Johanna Diehl, <i>Das imaginäre Studio XIV</i> (Hermann Scherchens rotierender Nullstrahler, Studio für Elektroakustische Musik, Akademie der Künste, Berlin), gelatin silver print, 2017, 61 × 49 cm

Klanginstallationen

Besprechungsraum

Do 18–23 Uhr, Fr 18–22:30 Uhr, Sa 10–23 Uhr, So 10–20 Uhr

Christina Kubisch
LABOR Remix (2017) (UA)
16-Kanal-Klanginstallation

Installation für das Festival KONTAKTE '17

1954 zog Hermann Scherchen mit seiner Frau Pia Andronescu in das damals ärmliche und abgelegene Tessiner Dorf Gravesano und kaufte dort ein großes bäuerliches Anwesen. Umgehend begann er mithilfe eines Architekten, drei selbst entworfene Studios zu bauen. In den ehemaligen Viehställen ließ er außerdem vier sogenannte Nachhallräume einrichten.

Direkt nach der Fertigstellung begann Scherchen mit seinen akustischen Forschungen und technischen Experimenten. Er lud Komponisten, Musiker und Wissenschaftler zu Symposien und Aufführungen ein. Gleichzeititg startete er als Herausgeber die Gravesaner Blätter, eine Zeitschrift mit Schallplatten zu Grenzproblemen aus Kunst, Elektrotechnik und Schallwissenschaft. Das Hauptinteresse Scherchens war die Wahrnehmung des Klangs im Raum bzw. in verschiedenen Räumen. Scherchen nutze seine Studios, um ein architektonisches Ideal für Aufführung, Aufnahme und die Übertragung von Klängen zu gestalten.

„Durch das Mikrofon ist die Musik zum erstenmal auf sich selbst gestellt. In diesem ungestörten Raum ist es möglich, alles zu hören und alles hörbar zu machen. Ich möchte einen Raum haben, in dem ich den Raum ausschalte.“

Scherchen war laut Berichten seiner dort mit ihm arbeitenden Tontechniker und Kollegen ein rastloser, fast manischer Forscher. Die Abgeschiedenheit der Studios und das familiäre Umfeld spielten bei all diesen Aktivitäten eine große Rolle. Scherchen hatte keinen Telefonanschluss. Es gab im Ort kaum Autos. Die täglichen Klangereignisse kamen von den bäuerlichen Aktivitäten der Nachbarn, den Kühen, Kirchenglocken und der umgebenden Natur. Diese Klangkulisse und besonders die Stille der Umgebung waren für Scherchen, der rastlos reiste, dirigierte und lehrte, eine ganz neue und prägende Erfahrung.

Heute ist Gravesano Teil des industrialisierten Hinterlandes von Lugano, das in den letzten zwanzig Jahren einem unstrukturierten Bauboom zum Opfer gefallenen ist. Der Verkehrslärm überlagert bei Tag und Nacht wie ein akustischer Nebel das früher so stille Anwesen. Scherchen ist inzwischen im Ort weitgehend unbekannt und vergessen.

Die Installation LABOR Remix verbindet dokumentarische Aufnahmen der Klangforschung von Scherchen und Extrakte aus den Gravesaner Blättern mit Aufnahmen, die ich 2016 vor Ort in Gravesano und der Umgebung gemacht habe sowie Textfragmenten aus den Gravesaner Blättern und eigenen elektromagnetischen Klängen. Sie ergeben einen Mix, der weder beschreibend noch dokumentarisch ist, sondern Scherchens Motto folgt: „Es gibt keine Instanz, die vorschreibt, was geschehen darf.“

Christina Kubisch

© ars electronica