UNEXPECTED LESSONS – Decolonizing Memory and Knowledge

Seit Jahrzehnten schwelen Debatten um die Kolonialvergangenheiten der europäischen Großnationen und ihren Umgang mit Provenienz, Restitution und die Rückgabe von geraubten Objekten aus kolonialen Kontexten. Die Tragweite und komplexe Verzweigung der Debatten wurden vordergründig und damit auch die rassistischen Kontinuitäten, die bis heute gesellschaftlich wirksam sind und sich längst systemisch eingeschrieben haben. Diese haben nicht nur Einfluss auf Lebensrealitäten, sondern auch auf Politik und kulturelle Praxis – im globalen Norden wie im Süden, und in ihren Beziehungen zueinander.

Syowia Kyambi, Kaspale/The Lecture Room Intervention, Video Still

Elsa M’bala, Sequence, Institut für Auslandsbeziehungen e.V. (ifa), Stuttgart, 2019

Nathalie Anguezomo, On Quiet Revolutions

„The Western archive is exhausted!“[1] sagt Felwine Sarr. Was kann Wissen heute sein, jenseits europäischer Wissenssysteme? Es braucht neue Perspektiven und Fragestellungen, um koloniale Denkmuster und eurozentristische, weiße Sichtweisen aufzubrechen, die tief im europäischen Kultur- und Wissensverständnis verwurzelt sind und die bis heute das Miteinander Europas mit außereuropäischen Kulturen prägen. Es braucht eine neue Geschichtsschreibung, andere Wissensproduktionen, einen „epistemischen Ungehorsam“, wie der Literaturwissenschaftler Walter Mignolo es nennt. Dem geht ein „Verlernen“ („Un-learning“) und Überdenken („Re-thinking“) eines europäischen Blicks auf die Welt voraus.

Die in Planung befindliche Think Tank-, Ausstellungs- und Veranstaltungsreihe TALKING OBJECTS LAB wird in Kenia, Senegal und Deutschland in den Jahren 2021-2024 Wissensformen und -praktiken des afrikanischen Kontinents untersuchen und Strategien der Vermittlung und Visualisierung erproben. Das Lab stellt dabei plurale Formen des Wissens ins Zentrum. Fünf Themenfelder stehen dabei im Vordergrund: Dekolonisierung von Erinnerung, Dekolonisierung von Wissen, die Neubewertung von Objekten aus kolonialem Kontext, Empowerment und Chancen durch künstlerische Perspektiven, und Fragen an klassische museale Formen des Bewahrens und Präsentierens.

Die performative Diskussionsveranstaltung UNEXPECTED LESSONS – Decolonizing Memory and Knowledge versteht sich als Prequel des geplanten TALKING OBJECTS LAB und findet am 11. und 12. Juni 2021 in der Akademie der Künste in Berlin und parallel in der Stadtlandschaft in Nairobi sowie im world wide web statt.

UNEXPECTED LESSONS ist eine diskursive Performance: Vorträge, künstlerische Elemente, Gespräche und Diskussionen fließen ineinander und verweben sich mit dem Live-Stream Programm aus Nairobi. De-Westernization und afrikanische Philosophie, Black Studies, Wissenssysteme in der Musik, und ein kritischer Blick auf das eurozentristische Narrativ in der Kunstgeschichte spielen im Programm eine Rolle.

Das Zentrum des Programms in Nairobi ist die Straße - der gelebte Raum und die gelebten Erfahrungen der Menschen, die sich in kolonial geprägten Umgebungen bewegen und jeden Tag „dekolonisierende Arbeit“ leisten. Sie, die Menschen, wurden ihrer Objekte beraubt, nicht Institutionen. Ihre Empfindungen, ihr Schmerz sind heute kaum Thema. Das Kurator*innenteam in Nairobi gibt diesen Stimmen im Programmteil „Decolonisation Labour is Emotional Labour“ Raum – in Form von Interviews im urbanen Raum, künstlerischen Interventionen und interaktiven Diskussionen, live aus Nairobi. Der Programmteil „The Other Objects“ befasst sich zum einen mit dem öffentlichen Raum in Nairobi als „kolonisiertes Objekt“ und lädt ein zu Umbenennungen von Straßen, Plätzen und Gebäuden. Zum anderen suchen die Kurator*innen nach Wegen, die als Artefakte in europäischen Museen aufbewahrte Objekten wiederzubeleben, ihnen ihre Funktion und Bedeutung wiederzugeben. Was bedeutet es, die Objekte zu benutzen, zu tragen, mit ihnen zu tanzen?


[1] Felwine Sarr, from the lecture „Rewriting the Humanities from Africa for an Ecology of Knowledge“, 1st Berlin Southern Theory Lecture, December 2019

Programm

In Berlin am 11. Juni mit dem Soziologen und Ökonom Felwine Sarr und der Kunsthistorikerin, Kuratorin und Autorin Nana Oforiatta Ayim (nach ihren Keynotes im Gespräch mit Aïcha Diallo). Künstlerische Interventionen von der Soundkünstlerin Elsa M’Bala und der Performancekünstlerin Nathalie Anguezomo Mba Bikoro (Künstlerinnengespräch gemeinsam mit der Künstlerin Syowia Kyambi, moderiert von Magnus Elias Rosengarten). Programm aus Nairobi u.a. mit Vox Pops und künstlerischen Interventionen zum Thema „Decolonisation Labour is Emotional Labour“.

Am 12. Juni mit einem Stadtspaziergang entlang kolonialer Spuren in der Stadt kuratiert von Dekoloniale – Erinnerungskultur in der Stadt mit Mnyaka Sururu Mboro, Paulette Reed-Anderson and Israel Kaunatjike von der Akademie der Künste in die Wilhelmstraße (zum Ort der „Afrika-Konferenz“ 1884/85) und zurück. In der Akademie der Künste: mit der Soziologin Natasha A. Kelly und der Kulturwissenschaftlerin Peggy Piesche im Gespräch zu „Black Studies“ und den Philosophinnen Nadia Yala Kisukidi und Arlette-Louise Ndakoze über „De-Westernization“ von Philosohie. Kunstdidaktikerinnen Carmen Mörsch und Nora Landkammer referieren über neue Formen der Vermittlung in Museen, die Kunsthistoriker*innen Bénédicte Savoy, El Hadji Malick Ndiaye und Sylvester Okwunodu Ogbechie überdenken die eurozentrisische Kunstgeschichte. Künstlerische Intervention von Syowia Kyambi.

An beiden Tagen Filmprogramm als Videoinstallation, kuratiert von der Filmemacherin und visuellen Anthropologin Nnenna Onuoha.

Die gesamte Veranstaltung findet aufgrund der Covid-19 Pandemie mit begrenztem Publikum vor Ort statt und wird zusätzlich live online gestreamt.

Das vollständige Programm in Kürze unter www.talkingobjectslab.org.

Syowia Kyambi, Kaspale/The Lecture Room Intervention, Video Still. Foto: Carl Kühl, MARKK Museum, 2019

DIGITAL

Symposium

UNEXPECTED LESSONS – Decolonizing Memory and Knowledge

Gespräche, Vorträge, Filme, Künstlerische Interventionen

In englischer Sprache

Livestream am 11.6. und 12.6.2021

 

Konzept TALKING OBJECTS LAB:

Mahret Ifeoma Kupka (Kuratorin, Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main) Isabel Raabe (Kuratorin und Projektentwicklerin, Berlin).

Kurator*innenteam UNEXPECTED LESSONS:

Jim Chuchu und Njoki Ngumi (Künstler*innenkollektive The Nest, Nairobi), Chao Tayiana (African Digital Heritage, Nairobi), Mahret Ifeoma Kupka (Kuratorin, Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main) Isabel Raabe (Kuratorin und Projektentwicklerin Berlin), Filmprogramm von Nnenna Onuoha (Filmemacherin und visuellen Anthropologin, Berlin), Stadtspaziergang konzipiert und durchgeführt von Dekoloniale – Erinnerungskultur in der Stadt

Das TALKING OBJECTS LAB findet im Kontext des von Isabel Raabe initiierten TALKING OBJECTS ARCHIVE statt. Das digitale Archiv für dekoloniale Wissensproduktion soll 2024 online gehen.

UNEXPECTED LESSONS wird gefördert vom Hauptstadtkulturfonds, dem Auswärtigen Amt und der Bundeszentrale für politische Bildung.