl des Direktors der Archive, Bibliotheken und Sammlungen durch Mitarbeiter im Jahr 1990. Auch das frühe Archiv zu Lebzeiten des Lyrikers und Akademiemitglieds Rainer Kirsch, eine weitere Erwerbung des Landes Berlin, öffnete neue Wege. Außerdem gelang es in den Jahren ab 1992, die Archive der Künstlerverbände der DDR zu sichern: das Archiv des Schriftstellerbands, des Verbands Bildender Künstler, des Verbands der Theaterschaffenden und des Komponistenverbands. Da die dortige Mitgliedschaft Voraussetzung für eine Berufsausübung in der DDR war, handelt es sich um herausragende kulturgeschichtliche Quellen. Hinzu kamen die Unterlagen des Zentralhauses für Kulturarbeit, Leipzig, die über die Organisation betrieblicher Breitenkultur der DDR Auskunft geben. Die Außenarchive wurden, auch aus personellen Gründen, mit Ausnahme von Brecht/Weigel und Lingner, vollends ins Hauptgebäude zurückgeführt, die Gedenkstätten von Johannes R. Becher, Ernst Busch und Arnold Zweig nach der Wende aus Restitutions- und finanziellen Gründen aufgegeben.

Die beiden Mitgliederakademien in West und Ost zögerten unter ihren Präsidenten Walter Jens und Heiner Müller eine institutionelle Verbindung möglichst lange hinaus, zu unterschiedlich waren ihre Ansätze – Staatsakademie dort, vom Land finanzierte autonome Einrichtung hier – und, trotz mehrfacher Doppelmitgliedschaften, ihre Mitgliederstrukturen. Ein Mitgliederbeschluß der West-Akademie führte schließlich im Herbst 1993 die Vereinigung herbei. Sie war aus politischen und finanziellen Gründen die einzige Alternative zur kompletten Auflösung der Akademie der Künste zu Berlin, wie die Ost-Akademie nach einer die Mitgliederzahl reduzierenden Bestätigungswahl hieß. Die Archive freilich mußten sich schon früher orientieren, als bundespolitische Überlegungen das Ost-Archiv aufzuteilen und seine wichtigsten Literaturbestände nach Marbach zu verbringen planten. In vertraulichen Gesprächen erarbeiteten die beiden Archivdirektoren West und Ost im Sommer 1991 ein Konzept für die Vereinigung der Archive mit einem kompletten Personal- und Organisationsplan für insgesamt 83 Mitarbeiter, der dann im Herbst 1993 auch tatsächlich umgesetzt wurde.

Das finanzielle Engagement des Bundes im Rahmen der sog. Leuchtturm-Finanzierung ermöglichte die Zusammenführung der beiden Akademiearchive als – rechtlich unselbständigen – Stiftung Archiv der Akademie der Künste. West und Ost-Archiv konnten darin ihre jeweils eigenen Interessen verwirklichen. Das Ost-Archiv erhielt durch einen Betriebsübergang seines kompletten Personals eine realistische Zukunftsperspektive, das West-Archiv den dringend benötigten Personalzuwachs, und zwar durch archivarisch bestens ausgebildete Kollegen. Mitarbeiter und Bestände aus Ost und West wurden unverzüglich organisatorisch und - durch einen großen Ringumzug - auch räumlich zusammengeführt. So entstand von Anfang an ein integriertes gesamtdeutsches Archiv. Auch die sachlichen Gründe der Vereinigung waren plausibel. Ost- und West-Akademie bezogen sich auf die Tradition der Preußischen Akademie, deren historisches Verwaltungsarchiv in den Westen und deren Kunstsammlung zum überwiegenden Teil in den Osten gelangt waren. Beide Akademien hatten den Akademiegedanken nach dem Krieg unter gegensätzlichen und doch komplementären gesellschaftlichen Bedingungen ausgeformt; ihre Archive waren wesentlich ihren Mitgliedern verpflichtet; beide Archive gingen – im Unterschied zu den anderen deutschen, spartengebundenen Archiven – von einem multidisziplinären Ansatz aus. Beide hatten einen ausgeprägten Sammelschwerpunkt bei der Emigration während des Nationalsozialismus und damit auch der Kunst im Berlin vor 1933. Schließlich bildete auch für die Nachkriegszeit die Berliner Kultur in Ost und West eine gemeinsame Größe.

Entsprechungen gab es gleichfalls bei der Entwicklung und Gewichtung der einzelnen Kunstsparten. Beide Archivgründungen waren von der Literatur ausgegangen, die über die größten und bedeutendsten Bestände verfügte. Die Darstellende Kunst hatte seit den siebziger Jahren in Ost wie West nachhaltige Schwerpunkte gesetzt, deren Zusammenführung das bedeutendste Schriftgutarchiv zum deutschsprachigen Theater seit 1900 entstehen ließ. Innerhalb der Darstellenden Kunst bestanden wichtige filmbezogene Archive – u. a. Kurt Maetzig und Konrad Wolf hier, Helmut Käutner dort –, die den Kern einer eigenen Abteilung in sich trugen. Die Archive der bildenden Kunst und der Musik waren auf beiden Seiten wegen uneinheitlicher Organisation und diskontinuierlichen Erwerbungen gegenüber den größeren Abteilungen zurückgeblieben. Und schließlich besaßen beide Akademien eine allgemeine Bibliothek mit zahlreichen Nachlaßbibliotheken.


Die Stiftung Archiv der Akademie der Künste 1993 – 2004

Zeitgleich mit der Vereinigung der Mitgliederakademien West und Ost entstand am 20. 9. 1993 die Stiftung Archiv der Akademie der Künste; ihrem Stiftungsrat gehörten neben dem Akademiepräsidenten und den Repräsentanten der der einzelnen Künste auch politische Vertreter der Länder Berlin und Brandenburg, des Bunds und des Bundespräsidialamts an. Die Geschäfte führte der Vorstand, der Direktor und dem stellvertretenden Direktor des Archivs, sowie – die Verbindung zur Akademie stärkend – deren Präsidialsekretär und der Verwaltungsdirektor; diese Konstruktion verband den Akademiebezug mit einer sinnvollen Handlungsfähigkeit des Archivs. Den Archiven wurde ein einheitliches, die Bedürfnisse aller Archivabteilungen abdeckendes EDV-Programm „Augias“, der Bibliothek das Programm „SISIS“ zugrunde gelegt. Nach erfreulichen Anfängen noch vor der formalen Stiftungsgründung – Ausstellungen über Franz Fühmann und über die Gründung der DDR-Akademie „Die Regierung ruft die Künstler“ sowie einem Ankauf des Gesamtarchivs, der Skizzenbücher und Mappenwerke von George Grosz Ende 1993 begannen die Mühen der Ebenen. Auf politischer Ebene hatte das Land Mecklenburg-Vorpommern dem Staatsvertrag zur Akademie-Vereinigung nur nach Abtretung des Fallada-Archivs und umfangreicher Kunst- und Archivbestände von Ernst Barlach zugestimmt. Das Kantorowicz-Archiv und der Teilnachlaß von Walter Benjamin gingen aufgrund der Rechtslage nach der Wende verloren. Einen Verlust anderer Art bedeutete das Aufgeben des detailliert geplanten, mit großen Zuwachsmöglichkeiten versehenen Archiv-Erweiterungsbaus am Hanseatenweg. Daß sich der Neubau am historischen Ort der Akademie, Pariser Platz 4, nur unter Raumverlusten und um Jahre verzögert realisieren würde, war zunächst nicht absehbar, machte sich dann aber als Hauptgrund der gescheiterten Erwerbungsverhandlungen Arnold Schönberg und durch zunehmenden Platzmangel fatal bemerkbar. Zugleich erforderten die Sanierung des Archivgebäudes Luisenstraße 60 und Umzüge, die die Zahl der Archivstandorte von 15 auf fünf verringerten, die logistische Aufmerksamkeit.

Negativ wirkte sich der Umstand aus, dass der Bund bei der Stiftungsgründung das verhandelte Finanzierungsabkommen nicht unterzeichnete. Auch nach dem Überwechseln des Archivs in das sog. „Leuchtturmprogramm Ost“ dauerte es noch Jahre, bis die erfreuliche sukzessive Aufstockung der Bundesförderung das Archiv wieder operativ handlungsfähig machte. Die bestandsbezogenen Forschungs- und Editionsprojekte, die an die Stelle der allgemeinen Forschungsabteilungen der Ost-Akademie treten sollten, waren nicht zu finanzieren. Auf der Strecke blieb gleichfalls die Möglichkeit von Ankäufen, selbst von kleinerer bis mittlerer Größe. Gerade in den Jahren vor 1993, als die Akademiearchive wegen der Vereinigungsproblematik so gut wie keine Erwerbwerbungsmittel hatten und danach, als solche gleichfalls fehlten, kauften andere Einrichtungen nachhaltig Archive aus der ehemaligen DDR, die eigentlich in den Kontext des Akademiearchivs gehört hätten. Daß Walter Jens, der „Vereinigungspräsident“ der Akademie, 1994 sein persönliches Archiv zu Lebzeiten schenkte, setzte dagegen ebenso ein Zeichen wie die Integration von früheren DDR-Einrichtungen, der Inszenierungsdokumentation des Verbands der Theaterschaffenden, des Verbandsarchivs Bildender Künstler sowie der umfassenden Theaterbibliothek der „Möwe“ und der Bibliothek der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel im Ministerium für Kultur der DDR, die einen Zuwachs von 120.000 Bänden brachten.

Auch aus der Finanznot heraus entwickelten sich immer stärker die Erwerbungen als Schenkungen mit Gegenleistungen in Form von Veranstaltungen, Ausstellungen und Publikationen, deren Finanzierung häufig über Drittmittel möglich war. Die detaillierte Aufstellung im Anhang weist in den gut elf Jahren von der Stiftungsgründung bis Ende 2004 351 neue Künstlerarchive aus (außerdem kamen 21 Institutionenarchive hinzu) – eine Zahl, wie sie statistisch die beiden Vorgängerakademien zusammen genommen auch in ihren besten Zeiten nicht erreicht hatten. So kann in der Folge nur eine Auswahl genannt werden. Diese breite Erwerbungstätigkeit beruht nicht nur auf dem spartenübergreifenden Ansatz, sondern auch auf der Einsicht, dass in der Kunst die „ großen“ Namen nicht wie einsame Gipfel aus dem Nebel ragen, sondern Teil einer reich gegliederten Kulturlandschaft sind, mit der sie in Verbindung und Austausch stehen.

Als einzige der Archivabteilungen hatte die Baukunst kein Pendant in den Ost-Archiven; die Architektur der DDR wurde nicht durch individuelle Architekturbüros, sondern in größeren Kollektiven realisiert. Dennoch konnte das Archiv persönliche Bestände wichtiger Architekten der DDR übernehmen, vom Erbauer der Stalinallee, des Berliner Fernsehturms und anderer markanter Großbauten, Hermann Henselmann (1993), vom führenden Krankenhaus-Architekten der DDR, Kurt Liebknecht (1996) und vom Erbauer des Palasts der Republik, Heinz Graffunder (1999). Im Zentrum der Baukunst blieben aber weiterhin die Mitgliederarchive, die deutschland- und weltweites Bauen dokumentieren: die Archive Peter Pfankuch, des Berliner Architekten und langjährigen Abteilungssekretärs der Akademie, und Dieter Oesterlen, der neben internationalen Projekten einen Schwerpunkt in Hannover hatte (beide 1994), die Archive des in Palästina und London exilierten Architekten Gabriel Epstein und des Architekturkritikers Julius Posener, der die Exilländer Frankreich, England, Palästina und Malaysia durchlaufen hatte (beide 1996), des langjährig in den USA tätigen Konrad Wachsmann, des aus dem Bauhaus hervorgegangenen Wieners Hubert Hoffmann (2000), des Münchners Kurt Ackermann und des Berliners Jürgen Sawade (beide 2003). Außerhalb der Mitglieder-Archive sei zumindest der 1933 nach Norwegen emigrierte Thilo Schoder (1998) erwähnt.

Die Schriftgut-Archive der Bildende Kunst wurden 1994 aus der ihnen übergeordneten Kunstsammlung herausgelöst und als eigenständige Archivabteilung etabliert. Diese erweiterte ihre Bestände zum einen für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts mit den Archiven des Grosz-Freunds Otto Schmalhausen (1997), des Verlegers von „Kunst und Leben“ Fritz Heyder, der Mitglieder der Preußischen Akademie Hans Meid (Bibliotheksbestand 1998), Philipp Frank (2002) und Rudolf Schulte im Hofe (2004), der Frau Lovis Corinths, Charlotte Berend-Corinth (1999, mit einem Teilnachlaß ihres Mannes, aus den USA übernommen), des seit 1841 bestehenden Vereins Berliner Künstler, dem noch Schadow angehört hatte (1999), und des Kritikers Karl Scheffler (2001). Zum andern setzte die Archivabteilung einen Akzent auf Kunstwissenschaft und -kritik, mit Wolfgang Max Faust (1994), Wolfgang Hütt (1999), Scheffler (s. o.), dem Archiv der Zeitschrift „Tendenzen“ (1999) sowie dem Redaktionsarchiv der Zeitschrift „Bildende Kunst“ (1994). Einen besonderen Schwerpunkt bildeten Künstler, die eher gegenständlich arbeiteten, darunter Exilanten wie die in Israel gestorbene Bildhauerin Ellen Bernkopf (1993), Heinz Worner (1994) und Karl Helbig (1995) sowie René Graetz (1995) und die Akademiemitglieder Theodor Rosenhauer (1993) und Heinrich Ehmsen (2001). Ein anderes Mitgliederarchiv stammte von HAP Grieshaber, eine Sammlung von Gustav Seitz (beides 1998), Mitgliederarchive zu Lebzeiten kamen von Werner Stötzer (1998), Joachim John  (2000) und Dieter Goltzsche (2004). Erwähnt seien auch die Archive des in die Bundesrepublik ausgesiedelten Roger Loewig (2000) und der Maler Magnus Zeller und Albert Ebert (beide 2004).

Nachhaltig engagierte sich die Bildende Kunst beim Verbandsarchiv Bildender Künstler der DDR; sie übernahm nicht nur das – nicht vollständig überlieferte – Archiv des Zentralvorstands, sondern auch der Komplementbestände in den Bezirken Berlin, Cottbus, Dresden, Frankfurt/Oder, Halle, Magdeburg, Neubrandenburg, Potsdam, Rostock und Schwerin. Ein – andersartiges – West-Pendant hierzu bildete das 1999 übernommene Archiv des Deutschen Künstlerbunds. Auch mit dem erwähnten Archiv des Vereins Berliner Künstler trug die Archivabteilung wesentlich zur Bildung eines neuen Sammelschwerpunkts im Gesamtarchiv bei, Archiven von Künstlervereinigungen. Hierzu zählten bereits vor der Akademievereinigung das Archiv der Preußischen Akademie und die Verwaltungsarchive der beiden Nachkriegsakademien – die Akademie ist ja selbst eine Künstlervereinigung par excellence - sowie das Verwaltungsarchiv des Jüdischen Kulturbunds. Nach der Wende kamen die Verbandsarchive der Komponisten und der Theaterschaffenden der DDR hinzu. Die Archivabteilung Literatur vertiefte diesen Schwerpunkt, indem sie nicht nur die Akten des Schriftstellerverbands der DDR, sondern auch der beiden PEN-Zentren Ost (2000) und West (2001) übernahm.

Mit Vicki Baum (1996) und zwei Teilnachlässen von Klabund (1998/2000) erweiterten die Literaturarchive ihre Bestände der zwanziger Jahre. Zum Kontext der DDR kamen die Mitgliederarchive von Max Walter Schulz (1993) und Georg Maurer (1994) hinzu sowie die Archive Annemarie Auer (1997), Inge Müller (1998), Hans Bunge (2004) und das Archiv des für ausländische Literatur zuständigen Verlags „Volk und Welt“ (2001). Die Archive von Fritz Erpenbeck, Hedda Zinner (beide 1994) und von Maximilian Scheer (1995) wiesen auch auf ihre Exilzeit zurück. Ihre Erfahrungen aus der DDR brachten – jeweils mit Archiven zu Lebzeiten – die beiden Akademiemitglieder Christa Wolf (1994) und Friedrich Dieckmann (1998) sowie Helga Königsdorf (1999) in die vereinte Bundesrepublik ein. Das Archiv des Mitglieds beider Akademien und Präsidenten der Ost-Akademie nach der Wende, Heiner Müller, wurde 1998 post mortem erworben. Neben ihrem literarischen Werk dokumentieren die Archive von Jochen Ziem (1994), Thomas Brasch (1998), Karl-Heinz Jakobs (2002) und der Akademiemitglieder Jurek Becker (2000) und Klaus Schlesinger (2004) auch die Erfahrung der zu DDR-Zeiten in die Bundesrepublik Übersiedelten. Die West-Perspektive schlägt sich in den Schriftsteller-Archiven von Dinah Nelken (1995), Reinhard Lettau (1997), Johannes Schenk (zu Lebzeiten, 1998) und des Akademiemitglieds Reinhard Baumgart (2004) nieder. Ein zentraler Nachlaß zur Literaturkritik wie zur experimentellen Literatur stammte vom Akademiemitglied Helmut Heißenbüttels (2001).

Die ersten Teile eines Archiv zu Lebzeiten mit einem außergewöhnlichen „Archiv im Archiv“ stammen vom gebürtigen Rostocker Walter Kempowski, der einen Kosmos deutscher Lebensläufe im 20. Jahrhundert gestaltete . Das Archiv zu Lebzeiten von Edgar Hilsenrath (2004) belegt seine intensive Auseinandersetzung mit dem Holocaust. Dieses trifft auch für das Akademiemitglied Imre Kertész (2002) zu, mit dem die Stiftung Archiv der Akademie der Künste, nach Günter Grass, den zweiten Bestand eines Nobelpreisträgers zu Lebzeiten betreut.

Die Archivabteilung Darstellende Kunst übernahm 1994 mit den Beständen der Inszenierungsdokumentation auch das Archiv des Verbands der Theaterschaffenden der DDR, sowie den Nachlaß des 1984 verstorbenen Akademiemitglieds Wolfgang Heinz. Da sich die Sprechtheater aus Ost und West nach der Wende nur langsam durchmischten, sei bei seinen ohnehin retrospektiven Archiven eine solche Gliederung erlaubt: Die Tradition des Ost-Theaters dokumentierten die Mitgliederarchive zu Lebzeiten von Benno Besson und Erwin Geschonneck (beide 1996), des Rostocker Intendanten Hanns Anselm Perten (post mortem 1997) und des Cottbuser Intendanten Christoph Schroth (1998). Andere wichtige Archive waren, in Auswahl, der Bestand Wolf Goette zur sächsischen Theatergeschichte insbesondere in Dresden und Leipzig, sowie der Schauspieler des Deutschen Theaters Rolf Ludwig (2000) und Kurt Böwe (2003). In welchem Maß die Akademiemitglieder das Theater der Bundesrepublik geprägt hatten, zeigen die Archive der Regisseure Harry Buckwitz (1994), Willi Schmidt (1997), Hans Lietzau (1998), Rudolf Noelte (1999) und Hans Schweikart (2003) sowie der Schauspieler Joana Maria Gorvin (1995), Maria Wimmer (1997), Bernhard Minetti (1999) und Martin Benrath (2001). Außerhalb der Mitgliedschaft seien wenigstens der Dramaturg Ernst Wendt (1999) und die Schauspielerin Johanna Kortner-Hofer (2000) genannt.

Die zur Darstellenden Kunst beitragenden Berufssparten sind vielfältig. Autor, Bühnenbildner und Regisseur in einem war Einar Schleef (Archiv 2002), Autor und Regisseur ist George Tabori (Mitgliederarchiv zu Lebzeiten, 1995). Zentrale Bühnenbildner-Archive waren die der Akademiemitglieder Teo Otto (1999), Rudolf Heinrich (2000) und Heinrich Kilger (2001). Archive von Bühnenbildner, die zu Regisseuren wurden, kamen von Axel Manthey (1998), Wilfried Minks (Mitgliederarchiv zu Lebzeiten 2001) Jean-Pierrre Ponnelle (Mitgliederarchiv, 2001), Herbert Wernicke (2003) und Achim Freyer (Mitgliederarchiv zu Lebzeiten, 2004). Diese vier stehen auch fürs Musiktheater ein; Archive von Musiktheater-Regisseuren, die zugleich Akademiemitglieder und wichtige Intendanten waren, kamen von Walter Felsenstein, dessen zuvor in der komischen Oper geführtes Archiv 1997 in die Akademie übernommen wurde, Joachim Herz (Archiv zu Lebzeiten, 1998), Götz Friedrich (Archiv zu Lebzeiten, 2000), und Ruth Berghaus (2004). Bedenkt man auch die früher eingerichteten Archive von Carl Ebert und Peter Konwitschny, kann dieser Archivkomplex durchaus als ein Who is who des Musiktheaters gelten.

Unter dem Dach der Archivabteilung Darstellende Kunst, z. T. aber auch der Musik und der Literatur wird inzwischen der bedeutendste Bestand zum Kabarett vor 1933 und einem breiteren Feld der Unterhaltungskunst betreut. Zu den noch vom West-Archiv übernommenen Hollaender und Spoliansky kam der dritte große Kabarett-Komponist des „Schall und Rauch“ und der „Wilden Bühne“, Werner Richard Heymann (1998, Archivabteilung Musik), hinzu, der außerdem der erfolgreichste Komponist des Ufa-Tonfilms vor 1933 war. Das Archiv seines kongenialen Textautors und, darüber hinaus, eigenständigen Dichters und Komponisten Robert Gilbert folgte im Jahr 2000. Weitere wichtige Kabarettbestände stammen vom Kabarettunternehmer, Komponisten und Texter Rudolf Nelson (1998), seinem Sohn Herbert (1994) und den Interpreten Bobby Todd (1996), Blandine Ebinger (1999), Isa Vermehren und Margo Lion (beide 2003). Zum Kabarett trägt auch das Archiv von Ralph Benatzky (1997, Archivabteilung Musik) bei, der mit Eduard Künneke (Archiv 1997, Archivabteilung Musik) auch die Operette vertritt. Bedenkt man darüber hinaus die literarischen Archive von Mehring, Tucholsky und Klabund – auch hier erweist sich die Fruchtbarkeit des spartenübergreifenden Archivs – bewahrt die Stiftung Archiv der Akademie der Künste jene legendäre, primär von Juden getragene Berliner Unterhaltungskultur, die 1933 in die Emigration gezwungen und deren Tradition ausgelöscht wurde. Zwar kamen nach 1945 Gilbert, Heymann, Hollaender und Nelson nach Deutschland zurück, das Nachkriegskabarett im eigentlich Sinn vertreten jedoch andere Archive vertreten, von Wolfgang Neuss (1995), Eckard Hachfeld und Matthias Beltz (beide 2003). Bei der großen Gala-Nacht und den anderen Programmen zum 100. Geburtstag des deutschen Kabaretts, die die Archivstiftung im Januar 2001 veranstaltete, konnte sie die Fülle ihrer Bestände einer breiten Öffentlichkeit vorstellen.

Nachdem die Zahl der Filmbestände innerhalb der Darstellenden Kunst immer stärker gewachsen war, wurde im Jahr 1999 eine eigene Archivabteilung Film- und Medienkunst eingerichtet. Die Übergänge der Schauspieler- und Regietätigkeit zwischen Theater und Film sind fließend – in der multidisziplinären Archivstiftung werden beide Sparten fachlich adäquat betreut. Den Filmarchiven zugeordnet wurden u. a. die vor 1993 erworbenen Regiearchive von Erich Engel, Kurt Maetzig, Ludwig Berger, Konrad Wolf, Helmut Käutner, Falk Harnack, des Szenographen Alfred Hirschmeier, sowie die Schauspieler-Bestände von Paul Wegener, O. E. Hasse, Harry Meyen, Romy Schneider, Werner Hinz, Theo Lingen, Kurt Meisel, Brigitte Horney und Käthe Braun. Nach 1993 kamen zum Sammelschwerpunkt DEFA, der mit Konrad Wolf und Maetzig vertreten war, die Regisseure Heiner Carow (Mitgliederarchiv 1997), Gerhard Klein und Hermann Zschoche (beide 1997), Siegfried Kühn (1998), Horst Seemann (2000), der Autor Ulrich Plenzdorf (1998, Mitgliederarchiv zu Lebzeiten), der Regisseur und Schauspieler Ulrich Thein (1999) sowie die Darsteller Wolf Kaiser (1994) und Rolf Herricht (1999) hinzu.

Der Fernsehfilm, in der Akademiemitgliedschaft durch Eberhard Fechner, Rolf Hädrich und Egon Monk vertreten, bildet einen weiteren Sammelschwerpunkt. Die ersten Regie-Bestände von Peter Beauvais und Fritz Umgelter (beide 1998) wurden durch die Archive von Eberhard Itzenplitz (zu Lebzeiten, 1998), Oliver Storz (zu Lebzeiten, 1999), Reiner Erler (zu Lebzeiten 2001) und Peter Märthesheimer (2004) maßgeblich erweitert. Weitere Bestandsbildner waren in verschiedenen Arbeitsgebieten des Films, aber z. T. auch im Theater tätig, so der Schriftsteller und Drehbuchautor Klaus Poche (Mitgliederarchiv zu Lebzeiten, 1994), der Filmkritiker Wolf Donner (2003), der Regisseur Klaus Gendries (Archiv zu Lebzeiten, 2003) und der Autor Curth Flatow (Archiv zu Lebzeiten, 2004). Zum Autorenfilm kamen wichtige Bestände von Janine Meerapfel (2002, Mitgliederarchiv zu Lebzeiten) und Bernhard Sinkel (zu Lebzeiten, 2002). Die Geschichte des „großen“ Films dokumentierten in den letzten Jahren die Archive von  Wolfgang Liebeneiner, Sabine Sinjen (beide 2000), Dieter Borsche,Lilian Harvey (beide 2001) und von Hans Christian Blech (2002).

Die Musikarchive, die erst ab 1994 mit personeller Kontinuität arbeiten konnten, entwickelten sich binnen zehn Jahren zum führenden Archiv für die Neue Musik in Deutschland. Aber auch die Emigrantenbestände wuchsen. Aus Tel Aviv wurde der Kritiker-Nachlaß Alfred Frankensteins (1994) übernommen, aus New York der Nachlaß des Komponisten Ignace Strasfogel (1996), aus Menaggio am Comer See das Archiv des Pianisten Artur Schnabel und seiner Frau, der Sängerin Therese Behr-Schnabel, sowie, zu Lebzeiten, des Pianisten und Musikpädagogen Karl-Ulrich Schnabel (alle 1998). Zu Lebzeiten übergab auch die Komponistin Ruth Schonthal 1999 ihr Archiv aus New York. Im Jahr 2003 schließlich erhielt die Akademie die Komponistennachlässe von Rudolph und Walter Goehr (beide 2003) aus Cambridge.

Die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg belegen auch zahlreiche Archive von Kritikern und Theoretikern aus West und Ost. Sie stammen vom Physiker Werner Meyer-Eppler (1994), der Grundlagen der elektroakustischen Musik gelegt hatte, von Harald Kaufmann (1994), von Heinz-Klaus Metzger (1998), vom Redakteur Otto Tomek (1999), vom Kritiker Claus-Henning Bachmann (zu Lebzeiten, 2002) sowie von Eberhard Rebling (2002), Eberhardt Klemm und Georg Knepler (beide 2004). Die Musikpraxis der Nachkriegszeit dokumentieren die Dirigentenarchive von Ferenc Fricsay (1997), Ferdinand Leitner (1998) und Peter Ronnefeld (2003) sowie der Nachlaß des vormals in die USA emigrierten, langjährigen Intendanten der Berliner Philharmoniker Wolfgang Stresemann (2003), aber auch die Archive der Interpretinnen und Förderer der neuen Musik Tiny Wirtz (zu Lebzeiten, 1998), Carla Henius (zu Lebzeiten, 2000), des Pianisten und Komponisten Eduard Erdmann (2000) und des Gitarristen Siegfried Behrend (2004). Zu den Mitgliederarchiven von Joseph Ahrens und Ernst Pepping (beide 1998) kamen weitere Komponistenarchive der neuen Musik, alle zu Lebzeiten, hinzu: von Gösta Neuwirth (1995), Mario Bertoncini und Rainer Riehn (beide 1998), Hans Zender (Mitgliederarchiv 1999), Paul Heinz-Dittrich, Friedrich Goldmann (beide Mitgliederarchive 2003), Hespos (2004) und Erhard Grosskopf (Mitgliederarchiv 2004) Komponistennachlässe von Schönberg-Schülern stammten von Walter Gronostay (2000), Natalie Prawossudowitsch (2002) und Alfred Keller (2004). Die Sammlung Bálint András Varga (2004) enthält eine bedeutende Autographensammlung zur neuen Musik.

Die Bibliothek schließlich vergrößerte ihre Bestände von rund 250000 Bänden im Jahr 1993 auf inzwischen etwa 530000 Bände. Neben der allgemeinen Bibliothek betreute sie 280 Nachlaß- und thematische Sonderbibliotheken. 1999 begann sie auch mit der Einrichtung der Berliner Sammlung Kalligraphie, deren Mentor Hans-Joachim Burgert war. Heute umfasst dieser internationale Bestand über 1000 Blätter; eine Sammlung zum Schriftentwurf – mit dem Nachlaß von Friedrich Poppl (1999) als wichtigstem Bestand - ist ihr angegliedert.

Erwerbungen und ihre arbeitsintensive Katalogisierung spielen sich hinter den Kulissen des Archivs ab, ehe die interessierte Öffentlichkeit die erschlossenen Bestände im Lesesaal einsehen kann. Vor die Kulissen tritt das Archiv aber vor allem, wenn es seine Arbeit und Bestände in Veranstaltungen, Ausstellungen und Publikationen vorstellt. In den gut elf Jahren ihres Bestehens von 1993 bis 2004 hat die Stiftung Archiv der Akademie der Künste 242 Veranstaltungen durchgeführt und außerdem - vgl. hierzu den tabellarischen Anhang - 118 eigene Ausstellungen (ohne Zählung der Tourneestationen) sowie 82 Publikationen erarbeitet. 1999 wurde die Reihe „Resultate“ eingerichtet, in der Wissenschaftler ihre im Haus erarbeiteten Forschungen vorstellen.

Die Jahre 2005 bis 2008 - Die Akademie und ihr Archiv in der Trägerschaft des Bundes

Ab Januar 2005 übernahm die Bundesrepublik Deutschland die finanzielle Trägerschaft der Akademie der Künste von den Ländern Berlin und Brandenburg; im Juni desselben Jahres verabschiedete der Bundestag das neue Akademiegesetz, das zum 1. 1. 2006 in Kraft trat. Im Februar 2005 bezog die Akademie das von Peter Behnisch unter Wahrung der historischen Ausstellungshallen neu errichtete Akademiegebäude am Pariser Platz 4 und kehrte damit an den Ort zurück, wo sie von 1907 bis 1938 ihren Sitz gehabt hatte. Die erste Ausstellung im neuen Gebäude stand unter dem programmatischen Titel „Künstler.Archiv“; acht bildende Künstler, u. a. Christian Boltanski, Jochen Gerz und Ilya & Emilia Kabakov setzten sich in eigens hierfür geschaffenen Werken mit dem historischen Archivbestand der Akademie auseinander. Eine zweite große Archivausstellung machte im Jahr 2006 von sich reden: „Kempowskis Lebensläufe“ entfaltete aus dem Werk des Schriftstellers und den von ihm zusammengetragenen biografischen und fotografischen Archiven die Geschichte des 20.Jahrhunderts als ein Panorama deutscher Lebensläufe. Neben einer Reihe kleinerer Ausstellungen, u. a. zum Regisseur Herbert Wernicke und zu Walter Benjamin, stellten vier große Archivausstellungen den Schriftsteller Edgar Hilsenrath, die fotografischen Arbeiten des Autors und Regisseurs Einar Schleef, die internationale Sammlung zur Kalligraphie sowie den Pianisten Wilhelm Kempff vor.

Das neue Akademiegesetz brachte auch organisatorische Veränderungen. Seit 1993 war lediglich das Archiv vom Bund institutionell gefördert worden, jetzt ging die Akademie als ganze in die Bundesträgerschaft über. Die rechtlich unselbständige Stiftung Archiv der Akademie der Künste, die seinerzeit dem Bund eine Kofinanzierung des Archivs ermöglichte, wurde damit überflüssig und aufgelöst. Der Stiftungsrat ging in einen Archiv-Rat über; diesem Beratungs- und Beschlussgremium gehören weiterhin der Präsident der Akademie; Vertreter der sechs Kunstsparten, der Bund, die Länder Berlin und Brandenburg und das Bundespräsidialamt an. Der Direktor des Archivs wurde einer der drei Geschäftsführer der Gesamtakademie, die unter der Ägide des Akademiepräsidenten die praktische Arbeit der Akademie steuern. Seine Erwerbungstätigkeit führte das Archiv mit hoher Intensität weiter, in den Jahren 2005 bis 2008 kamen im Jahr durchschnittlich 35 neue Einzelarchive ins Haus. Um die Schere zwischen bearbeiteten und unbearbeiteten Beständen nicht zu groß werden zu lassen, wird die Zahl der Erwerbungen in letzter Zeit vorsichtig gedrosselt.

Die Schwerpunkte der Erwerbungen – Kunst und Kultur in Berlin und Deutschland seit 1900, Exil, Kunst und Kultur in der DDR, Archive von Künstlervereinigungen und von Mitgliedern der Akademie der Künste - blieben erhalten. Selbst zu den historisch weiter zurückliegenden Sammelgebieten kamen wichtige neue Bestände hinzu. Erwerbungen zum Wegbereiter des Naturalismus, Gründer der Freien Bühne und Intendant des Deutschen Theaters, Otto Brahm, und zu Max Martersteig, dem letzten Theateruniversalisten, der gleichzeitig Schauspieler, Regisseur, Intendant, Dramenautor und Theaterhistoriker war, erhellen die Theatergeschichte zwischen 1890 und 1920. Um die 1920er Jahre gruppieren sich mehrere neue Nachlässe. Erwin Blumenfeld entwickelte sich, noch vor dem englischen Exil vom Dadaisten zu Fotografen. Der Maler Carl Steffeck, der auch Mitglied der preußischen Akademie der Künste war, führte seine Korrespondenz - ähnlich wie die Bestandsbildner Wolfsfeld und Grünbaum – mit den großen Malern seiner Zeit, u. a. mit Liebermann und Corinth. Zum Akademiepräsidenten Max Liebermann konnte eine eigene Korrespondenz-Sammlung eingerichtet werden. Die umfangreiche Korrespondenz des Publizisten Adolf Behne bezieht sowohl die um 1890 geborene Generation der bildenden Künstler als auch der Architekten, hier insbesondere Bruno Taut, ein. Neben einem großen bildkünstlerischen Bestand wurde auch das schriftliche Archiv des Zeichners Paul Holz übernommen. Das Tagebuchwerk des Malers Paul Strecker reicht von 1917 bis 1950. Der Theologe und Dichter Florian Christian Rangs stand in engem Austausch mit Walter Benjamin; der Komponist Johann Ludwig Trepulka knüpfte an Josef Matthias Hauer an, der eine von Schönberg unterschiedene Zwölftonmusik entwickelt hatte. Aus den späten zwanziger Jahren führt das Archiv des Schauspielers und Intendanten Heinrich George in die Zeit des Nationalsozialismus hinein, das des Pianisten Wilhelm Kempff reicht darüber hinaus bis in die Nachkriegszeit. In Opposition zum Dritten Reich standen hingegen die sozialistischen Maler und Grafiker Theo Balden, Otto Nagel, Fritz Cremer und Herbert Sandberg, die nach dem Krieg Mitglieder der DDR-Akademie wurden, sowie die bildenden Künstler Herbert Tucholski und Charlotte Pauly, die gleichfalls in der DDR wirkten.

Den Weg aus der Kultur der Weimarer Republik ins Exil – ein anderer zentraler Sammelschwerpunkt des Archivs - führte die Komponisten Herbert Brün und Wolf Rosenberg in die USA; der Komponist Abel Ehrlich fand die neue Heimat in Palästina und Israel. Der Filmemacher Slatan Dudow ging zunächst nach Frankreich und fand sich nach 1945 in der DDR wieder. Der biographische Nachlaß des Autors und Medientheoretikers Rudolf Arnheim zeichnet seinen Weg aus Berlin ins amerikanische Exil nach, wo er blieb und 2007 verstarb. Das gemeinsame Schicksal, vor den Nationalsozialisten aus Österreich zu fliehen, verbindet acht Künstler, deren Nachlässe der Orpheus Trust gesammelt hatte. Er übertrug sie auf die Akademie der Künste übertrug, als er in Österreich keine Perspektive für weitere Arbeit sah. Es handelt sich um den Komponisten Fritz Spielmann, den Flötisten und Dirigenten Hermann Lunger, den Kammersänger Franz Steiner, der eine umfangreiche Korrespondenz mit Richard Strauss führte, den Komponisten und Kritiker Kurt List, den Komponisten Erwin Weiss sowie den Schauspieler Oskar Karlweiß. Die Fotografin Ellen Auerbach blieb auch nach Kriegsende in ihrem New Yorker Exil. Der Komödienautor Curt Goetz fand nach seiner Rückkehr aus der amerikanischen Emigration sein Publikum im Nachkriegsdeutschland wieder. Die Brücke von der Unterhaltungskunst vor 1933 in die Nachkriegzeit schlägt der aus Wien emigrierte Autor und Komponist Georg Kreisler, der nach der Rückkehr aus dem amerikanischen Exil ein einzigartiges literarisch-musikalisches Kabarett schuf. Der Autor und Filmemacher Karl Fruchtmann stellte den Holocaust und dessen Aufarbeitung ins Zentrum seiner Arbeit. 

Zu ihren zahlreichen Archiven von Künstlervereinigungen kam bei der Bildenden Kunst das Archiv des Westberliner BBK (Bundesverband bildender Künstler) für die Zeit nach 1950 hinzu. Die im sowjetischen Sektor gelegene „Möwe“, nach dem Krieg ein bevorzugter Berliner Treffpunkt der Künstler und insbesondere Schauspieler, zählt mit ihrem Archiv gleichfalls zu den Künstlervereinigungen wie in gewisser Weise auch die Freie Volksbühne in Westberlin.

Auch die Ost-West Polarisierung der Nachkriegszeit spiegelt sich in den neuen Beständen. Einen neuen Akzent für die Fotografie am Berliner Ensemble setzten das Fotoarchiv des Berliner Ensembles und die beiden Fotografenarchive von Vera Tenschert und Hainer Hill. Die Archive des Akademiemitglieds Eckehard Schall und des langjährigen Intendanten am Gorki-Theater Albert Hetterle sowie von Hanspeter Minetti vertreten das Theater, des Schauspielers Alfred Müller auch den Film in der DDR. Der Nachlaß des Drehbuchautors und Akademiemitglieds Klaus Poche, der 1979 in die Bundesrepublik ging, spiegelt den Film in beiden deutschen Nachkriegsstaaten. Theater und Film der Bundesrepublik sind in den Schauspieler-Archiven von Axel von Ambesser, Paul Dahlke, des Akademiemitglieds Martin Held sowie – einer jüngeren Generation angehörend - bei Hanna Schygulla dokumentiert, der Film insbesondere beim Szenografen und Mitglied Jan Schlubach und den Autoren Manfred Meichsner und Peter Schulze-Rohr. Einen Eckpfeiler zur Geschichte des bundesdeutschen Regietheaters von Ulm über Bremen bis zur Berliner Freien Volksbühne stellen die Bestände des Intendanten und Mitglieds Kurt Hübner dar. Der Wechsel aus der DDR in die Bundesrepublik schlägt sich in den großen Mitgliederarchiven des Regisseurs Egon Monk und des Bühnenbildners und Regisseurs Achim Freyer nieder. Einen besonderen Aufschwung nahm der Tanz im Archiv Darstellende Kunst mit den Nachlässen der Akademiemitglieder Tatjana Gsovsky und Gert Reinholm, die nach dem 2. Weltkrieg ein literarisches Handlungsballett schufen, und der Primaballerina des Bolschoi Maya Plisetskaya. Einen neuen Schwerpunkt bildet, mit den Archiven zu Lebzeiten von Hans Kresnik, Reinhild Hoffmann und Susanne Linke, das Tanztheater, das in der Bundesrepublik der sechziger und siebziger Jahren entstanden war.

Das Archiv Bildende Kunst erhielt einen neuen Schub an Theorie- und Kritik-Beständen aus Ost und West, von Erhard Frommhold, Klaus Werner, Klaus Hoffmann, Dietmar Kamper und einen Teilbestand zu Werner Haftmann. Die DDR im internationalen Zusammenhang zeigt das Archiv des italienischen Malers Gabriele Mucchi. In der DDR gewachsene Literatur kommt mit den Nachlässen von Charlotte Wasser, Helmut Baierl und Gino Hahnemann sowie, auch über diese hinausweisend, den Archiven zu Lebzeiten von Siegrid Damm, Uwe Kolbe und Jürgern Rennert zu Wort. Eine literarische Neuorientierung nach der Wende ist exemplarisch im Verlagsarchiv Gerhard Wolf janus press zu greifen. Die experimentelle Literatur des Westens vertreten die Bestände des Herausgebers der Zeitschrift Pro, Hansjürgen Bulkowski und des Hörbuch Verlags S-Press/Michael Köhler. Für die elektronische Musik ist Hans Peter Haller zu nennen.

Archive von Akademiemitgliedern – viele wurden bereits erwähnt – bildeten in den Jahren seit 2005 einen großen Anteil der Neuzugänge, nicht wenige als Archiv zu Lebzeiten. So traten in der Literatur neben den Nachlaß von Wolfgang Hilbig die Archive des Autors und Altphilologen Peter Wapnewski und der Lyriker Rolf Haufs und Harald Hartung. Die testamentarisch vermachten Komponistenarchive von Heimo Erbse und Ruth Zechlin und die Lebzeiten-Archive von Michael Gielen, Friedrich Goldmann, Georg Katzer und Rodion Shchedrin bereicherten das Musikarchiv. Das Archiv des Bildhauers Michael Schoenholtz aktualisiert die Bestände zur Bildenden Kunst; die Kunstsammlung erhielt größere Neuzugänge von Dieter Goltzsche, Alfonso Hüppi und Eberhard Blum sowie Fotobestände von Michael Ruetz. Und auch die Baukunst verzeichnet einen wesentlichen Aufschwung mit den Archiven zu Lebzeiten von Ludwig Leo aus Berlin, Peter von Seidlein und Busso von Busse aus München und dem Büro Szyskowicz-Kowalski aus Graz.

Neben den jährlich etwa 30 öffentlichen Veranstaltungen begleiten die Arbeit des Archivs auch Einzelpublikationen und die Reihen "akademiefenster“, „Archivblätter“, „Archive zur Musik des 20. und 21. Jahrhunderts“, das CD-Label „Berlin Kabarett“ sowie die Webseite "Neues aus dem Archiv".

Wolfgang Trautwein, Februar 2009

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(Stand 26.04.2011)