1979

Wilfried Fitzenreiter

Der Bildhauer und Medailleur Wilfried Fitzenreiter findet zunächst Inspiration in der klassischen Moderne und in seinem Hallenser Lehrer Gustav Weidanz. Nach seinem Studium wird er Meisterschüler an der Deutschen Akademie der Künste bei Heinrich Drake und arbeitet ab 1961 freischaffend in Berlin. Zentrum seines Œuvres bildet die menschliche Figur in Verbindung mit narrativen Elementen, wie bei dem Geschlagenen (1968) im Park des Schlossberges in Chemnitz. Fitzenreiter gestaltet zahlreiche Münzentwürfe, darunter Gedenkmünzen (zum Beispiel Johann Wolfgang von Goethe) sowie Ereignismedaillen in der DDR. Darüber hinaus arbeitet er als Zeichner und Druckgrafiker.

Textbeiträge zur Preisverleihung

„Das Relief schließlich ist ein weiteres Ausdrucksmittel Fitzenreiters, und hier kann sich die Geschmeidigkeit seines Stils bis ins Malerische ausweiten“ (Auszug Laudatio)

Wilfried Fitzenreiter gehört zu den bedeutenden Bildhauern der mittleren Generation in der DDR. Gustav Weidanz, sein Lehrer, hat ihm das Interesse an der Kleinplastik besonders nahebringen können. Dieses Genre der Bildhauerei nimmt im Schaffen Fitzenreiters einen großen Raum ein und ermöglicht ihm, sein Talent besonders eindringlich zu zeigen. Fitzenreiters Kleinplastiken sind sehr populär geworden, zum Beispiel verschiedene Gruppen von Tanzenden, aber auch Sportdarstellungen. In dieser Gestaltungsform konnte sich sein aufgeprägter Sinn für die plastische Formulierung von Bewegung entfalten. Fitzenreiters künstlerisches Herkommen kann man mit Namen wie Richard Scheibe, Ernesto de Fiori und auch Georg Kolbe bezeichnen. Diese Traditionslinie hat er in einem realistischen Personalstil mit Beharrlichkeit fortgesetzt. Das Relief, eines seiner bevorzugten Ausdrucksmittel, wurde bis zur Wiedergabe des Landschaftlichen getrieben; Fitzenreiters Sorgfalt bei der Oberflächengestaltung zeigt sich hier besonders in weicher, malerischer Gestaltungsweise. Nuancierte Oberflächengestaltung und ausgewogene Komposition gibt seinen Kleinplastiken, die zur Genreplastik zu zählen sind, einen bildhauerischen Wert. Die Ausdrucksskala reicht vom Besinnlichen bis zum Heiteren, bisweilen auch Sarkastischen. Auch großplastische Werke besitzen die Lebensnähe der kleinplastischen Arbeiten. Dem Bildhauer gelingt es auf diese Weise, das anspruchsvolle Großformat vielen Menschen vertraut zu machen. Er fördert auch damit die Hinwendung zur bildenden Kunst, das Bewusstsein ihrer gesellschaftlichen Bedeutung, und entspricht dadurch der Überzeugung von Käthe Kollwitz, Kunst müsse „wirken in dieser Zeit“.

Die Sektion Bildende Kunst schlägt Wilfried Fitzenreiter zur Auszeichnung mit dem Käthe-Kollwitz-Preis vor und möchte damit einen Künstler ehren, der die realistische Bildhauerei um wesentliche Werke bereichert hat.

Laudatio, verfasst von Horst-Jörg Ludwig und vorgetragen von Werner Klemke anlässlich der Preisverleihung, veröffentlicht in „Mitteilungen" 1979:

„Die Nachwelt wird ihnen vorenthalten, was die Mitwelt an ihnen gut gemacht hat“, sagte Karl Kraus. Hoffen wir, dass er nicht die Empfänger von Kunstpreisen im Auge hatte bei dieser Überlegung. Wir jedenfalls, die Mitwelt unseres Wilfried Fitzenreiter, tun heute etwas Gutes, wir zeichnen ihn mit dem Käthe-Kollwitz-Preis aus für sein Werk, das über Jahre hinweg einen qualitätvollen Beitrag zu unserer Kunst geleistet hat. Weidanz und Lichtenfeld in Halle, Drake in Berlin waren Wilfried Fitzenreiters Lehrer. Das sind Namen, die Voraussetzung bedeuten, aber auch Verpflichtung. Das Solide, Gründliche, Unspektakuläre der Kunst dieses Bildhauers hat dort seine Wurzeln. Drake sagte einmal zu ihm, als es ihm immer komplizierter erscheinen wollte, einen Akt zu schaffen: „Machen Sie ihn, wie er ist. Das ist schwer genug.“ Solch einfache Maxime mag dem feinsinnig-ästhetischem Gemüt vorkommen wie dem Prälaten das Küchenlatein, aber sie hat die Weisheit für sich, dass Kunst der Natur gegenüber ein Abgeleitetes ist, die niedergelegte Erfahrung aus unendlich scheinenden Möglichkeiten, kein selbstherrliches Abstraktum. Fitzenreiter ist es nicht schwergefallen, dieser Lehrer-Meinung zu folgen. Seine Kunst respektierte stets die Naturform. Es fehlt jedoch auf diesem Wege nicht an Tücken wie jener, von der Adolf von Hildebrand anhand eines Beispiels aus der Porträtkunst spricht:1 „So wie sich die Stirnmuskeln im Zorn oder in der Anstrengung zusammenballen, und wir diesen zusammengezogenen Wulst als Ausdruck des Zornes oder der Anstrengung auffassen, so behält auch eine Stirne, wo dieser Wulst im Ruhezustand vorhanden und durch den Knochenbau veranlasst ist, den Ausdruck der Kraftentwicklung.“ Hildebrand zählte das zum „Problem der Form in der bildenden Kunst“, das ihn im Jahre 1893 die gleichnamige Abhandlung veröffentlichen ließ. Jene Stirnen, von deren Ausdrucksgewalt er berichtet – wer kennt sie nicht! Man weiß auch um das Folgende, was Hildebrand daraus ableitet: „Auf diese Weise gelangen bestimmte Formen“, schreibt er, „zum Ausdruck innerer Vorgänge, obschon sie in gar keiner Bewegung gedacht sind, weil sie an Formen in Bewegung erinnern“. Das wird hier zitiert aus dem einfachen Grunde, als Hinweis auf die Schwierigkeiten zu dienen, denen sich der Realist gegenübersieht: Bildhauerische Formulierung ist gebunden, sie erzeugt „Formtypen“, wie Hildebrand das nennt, „welche einen bestimmten Ausdruck haben und im Beschauer bestimmte Körper- und Seelenempfindungen erwecken“. Die Bildhauerkunst vermag sogar, was er sagt, „bei dem Festhalten einer bestimmten Funktionsart [...] ganze Körpertypen“ entstehen zu lassen, „indem wir aus der Natur alle die Formenarten zusammenhalten, die denselben Funktionscharakter tragen. Es bezeichnet dies natürlich“, fährt der Meister fort, „ebensowohl unser rezeptives Verhältnis zur Natur, als unser produzierendes in der Kunst.“

In Fitzenreiters Werk ist die Schlussfolgerung aus all dem niedergelegt, die Hildebrand mit den Worten zieht: „Weil gleichsam dieselbe Anspannung oder dasselbe Gehenlassen sich durchweg in einem Körper ausdrückt, empfinden wir in ihm eine typische Einheit.“ Man muss hinzufügen, dass das auch für die plastische Gruppe gelten kann. Bei Fitzenreiter trifft es vor allem auf kleinplastische Gruppen zu. Sie sind zum Teil sehr populär geworden und scheinen die Begabung des Künstlers besonders klar zu zeigen. Sein ausgeprägtes Empfinden für das Wechselspiel des Volumens und der Umrisslinien, für die Spannung der Formen kann sich in diesem Format mit scheinbar müheloser Unmittelbarkeit ausdrücken. Das kleine Format fordert keine Repräsentanz, es entspricht der Unterhaltung im kleinen Kreis, gelöst, heiter, sarkastisch, ausgelassen oder besinnlich; man hat es Genre genannt, was da zum Thema wird. Wilfried Fitzenreiters Kleinplastik erzählt, oftmals mit erkennbarem Spaß, von alltäglichen Begebenheiten. Motorradpärchen, Tanzende, Redner, ein Säufer sogar, ein Badehosenbinder, Streitende, Schmeichler, Fresser – dies als Auswahl unter den Titeln. Kein Moralisieren, aber auch kein weichliches Sentiment, stattdessen Genauigkeit der Beobachtung, Humor, Sinn für das Groteske, und trotz geringer Größe der Werke großzügige Gestaltung. Da verliert sich nichts im winzigen Detail; die Formphantasie beherrscht auch das Zufällige, das Spontane und ordnet es dem Gesamteindruck unter. Fitzenreiter ist aber auch der genau kalkulierende, sorgfältige Gestalter von Medaillen. Die Anregung, sich mit dieser Kunst zu beschäftigen, stammt wohl von seinem Lehrer Gustav Weidanz, der einer der hervorragenden zeitgenössischen Meister auf diesem Gebiet war. Das Relief schließlich ist ein weiteres Ausdrucksmittel Fitzenreiters, und hier kann sich die Geschmeidigkeit seines Stils bis ins Malerische ausweiten; Landschaftshintergründe für die dargestellten Badeszenen beispielsweise nähern die Werke jener Kunstart an.

Zur großformatigen Plastik einige Bemerkungen. Käthe Kollwitz hat einmal bekannt, sie wolle „wirken in dieser Zeit“. Es war eine andere Zeit als die unsere, aber das Bestreben, durch die Kunst Einfluss zu gewinnen auf das Empfinden, Denken und vielleicht auch auf das Handeln der Menschen, ist auch dem Künstler unserer Tage oberster Wunsch. Der Künstler allein kann das nicht bewältigen. Die Umstände sollten günstig, Aufträge also ausreichend, Auftraggeber verständig und geduldig, das Publikum kenntnisreich und unvoreingenommen, neugierig und beifallsfreudig sein – wenigstens eine dieser Hoffnungen ist als Minimum anzusehen, denn der Künstler braucht jene Bedingungen für die Wirksamkeit seines Schaffens. Die Plastik, besonders jene des großen Formats, ist seit langem aus umfassenden Zusammenhängen herausgetreten; Ensemblewirkungen müssen mühsam unter neuen Bedingungen konzipiert werden, denn die Architektur braucht heute keine Karyatiden und Atlanten mehr, auch keine Putten. Sie vermag sich selbst zu tragen und wirkt auch – im günstigen Falle – selbst als Zierrat. Große plastische Werke stehen an Plätzen, wo sich Menschen aufhalten oder wo sie vorübergehen. Es sind Einzelwerke, die bereits durch ihre Platzierung wirken müssen, außerdem müssen sie gewissen naturalistischen Erwartungen widerstreben, wie sie Herder für seine Zeitgenossen spottend konstatierte, für die Ära heute längst verblichenen Schlachtenruhms: „Ein Held in seiner Uniform, allenfalls noch die Fahne in der Hand und den Hut auf ein Ohr gedrückt, so ganz in Stein gebildet“, schrieb er, „wahrlich das müsste ein Held seyn! Der Künstler, der ihn machte, wäre wenigstens ein schöner Kommißschneider.“2 Unser Preisträger wird sich einem in irgendeiner Weise ähnlichen Verdikt nicht aussetzen müssen, denn seine großplastischen Werke suchen die Einfachheit, ohne simpel zu sein. Man denke an Statuen wie Schwimmer aus dem Jahre 1968, an die Saalenixe aus dem gleichen Jahr, an die besonders schöne, 73 cm hohe Plastik Kniende von 1961, um nur einige zu nennen. Das sind Arbeiten, die sich einer Tradition zuordnen lassen, ohne den Künstler in Abhängigkeit etwa von Kolbe, Blumenthal oder Ernesto de Fiori zu bringen. Fitzenreiter hat eine künstlerische Entwicklung durchlaufen, deren Charakteristikum das allmähliche Wachsen darstellt. Metamorphosen geschahen nicht sprunghaft; die Kleinplastik der frühen sechziger und jene der siebziger Jahre beispielsweise ist durchaus vergleichbar, wenn sich auch die Oberflächengestaltung in den späten Jahren änderte. Fitzenreiters Porträts schließlich machen deutlich, wie sich seine Kunst auch über längere Zeiträume hinweg als qualitätvoll beständig erweist. Hier sei das Köpfchen Uwe (1959) genannt, auch das Porträt Max Brill (1961) und der Kopf Conny Toll (1964) sollen nicht unerwähnt bleiben. Die Akademie der Künste der DDR verleiht den Käthe-Kollwitz-Preis an Wilfried Fitzenreiter in der Überzeugung, dass auch die künftigen Werke des Künstlers ein wichtiger, bereichernder und für viele Menschen in unserem Land unverzichtbarer Teil unserer sozialistischen Kunst sein werden.

(1) Adolf (von) Hildebrand: „Das Problem der Form in der bildende Kunst“, Strassburg, J. H. Ed. Heitz (Heitz und Mündel), 1893, S. 87–88 (Hervorhebung von mir. H.-J. L.)

(2) Johann Gottfried Herder: „Plastik. Einige Wahrnehmungen über Form und Gestalt aus Pygmalions bildendem Träume.“ 1778. Bd. 8, S. 19, Herders Sämtliche Werke (historisch-kritische Ausgabe), hrsg. von Bernhard Suphan, Berlin, 1877–1913.