2.11.2017, 12 Uhr

5 Fragen an Steffen Thiemann zu Bertolt Brecht und Walter Benjamin als Kriminalautoren

 

Im Herbst 1933 wollten Walter Benjamin und Bertolt Brecht einen Kriminalroman schreiben. Steffen Thiemann hat den in Brechts Nachlass überlieferten Plot in Holz geschnitten und zusammen mit Notizen von Benjamin als die Graphic Novel Mord im Fahrstuhlschacht veröffentlicht. Im Interview spricht er darüber, wie man in alten Texten neue Bilder entdeckt und warum ihm die Krimiautoren Brecht und Benjamin sympathisch sind.

 

Herr Thiemann, was steckt hinter Ihrer Graphic Novel Mord im Fahrstuhlschacht?

Steffen Thiemann: Walter Benjamin und Bertolt Brecht waren beide große Krimiliebhaber und 1933 wollten sie zusammen einen Kriminalroman schreiben. In den Nachlässen der beiden sind Fragmente dieses Projekts erhalten: Von Benjamin ist ein Briefumschlag, auf dem „Kriminalroman“ steht, überliefert. Darin findet sich eine Zettelsammlung mit Notizen und Ideen sowie eine Kapitelabfolge, die auf eine Geschichte hinweist, die sich motivisch mit einem Fragment von Brecht deckt, das den Titel Tatsachenreihe trägt. Es sind viereinhalb Seiten, auf denen Brecht den Plot eines Krimis umreißt. Für Mord im Fahrstuhlschacht habe ich diese kurze, schnörkellose Geschichte in Holz geschnitten und Benjamins Ideensplitter als Fußnoten hinzugefügt.

Ohne zu viel zu verraten, worum geht es?

Steffen Thiemann: Es ist die Geschichte einer Erpressung – mit tödlichem Ausgang. Ein gewisser Herr Seifert, ein ehemaliger Rasierklingenvertreter nutzt einen Paragraphen des bürgerlichen Gesetzbuches, um Aktiengesellschaften zu erpressen. Dabei verzettelt er sich etwas, weil er gleichzeitig drei Frauen unter einen Hut kriegen muss. Also eine für Brecht nicht untypische Geschichte. Die interessantere Rolle spielt allerdings der Detektiv Lexer, ein pensionierter Richter und Amateurfotograf. Er durchstreift die Stadt mit der Kamera und stößt so immer wieder auf Verbrechen und Unregelmäßigkeiten, denen er dann nachgeht. Lexer geht es zwar darum, die Fälle zu lösen, aber nicht die Täter der Rechtsprechung zuzuführen. Das interessiert ihn überhaupt nicht, weil er daran zweifelt, dass Gerichtsverfahren dazu beitragen, an den Verhältnisse etwas zu verändern. Man vermutet, dass Brecht und Benjamin vorhatten, diese Idee in einer Krimiserie zu verfolgen – nicht zuletzt, um im Exil damit Geld zu verdienen. Kurz nach der Tatsachenreihe hat Brecht dann den Dreigroschenroman geschrieben.

Warum haben Sie Brechts Tatsachenreihe gerade als Holzschnitt umgesetzt?

Steffen Thiemann: Brechts Stil ist hier recht sperrig, etwas verschroben und verschachtelt: Ein wenig holzig, würde ich sagen. Für mich lag es nahe zu versuchen, ihn mit Holzschnitten umzusetzen, um diese Sprödigkeit auf einer anderen Ebene zu erhalten, auch ein bisschen das Düstere und Abweisende des Textes. Und die geschnittene Schrift, die das Lesen etwas ungemütlicher macht, passt meiner Meinung nach ganz gut. Ich fand es auch spannend, dass der Text gerade nicht für eine Graphic Novel geschrieben worden war. Bei Comics stört mich häufig die Deckungsgleichheit von Bild und Text. Hier aber war von vornherein klar, dass es keine Eins-zu-eins-Bebilderung des Geschriebenen geben konnte. Das bietet große Freiheit bei der Umsetzung.

Ist der Zugang zu Brechts Text durch die Umsetzung als Graphic Novel also einfacher?

Steffen Thiemann: Das hängt wahrscheinlich vom Leser ab. Mir persönlich gefällt, dass die Bilder den Text erweitern und neue Assoziationen zulassen. Dass zum Beispiel der Blinde, der an der Litfaßsäulen neben dem Filmplakat von M – Eine Stadt sucht einen Mörder steht, auch der blinde Bettler aus dem Film ist, muss nicht jedem Leser auffallen, aber wenn man es entdeckt, ist es schön. Die Bilder ermöglichen eine Spurensuche über den Text hinaus.

Hat Ihnen die Auseinandersetzung mit diesem Material einen neuen Zugang zu Brecht und Benjamin und ihrem Werk eröffnet?

Steffen Thiemann: Es hat sie mir auf jeden Fall noch sympathischer gemacht. Krimi ist ja wie Comic eher im Trivialen angesiedelt. Eine auratische Gestalt wie Benjamin in solchen Niederungen wiederzufinden, hat mir gut gefallen. Zumal Benjamin für mich immer jemand gewesen ist, bei dem mir der Zugang eher schwer fiel, weil er sprachlich so speziell ist, dass ich seinen Gedankengängen oft nur mühsam folgen kann. Aber ich habe mich natürlich mehr mit der Physiognomie der beiden beschäftigt. Das musste ich vorher so intensiv auch nicht.


Interview: Akademie der Künste

Steffen Thiemann ist Autor und Grafiker. Er lebt in Berlin und in der Uckermark.


Die Graphic Novel Mord im Fahrstuhlschacht ist zur Ausstellung „Benjamin und Brecht. Denken im Extremen“ erschienen. Die Druckplatten sowie die Originaldrucke des Holzschnitts von Steffen Thiemann sind Teil der Ausstellung, die bis zum 28. Januar 2018 in der Akademie der Künste am Hanseatenweg zu sehen ist.

Mord im Fahrstuhlschacht. Tatsachenreihe von Bertolt Brecht und Walter Benjamin. Graphic Novel von Steffen Thiemann (Holzschnitt)
Akademie der Künste, Berlin 2017
40 Seiten, 30 Abbildungen, ISBN 978-3-88331-223-1
Zum Preis von € 7,50 – auch im Buchhandel – erhältlich.

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