
RHYTHMUS UND MELODIE
Von Gret Palucca
Ich beginne. Ich stehe im Saal und höre eine Musik, mehrere Musiken. Ich habe nicht die Absicht, dieses oder jenes zu tun. Ich bewege mich wie von selbst. Dann gibt es einen Punkt, wo der Körper auf einen Rhythmus, ein Stück Melodie reagiert, im Gleichklang oder im Gegensinn. Eine Musik erweist sich als verwendbar, nicht im Sinne der Ausdeutung, sondern in dem der musikalischen Begleitung eines Eigenen. Es ist durchaus nicht immer eine vorher gehörte Musik, mit der ich mich bereits auseinandergesetzt habe. Der Tanz bleibt dabei primär. Seine innere Form verbindet sich mit der inneren Form der Musik, und die Arbeit am Tanz ist die Durchführung des thematischen Materials im Einklang mit der Musik. So entsteht eine Zwei-Einheit, das, was für mich der neue Tanz ist.
In: Frankfurter Neue Presse, Frankfurt/Main, 14. 8. 1948
8.1.1902
Margarete Paluka wird in München als ältestes Kind des Apothekers Max Paluka und seiner Ehefrau Rosa, geb. Merfeld geboren.
1914-1916
Ballettunterricht bei dem
Solotänzer Heinrich Kröller in Dresden; die Fortsetzung des Unterrichts
findet 1918 bei dem nunmehr in München als Ballettmeister engagierten
Heinrich Kröller statt.
1919-1923
Palucca erlebt am 7. November 1919 den ersten Tanzabend von Mary Wigman
in Dresden. 1920 wird sie Schülerin der Mary Wigman Schule in der
Bautzner Straße, ab 1923 Mitglied der ersten Wigman-Tanzgruppe.
1924
Am 1. Januar Eheschließung mit Fritz Bienert (1930 Scheidung).
Freundschaft mit der Schwester Ilse Bienert, Studentin am Bauhaus in
Weimar. Durch sie entstehen zahlreiche Kontakte zu Künstlerinnen und
Künstlern des Bauhauses Weimar und Dessau. Am 1. Februar erster
Solotanzabend im Vereinshaus Dresden, fortan alljährliche Tourneen mit
Solo- und Gruppenprogrammen im In- und Ausland.
1925
Eröffnung der Palucca Schule in Dresden, Zweigstellen in Berlin (1928) und Stuttgart (1931).
1926/1927
Gründung der Palucca-Tanzgruppe. Am 29. April 1927 erster Solotanzabend in der Aula des Bauhauses Dessau.
1936
Im August Teilnahme am Eröffnungsabend der Olympischen Spiele in Berlin.
1939-1944
Auftrittsverbot im Rahmen staatlicher und NS-Veranstaltungen; Übernahme
der Palucca Schule durch Adolf Havlik und Eva Glaser. Palucca bleibt
Mitglied der Fachschaft Kunst in der Reichstheaterkammer und widmet
sich mit jährlich neuen Tourneeprogrammen ausschließlich ihrer
Tanztätigkeit.
1945
Beim Bombenangriff am 13./14. Februar auf Dresden verliert Palucca ihre
Wohn- und Arbeitsräume und ihren gesamten Besitz; erhalten bleiben nur
zwei ausgelagerte Kisten mit Schulunterlagen, Fotos, Kritiken und
Programmzetteln. Im Juni Neubeginn der Unterrichtstätigkeit. Am 1. Juli
Neueröffnung der Palucca Schule in der Karcher Allee 43 in Dresden.
1945-1949
Wiederaufnahme ihrer Tanztätigkeit; Gastspielreisen mit jährlich neu
erarbeiteten Programmen in allen vier Besatzungszonen Deutschlands. Am
1. April 1949 Verstaatlichung der Palucca Schule.
1950
Gründungsmitglied der Deutschen Akademie der Künste, deren Vizepräsidentin sie von 1965- 1970 ist
1951
Am 3. Januar letzter Soloauftritt zum 75. Geburtstag von Wilhelm Pieck
in Berlin. Neben dem Unterricht für Neuen Künstlerischen Tanz wird an
der Palucca Schule im September der Unterricht im Fach Klassischer Tanz
eingeführt.
1952
Am Basteiplatz in Dresden wird mit dem Neubau eines Gebäudes für die
Palucca Schule begonnen (im Juni 1955 findet die Übergabe des ersten
Bauabschnittes statt).
1953
Unterbrechung der Lehrtätigkeit aufgrund von Eingriffen der Staatlichen
Kommission für Kunstangelegenheiten in die Gestaltung der Lehrpläne,
bis der Kulturminister der DDR, Johannes R. Becher, sie 1954 zur
Künstlerischen Leiterin der Schule beruft.
1962
Verleihung des Professorentitels, 1970-1974 Gastprofessur an der
Statens Dansskola in Stockholm, Gastunterricht u.a. in Bern und
Leningrad.
1972-1992
Vaterländischer Verdienstorden in Gold, 1980 Orden Stern der
Völkerfreundschaft, 1981 Nationalpreis der DDR für Kunst und Literatur
- 1. Klasse, 1983 Deutscher Tanzpreis des Deutschen Berufsverbandes für
Tanzpädagogik, 1985 Ehrenspange zum Vaterländischen Verdienstorden in
Gold, 1992 Großes Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband der
Bundesrepublik Deutschland.
1985
Mitglied des Kuratoriums der Semperoper Dresden; Mitglied des Internationalen Musikzentrums in Wien.
1991
Palucca wird Ehrenmitglied der Akademie der Künste zu Berlin.
1992
Beendigung ihrer Lehrtätigkeit in den Fächern Improvisation und Neuer Künstlerischer Tanz an der Palucca Schule in Dresden.
22. 3. 1993
Palucca stirbt in Dresden. Sie wird auf eigenen Wunsch in Kloster auf der Insel Hiddensee beigesetzt.