Informationen zum Neubau des Akademiegebäudes - Pariser Platz 4

Rede zur Grundsteinlegung am Pariser Platz 4


GYÖRGY KONRÁD

Vor einem Jahr, im Mai 1999, haben wir uns von dieser Ruine verabschiedet, von den Gebäuderesten der einstigen Akademie, die wir später als Teil unseres Neubaus wiederfinden werden. Zur Jahreszahl, zur Stimmung des Rückblicks, der Bilanz, der Reflexion paßte die vom Jahrhundertende suggerierte Geste, auch wenn die erfolgreiche Operation der Spitzentechnologie gegen die Städte eines Balkanlands, die als Kollateralschaden zirka zehntausend Menschen das Leben gekostet hat, dazu nicht so recht passen wollte.
Nun allerdings, im Frühjahr 2000, feiern wir die Geburt, die Wiedergeburt, begründen eine neue Geschichte eines neuen Jahrtausends, wir, alle etwas älter geworden, Menschen des vergangenen Jahrhunderts. Nous tous sommes des ci devants. Wir, die Alten, machen das Neue. Diesmal nicht durch die Geste des Bruchs.

Zwar überschreiten wir die Grenze, aber den Ballast schleppen wir mit. Wir haben schwer daran zu tragen, erfahren eine Fortsetzung, und vielleicht erneuern wir uns sogar.
Jahrhunderte befinden sich an unserer Seite; Künstler längst vergangener Zeiten trinken aus unserem Glas. Auch sie werden in den langen Nächten des Glaspalasts, den Günter Behnisch und seine Kollegen als ein umhüllendes durchsichtiges Gewand geträumt haben, gemeinsam mit uns durch die Säle schlendern. Durchscheinend ist auch der Schatten der Alten. Nur wir, noch rätselhaft und verletzlich, ebenso wie unsere Werke und Häuser, sind es nicht.

Der alte Palast ist durch die Militarisierung des Lebens niedergerissen worden, worauf wir keine bessere Antwort wissen als die Zivilisierung des Lebens, die sich nicht in der Sprengung von Brücken, sondern im Bau einer Zentrale artikuliert.

Grundsteinlegung am 14.05.2000: Eberhard 
Diepgen, Werner Durth, Manfred Sabatke, György Konrád, Peter Strieder

Grundsteinlegung am 14. Mai 2000:
Eberhard Diepgen, Regierender Bürgermeister von Berlin, Werner Durth, Mitarbeiter des Projekts, Manfred Sabatke, Vertreter des Büro Behnisch, György Konrád, Präsident der Akademie der Künste, Peter Strieder, Senator für Stadtentwicklung
Foto: Manfred Mayer

Es gilt, die Fähigkeit der Wiederauferstehung von Institutionen, Stadtvierteln und Plätzen und damit einhergehend die verständliche Reorganisation der Beziehungen zu würdigen.
Wir stehen hier auf dem Grundstück Pariser Platz Nummer 4 neben einem Tor, das weltweit zum Symbol dieser Stadt geworden ist und uns übrigens durch seinen Namen immer daran erinnert, daß die Akademie von den Ländern Berlin und Brandenburg getragen wird. Es ist ein Tor, wofür ein Künstler, Gottfried Schadow, fünfunddreißig Jahre Direktor der Berliner Akademie, die in Kupfer getriebene Quadriga mit der Siegesgöttin entworfen hat. Wer nach Berlin kommt, der passiert dieses Tor, links von dem Haus, in dem Max Liebermann gewohnt hat, der seine Adresse wie folgt mitgeteilt hat: "Wenn Sie nach Berlin hereinkommen, gleich links" und der über zwölf Jahre der Akademie als Präsident vorgestanden hat, bevor er im eigenen Haus, nachdem das Marschieren der Nazis in Mode gekommen war, ein Verfemter geworden ist.

Von da an werden die Dokumente der Akademiegeschichte von freudlosen Einsichten begleitet. Nach der Gründung beziehungsweise Wiedergründung der beiden Berliner Akademien folgte die lange Periode des Kalten Krieges, im großen und ganzen unsere Biographie, die ein unzweifelhaftes Positivum besitzt: Wir haben gelebt. Jeder auf seine Weise.

Im allgemeinen sind wir daran nicht zugrunde gegangen, haben ganz nach Vermögen unsere Fähigkeiten genutzt, uns um anspruchsvolle Kunst bemüht, haben mit Entdeckungen experimentiert, die Tradition bewahrt, in verschiedenen Sprachen und Medien unsere Erkenntnisse in Dichtung umgesetzt. Die Gewohnheiten von Glauben und Irrtum waren zu beiden Seiten der Mauer andere. Verschiedenartige Klischees und Vermutungen haben unseren Verstand belagert.
Viele Argumente sprechen für eine Relativierung. Dennoch habe ich den Eindruck, daß einer, der sich für die Werte der Menschenwürde, Freiheit und Solidarität entschieden hat, der diese Werte schon in der Grundschule situationsgemäß praktiziert und daran festgehalten hat, keine Enttäuschung hinnehmen mußte, sich auch Humor erlauben durfte und daß dessen Phantasie durch Furcht und Schrecken nicht unterjocht worden ist, mit einem Wort, wer sich dafür entschieden hat, der ist besser gefahren.
Der eine hat es leichter, der andere schwerer; das Leben ist ungerecht, die Kunst aber ist es - manchmal ausgleichend - auf andere Weise. Und oft kommt gerade der zu Fall, dessen Weg sich bisher als leicht erwiesen hat. Daraus folgt, daß der geographisch-politische Entstehungsort der Werke deren Qualität weder im guten noch im schlechten Sinne bestimmt. Jedes einzelne Werk muß in seinem Milieu um seine pure Existenz, um sein Zustandekommen ringen.

Ebenso wie dieser Platz, so mußte auch der Genius loci um sein Wiederaufleben kämpfen. Allerdings um ein triumphales Wiederaufleben, daß nämlich der Ort, gleich ob wir das wollen oder nicht, zum symbolischen Mittelpunkt der alten und neuen Metropole werden wird. Das allein schon deshalb, weil Franzosen und Amerikaner, Engländer und Russen, Polen und Ungarn hier ihre Gesandtschaften betreiben. Obwohl die Residenzen erst noch im Entstehen begriffen sind, entspinnen sich bereits nachbarschaftliche Beziehungen. Das Hotel Adlon und die drei bedeutenden Bankhäuser haben ihren Willen, gute Nachbarn der Akademie sein zu wollen, schon unter Beweis gestellt. Dafür sind wir dankbar und hoffen, daß unsere Erwiderungen auch für Sie ein Gewinn sein werden.

György Konrád, Eberhard Diepgen, Walter Jens, Werner Durth

von links nach rechts:
György Konrád, Eberhard Diepgen, Walter Jens, Ehrenpräsident der Akademie der Künste, Werner Durth
Foto: Manfred Mayer

Die nicht ganz zufälligen Gegebenheiten der Koexistenz können wir auch als Chance und Botschaft betrachten. Wenn unsere Nachbarn in dem sich von San Francisco bis nach Wladiwostok erstreckenden und nicht eben klein zu nennenden Raum gut miteinander auskommen, dann wird unser Stammhaus mit Gottes Hilfe von niemandem noch einmal bombardiert werden. Denn was sonst könnten wir einem Gebäude bei seiner Grundsteinlegung wünschen, als daß es möglichst lange an seinem Ort stehen möge, wie es gemäß der Beschaffenheit seines Materials nur irgend vorstellbar ist?

Ein verhältnismäßig kleiner Platz kann für eine große Region viel tun, kann Multiplikator des Gedankenaustauschs sowie einer vielseitigen Verständigung sein, kann der Freiheit des Herzens und des Verstands maßgeblich dauerhafte Bürgerrechte garantieren, sofern er bedrohlichem Marschieren kein Bürgerrecht gewährt. Und wir würden uns freuen, wenn am anderen Ende der Linden auf dem großen Platz, auf dem einst das Schloß stand, ein weiterer öffentlicher Ort gestaltet würde, in dem die Kultur eine Heimstatt hat.
Dank intelligenter Vernetzung wird sich jedermann/jedefrau vermutlich bald an jedem Punkt der Erde über die Ereignisse an der Akademie der Künste informieren können, vorausgesetzt, daß am Pariser Platz Nummer 4 interessantes Geistesleben stattfindet.
Wir danken all unseren Freunden, allen, die etwas dafür getan haben, damit wir zu dieser verheißungsvollen Station gelangen konnten, wir danken dafür, daß wir nun den Grundstein mit den darin verborgenen Botschaften legen dürfen.

Möge dieser Glaspalast ein Haus der Aufrichtigkeit sein, im Wahrheitsgetümmel der Institutionen eine Heimstatt für die Wahrheit der Personen.
Möge er für die Stadt, das Land und die Besucher des Platzes einer der Glanzpunkte sein, zu dem uns unsere Schritte selbst ungewollt lenken, der uns immer wieder in den Sinn kommt, weil der Gedanke daran angenehm ist.
Ich danke Ihnen, meine Damen und Herren, daß Sie unsere Hoffnungen in dieser für uns freudvollen Stunde mit uns teilen.

Sonntag, den 14. Mai 2000