Musik – Mitglieder

Joseph Ahrens

Organist, Komponist

Am 17. April 1904 in Sommerzell/Westfalen geboren,
gestorben am 21. Dezember 1997.
Von 1963 bis 1993 Mitglied der Akademie der Künste, Berlin (West), Sektion Musik.
Von 1993 bis 1997 Mitglied der Akademie der Künste, Berlin, Sektion Musik.

Nachruf

Joseph Ahrens war eine fürstliche Erscheinung. Aus einem höchst aktiven Wirken als Lehrer, Komponist und Orgelspieler zog er sich vor mehr als zwanzig Jahren zurück. Der Tod Boris Blachers 1975 - mit dem er sehr verbunden war - bedeutete für ihn eine Lebenszäsur, wie er sich mir gegenüber äußerte. Dies betraf auch seine Teilnahme am Geschehen der Berliner Akademie der Künste.
1952 - nach Beendigung des Musikstudiums - ging ich zu ihm, dem gefeierten Orgellehrer jenseits aller Konfessionen, um mich im virtuosen Orgelspiel zu vervollkommnen. An diese Zeit denke ich mit großer Dankbarkeit! Er war aus der Vollmacht des eigenen Könnens heraus ein wirklicher Vermittler der europäischen Orgeltradition.
Mit dem Namen "Berliner Akademie für Kirchen- und Schulmusik" bezeichnete sich schon um die Jahrhundertwende eine Institution, von der wichtige Impulse ausgingen, die bis heute nachklingen. Hier lehrten bis in die zwanziger Jahre hinein vorzüglich zwei Persönlichkeiten, Alfred Sittard, der berühmte Orgelvirtuose, und Max Seiffert, einer der wichtigsten Musikwissenschaftler seiner Zeit - seit 1914 auch Mitglied der Preußischen Akademie der Künste -, der seinen Hörern den damals weitgehend noch unbekannten Reichtum der vorbachschen Musik vermittelte. Diese beiden Persönlichkeiten wurden für Joseph Ahrens bestimmend. Sie gaben gleichsam Motive an, auf die sein Leben sich gründete: Energisch unmittelbares Wirken im Musikleben aus einem tragenden Geschichtsbewußtsein heraus.
Joseph Ahrens wurde 1904 geboren, seine große Begabung ist früh erkannt worden. Mit 26 Jahren wurde er an dem genannten Institut selbst Dozent, mit 30 Jahren Domorganist an der St. Hedwigskathedrale und zwei Jahre später Professor für Orgelspiel.
Nach schweren Kriegsjahren - Ahrens hatte die ihm von den für das Musikleben des Dritten Reiches Verantwortlichen angebotenen Positionen nationaler Präsenz radikal abgelehnt - begann er in Berlin erneut, jetzt als Ordinarius für Kirchenmusik an der Hochschule für Musik und als Organist an der Salvator Kirche. Groß war die Zahl der bei ihm Studierenden, stark seine Wirkung auf diese.
1947 mag es gewesen sein, als ich in der damals viel beachteten Zeitschrift Horizonte für junge Leser einen Aufsatz über Joseph Ahrens las, der das Bild einer Persönlichkeit vermittelte, deren Wirken sich unter der Idee gestaltete, Geistiges und Geistliches in die Durchdringung zu führen. Die nach dem Ersten, besonders aber nach dem Zweiten Weltkrieg aufblühenden liturgischen Bewegungen beider Kirchen basierten weitgehend auf der Vorstellung, daß die Erneuerung Deutschlands ohne einen spirituellen Impuls nicht zu leisten sei: Musikalische Werke entstanden, die auf höchstem Niveau den sakralen Raum umschlossen. Strawinskys Messe, E. Peppings Passionsbericht des Matthäus, Messiaens Orgelwerke seien in diesem Zusammenhang genannt.
Ahrens selbst sah sich vorzüglich als dieser Sphäre verbundener Komponist. Neben Chorwerken, die weitgehend dem Kultus einverwoben sind, entstanden viele Werke für Orgel, die seine Erfahrungs- und Erlebniswelt farbig spiegeln. Elemente der Gregorianik, des Chorals, Tonalität und Dodekaphonie verbinden sich zu einer strengen, oft herben Klangsprache, die ihre wesentlichsten Momente aus der Kraft einer sehr persönlichen Improvisationsphantasie gewannen.
Diese Verbundenheit mit einer eigenen Welt war für Ahrens die Basis für die Vermittlung der großen Orgelwerke, besonders der von Bach und Reger. Unvergeßlich wurde in der Beobachtung seine körperliche Ruhe, die ihm ermöglichte, alle spieltechnischen Probleme aus völliger Gelöstheit heraus zu überwinden.
Joseph Ahrens wurde zu Lebzeiten vielfach geehrt. Er war Repräsentant der katholischen Kirchenmusik in Deutschland. Alle Fragen der Liturgie bewegten ihn aus seiner Verwurzelung im thomistischen Denken. Gerade in seinem kompositorischen Schaffen wollte er in einer sich öffnenden, aber oft auch verunsicherten theologischen Umwelt Hinweis geben auf diese tragende Basis. Scheinbar umgibt ein solches Musikerleben heute ein Schimmern von Ferne.
Aber auch das Folgende ist zu beachten: Im Frühsommer 1998 hatten wir die Ausstellung zu Leben und Werk Olivier Messiaens in der Akademie der Künste. Sie wanderte durch viele Städte, und überall schloßen sich Symposien an, in denen gerade die Frage nach Bindung und Freiheit in der Kunst immer erneut gestellt wurde. Bindung zielt hier nicht nur auf Kunstgesetzlichkeit, sondern auf den Ursprung europäischen Denkens: das Christentum.
Ein Kunstleben, wie es Joseph Ahrens zu verwirklichen versuchte, gewinnt in dieser Sicht impulsierende Gegenwärtigkeit.

Frank Michael Beyer