(Post)Koloniales Unrecht und juristische Interventionen

Konzept

Die Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus wird von vielen als historisches Thema verstanden, als eine Vergangenheit, die längst überwunden ist. Die Veranstaltungsreihe „Koloniales Erbe/Colonial Repercussions“ begreift Kolonialismus hingegen als eine mentale Tradition Europas, die auf vielfältige Weise mit der Gegenwart und noch mehr mit der Zukunft Europas verknüpft ist.

Die europäische Aufklärung und damit das Fundament der westlichen Wertegemeinschaft – der Wissenskanon, die Institutionen, die Sammlungen – hatte ihre materiellen Grundlagen zu einem wesentlichen Teil in kolonialen Herrschaftsstrukturen. Zugleich hat der bis heute behauptete Anspruch der Aufklärung an universaler Gültigkeit zu einer fortdauernden Hierarchisierung von Kulturen geführt. Aus diesem Grund ist eine Kritik der eigenen Gewissheiten essentiell für die Fortsetzung des Projekts Aufklärung.

Frantz Fanon als Vordenker der Entkolonialisierung hat Europa zugespitzt als eine „Kreation der Kolonien“ beschrieben. Tatsächlich sind die ehemaligen Kolonien und Europa so eng miteinander verflochten, dass ihre geschichtliche Entwicklung nicht isoliert betrachtet werden kann. Ein in die Zukunft gerichtetes Neudenken von Europa ist ohne diese historische Aufarbeitung undenkbar. Geht es doch nicht allein darum, die Beziehungen zu Afrika, Asien, der arabischen Welt oder Lateinamerika neu zu definieren, sondern auch, die Migration von Millionen Menschen aus den ehemaligen Kolonien nach Europa als Rückwirkung kolonialer Herrschaft zu begreifen. Sie und ihre Kulturen gehören längst zu Europa.

Eine entscheidende Grundlage des Kolonialismus ist das europäische Verständnis kultureller Überlegenheit. Diese eng mit dem Rassismus zusammenhängende Konstellation wirkt bis in die Gegenwart, bildet trotz der Emanzipation der Kolonien aus der europäischen Paternalisierung immer noch den Kern populistischer Bewegungen. Der alltägliche Rassismus, die schleichende Gewalt der Fremdbestimmung stellen ein gravierendes Problem für Millionen von Europäern dar, die aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Namens, ihrer Religion oder ihrer Traditionen diskriminiert werden.

Der europäische Kolonialismus – als die andere Seite der europäischen Aufklärung, als Ausdruck einer europäischen Hybris, als Herrschaftsform über die Kulturen außerhalb Europas – ist existentieller Teil der Moderne und verlangt nach einer systematischen Auseinandersetzung, wirkt er doch in den kulturellen Konfliktfeldern der Gegenwart fort. Insbesondere theoretische Ansätze aus den Cultural Studies, dem Postkolonialismus und der Dekolonisierung haben einen neuen Aufklärungsprozess in den europäischen Kulturwissenschaften und Künsten ausgelöst, dem sich immer mehr Institutionen, Ausstellungen und Festivals stellen. Erstmals wird nun das Thema Kolonialismus an der Akademie der Künste umfassend behandelt, verbunden mit dem Wunsch, im Nachdenken über die Auswirkungen kolonialer Vermächtnisse einen nachhaltigen Transformationsprozess anzustoßen, der auch für die eigene Institution eine Dekolonisierung bewirken kann.