Ihre Träume hat Anna Seghers in ihrer Literatur ausgedrückt, zeitlebens, und damit wollte sie auch ihre Leser zu den eigenen Träumen ermutigen. So setzt sie 1938 als Motto über ihre legendenhafte Erzählung "Die schönsten Sagen vom Räuber Woynok": "Und habt ihr denn etwa keine Träume, wilde und zarte, im Schlaf zwischen zwei harten Tagen? Und wisst ihr vielleicht, warum zuweilen ein altes Märchen, ein kleines Lied, ja nur der Takt eines Liedes, gar mühelos in die Herzen eindringt, an denen wir unsere Fäuste blutig klopfen? Ja, mühelos rührt der Pfiff eines Vogels an den Grund des Herzens und dadurch auch an die Wurzeln der Handlungen."
Neben den neun großen Romanen wie "Das siebte Kreuz", "Transit" oder "Die Toten bleiben jung" schrieb Anna Seghers vor allem eine Vielzahl von Erzählungen, weit über sechzig, darunter Märchen, Sagen, mythische, in ihrem Charakter geheimnisvolle Texte wie "Die Legende von der Reue des Bischofs Jean d’Aigremont von St. Anne zu Rouen" von 1924/25 (zuerst veröffentlicht 2003 aus dem Nachlass in Paris), "Sagen von Artemis", "Das Argonautenschiff" oder die frühe Novelle "Die Toten von der Insel Djal". In der späten Erzählung "Die Reisebegegnung" (1970), in der die Schriftstellerin die drei Dichter E.T.A. Hoffmann, Nikolai Gogol und Franz Kafka bei einer fiktiven Begegnung in einem Prager Caféhaus belauscht, bündelt sie ihre Poetik und eine weite Realismusauffassung, in der Phantasie, Träume und das Unterwusste einen unstreitigen Platz einnehmen.
Auch als wortmächtige Essayistin hat sie ein ausgeprägtes Empfinden für das zeitgeschichtlich und zeitkritisch Relevante – genannt seien als Beispiele ihre große Rede "Vaterlandsliebe" (1935 in Paris auf dem Internationalen Kongress zur Verteidigung der Kultur), "Frauen und Kinder in der Emigration", "Glauben an Irdisches" sowie ihre Essays über Tolstoi und Dostojewski.
Heute gilt Anna Seghers als bedeutendste deutschsprachige Erzählerin des 20. Jahrhunderts. Dramatiker wie Heiner Müller oder Volker Braun haben Motive ihrer Erzählungen für eigene Stücke adaptiert (z.B. Müllers Stück "Der Auftrag" nach Seghers’ Erzählung "Das Licht auf dem Galgen" oder Volker Brauns "Transit Europa"). Der Komponist Hans Werner Henze legte Textpassagen aus dem Roman "Das siebte Kreuz" seiner Chorsinfonie zugrunde. Anna Seghers’ Prosa hat starke internationale Wirkungen erzielt und wurde weltweit in 42 Sprachen übersetzt. In mehr als zehn Spielfilmen wurde ihr Werk verfilmt.
Die 1991 gegründete Anna-Seghers-Gesellschaft Berlin und Mainz e.V. vereint mehr als 230 Mitglieder aus 14 Ländern, darunter namhafte Literaturwissenschaftler in Frankreich, den USA oder China. Die literarische Gesellschaft gibt das Jahrbuch "Argonautenschiff" im Aufbau-Verlag Berlin heraus (www.anna-seghers.de/).
Nach dem Wunsch der Dichterin wurde mit den Tantiemen ihres Werkes eine Stiftung gegründet, die jedes Jahr an ihrem Geburtstag den hochdotierten Anna-Seghers-Preis verleiht – jeweils an einen deutschsprachigen sowie einen lateinamerikanischen Autor oder Autorin.
Was zählt, sei das Werk, nicht die Person, war ihre Meinung. So gab sie selbst nie gern detaillierte Auskünfte über ihr Leben. Um so unverzichtbarer die umfangreiche, zweibändige Biografie über Anna Seghers (Berlin 2002 und 2003) von Christiane Zehl Romero aus Boston/USA oder "Anna Seghers. Eine Biographie in Bildern" (1994) herausgegeben von Frank Wagner, Ursula Emmerich und Ruth Radvanyi. Ebenfalls im Aufbau-Verlag Berlin erscheint seit 2000 die wissenschaftlich kommentierte Werkausgabe, herausgegeben von Helen Fehervary und Bernhard Spies. Einen sehr persönlichen Blick auf Anna Seghers erlaubt das Buch ihres Sohnes Pierre Radvanyi "Jenseits des Stroms. Erinnerungen an meine Mutter Anna Seghers" (Berlin 2005), das noch einmal den Stationen des Exils in Frankreich und Mexiko sowie der Heimkehr nach Deutschland folgt.
(Stand 28.3.2007)