Bildmotiv nach Filmstill aus der Bayreuther Lohengrin Inszenierung von Hans Neuenfels © Björn Verloh

CHRISTIAN BOLTANSKI / JEAN KALMAN

ZU SPÄT FÜR GOTT,
ZU SPÄT FÜR DIE
GROSSEN UTOPIEN
Christian Boltanski, 1999


Eigentlich ist der Ring doch ein typisches Familiendrama: Man hasst sich, man liebt sich, und es gibt letztlich die gleichen Probleme, die es in jeder anderen Familie auch gibt. Und weil Kabakov sich ja viel mit dem Thema der russischen Gemeinschaftswohnungen beschäftigt hatte, entstand die Idee, dass auch der Ring in einer ähnlichen Wohnung in Moskau stattfinden könnte, weil eben auch dort jeder sein kleines Königreich hat und mit den anderen Krieg führt. Eigentlich war das ein Witz, aber am Ende hatten wir das Glück, eingeladen zu werden zu "Theater derWelt".
Christian Boltanski, 2012


Hinter all dem steht die Idee, dass wir zu spät kommen. Zu spät für die Aufführung des Ring, zu spät für Gott, zu spät für die großen Utopien. […] Die Utopie, die Welt zu verändern. Das wollte auch Wagner. Im Ring erzählt er die Geschichte einer von der Politik ruinierten Welt. In diesem Jahrhundert gab es zwei große Utopien: Gott kann Menschen retten. Und: Die politische Revolution kann Menschen retten. In dem Park in Beelitz finden sich die Spuren beider Utopien.
Christian Boltanski im Interview mit Fiona Ehlers,
Kulturspiegel (Juni 1999), Heft 6



Im Sommer 1999 haben sich Christian Boltanski, Ilya Kabakov und Jean Kalman im Auftrag des Festivals "Theater der Welt" in den Beelitzer Heilstätten mit Richard Wagners Ring auseinandergesetzt.
Der Ring. Fünfter Tag. Der Tag danach war ein Abgesang auf die Utopien des 20. Jahrhunderts. Die Beelitzer Heilstätten waren eine der bedeutendsten Lungenheilstätten Deutschlands und nach ihrer langjährigen Nutzung als sowjetisches Militärkrankenhaus dem Verfall preisgegeben. Boltanski, Kabakov und Kalman inszenierten eine Atmosphäre, in der Erinnerung und Geschichte zu Leitmotiven wurden: Sie kombinierten Hunderte von durcheinandergeratenen Sitzbänken, endlose Lichterketten, deren Lampen zum Großteil fehlten, schwarze Wintermäntel und verwelkte Blumen mit Motiven aus Wagners Ring.
In der Ausstellung "Wagner 2013.Künstlerpositionen" knüpfen Christian Boltanski und Jean Kalman an die Auseinandersetzung mit Wagner in Beelitz an: The Day after.
Moritz von Rappard

Foto: Boltanski, Kalman und Kabakov, Installation Der Ring. Fünfter Tag.
Der Tag danach, Beelitz-Heilstätten 1999 (Anteil) © VG Bild-Kunst, Bonn 2012
Foto David Baltzer


CHRISTIAN BOLTANSKI
1944 in Paris geboren, konzentriert sich in seiner Arbeit als Künstler auf Geschichte und Erinnerung, Kindheit und Tod. Seit den 1960er Jahren entstehen Rauminstallationen, Foto- und Filmarbeiten, die u.a. mehrmals auf der documenta in Kassel und der Biennale di Venezia zu sehen waren. Darüber hinaus hatte der Autodidakt große Einzelausstellungen, u.a.: "Zeit", Mathildenhöhe Darmstadt 2006, und »Personnes«, Grand Palais Paris 2010.


JEAN KALMAN
in Paris geboren, war zunächst als Philosophielehrer in Paris und Madagaskar tätig und kam über Fotografie und Film zur Lichtgestaltung. Seit 1979 wirkt er weltweit als Lichtdesigner für Oper und Schauspiel. Er hat mit Regisseuren wie Pierre Audi, Peter Brook, Peter Stein, Deborah Warner und Andrea Breth gearbeitet. Gemeinsam realisierten Christian Boltanski und Jean Kalman in den vergangenen zwanzig Jahren zahlreiche Installationen im Grenzbereich von bildender und darstellender Kunst, darunter "O Mensch", Paris 2003, und "Nächte unter Tage", Bochum 2005.
Wagner-Arbeit: Christian Boltanski, Ilya Kabakov, Jean Kalman, Der Ring. Fünfter Tag. Der Tag danach, Beelitz Heilstätten, Theater der Welt, Berlin 1999


In der Ausstellung
● The Day after, 2012,
Installation


Videogespräch Boltanski


Videogespräch Kalman