Abfallprodukte der Liebe. Eine Ausstellung mit Werken von Elfi Mikesch, Rosa von Praunheim und Werner Schroeter

Elfi Mikesch

 Elfi Mikesch. Foto © Elfi Mikesch

Elfi Mikesch, geboren am 31. Mai 1940 in Judenburg in der Steiermark als Tochter eines ehemaligen Fremdenlegionärs, Kleinspediteurs und Filmvorführers und einer Stenotypistin, Kinderpflegerin und Hausfrau. Sie absolvierte eine Fotografenlehre und arbeitete zunächst in einem klassischen Fotoatelier. 1960 heiratete sie den Maler und Fotolithografen Fritz Mikesch, mit dem sie die zeitgenössische Kunst-, Lyrik- und Musikszene in Innsbruck erkundete. 1962 übersiedelten beide nach Frankfurt am Main, wo sie 1963 Rosa von Praunheim begegneten. Elfi Mikesch ließ sich als Kosmetikerin ausbilden und tauchte daneben intensiv in das Frankfurter Milieu der Studentenbewegung, Vietnamkriegsgegner und Künstler ein.

1967 folgten Elfi und Fritz Mikesch dem Ruf Rosa von Praunheims, nach West-Berlin umzuziehen. In Kreuzberg bewohnten sie eine Hinterhof-Remise nahe der Mauer, in der Werner Schroeter 1969 seinen Film Argila drehte. Elfi Mikeschs Arbeit in einem Verlag inspirierte sie zu fotografischen Experimenten. Der Kunsthändler und Sammler Werner Kunze kaufte Werke von Fritz Mikesch und ermöglichte dem Ehepaar Mikesch so eine Existenzgrundlage von hundert Mark im Monat. Die Erfahrung mit dem exzentrischen, kreativpolitisch aufgeladenen Umfeld von Rosa von Praunheim, seinen ungewöhnlichen „Stars" und Charakteren wie Carla Aulaulu und schließlich die Begegnung mit Werner Schroeter und Magdalena Montezuma förderten neue Perspektiven. 1969 erschien Oh Muvie, ein mit Rosa von Praunheim produzierter Fotoroman. Oh Muvie war auch ein Pseudonym von Elfi Mikesch. 1972 drehte Rosa von Praunheim seinen Film Leidenschaften. Dafür unternahmen er, Elfi und Fritz Mikesch eine Weltreise. Darauf folgte ein dreijähriger Abstand voneinander, stattdessen Selbsterfahrung und Zen als Zwischenphase – alles, um letztlich die Freundschaft wieder zu aktivieren.

Das Leben ist ein Dreiakter. Im ersten Akt finden wir unseren Traum und entschließen uns, ihn zu verfolgen. Im
zweiten versuchen wir, ihn zu verwirklichen, Hindernisse tun sich auf, Konflikte, die Karriere wird ein Problem, es geht auf und ab. Und im dritten Akt wird ein Resümee gezogen: Was habe ich mit dem Traum gemacht? Ist er
vergessen? Wie kriege ich es hin, über alles lachen zu können?

Elfi Mikesch. Eckart Lottmann: Das Leben, ein Dreiakter – Elfi Mikesch, Dokumentarfilmerin. In: Der Tagesspiegel, 03.01.1998

1976 trennten sich die Wege von Elfi und Fritz Mikesch, die Freundschaft blieb. 1979 realisierte Elfi Mikesch Execution – A Study of Mary, einen Fotofilm, für den sie das Filmband in Silber (heute Deutscher Filmpreis) erhielt. Hinzu kamen als neues Lebensgefühl ihre lesbische Identität und die Stimmen, Bilder und Filme von Frauen. Elfi Mikesch gab Zeitschriften wie Frauen und Film und Die Schwarze Botin mit ihren Fotocollagen ein Gesicht und arbeitete mit dem ersten feministischen Filmverleih Deutschlands, dem Chaos Filmverleih, eng zusammen. Sie lebte nun mit ihrer Freundin Anke Rixa zusammen. 1978 drehte Elfi Mikesch den poetischen Dokumentarfilm Ich denke oft an Hawaii, im Jahr darauf das Porträt eines ungewöhnlichen Hamburger Altenheims, Was soll´n wir denn machen ohne den Tod, für das sie ebenfalls mit dem Filmband in Silber ausgezeichnet wurde. Es folgten Spielfilme, die sie mit Monika Treut realisierte, darunter Verführung: Die grausame Frau und Die Jungfrauenmaschine sowie weitere eigene Spiel- und Dokumentarfilme. 1984 gründete Elfi Mikesch mit Monika Treut die Hyäne Film-Produktion, die bis heute von Monika Treut weitergeführt wird (Hyena Films). Verführung: Die grausame Frau wurde bei der Berlinale 1985 als heftige Provokation zur Frage von Rollenbildern und Machtverhältnissen zwischen den Geschlechtern wahrgenommen.

Elfi Mikesch arbeitete als Kamerafrau und Bildgestalterin immer wieder für Rosa von Praunheim, Werner Schroeter, Teresa Villaverde, Harald Bergmann und andere, so auch bei Rosa von Praunheims Filmen Ein Virus kennt keine Moral und Der Einstein des Sex, bei Werner Schroeters letztem Film, Der Rosenkönig, sowie bei MalinaAbfallprodukte der Liebe und Deux. 2011 drehte Elfi Mikesch ihr sehr persönliches Porträt über Werner Schroeters Bilderwelten Mondo Lux, 2014 ihren autobiografischen Spielfilm Fieber. Seit 1995 arbeitet und lebt Elfi Mikesch mit der Filmemacherin und Künstlerin Lilly Grote zusammen. Für Daily Chicken und Ich bin der Eifelturm, zwei Filme von Lilly Grote, hat Elfi Mikesch die Kamera geführt. Bis heute hält sie an den eigenwilligen Formen von Freundschaft und Widerstand fest, die sich durch vielfältige Strömungen und als Merkmal der 1968er Jahre entwickelten und ihren persönlichen Stil geprägt haben.

Elfi Mikesch ist Mitglied der Sektion Film- und Medienkunst der Akademie der Künste, Berlin.

 

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