Bildmotiv nach Filmstill aus der Bayreuther Lohengrin Inszenierung von Hans Neuenfels © Björn Verloh

JÜRGEN FLIMM

WENN MAN NUR WÜSSTE,
SIEGFRIED, RIEF SIE LAUT
AUS, WENN MAN NUR WÜSSTE!



Nun finden wir beim Ring die genaue Ausformung einer gesellschaftlichen Kritik, die Wagner im Vorfeld von 1848 zu denken begonnen hat. Wagner, Bakunins Freund, entwickelt hier eine außerordentlich kritische Weltsicht gegenüber einer Gesellschaft, in der er aufgewachsen ist und auch künstlerisch erwachsen wurde. Das ist aus dem Ring nicht wegzudenken.
Nehmen Sie den Schluss der Götterdämmerung: Die totale Reinwaschung der Welt von allem Übel und die Leere des Endes treffen sich mit Bakunins Grundsätzen: Die Gesellschaft darf nicht so bleiben, wie sie ist, sie muss sich radikal verändern. […] Wagner war ein grandioser Psychologe, ein großer Theatraliker. Einer, der sehr präzise die Psychologie der Figuren beschrieben hat. Dem nachzuspüren, führt mich dazu, die Figuren, wie wir das zu Beginn der Proben nannten, zu "entpathetisieren". Mittlerweile reden wir auch von einer Re-Theatralisierung des Rings – also nicht nur am Speer festhalten und auf den Mann im Graben starren, sondern den bürgerlichen Kern der Figuren ernst nehmen.
Jürgen Flimm in: Götterdämmerung. Der neue Bayreuther Ring. Hg. von Udo Bermbach und Hermann Schreiber, München 2000, S. 66


 

Szene aus "Rheingold", Inszenierung: Jürgen Flimm, Bayreuth 2000, Foto Hermann und Clärchen Baus


JÜRGEN FLIMM
Regisseur, Intendant, 1941 in Gießen geboren, Studium der Germanistik, Soziologie und Theaterwissenschaften in Köln, Regieassistent an den Münchner Kammerspielen, 1972 Spielleiter am Nationaltheater Mannheim, 1973–1974 Oberspielleiter am Thalia Theater, Hamburg, 1974–1979 freier Regisseur in München, Hamburg, Bochum und Frankfurt am Main, Lehrtätigkeit an der Harvard University und der New York University, 1979–1985 Intendant am Schauspiel Köln, 1985–2000 Intendant des Thalia Theaters, Hamburg, außerdem Gastregisseur u.a. bei den Bayreuther Festspielen, in Chicago, London, Madrid, Mailand, New York, Wien, Zürich und bei den Salzburger Festspielen, 1988 gemeinsam mit Manfred Brauneck Gründung, Leitung und bis 1998 Professor des Instituts für Theaterregie in Hamburg, 1999–2003 Präsident des Deutschen Bühnenvereins, 2001–2004 Leiter des Schauspiels der Salzburger Festspiele, 2005–2008 Intendant der Ruhrtriennale, 2006–2010 Intendant der Salzburger Festspiele, seit 2010 Intendant der Berliner Staatsoper Unter den Linden, Berlin. Mitglied der Akademie der Künste (Ost) 1990–1991 und der Akademie der Künste seit 1995.
Wagner-Inszenierungen: Der Ring des Nibelungen: Das Rheingold, Die Walküre, Siegfried, Götterdämmerung, 2000 Bayreuther Festspiele


In der Ausstellung
● Ring-Fotografien von Hermann und Clärchen Baus
Videogespräch
Veranstaltung
9.12.12, 17 Uhr
● BRÜNNHILDE DOESN’T LIVE HERE ANYMORE.
Gespräch (mit Lesung und Filmbeitrag) zwischen Jürgen
Flimm und Dieter Borchmeyer über den Bayreuther Ring des Jahres 2000