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Anna-Seghers-Gedenkstätte

Nach 14jährigem Exil während der Nazizeit – in Frankreich und Mexiko – kam Anna Seghers 1947 wieder nach Berlin zurück. Hier hatte die aus Mainz stammende junge Schriftstellerin in den 20er Jahren ihre ersten großen Erfolge, hierher zog es sie, als der Krieg zu Ende war und sie endlich wieder ihre Muttersprache sprechen und für deutsche Leser schreiben wollte. Seit 1950 lebte sie in Adlershof, zuerst in der Altheider Straße. 1955 zog sie dann mit ihrem Mann Laszlo Radvanyi in das obere Stockwerk eines neuerbauten dreigeschossigen Mietshauses in der Volkswohlstraße 81, heute Anna-Seghers-Straße. Diese Wohnung war der Ort, an dem sie die längste Zeit ihres Lebens sesshaft war, bis zu ihrem Tod 1983. Sie wollte ihn auch später, als sie Präsidentin des Schriftstellerverbandes der DDR war, ganz bewusst nicht mit einer repräsentativen Villa in Berlin-Niederschönhausen vertauschen.

"Zwei Plätze gibt es in dieser mir gleichgültigen Wohnung, die mich freuen, ein Eck im Fenster meines kleinen Schlafzimmers – Ruth sagt Kajüte –, ein Fenstereck, aus dem man weit raus sehn kann und sich einbilden, dahinter läge das Meer und die Schiffe oder sonst was. Und gut ist auch, auf dem kleinwinzigen Balkon zu liegen, und ich gucke mir abends die Vögel an und frage mich, warum sie herumfliegen, und ich denke auch, daß so einen Flug die Menschen noch nicht erfunden haben ... Und vor allem: ich kann viel und hoffentlich zum Teil auch gut schreiben." Wenn die Anwohner unter diesem Balkon entlanggingen, konnten sie bei gutem Wetter oft das Klappern ihrer Schreibmaschine hören – der Platz, vor dem die hohen Linden im Wind rauschten, erinnerte sie an das Schreiben an Bord eines Schiffes auf ihren Atlantiküberfahrten. Mehrmals reiste sie zwischen Europa und Südamerika hin und her. Dabei entstand z.B. die wunderschöne Erzählung "Überfahrt. Eine Liebesgeschichte" (1971), die in Brasilien spielt. Sie nannte den Balkon ihren "Mastkorb".

Die Wohn- und Arbeitsräume der Dichterin wurden nach ihrem Tod zur Gedenkstätte. Hier kann man seit 1985 alles im Originalzustand betrachten, liebevoll erhalten und betreut von der Akademie der Künste. Neben den authentischen Möbeln und Reisemitbringseln aus aller Welt, ihrer Sammlung von Steinen und Meeresschnecken, ihren Keramiken und Musikinstrumenten aus Mexiko beeindruckt vor allem die Bibliothek von Anna Seghers: 10.000 Bände, die sie ein Leben lang gesammelt und gehütet hat, darunter Bücher mit Widmungen von Schriftstellerfreunden aus vielen Ländern, verteilen sich über vier Zimmer und einen langen Flur. Das Literaturmuseum birgt auch eine kleine ständige Ausstellung mit Fotografien und Dokumenten aus dem Leben von Anna Seghers und ihrer Familie. So findet man dort ihr holzgeschnitztes Reisealtärchen, einst erstanden auf einem mexikanischen Bauernmarkt, oder das Diorama "Alibaba und die vierzig Räuber", das die junge Netty Reiling (wie sie mit ihrem Mädchennamen hieß) als Studentin der Kunstgeschichte in Heidelberg anfertigte. Vor allem findet man hier die kostbaren Erstausgaben ihrer Bücher, wie "Das siebte Kreuz", das zuerst 1942 in den USA auf englisch erschien und zu einem Welterfolg wurde, oder Ausgaben aus dem Exilverlag Querido in Amsterdam, aber auch den Reclam-Band mit ihrer Mainzer Dissertation "Jude und Judentum im Werke Rembrandts".

Die Gedenkstätte ist zugleich Ort einer monatlichen literarischen Abendveranstaltung im Wohnzimmer der Dichterin, veranstaltet von der Anna-Seghers-Gesellschaft Berlin und Mainz e.V. Dort lesen, in intimer Atmosphäre in Anna Seghers’ Couchecke sitzend, Schriftsteller aus ihren neuen Büchern, darunter immer wieder auch diejenigen, die mit dem Anna-Seghers-Preis ausgezeichnet wurden. An jenem Platz hatte sie einst viele berühmte Freunde von weither zu Gast: Jorge Amado aus Brasilien besuchte sie hier, Ilja Ehrenburg, Lew Kopelew oder Halldór Laxness, der Nobelpreisträger aus Island. Dort sind alle Besucher willkommen, denn Anna Seghers liebte ein offenes, gastfreundliches Haus.

Adresse: Anna-Seghers-Str. 81, 12489 Berlin


 

(Stand 03.07.2015)