Schülerprojekte

100 Schüler - 10 Mitglieder

20. April 2010 -- Adam Zagajewski und Krakower Schüler

Der Treffpunkt in der ul. Krupnicza 26 war mit Bedacht von Adam Zagajewski gewählt. In der Nachbarschaft befindet sich das ehemalige Literaturhaus, in dem sich die Mitglieder des Literaturverbands bis 1989 jeden Freitag trafen, um Gedichte vorzustellen und Autorenlesungen zu organisieren.

Den Schülern aus fünf verschiedenen Krakower Schulen (Liceum Ogólnokształcące I, II, V, VIII) hatte er im Vorfeld die Frage Werden Gedichte in 200 Jahren immer noch gelesen werden? gestellt. Die Antworten der SchülerInnen hier 
Weitere Fragen zu Poesie, Übersetzung, politischen Ereignissen und persönlichen Ängsten wurden von A. Zagajewski gern beantwortet.

Was ist der Unterschied zwischen dem Schreiben von Prosa und Dichtung?
Es gibt große Unterschiede; der Schaffensprozess ist ganz anders. Ein Gedicht zu schreiben ist eine einmalige Sache. Man kann nicht jeden Tag ein Gedicht schreiben, es kommt sehr selten zu uns. Das ist ein Ereignis! Ein Gedicht entsteht aus einem bestimmten Impuls heraus, der nur mit diesem einen Gedicht zusammen hängt. Es kann Tage und Wochen dauern, bis man eine Idee entwickelt hat. Danach verfällt man in eine Tiefphase, weil der Prozess beendet ist. Beim Roman ist das anders: Man kann monatelang an einem Text schreiben. Es gibt zwar auch Tage, an denen nichts gelingt, aber man kann das Schreiben mit dem alltäglichen Leben vereinbaren. Das verleiht dem Leben eine gewisse Kontinuität. Der Roman ist dann der Übergang von Tag zu Tag, wie ein Scharnier.

Was sind die Probleme eines Dichters?
Dichter sind seltsame Menschen: Sie haben großartige Tage voller Enthusiasmus und furchtbare Wochen, nachdem ein Gedicht fertig ist. Sie kämpfen mit zwei Problemen: sich nach der Dunkelheit der Nacht, nach dem ersten Kaffee am Morgen, wieder in den Schaffensprozess des Tages zurückfinden und am Abend die „Urruhe“ finden, um einzuschlafen.

Wenn das Leiden so groß ist, wieso sind Sie immer noch Dichter?
Leiden kann auch schön sein. Ich war etwa 16, 17 Jahre alt und hatte das Gefühl, etwas ganz Besonderes zu erfahren, wovon ich noch nicht wusste, was es ist. Das Schreiben wurde meine Leidenschaft. Bis heute kann ich nichts anderes außer Schreiben. Das Engagement, der Enthusiasmus, die Begeisterung für das Schreiben verleihen meinem Leben einen Sinn.

Welche Ängste haben Sie?
Ich habe die Tendenz, alles in Frage zu stellen, normalerweise bin ich auch dann nicht mit mir zufrieden, wenn sich meine Bücher gut verkaufen. Ich habe Angst, immer das Gleiche zu tun, nichts Neues mehr zu erfinden. Diese Zweifel sind das „Kühlsystem“ für den Enthusiasmus, der wiederum der Motor für das Schreiben ist.

Braucht man die Einsamkeit, um ein Dichter zu sein?
Ich denke, dass Schreiben immer ein Gespräch mit anderen Menschen ist. Kein Schriftsteller schreibt nur für sich selbst. Ein Student aus Indien sagte einmal, dass die besten Gedichte in der Küche entstehen würden. Trotzdem braucht man einen Teil des Tages, der hermetisch abgeschlossen ist, das ist unabdingbar. Ein Dichter bewegt sich immer zwischen zwei Polen: die Einsamkeit des Schreibens und die Lesung vor anderen Menschen, wo er eine Art Schauspieler vor seinem Publikum ist.

Welche Ereignisse hatten Einfluss auf Ihre Dichtung?
Die Kritik am kommunistischen System hat mich 25-30 Jahre lang in Anspruch genommen. Aber Schreiben kann nicht nur die Reaktion auf ein politisches System sein. Literatur ist das Gegenteil einer politischen Bewegung, denn sie darf ihre innere Doppelbödigkeit nicht verlieren. Man sollte sich nicht nur auf eine Seite stellen. Wir werden auch von unserem Denken geprägt, das nicht zwangsläufig von unseren gemachten Erfahrungen abhängig ist.

Lässt sich Poesie übersetzen?
Man kann ein Bild übersetzen, den individuellen Ton der Sprache jedoch nicht. Jeder Dichter erfindet seine eigene private Sprache, die unübersetzbar bleibt. Das Geheimnisvolle in der Poesie wird immer bestehen bleiben.

...und das sagen die Schüler hinterher...

Karin Nachdem ich „Gespräche am Ende des Jahrhunderts“ gelesen hatte, dachte ich, dass er übertrieben vergeistigt, hochmütig und in sich selbst versunken wäre. Aber schon nach einigen Minuten der Begegnung wurden alle meine Vermutungen zerstreut. Herr Zagajewski hat sich als ein herzlicher, lustiger Mensch erwiesen, der das Interesse bei den Zuhörern wecken konnte. Ich habe bemerkt, dass er glücklich war, uns treffen zu können. Er war froh, dass er von seiner Arbeit, seiner Poesie und seinen Überlegungen über die Zukunft der Poesie erzählen konnte. 

Kamil Ich war von der Begegnung mit Herrn Zagajewski begeistert. Heutzutage trifft man nur selten eine Person mit Lebensweisheit, die darüber mit einfachen Worten sprechen kann. Seine Worte „Ein Gedicht erscheint selten und ist ein Ereignis“ haben sich mir tief ins Gedächtnis eingeprägt. Vielleicht auch deswegen, weil Zagajewski als Dichter kritisch seinen „Beruf“ beurteilen kann? 

Agnieszka
Die Begegnung mit Herrn Zagajewski hat mir bewusst gemacht, dass ein Gedicht immer ein Ereignis ist, das mit einer Idee, einem Impuls verbunden ist. Ohne Enthusiasmus, ohne das Gefühl, dass man etwas zu sagen hat, lässt sich nicht dichten.
Herr Zagajewski hat gesagt, dass ein Dichter zwei große Probleme hat: aufzuwachen und einzuschlafen. Gedichte zu schreiben ist wie ein Gespräch mit anderen Menschen. Das Schaffen von Poesie nimmt den Dichter immer völliger in Anspruch. Poesie wurde eine Form, die seinem Leben einen Sinn gegeben hat.

Fotos: Agnieszka Samolej (Fotos 5, 7, 10), Christiane Lötsch