Solo Sunny, 1978/79 Szenenentwurf von Alfred Hirschmeier (1931-1996), gezeichnet auf Folie über einem Motivfoto, Hirschmeier 292
„Archiv“ schrieb Konrad Wolf lakonisch auf diejenigen Schriftstücke, die er für die Nachwelt bestimmte. Der bedeutendste Filmregisseur der DDR und langjährige Präsident der Akademie der Künste der DDR hatte sich schon 1970 entschlossen, sein Personalarchiv, einen der umfangreichsten und wichtigsten Bestände zur Filmkunst und Kulturpolitik der DDR, der Akademie der Künste anzuvertrauen. Zum umfangreichen Sammelgebiet Film in der DDR zählen auch die Archive anderer DEFA-Regisseure wie Gerhard Klein, Siegfried Kühn, Kurt Maetzig, Horst Seemann, Herrmann Zschoche und Schauspieler wie Erwin Geschonneck, Rolf Herricht oder Wolf Kaiser.
Die Archive der Akademie-Mitglieder Heiner Carow und Ulrich Plenzdorf, den Schöpfern der erfolgreichen romantischen „Legende von Paul und Paula“ (1973), verweisen zugleich auf den wichtigen Sammlungsschwerpunkt Mitgliederarchive. Diese reichen bis in die zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts zurück. Hier ragt das reichhaltige Archiv von Helmut Käutner heraus, ein riesiger Fundus zu über dreißig Jahren deutscher Filmgeschichte. Käutner begann seine künstlerische Laufbahn beim Theater, ebenso wie Slatan Dudow und Erich Engel, der 1929 in Berlin Bertolt Brechts Dreigroschenoper zur Uraufführung brachte. Damit stehen sie für die Besonderheit des multidiziplinären Archivs der Akademie. In den Filmarchiven sind zahlreiche Künstler vertreten, die sowohl für den Film als auch für das Theater wirkten. Zu diesem Sammlungsschwerpunkt zählen auch große Schauspieler wie Hans-Christian Blech, Dieter Borsche, Otto Gebühr, O. E. Hasse, Johannes Heesters, Martin Held, Brigitte Horney, Hilde Krahl, Hanna Schygulla oder Sabine Sinjen. Schauspieler sind die Gesichter des Films und stehen im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Umso spannender ist die Möglichkeit, in den Archiven einen Blick hinter die Fassade zu werfen. Dabei sind aufregende Zeugnisse zu entdecken wie der umfangreiche Schriftwechsel zwischen Werner Hinz und seiner Ehefrau, der Schauspielerin Ehmi Bessel. In seinen tagebuchartig verfassten Briefen berichtete Hinz seiner Frau fast täglich über seine Erlebnisse am Filmset, seine Gedanken und Gefühle. Auch finden sich sehr persönliche Dokumente wie z. B. ein von Romy Schneider kurz nach der Geburt ihres Sohnes David angefertigtes Fotoalbum oder scheinbar banale Schriftstücke wie die Rechnungen über die Renovierung der Villa des Ufa-Stars Lilian Harvey. Auch eines der wenigen Zeugnisse einer Inszenierung im KZ Dachau, in welcher Erwin Geschonneck während seiner Haft mitwirkte, ist überliefert. Unter Lebensgefahr in der Wand einer Lagerbaracke versteckt, wurde das Originalmanuskript erst nach Kriegsende wiedergefunden.
Besonders die Archive der Regisseure, angefangen bei den bereits in der Stummfilmära wirkenden Ludwig Berger und Paul Wegener über Geza von Cziffra und Wolfgang Liebeneiner, die ihre ersten Erfolge bei der Ufa feierten und auch in der Nachkriegszeit erfolgreich Filme drehten, Falk Harnack, der in den fünfziger und sechziger Jahren am Set stand, bis zu den Autorenfilmern Bernhard Sinkel und Jeanine Meerapfel, ermöglichen einen tiefen Einblick in die verschiedenartigen Handschriften und Arbeitsweisen der Künstler. In Drehbuchfassungen, Produktionsunterlagen und Besprechungsnotizen sind zahlreiche Anmerkungen und Ideen zur Szenengestaltung vermerkt sowie Kameraeinstellungen skizziert, anhand derer sich die Genese der Filme verfolgen lässt.
Der jüngste Sammlungsschwerpunkt Fernsehfilm schließlich entstand Anfang der neunziger Jahre auf Initiative der Akademie-Mitglieder Eberhard Fechner, Rolf Hädrich und Egon Monk. Inzwischen gehören zu diesem umfangreichen Komplex die Archive von Fernsehpionieren wie Fritz Umgelter, innovativen Regisseuren wie Peter Beauvais und Egon Monk und Künstlern wie Rainer Erler, Eberhard Itzenplitz, Peter Märthesheimer, Dieter Meichsner, Oliver Storz und Tom Toelle, die sich in ihren Filmen häufig mit gesellschaftskritischen Themen beschäftigten. Dazu zählen ebenso Künstler des DDR-Fernsehens, darunter mit Klaus Poche einer der wichtigsten Drehbuchautoren und Ulrich Thein einer der originellsten Filmemacher.
Bei den überlieferten Quellen zur Fernsehgeschichte findet sich so manche Rarität wie die Szenenfotos zu dem Fernsehspiel „Der Hexer“ (1953), das als Filmdokument nicht mehr existiert, da Fernsehspiele Anfang der fünfziger Jahre, als es noch keine Möglichkeit der Aufzeichnung gab, nur live gesendet werden konnten.
Filme entstehen als Gemeinschaftswerke. Und so werden weitere Arbeitsbeziehungen durch Archive von Kameraleuten wie Jürgen Jürges oder Wolfgang Treu und Szenenbildnern wie Alfred Hirschmeier oder Jan Schlubach sichtbar. Beeindruckend sind insbesondere die detaillierten Storyboards und phantasievollen Entwürfe der Szenenbildner, die eine intensive visuelle Vorstellung der Filmgestaltung ermöglichen. Ergänzt werden die Einzelarchive durch umfangreiche Sammlungen von Szenen- und Porträtfotos, Filmprogrammen, Presseheften und Werbematerialien sowie Filmkritiken.
(Stand 23.09.2011)