Benjamin und Brecht. Denken in Extremen

Ausstellung

Bertolt Brecht und Walter Benjamin spielen Schach, 1934, Skovsbostrand/Dänemark

Redaktionssitzung von Krise und Kritik, Le Lavandou: Emil Hesse-Burri, Walter Benjamin, Bertolt Brecht, Bernard von Brentano, Margot von Brentano, Juni 1931

Daoistischer Reiter, Figur aus der Brecht-Weigel-Gedenkstätte

Schachbrett aus Brechts Besitz

Franz Kafka Der Prozess, Erstausgabe, 1925, aus dem Besitz von Bertolt Brecht

Eine Freundschaft im Widerspruch. Zeitgenossen nannten sie einzigartig, produktiv, asymmetrisch, katastrophal. Walter Benjamin und Bertolt Brecht lernten sich etwa 1924 kennen und standen ab Mai 1929 mehr als zehn Jahre lang in einem intensiven Austausch. Zeitweilig arbeiteten sie zusammen. Nach 1933, als beide Deutschland verlassen hatten, wurde der Umgang enger. Alles in allem verbrachten sie etwa ein Jahr miteinander, im Exil zumeist in Brechts Haus in Dänemark. Sie spielten Schach, hörten Radio, sprachen über ihre Arbeit und stritten, zuweilen heftig, ausgelöst durch die Differenz von Prägung, Arbeitsweise und Mentalität.

Benjamin entwickelte die Wendung vom Denken in Extremen, als er sich einmal für die Nähe zu Brecht rechtfertigen musste. Bindungen wie diese seien gefährlich, erklärte Benjamin, sie ermöglichten aber eine Weite und Freiheit des Denkens, weil man Dinge, die als unvereinbar gelten, nebeneinander bewegen könne. Die Beziehung zwischen Benjamin und Brecht war ein Versuch, Gegensätze fruchtbar zu machen. Es ist eine Konstellation: Kritiker und Dichter, Kommentator und Autor, Kunsttheoretiker und Regisseur, Wissenschaftler und Künstler, Metaphysiker und Rationalist.

Die Ausstellung geht von der persönlichen Nähe aus. Getragen wird sie von Gesprächen zwischen Benjamin und Brecht, die auf Mitschriften ihrer Debatten beruhen oder, mitunter recht frei, aus Texten und Äußerungen zusammengesetzt sind. Eine Auswahl von Handschriften, Drucken, Fotografien und Gegenständen aus dem Archiv stellt die wichtigsten Themen zur Diskussion: eingreifendes Denken, das epische Theater als eine philosophische Spielform, den gemeinsam entworfenen Kriminalroman, Kafkas Schreiben als Modell, ein Schmähgedicht auf Stalin, Arten des Wohnens, den Streit um Baudelaire und anderes. Die Akademie der Künste beherbergt beide Archive, und es konnte aus dem Vollen geschöpft werden, was nicht das Ganze ist. Präsentiert wird Exemplarisches in sechzehn Buchstücken. Alle Objekte entstammen, sofern nichts anderes angegeben ist, aus dem Walter Benjamin Archiv oder dem Bertolt-Brecht-Archiv.

Künstlerische Kommentare erfassen das Gegenwärtige, indem sie fremd auf das vermeintlich Bekannte blicken. Dabei geht es nicht um die Feier einer für das 20. Jahrhundert bedeutsamen Beziehung, sondern um die Erforschung ihrer Möglichkeiten, die Entdeckung von Spuren und Abgründen, um das Aufzeigen des Jähen, Ungeschliffenen, Unverständlichen, aber auch der plötzlichen Übereinstimmung. Und des Ironischen im Sinne von Brechts Motto: „Ganz ernst ist es mir nicht.“

Die Ausstellung wurde gefördert von der FRIES-Gruppe, der Gesellschaft der Freunde der Akademie der Künste, dem Goethe-Institut, der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur sowie von Alexander Kluge, München.