Als "Ramsch" hat Brecht seinen Nachlass jedenfalls nicht empfunden. Es war Wolf Biermann, der die respektlose Bezeichnung in seinem frühen Lied Herr Brecht aus der Drahtharfe dem Stückeschreiber in den Mund legte: Drei Jahre nach seinem Tod trifft Brecht auf dem Weg vom Friedhof zum Berliner Ensemble zwei Frauen und zwei Männer: "Was, dachte er,/das sind doch die Fleißigen/vom Brechtarchiv./Was, dachte er,/ seid ihr immer noch nicht fertig/mit dem Ramsch?"
Gut fünf Jahrzehnte nach Brechts Tod nehmen wir des Bänkelsängers Erkundigung auf. Was haben die "Fleißigen vom Brechtarchiv" geleistet? Woraus setzt sich der "Ramsch" zusammen? Wie ist die gegenwärtige Situation des Archivs? Welche Aufgaben stellen sich für die Zukunft?
Die Geschichte des Bertolt-Brecht-Archivs ist noch nicht geschrieben. Sie wäre festzuhalten nicht nur als Chronik eines der bedeutendsten Schriftstellerarchive des 20. Jahrhunderts, sondern als Geschichte von Menschen in Umständen, unter denen scheinbar unpolitische Dinge wie die Arbeit eines literarischen Archivs politische und biographiestiftende Dimensionen annehmen konnten.
Als formales Gründungsdatum des Bertolt-Brecht-Archivs gilt der 1. Dezember 1956. Bereits im Oktober 1956 hatte Helene Weigel jedoch zwei Mitarbeiter des Berliner Ensembles, Hans Bunge und Wolfgang Pintzka, beauftragt, mit der Sichtung und Sicherung des umfangreichen Nachlasses zu beginnen. Unter der Leitung von Hans Bunge wurden in einer Zeit von lediglich zwei Jahren etwa 120.000 Blatt verzeichnet und verfilmt, wobei man Brechts Anordnung des Materials beibehielt, um selbst verborgene Zusammenhänge nicht zu zerstören. Im Bertolt-Brecht-Archiv befand sich schon damals der überwiegende Teil aller erhaltenen Manuskripte und Typoskripte Brechts, so dass die Möglichkeit bestand, den Entstehungsprozess von Texten Brechts zu rekonstruieren. Die ebenfalls im Archiv verbliebene Nachlassbibliothek erleichterte die Suche nach Quellen für Texte von Brecht. Für nur wenige Literaturarchive bestehen vergleichbar günstige Bedingungen.
Die ersten Jahre müssen eine bewegte Zeit gewesen sein. Die Erwartung auf Unpubliziertes war so groß, dass Helene Weigel fürchtete, es könnten ohne ihre Kenntnis Brecht-Texte das Archiv verlassen. Sie beschäftigte im Archiv darum am liebsten Leute, die "keine zu großen Brecht-Enthusiasten" waren, wie Hans Bunge sagte, "sonst würden sie sich festlesen, und wir wären in Jahren nicht mit der Sichtung fertig". Die Absicherung war vergeblich: Immer wieder wurden Abschriften herausgeschmuggelt, erschienen ungenehmigt brisante Texte wie Brechts Gedicht zum 17. Juni 1953, Die Lösung, oder die Texte zum Tod Stalins. Das Interesse für den schriftstellerischen Nachlass trug bisweilen konspirative Züge, denkt man etwa daran, dass der in Westberlin lebende "DDR-Flüchtling" Uwe Johnson nur mit Hilfe eines "erschlichenen" westdeutschen Passes die Edition des Me-ti besorgen konnte.
Hans Bunge (1919-1990), dessen Verdienste um das Bertolt-Brecht-Archiv noch nicht ausreichend gewürdigt worden sind, war über das Theater zu Brecht gestoßen. Er hatte sich intensiv mit Brechts Antigonemodell befasst und 1952 in Greifswald mit einer Hochschultheatergruppe Die Gewehre der Frau Carrar inszeniert. Neben seiner Arbeit als Regieassistent am Berliner Ensemble baute er das Archiv des Theaters auf. Bunges Verständnis von Archivarbeit war alles andere als papieren und buchhalterisch. Die Gespräche mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, mit Kollegen und Freunden Brechts, namentlich die mit Hanns Eisler und Ruth Berlau, gehören zum Spannendsten, was die Brecht-Forschung hervorgebracht hat. Bunge, der Beziehungen zu Autoren wie Peter Weiss, Hans Magnus Enzensberger und Uwe Johnson pflegte und der zum Freundeskreis von Robert Havemann und Wolf Biermann zählte, verlangte wie Brecht von jeder Arbeit, dass sie Folgen haben müsse. Damit konnte er unter Verkehrsformen, wie sie die DDR herausbildete, nur die Erweiterung der Grenzen meinen, die jeder geistigen Arbeit gesetzt waren, was ihm, als er 1961 nach Differenzen mit Helene Weigel das Archiv verlassen musste, auch in der Akademie der Künste und in anderen Institutionen der DDR Ausgrenzungen und Berufsverbot eintrug. Was die politische Atmosphäre anlangte, verloren die frühen Jahre ihre prägende Kraft nie völlig: Auch im Bertolt-Brecht-Archiv blieb der Anpassungsdruck nicht ohne Wirkung; aber dennoch wehte im Archiv ein offener, zuweilen widersetzlicher Geist, der auf die Wahrheit der Überlieferung baute und subalterne Ideologisierungen verachtete, aus welcher Ecke auch immer sie kamen.
Bis zu ihrem Tod 1971 fühlte sich Helene Weigel für das von ihr gegründete und weitgehend finanzierte Archiv verantwortlich. Mit dem Verkauf des Sammlungsgutes des Archivs samt Archivbibliothek und Findhilfsmittel an die Akademie der Künste der DDR im Jahre 1973 endete die Aufbauphase, äußerlich dokumentiert durch den Abschluss der Publikation des vierbändigen Bestandsverzeichnisses von Herta Ramthun (1907-1988), die zahllosen Brecht-Forschern eine kundige und anregende Beraterin war. Neben dem Bestandsverzeichnis existieren weitere Findhilfsmittel wie Karteien, Kataloge, Verzeichnisse, hervorzuheben ist das Brieffindbuch (1966) von Günter Glaeser (1933-2005), der fast fünfunddreißig Jahre im Brecht-Archiv gearbeitet hat und Herausgeber der Briefe Brechts und der Stückfragmente in der Berliner und Frankfurter Ausgabe war.
Die Eröffnung des Brecht-Hauses in der Berliner Chausseestraße 125 im Jahre 1978 bot dem Archiv die Möglichkeit der räumlichen Erweiterung auf das gesamte zweite Obergeschoss. Zugleich stieg die Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die zeitweise nur zwei betragen hatte, auf zwölf. Es wurden mit großem Einsatz wissenschaftliche Projekte wie die Bibliographie Bertolt Brecht betrieben, die an die Bemühungen um die historisch-kritische Brecht-Ausgabe während der Jahre 1958 bis 1963 erinnerten. Die Zeit von 1978 bis 1992 ist geprägt durch Gerhard Seidel, dessen editionstheoretische Arbeiten der Brecht-Forschung Impulse verliehen haben. Seidels wissenschaftliche Grundsätze für die Arbeit im Handschriftenbereich und in der Bibliothek des Bertolt-Brecht-Archivs schufen einen Standard der Aufbereitung des Materials, der sowohl in der Wissenschaft als auch im Archivwesen Anerkennung gefunden hat. Die exzellente Zugänglichkeit der Archivalien beruht auf einer Einzelblattverzeichnung, die der Druckschriften auf der (sowohl aktuellen als auch retrospektiven) Erschließung noch der entlegensten deutsch- und fremdsprachigen Publikationen von und über Brecht und sein Umfeld. Manuskripte und Bearbeitungsspuren von Brechts Hand liegen in Transkriptionen vor. Eine Aufführungsstatistik und eine Theaterdokumentation informieren über die Brecht-Rezeption auf den Bühnen der Welt.
Im Bertolt-Brecht-Archiv und im ihm seit 1977 zugeordneten Helene-Weigel-Archiv stehen gegenwärtig mehr als 1 Mio. Dokumente zur Verfügung, das sind: ca. 220.000 Werkhandschriften, Tagebücher, Briefe, Urkunden (darunter Arbeiten von Mitarbeiterinnen Brechts wie Elisabeth Hauptmann, Margarete Steffin und Ruth Berlau sowie von Schriftstellerkollegen, Komponisten und Malern wie Walter Benjamin, Hanns Eisler, Paul Dessau und Caspar Neher); die Modellbücher, in denen – ehe solche Aufgaben die Videotechnik übernahm – Brechts Inszenierungen durchfotografiert sind; mehr als 600.000 Fotos; ca. 25.000 Medieneinheiten (darunter die wertvolle Nachlassbibliothek Brechts mit 4.128 Bänden); ca. 100.000 Presseveröffentlichungen; Programmhefte, Theaterplakate, Inszenierungsfotos; Bild- und Tonträger (darunter ein fast vollständiger Mitschnitt von Brechts letzter Probenarbeit zu Leben des Galilei), Grafik und andere Kunstgegenstände. Das Archiv steht allen offen, die sich mit Brecht, mit Helene Weigel, mit dem Berliner Ensemble oder angrenzenden Themen befassen.
Mit der Erweiterung des Bertolt-Brecht-Archivs im Jahre 1978 wurden die letzten Wohnungen von Brecht und Helene Weigel, die zeitweise dem Archiv als Arbeitsräume gedient hatten, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die dem Archiv zugeordnete Brecht-Weigel-Gedenkstätte erfreut sich seit ihrer Eröffnung eines anhaltenden Besucherinteresses. Der besondere Reiz eines Aufenthaltes in Brechts und Weigels Wohnung besteht in der Möglichkeit, die Lebensverhältnisse des Schriftstellers und der Schauspielerin unverfälscht nachempfinden zu können. Nichts deutet auf ein Museum hin; die Wohnungen, ihre Möblierung und ihr sonstiges Inventar entsprechen dem Originalzustand. Das Haus Chausseestraße 125 liegt in der Mitte Berlins, am Friedhof der Dorotheenstädtischen Gemeinde, vom dem Brecht sagte, dass er "nicht ohne Heiterkeit" sei. Unweit der Gräber von Hegel, Fichte, Heinrich Mann, Hanns Eisler, Paul Dessau und anderen fanden Bertolt Brecht und Helene Weigel dort ihre letzte Ruhestätte.
In den Jahre 1988 und 1989 wurde im Bertolt-Brecht-Archiv die Gründung eines Instituts geplant, in dem der Grundstein für eine historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke Brechts gelegt werden sollte. Auf höchster Regierungsebene hatte man die notwendigen Finanzen bewilligt, sie wären, ob als Ost- oder Westmark, ungehindert geflossen. Der Stellenplan war erarbeitet, die Feinaufteilung der Arbeitszimmer durchdacht, das Nachbarhaus für den Baubeginn im Januar 1990 geräumt, als sich im Herbst 1989 das erstarrte ostdeutsche Gemeinwesen in Bewegung setzte. Mit dem Untergang der DDR zerbrach eine Konstruktion, die geeignet war, Schwindelgefühle hervorzurufen. Aussagen über die Tragfähigkeit des projektierten Gebildes bewegen sich im Bereich der Spekulation. Es bleibt ein zwiespältiger Eindruck: Problematisch war die hypertrophe – und machtgestützte – Fixierung auf einen Autor, der andere wissenschaftliche und editorische Vorhaben zum Opfer gefallen wären. Reizvoll – und geradezu märchenhaft, verglichen mit den vom Rotstift diktierten Bedingungen gegenwärtiger Kulturpolitik – ist die Sorglosigkeit, mit der ein wissenschaftliches Jahrhundertprojekt geplant werden konnte.
Heute ist das Bertolt-Brecht-Archiv Teil des Archivs der Akademie der Künste, einer Bundeseinrichtung. In den Bereichen Handschriften, Bibliothek, Foto-Archiv, Theaterdokumentation, Helene-Weigel-Archiv, Isot-Kilian-Archiv und Gerhard-Seidel-Archiv arbeiten vier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Als befruchtend für die Arbeit wirkt sich der Umstand aus, dass das Land Berlin im Dezember 1992 die Originale des Brecht-Nachlasses von den Erben Brechts erworben und sie dem Bertolt-Brecht-Archiv als Dauerleihgabe übergeben hat. Mit dem Nachlass wurden die Bibliothek Brechts und das ausgesprochen ergiebige Foto- und Filmarchiv der Erben gekauft.
Das Bertolt-Brecht-Archiv und die Brecht-Weigel-Gedenkstätte haben wie eh und je der Öffentlichkeit den Zugang zum Nachlass und zu den Wohnungen von Bertolt Brecht und Helene Weigel zu ermöglichen. Das erfordert die Fähigkeit zur soliden Aufbereitung und Betreuung der Materialien, und es verlangt eine ausgewiesene Kennerschaft. Die weltpolitischen Veränderungen der letzten Jahre haben das Interesse an Brecht nicht lahmgelegt, der Andrang ist unverändert. Es gibt keinen Bruch in der Brecht-Rezeption auf den Bühnen der Welt. Über Brecht und ihn betreffende Themen werden anhaltend Dissertationen geschrieben, ein beträchtlicher Teil davon mit Unterstützung des Bertolt-Brecht-Archivs. Inhaltlich sind Akzentverschiebungen zu verzeichnen. Wissenschaftliche oder journalistische Arbeiten, Filme, Ausstellungen etc. widmen sich bislang vernachlässigten Themen. Zum Teil auf der Basis neuer Zeugnisse werden Brechts Haltung zum Stalinismus ebenso untersucht wie seine Rolle innerhalb der linken historischen Avantgarde oder die Konflikte mit der DDR-Kulturbürokratie. Brechts Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter finden zunehmende Aufmerksamkeit. Akribisch wenden sich Untersuchungen Problemen der Druckgeschichte oder der Theatertheorie zu.
Das Bertolt-Brecht-Archiv hat viel beachtete Ausstellungen in der Akademie der Künste gezeigt: „‚… und mein Werk ist der Abgesang des Jahrtausends‛. 22 Versuche, eine Arbeit zu beschreiben“ (1998, zum 100. Geburtstag Brechts), „Unerbittlich das Richtige zeigend“ (2000, zum 100. Geburtstag der Weigel) und „Neues vom Herrn Keuner“ (2004, zum Erwerb der Brecht-Sammlung Renata Mertens-Bertozzi). Die Erarbeitung der Berliner und Frankfurter Brecht-Ausgabe ist aktiv vom Archiv unterstützt worden. 2006 erschien das kommentierte Verzeichnis von Brechts Nachlassbibliothek, in dem Widmungen, Randglossen und Bearbeitungsspuren Lektüreeindrücke und Interessen, Quellen und Beziehungen Brechts belegen – bis dato ein bislang nur vereinzelt berücksichtigtes Potential.
Wie heißt es am Schluss von Biermanns Liedchen? "Und er lächelte / unverschämt – bescheiden und war zufrieden." Es muss dahingestellt bleiben, wie Brechts Begegnung mit den "Fleißigen" heute ausfiele. Für die Arbeit im Bertolt-Brecht-Archiv sollte maßgebend nicht die zufriedene, bequeme, sondern die "unverschämt-bescheidene" Haltung sein. Betätigungsfelder gibt es zuhauf. Brecht wusste um die Konflikte, die seine Hinterlassenschaft in sich barg; in einem Gespräch mit Karl Kleinschmidt, wenige Wochen vor seinem Tod, wünschte er sich für seinen Nachruf: "Schreiben Sie, dass ich unbequem war und es auch nach meinem Tode zu bleiben gedenke. Es gibt auch dann noch gewisse Möglichkeiten."
Erdmut Wizisla
Hinweis: Wir sind dankbar für die Übersendung von Publikationen, Filmen, Hörproduktionen und anderen Arbeiten resp. für die Mitteilung bibliographischer Informationen oder Produktionsdaten.
Weitere Informationen zu Bertolt Brecht auf den Webseiten der Akademie der Künste:
Bertolt Brecht Archivbestand
Über das Bertolt-Brecht-Archiv
Vorwort zu „Die Bibliothek Bertolt Brechts“
(Stand 08.01.2010)