1.9.2017, 16 Uhr

Angewandte Theaterwissenschaft im Archiv Darstellende Kunst: Der Vorlass von Andrzej Tadeusz Wirth wird erschlossen

Andrzej Tadeusz Wirth, Berlin 2016

Im Frühjahr 2017 konnte das Archiv Darstellende Kunst den Vorlass des polnischen Theaterwissenschaftlers und -kritikers Andrzej Tadeusz Wirth übernehmen. Das Archiv des bedeutenden Vordenkers des postdramatischen Theaters, der im April seinen 90. Geburtstag feierte, wird nun erschlossen und der Öffentlichkeit zu Studien- und Forschungszwecken zur Verfügung gestellt.

Nach einem Studium in Łódź und Warschau war Andrzej Wirth zunächst als Übersetzer tätig. Er übertrug Werke von Autoren des Altertums wie Horaz und Lukrez ins Polnische, jedoch auch von Schriftstellern des 20. Jahrhunderts, z.B. von Johannes R. Becher und, gemeinsam mit Marcel Reich-Ranicki, Schriften von Franz Kafka und Friedrich Dürrenmatt. Seine Promotion über Bertolt Brecht bescherte ihm eine Einladung an das Berliner Ensemble und ermöglichte Kontakte zur Gruppe 47. In den 1960er Jahren ließ er sich in den USA nieder und lehrte dort an verschiedenen Hochschulen. Sein Lebensweg lässt sich anhand von Druckbelegen, handschriftlichen Aufzeichnungen, Manuskripten und nicht zuletzt einer umfangreichen Korrespondenz, unter anderem mit Günter Grass und Robert Wilson, dessen Karriere er stets förderte und verfolgte, detailliert nachzeichnen. Im Archiv können so interessante Bezüge zum Günter-Grass-Archiv und weiteren Archiven hergestellt werden.

Am engsten verbunden aber ist der Name Wirth mit einem Projekt, das dieselbe Abkürzung trägt wie sein Erfinder: ATW meint eben nicht nur Andrzej Tadeusz Wirth, sondern auch Angewandte Theaterwissenschaft. 1982 gründete Wirth an der Justus-Liebig-Universität Gießen das gleichnamige Institut und entwickelte einen Studiengang, in dem Theatertheorie und künstlerische Praxis des Theaters sowie der Performancekunst erstmals strukturell und substantiell verbunden wurden. In den zehn Jahren, die er dem Institut vorstand, erlangte die Angewandte Theaterwissenschaft in Fachkreisen großes Renommee. Die „Gießener Schule“ ist mittlerweile ein stehender Begriff, dessen Bedeutung im Archiv von Andrzej Wirth ebenso belegt ist wie der Werdegang mancher Absolventinnen und Absolventen, die den Weg ins zeitgenössische Theater gefunden haben. Dazu zählen beispielsweise Moritz Rinke, René Pollesch, Tim Staffel sowie Mitglieder von Rimini Protokoll, She She Pop und Gob Squad. Das Archiv von Andrzej Wirth gibt folglich nicht nur über die Vergangenheit des Theaters Auskunft, sondern auch über dessen Gegenwart und – wer weiß – dessen Zukunft.

Ansprechpartner: Rudolf Mast

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