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Es geht ums Ganze - Das Projekt Demokratie
Gespräch auf der Herbst-Mitgliederversammlung, 8.11.2008


Was wird aus der Demokratie?  
Jutta Brückner
  


In den Kommentaren der letzten Wochen über den Crash an den Finanzmärkten hat man oft den Eindruck gehabt, da sei, angetrieben  von einer Hand von Spekulanten, etwas passiert, was unseren Gesellschaften tief wesensfremd sei. Ein Unfall, eine Perversion, etwas, das uns überrascht und verstört hat, nichts, womit man hätte rechnen können. Das ist eine blindgläubige Täuschung. Die Werte der Finanzmärkte sind die Werte unserer Gesellschaft. Deshalb sind meine kurzen Bemerkungen hier der Frage gewidmet, welches denn die Werte der Gesellschaft sind, in der wir leben? Und welches ist ihr Menschenbild? Und ist es nicht eines, das den Werten der Demokratie, so wie wir sie bis heute begreifen,  fundamental feindlich gesinnt ist?  

Die neuzeitliche Demokratie wurde erfunden, bevor die Massen und mit ihnen auch die Frauen, die politische Bühne betraten. Die Wahlbürger der klassischen Demokratie waren männlich, Frauen und Fürsorgeempfänger gehörten nicht dazu. Dieser Wahlbürger wurde als vernünftig angesehen, in dem Sinne, dass er seine Interessen im öffentlichen Raum durch Diskussion vertrat,  Argumenten zugänglich war und gebildet genug, um politische Zusammenhänge zu verstehen. Es ist der rationale Mensch der europäischen Aufklärung, entstanden in einem mühseligen, jahrhundertelangen Prozess. Dieser demokratiefähige Bürger ist Mitspieler der Politik und Garant einer Gesellschaft von Individuen, die so viel Pflichtgefühl, Selbstkontrolle und  Triebverdrängung oder zumindest doch Triebaufschub  praktizieren, dass das Arsenal an  Gesetzestexten klein gehalten werden konnte und diese den Bürger vor allem vor den  Übergriffen des Staates schützen sollten.  

Spätestens seit den Erfahrungen mit hingebungsvoll schreienden Massen, weiß man, dass dieser vernünftige, konsensfähige, Argumenten zugängliche Demokrat eher die Ausnahme ist als die Regel. Sogar in der Wirtschaft – und das schon lange vor dem Finanzcrash -  sind Menschen entgegen der Grundannahme der Nationalökonomie gerade nicht ihren Interessen gefolgt, sondern dem, was sie - unter welchen Einflüssen auch immer - dafür hielten. Die Erkenntnisse der Psychologie, Psychoanalyse und Gehirnforschung zeigen uns immer deutlicher, wie kompliziert die Verbindung zwischen Wissen und Gefühlen ist. Seit Sigmund Freud wissen wir, dass das Ich nicht Herr ist im eigenen Haus. Jede Demokratie funktioniert nicht nur nach einer rationalen ökonomischen und politischen Ordnung, sondern auch nach unseren Wunschökonomien, und die bleiben nicht nur im Privaten, sondern durchwuchern den öffentlichen Raum. Es geht um die Triebstruktur unserer modernen Gesellschaften und  jede Antwort auf die besorgte Frage nach der Zukunft unserer Demokratien muss neben den bestimmenden Faktoren Boden, Kapital und Arbeit auch noch die psychischen Ressourcen in ihre Betrachtung mit einbeziehen.

Was wird aus der Demokratie, wenn sie nicht mehr auf die Vernunft ihrer Demokraten zählen kann?


Unsere egalitäre Gesellschaft ist eine des beständigen Hypes. Ihre Lieblingsworte sind Star, Super, Mega, Held, Ausnahme, Idol, legendär, Titan, Mythos, Gott, Kaiser. Es gibt da einen Virus, der auf maximalen Erfolg drängt, darauf sich von den anderen abzuheben. Und dieser Status wird nicht erreicht durch Leistung. Leistung allein setzt noch eine Proportion der Gerechtigkeits voraus zwischen eigener Anstrengung und dem erzielten Gewinn. Es geht hier um den Erfolg, der irrational, ein Zipfel von dem, was früher Schicksal hieß. Mit der Umstellung von Leistung auf Erfolg wird nicht mehr Schweiß und Arbeit honoriert, sondern Performance. Sie mag beruhen, auf was sie will, auf Intuition und Spürnase, auf Skrupellosigkeit oder Wagemut oder nur auf Glück und Zufall, solange nur das Ergebnis herausragt. Und das ist nur noch in Zahlen messbar: die Website mit der größten Anzahl an Klicks, der höchste Plattenverkauf, der Spieler, der am meisten Tore geschossen hat. Ein Zeitalter, das den Rekord liebt und den Rekordhalter bewundert, egal, ob er ein Held oder ein Schurke ist, denn beide sind immer „der größte aller Zeiten“, als sei die Geschichte schon abgeschlossen.

Das Gesetz der Finanzmärkte wie auch unserer alltäglichen Existenz ist der Superlativ. Und weil diese hochfliegende Welt allein auf Erfolg getrimmt ist, kann sie sich mit keinem Erfolg zufrieden geben. Sie feuert den Triumphalismus an, das Übertrumpfen der Erfolge, eigener und der der anderen,  durch immer größere.  Die Kulturkritikerin Susan Faludi benennt die Erkennungsfrage "Are you known? Are you sexy? Have you won?" Das Hervorragende ist an die Zahl gebunden. Wir sind beherrscht von einer Deformation der Intelligenz, die als Maßstab nur noch das „mehr“ kennt, den erfolgsorientierten Wettbewerb in allen Branchen. Aber das „mehr“ ist nur eine Ansammlung des immer gleichen.

Neben der Verfallenheit an die bloße Zahl steht die Verfallenheit an die Technik. Sie nicht mehr Instrument für bestimmte Zwecke, sondern ein Großsystem, so komplex und in so ständigem Wandel, dass sie sich einer effektiven Steuerung entzieht. Technische und mathematische Kategorien haben sich so sehr in unser Denken eingeschlichen, dass wir ein Teil dieses Systems geworden sind.  Das ist ja ein alter Gedanke, der schon von dem Philosophen Günters Anders formuliert worden ist, wenn er von der “Antiquiertheit des Menschen” sprach. Damit meinte er, dass spätestens mit dem Koreakrieg die rechnerischen Kalküle alle moralischen Urteile ersetzt hätten. Sein Denken stand noch unter dem Zeichen der Atombombe, es wurde spätestens seit dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr beachte. Aber es hat mich merkwürdig berührt, als ich in den Berichten von der Finanzkatastrophe ein paar Mal das Wort „Kernschmelze“ las. So als gebe es ein untergründiges Wissen, was uns heute doch mit dieser Zeit verbindet.  

Inzwischen wird auch "das Leben” als “Code” begriffen. Inmitten der künstlichen Intelligenz, Robotern und der Molekularbiologie leben wir unter der Herrschaft eines “technologischen Apriori”. Und damit ist gemeint, dass die Gesetze komplexer Systeme unabhängig sind von dem Stoff, aus dem sie gemacht sind - also auf Tiere, Computer und Volkswirtschaften gleichermaßen zutreffen.

Kulturell erleben wir das so, dass inzwischen zwei Diskurse vorherrschen: der des Sports und der des Militärs. Die Sportrhetorik ist in die Kultur eingezogen und die Kriegsrhetorik in den Sport. Dieses kriegerische Ethos findet man sogar im Hedonismus, der heute oft als aggressive Triebabfuhr daher kommt, hier verbindet sich Wut mit Genuss. Jemand hat das „Kampfgeniessen“ genannt.  Doch all dieser zähnefletschende Aktivismus kann nicht darüber hin wegtäuschen, dass darunter eine tiefe Depression liegt, die schon  den Mafiaboss Tony Soprano in die Praxis der Analytikerin trieb. Die Erschöpfung kommt aus einem Ich-Kult. Es gehört zum Stolz der modernen Demokratie, dass jeder und jede zur persönlichen Initiative aufgefordert ist, „er selbst zu werden“, seine und ihre Identität zu finden, zu erarbeiten. Identität ist heute der wichtigste Faktor bei der Neudefinition des Begriffs der Person. Aber Selbstdarstellung, Performance dessen, was ich bin,  ist anspruchvolle Arbeit, die ständig von Zweifeln unterminiert wird: Bin ich, was ich bin? Wann endlich werde ich sein, was ich bin? Der Depressive ist erschöpft von dieser Anstrengung, er selbst werden zu müssen, ständig getrieben von einem Gefühl der Minderwertigkeit, der Unzulänglichkeit. Er schafft es nicht, die Frustrationen, die das Geschick eines jeden Lebens sind, zu akzeptieren. Die modernen Menschen, die Götter sein wollen, mega, super, Titanen, bezahlen dafür mit innerer Zerbrechlichkeit und permanenter Adoleszenz, der Kehrseite des Imperativs, sich ständig neu zu erfinden.  

Dafür gibt es ein Wort: Projekt. Das Leben besteht  darin, sich in Projekte einzufügen und so die eigene Isolierung zu überwinden. Aber die projektbasierte Ordnung verlangt, dass man, um "groß" zu werden, alles opfern muss, was die Verfügbarkeit einschränkt. Man muss mobil, leicht und durchlässig bleiben,  ohne Wurzeln, Bindungen und Leidenschaften. Wenn diese Kultur des Projekts sich auf das Privatleben ausdehnt, dann schlingert die Intimität zwischen Zölibat, Zusammenleben, Ehe und Scheidung. Das trifft besonders Frauen und ihren Wunsch nach Kindern.  Nicht nur viele Berufsleben sind heute prekär, auch die persönlichen Situationen sind es.  Mit der Ausweitung des Kapitalismus auf die ehemals als "privat" bezeichnete Welt des Familien-, Sexual- und Gefühlslebens, die durch neue Biotechnologien noch beschleunigt wird, bildet sich ein neues Feld sozialer Kämpfe heraus, eine biopolitische Achse. Hier geht es nicht um die Produktion von Gütern, sondern um die Produktion des Lebens, um die Schaffung von Menschen. 

Die modernen Demokraten, männlich und weiblich, sind ortlose Wesen, ausgesetzt einer nicht beherrschbaren Informationsflut und durch die Medien eingeübt  in die Faszination des Grauens. Das Fernsehen hat Entertainment und Angst  zu den wichtigsten Möglichkeiten gemacht, überhaupt eine Information zu transportieren. Die  neuesten Sensationen, denen die Menschen ausgesetzt sind, kollidieren  mit den antiquierten Grenzen ihrer Wunschökonomien. Freiheit und Glück sind an den Konsum gebunden worden. Banalisierung und Populismus und Vulgarisierung prägen die politisch-kulturelle Öffentlichkeit der Gegenwart. Dieser Antiintellektualismus kann in der Konsequenz zum Instrument der möglichen Selbstzerstörung westlicher Demokratien werden. 

Dies alles hätte ich vor einem Monat kaum sagen können, weil man es als typisch deutsche, miesepetrige Kulturkritik abgetan hätte. Der Finanzcrash macht es möglich, denn er ist nicht Ergebnis einer moralischen Verfehlung einer kleinen Kaste, sondern Teil des Systems. Man liest wieder Marx und Sohn-Rethel, der schon vor vielen Jahren gesagt hat, dass das Kapital gesellschaftsunfähig sei.  Die Lehren, die man aus diesem Zusammenbruch ziehen muss, sind aber nicht nur die geplanten Regularien für den Finanzmarkt, so wichtig nötig sind sie. Wir müssen einfach immer im Kopf haben, dass unser Wohlfahrtsstaat in seiner Dynamik vom Kapitalismus abhängt, dass er ihm die Zügel schießen lassen muss, um die wirtschaftliche Dynamik zu bekommen, die er für seine politischen Ziele braucht. Er kann ihn deshalb nicht wirksam domestizieren sondern nur der Reparaturbetrieb sein, der das Auto, das gegen die Wand gefahren ist, wieder flott macht. Unsere gesamte moderne Ordnung steht auf dem Prüfstand. Unser bekannter Risikotheoretiker Ulrich Beck hat gesagt: 
„Die Erneuerung der Inhalte der Politik ist der Königsweg zur Erneuerung der Macht der Politik. Es gibt also nicht nur einen idealistischen, sondern auch einen machtstrategischen Idealismus. Die Wiedergewinnung der Macht und die Wiedergewinnung der Utopie sind zwei Seiten derselben Medaille.“
Ich füge hinzu: Diese Utopie sollte sich nicht nur auf die Politik beziehen, sondern auch auf die Menschen, die sie zu tragen haben. Die Studenten sollten statt Betriebswirtschaftslehre  wieder Philosophie studieren oder doch zumindest beides gleichberechtigt nebeneinander.

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