(Post)Koloniales Unrecht und juristische Interventionen

Kuratorisches Statement

Von Wolfgang Kaleck und Karina Theurer

Die Entwicklung des Völkerrechts ist eng verwoben mit dem von Europa aus vorangetriebenen Kolonialismus: mit globalisierter Ausbeutung, Landwegnahme, Rassismus, Gewalt gegen Frauen, Genoziden und Umweltzerstörung. Dabei wurden die Grundprinzipien des Völkerrechts wie staatliche Souveränität und formale Gleichheit der Staaten sowie die Konzepte von terra nullius und der zivilisierenden Mission der Kolonialisierung so ausgelegt, dass sie koloniales Unrecht verschleiern konnten.

Das Symposium (Post-)Koloniales Unrecht und juristische Interventionen soll ein Resonanzraum postkolonialer Kritiken am Recht sein. Es geht darum nachzuvollziehen, wie Gewalt unsichtbar und Unrecht zu geltendem Recht wurde – und nach wie vor wird. Inwiefern reproduzieren Struktur- und Entwicklungspolitiken die ungleiche Verteilung von Ressourcen und fördern Armut und Hunger? Wie lassen sich asymmetrische Handelsbeziehungen verändern? Wer profitiert und wer ist betroffen? Welche juristischen Interventionen waren erfolgreich und was lässt sich aus den Rückschlägen lernen?

Welche Paradigmenwechsel und Re-Interpretationen des Völkerrechts werden aus postkolonialer Perspektive vorgeschlagen? Aus machtkritischer Perspektive vollziehen wir nach, welche Menschenrechte erfolgreich konstruiert, kodifiziert und faktisch durchsetzbar sind – und welche nicht. Wie können wir dazu beitragen, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Menschenrechte zu stärken?

Warum liegt immer noch ein Mantel des Schweigens über den Kolonialverbrechen der europäischen Staaten? Warum wurden bisher keine Reparationen geleistet? Die Landwegnahme und der Völkermord an den Herero und Nama durch preußische Schutztruppen sowie die systematischen Vergewaltigungen und erzwungenen Schwangerschaften der Frauen sind weithin unbekannt in Deutschland. Dieselbe Ignoranz existiert in Frankreich im Hinblick auf die nur 50 Jahre zurückliegenden Folterungen und Tötungen im Maghreb oder in Großbritannien angesichts der blutigen Niederschlagung des Mau-Mau-Aufstandes. In den Niederlanden konnten Angehörige von in Indonesien Getöteten im Rahmen eines Gerichtsverfahrens Entschädigungen erkämpfen. Können wir an deren Erfolge anknüpfen?

Juristische Interventionen sind oft am erfolgreichsten, wenn sie von gesellschaftlichen Debatten und individuellen Momenten der Solidarität und Einsicht flankiert sind. Neben Vorträgen und Podiumsdiskussionen internationaler juristischer Expertinnen und Experten umfasst das Programm des Symposiums daher auch künstlerische Arbeiten. Die Jazzperformance Die Verdammten dieser Erde des kongolesischen Autors Fiston Mwanza Mujila sowie die Videoarbeiten des brasilianischen Künstlers Ayrson Heráclito und des Akademie-Mitglieds Marcel Odenbach eröffnen komplementäre Perspektiven auf die rechtstheoretisch entfalteten Themen.