Rede zur Eröffnung der Ausstellung von René Graetz und Elizabeth Shaw

Domgalerie Merseburg 2008

von Dr. Barbara Barsch

Domgalerie vom Kunsthaus Tiefer Keller, Merseburg
30. September 2008


Sehr verehrte Damen und Herrn,

zuerst möchte ich meiner Freude darüber Ausdruck geben, dass in der Domgalerie des Kunsthauses in Merseburg in Zusammenarbeit mit dem Archiv der Akademie der Künste des 100. Geburtstages des Bildhauers, Grafikers und Zeichners René Graetz gedacht und zugleich auch an seine Frau und Gefährtin, die Künstlerin Elizabeth Shaw, erinnert wird.
Es gibt wohl kaum jemanden, der nicht die Kinderbücher von Elizabeth Shaw kennt und liebt. Ihre intelligenten und kindgerechten Texte wurden von ihr mit wunderbaren Illustrationen versehen, die nicht nur die Kinderherzen ansprachen und ansprechen. In ihnen werden ihr feiner Humor und ihre genaue Beobachtungsgabe deutlich. Elizabeth Shaw wurde 1920 in Belfast geboren und lernte während ihres Studiums in London René Graetz kennen, mit dem sie zusammen 1946 nach Berlin kam. Beide kamen zum ersten Mal nach Deutschland, es war keine Heimkehr – für beide nicht. Sie kamen in schweren Zeiten, um mitzuhelfen ein neues und besseres Deutschland aufzubauen. Elizabeth Shaw beschreibt diese Zeit in dem lesenwerten Buch „Wie ich nach Berlin kam“, das ich nur empfehlen kann, sollten Sie es noch nicht kennen. Gerade in jenen Jahren hat sie sich für Politik interessiert und bereits in London politische Karikaturen gezeichnet. Dies setzte sie mit scharfem Humor und viel Ironie auch in den 40er und 50er Jahren für den Ulenspiegel und später Eulenspiegel fort. Ganz im Gegensatz zu der Schärfe und Direktheit der Karikaturen sind ihre Landschaftszeichnungen geradezu harmonisch und ruhig. Ich habe sie mal gefragt, warum sie denn während ihrer Reisen nicht fotografiere, sondern immer zeichne. Sie antwortete, dass sie in den Fotos nie das wieder findet, was sie empfunden hat, wenn sie an diesen Orten war. Nur wenn sie die Landschaften oder Orte mit dem Zeichenstift festhält, stellte sich bei ihr die Erinnerung an die Empfindungen während einer Reise oder während ihrer Besuche von Freunden und Bekannten ein. Diese intime Atmosphäre teilt sich auch dem Betrachter mit. Also das, was vielleicht zuerst ein Widerspruch zu sein scheint, Schärfe und Harmonie, ist keiner. Es ist die Künstlerin und der Mensch Elizabeth Shaw, die viele Facetten hatte. Sie starb 1992 in Berlin als hochangesehene, beliebte und bekannte Kinderbuchautorin und Illustratorin. Auf die Anerkennung als Künstlerin hatte sie lange warten müssen. Erst ein Jahr vor ihrem Tod erhielt sie 1991 den Käthe-Kollwitz-Preis der Akademie der Künste. Eine späte, lang verdiente Auszeichnung, über die sich die stets bescheidene Künstlerin sehr gefreut hat. Es war das Zeichen, dass ihre Wahlheimat sie als Künstlerin angenommen und anerkannt hat. Sie schreibt in ihren Erinnerungen: „Für den einzelnen, der sich in einem fremden Land niedergelassen hat, ist das Leben oft nicht leicht, aber es hat auch positive Seiten. Man lernt flexibel und tolerant zu sein und sich von den Fesseln der Nationalität mit ihren tief verwurzelten Vorurteilen zu befreien, darin liegt das humanistische Element.“

René Graetz ging es mental nicht viel anders, auch wenn er als Künstler und Bildhauer in der DDR sehr bald offizielle Anerkennung fand. Er war ebenso eine interessante und vielgestaltige Persönlichkeit mit einer fast abenteuerlichen Biografie. Weitgereist und kenntnisreich, kam er 1946 zusammen mit Elizabeth Shaw und mit den deutschen Emigranten aus Großbritannien ins kleinbürgerlich geprägte Deutschland, in den sowjetischen Sektor Berlins. Man könnte Graetz als einen Staatskünstler der DDR bezeichnen, schuf er doch im Auftrage dieses Staates Monumente wie das Ehrenmal im KZ Sachsenhausen, Reliefstelen für die Gedenkstätte des KZ Buchenwald oder das Wandbild „Krieg und Frieden“ für den Palast der Republik. Er war Nationalpreisträger der DDR, und doch war er einer der umstrittensten und von der DDR-Kulturpolitik über Jahrzehnte hinweg angegriffenen Künstler.

Als Graetz nach Deutschland kam, war er 38 Jahre alt und hatte ganz feste Vorstellungen von dem, was jetzt für einen Künstler in einem demokratischen und sozialistischen Deutschland zu tun ist. Graetz war immer aktiv und voller Pläne, die er umzusetzen versuchte, äußerte sich in jeder Diskussion und sagte seine Meinung zu den anstehenden Problemen, was immer auch wieder seine Gegner auf den Plan rief.

Geboren wurde Graetz 1908 in Berlin, doch nur, weil seine italienische Mutter und sein russischer Vater auf dem Weg von Russland ins Schweizer Exil in Berlin wegen der Geburt des Kindes Station machen mussten. Dieser Zufall sollte sein weiteres Schicksal bestimmen. Er wuchs in Genf auf und erhielt beim Vater er eine exzellente Ausbildung als Drucker, sodass er 1929 einen Wettbewerb der Londoner „Times“ als bester Drucker gewann. Daraufhin bekam er auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise eine gut dotierte Anstellung bei der Kapstädter „Cape-Times“. Er lebte als Staatenloser nun fast 10 Jahre in Südafrika. Doch als er nach knapp zehn Jahren zurück nach Europa wollte, brauchte er einen europäischen Pass. Obwohl ihn mit dem faschistischen Deutschland gar nichts verband, besorgte er sich einen deutschen Pass, da er in Berlin geboren worden war. Er ließ sich 1939 in London nieder und arbeitete in allen möglichen Jobs doch interessierte ihn vor allem die Kunst. Bereits in Kapstadt hatte er an der Primavera School of Arts and Crafts gelernt und später gelehrt und hatte der Gruppe „Neue Kunst“ angehört.

Doch kurz nach Beginn des 2. Weltkrieges wurden 1940 in Großbritannien alle interniert, die einen deutschen Pass hatten, so auch René Graetz. Bis dahin hatte er nie Verbindung zu Deutschland oder Deutschen gehabt. Seine Sprachen waren Französisch und Englisch. Nun hatte er im Internierungslager erstmals Kontakt zu deutschen Künstlern. Bei den Kommunisten unter ihnen fand er seine geistige Heimat. Mit ihnen blieb er zusammen, wenn auch nicht ohne Konflikte.

Im Internierungslager begann bereits die Diskussion um eine adäquate, zeitgemäße künstlerische Formensprache, die nach der Rückkehr nach London im Sommer 1941 weiter geführt wurde. Als das Ende des Krieges absehbar wurde, begann sich die Gruppe der Emigranten, die zum Freien Deutschen Kulturbund gehörten, Gedanken über ihre Aufgabe beim Aufbau eines freien und demokratischen - für sie natürlich sozialistischen - Deutschland zu machen. An den damals entwickelten Maximen hielt Graetz Zeit seines Lebens kompromisslos fest.

Da für Graetz der Sozialismus die modernste und fortschrittlichste Gesellschaftsordnung war, sollte auch die Kunst und Kultur sich an dem Modernsten und Fortschrittlichsten in der zeitgenössischen Kunst orientieren. Deshalb konnte er sich mit dem engen Begriff des Sozialistischen Realismus, wie er lange Zeit in der DDR propagiert wurde, nicht arrangieren. Zeit seines Lebens sah er von der Formenwelt Picassos, Matisses, Henry Moores, der mexikanischen Wandmaler die wichtigsten künstlerischen Impulse für seine Zeit ausgehen.

Natürlich wusste Graetz, dass seine Auffassungen damals im höchsten Grade provokativ waren. Es ging ihm aber immer um die Kunst und die Durchsetzung eines Realismusbegriffes, der es den Künstlern ermöglicht, schöpferisch zu arbeiten. Er wollte den Denkprozess immer wieder von neuem anregen und nicht zuletzt die Ansicht durchsetzen, dass die Formenwelt Picassos und anderer Künstler des 20. Jahrhunderts für die sozialistische Kunst relevant sei. Als Beweis für diese Meinung führte er auch sein eigenes Schaffen an, in das er die Formenwelt Picassos immer stärker integrierte. Graetz hatte aber nicht nur Gegner. Es fanden sich auch immer wieder Fürsprecher wie z. B. Günter Feist, der 1965 anlässlich der Eröffnung einer Einzelausstellung von René Graetz sagte: „...Mit all dem und natürlich auch mit seinem nun schon langjährigen Aufenthalt in Deutschland hat ihn das Leben nicht nur mehrere Sprachen gelehrt, sondern auch jene Empfänglichkeit für die verschiedenen Sprachen der Kunst...Doch wie in seiner Wortsprache der französische Akzent dominiert, so ist René Graetz auch als Künstler letzten Endes in der Kultur Frankreichs beheimatet. Missverstehen Sie diese Bemerkung nicht als Vorwurf. Frankreich ist die Wiege der modernen Bildkunst... Gewiss, auch ich glaube, dass Picasso mehr als irgendein anderer Vorbild für Graetz ist... Doch tut man Graetz unrecht, wenn man meinen wollte, er würde unschöpferisch arbeiten. Nicht zufälliges, launisches Nachahmen Wollen, sondern innere gesetzmäßige Affinitäten im Weltanschaulich-Sozialen und im Nationalen scheinen mir die wirklichen Ursachen des erwähnten Verhältnisses zu sein...Von diesen Grundlagen aus scheint mir die Kunst von Graetz in ihrem Wesen und in ihren Abhängigkeiten am besten deutbar zu sein. Der Abscheu vor Ausbeutung, Unterdrückung, faschistischem Mord und vor der Gefahr eines alles vernichtenden Krieges vermählt sich mit dem national-stilistischen Hang zum Ausdrucksstarken, Formübersteigerten und gebiert eine expressiv-surrealistische Kunst, die mit Symbolen des Chaos und des Aufschreis, mit Untieren und gespenstischen Nachtvögeln, Gekreuzigten, Stürzenden und Gekrümmten und mit Formen splittriger, spitziger und stachliger Konfigurationen arbeitet. ...“[1] soweit Günter Feist 1965

Erst im Laufe der 60er Jahre begann René Graetz, der ewigen fruchtlosen Auseinandersetzungen müde, sich mehr und mehr auf sich selbst zu konzentrieren. Die Zeiten, wo er andere von seiner Meinung überzeugen wollte, waren vorüber. Doch seinen Überzeugungen blieb er weiterhin treu. 1970 schrieb er in sein Tagebuch: „Jetzt habe ich das Gefühl, daß ich auf eigenen Beinen stehen muß. Vielleicht zum ersten Mal seit 1950 – Es gibt kein Zurückgehen. Eigentlich ein schönes Gefühl! – Abstand zu halten und sich unabhängig zu fühlen von all dem falschen theoretischen Druck, der in der Tat wenig Bedeutung hat für die künstlerische Produktion. Dies sind so viele Bindungen ohne Bedeutung, nur ein Mittel über die Gedanken anderer zu herrschen – in der Tat unschöpferisch.“ In den noch verbleibenden Arbeitsjahren schuf er poetische, farbenprächtige Kreidezeichnungen und Siebdrucke, die Serie der „Upright Figures“, oder die kleinen kraftvolle Rosa-Luxemburg-Statuette und auch „Dichter und Muse“, die in der Ausstellung zu sehen ist.

1974 starb René Graetz mit 66 Jahren an Herzversagen. Sein überraschender Tod hat Elizabeth Shaw zutiefst erschüttert. Sie verarbeitete ihre Trauer und Einsamkeit mithilfe der Kunst und sie schuf so anrührende Blätter wie „Traum IV“, das auf der Einladungskarte abgedruckt ist.

Ich wünsche der Ausstellung ein interessiertes Publikum und Anne Schneider weiterhin viel Erfolg bei der Publizierung des Werkes ihrer Eltern, Elizabeth Shaw und René Graetz.

© Dr. Barbara Barsch, Berlin, September 2008

Kunsthaus Tiefer Keller

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[1]Kopie des Redemanuskripts wurde der Verfasserin von Herrn Günter Feist zur Verfügung gestellt.

Dr. Barbara Barsch studierte Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität Berlin und promovierte 1982 zu Leben und Werk des Bildhauers, Zeichners und Grafikers  René Graetz. Seit 1991 ist sie Leiterin der ifa-Galerie Berlin und des ifa-Büros Berlin des Instituts für Auslandbeziehungen e.V.


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