Horst Hiemer (l.), Christian Grashof. Foto aus der Serie von Szenenfotos der Aufführung: Ernst Toller, Der entfesselte Wotan, Regie: Alexander Lang, Deutsches Theater, 1979.

Christian Grashof. Foto aus der Serie von Szenenfotos der Aufführung: Ernst Toller, Der entfesselte Wotan, Regie: Alexander Lang, Deutsches Theater, 1979.

Horst Hiemer, Christian Grashof, Heidrun Perdelwitz (v.l.n.r.). Foto aus der Serie von Szenenfotos der Aufführung: Ernst Toller, Der entfesselte Wotan, Regie: Alexander Lang, Deutsches Theater, 1979.

Gespräch zwischen Christian Grashof und Thomas Irmer über die Inszenierung von Ernst Tollers „Der entfesselte Wotan“, 1979, und John Heartfield am Deutschen Theater

 

Thomas Irmer (TI): Alexander Langs Inszenierung in der Ausstattung von Volker Pfüller orientierte sich ästhetisch am Expressionismus der Entstehungszeit von Ernst Tollers Stück aus dem Jahr 1923, einer mit Blick auf Hitlers späteren Aufstieg prophetischen Farce, die von 1979 bis 1981 mit Ihnen in der Hauptrolle aufgeführt wurde. Heartfield hat an Karlheinz Martins Uraufführung von Tollers vorhergehendem Drama „Maschinenstürmer“ als Ausstatter in dieser spektakulären Großproduktion für 5000 Zuschauer im von Max Reinhardt geleiteten Großen Schauspielhaus unweit des Deutschen Theaters mitgewirkt. Man könnte daher vermuten, dass Sie und das Inszenierungsteam sich damals auch mit John Heartfield in der Vorbereitung beschäftigt haben.

Christian Grashof (CG): Das spielte schon deshalb eine Rolle, weil uns bekannt war, dass es eine besondere Geschichte Heartfields mit dem Deutschen Theater gab. Ich muss aber für diese Erinnerung an die Erarbeitung dieser Figur des Wilhelm Wotan noch weiter ausholen. Als Jugendlicher war ich so empört wie ratlos, warum mein Vater mit in den Zweiten Weltkrieg gezogen war. Später habe ich begriffen, was es bedeutete, einfach mitzulaufen. An der Schauspielschule, wo Alexander Lang ein Jahr über mir ausgebildet wurde, haben wir dann diese Stücke von Toller entdeckt, voller Bewunderung für diese Haltung, die auch in Heartfields Werk jener Jahre zu finden ist, aus der Erfahrung des Ersten Weltkriegs heraus allen weiteren kriegerischen Bestrebungen zu trotzen. Da gab es ganz klar die Spur zu Brecht und seinem Berliner Ensemble, aber auch zu Wolfgang Langhoff, der, das wussten wir, in den frühen Jahren seiner Intendanz mit Heartfield gearbeitet hatte, u.a. 1951 bei der Inszenierung von Juri Burjakowskis „Julius Fučik“.

TI: Langs Inszenierung und insbesondere Ihre Darstellung des Frisörs Wilhelm Wotan, der sich als Hochstapler zum Weltherrscher fantasiert, wirkte grell und grotesk.

CG: Das war schon von Tollers Text her so, dass man als Schauspieler mit dieser Figur in andere Haltungen, ja auch andere Äußerlichkeiten geraten musste. Charlie Chaplins „Der große Diktator“ (1940), obwohl erst viel später entstanden, ist ganz nah dran, und das ist sicher da bei uns mit eingegangen. Aber in der erforschenden Behandlung des Textes, diese Gedankengänge Wotans in ihrer gefährlichen Schlichtheit zu entlarven, dafür konnte man sich 1979 nicht allein an diesem berühmten Vorbild orientieren.

TI: Heartfield hat Militarismus und Krieg mehrfach in Montagen mit Tieren gezeigt, wie z. B. die Hyäne mit Zylinder und Eisernem Kreuz stehend über Leichen, die zu seinen bekanntesten Bildern gehört und mit dem Reim untertitelt ist: „Krieg und Leichen – die letzte Hoffnung der Reichen“.

CG: Das waren zielgerichtete Aussagen, in einer auch uns noch überraschenden Form. Und da sehe ich heute noch eine Parallele zu Toller: Was für seltsame, groteske Gedanken über menschliche Lippen auf der Bühne kommen. Das war unser Ansatz.

TI: Heartfield entwarf 1951, also für die Intendanz von Wolfgang Langhoff, das Signet für das Deutsche Theater, dieses minimalistisch und elegant in einer Buchstabenverschmelzung geschwungene DT, das über Jahrzehnte alle Publikationen und Programmhefte zierte, bis es überraschend scheinbar sang-und klaglos mit dem Beginn der Intendanz von Bernd Wilms 2001 verschwand.

CG: Für mich war das, wie das berühmte von Peter Palitzsch entworfene Kreiszeichen für das Berliner Ensemble, ein Symbol des Denkens und ein wirkliches Zeichen für dieses Deutsche Theater. Ich habe das Verschwinden von Heartfields Signet für dieses Theater mit seiner besonderen Tradition bis heute nicht verstanden, auch nicht, dass wir das als Ensemble damals nicht verhindern konnten, obwohl darüber heftig diskutiert wurde. Aber es war so, und sollte jetzt wenigstens erinnert werden.

 

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