04.11.2009  14:25

Fritz Fränkel (1892–1944). Die Sammlung Klaus Täubert

<p>Porträt Fritz Fränkel<br/> © Sammlung Klaus Täubert<br/> <br/> </p>

Porträt Fritz Fränkel
© Sammlung Klaus Täubert

Das Walter Benjamin Archiv hat die von dem Berliner Autor Klaus Täubert in jahrelanger Forschungsarbeit zusammengetragene Sammlung über den Suchtmediziner und Neurologen Fritz Fränkel, einen Freund Walter Benjamins, erworben. Dem in medizinischen Fachkreisen und der Benjamin-Forschung kaum präsenten Fränkel widmet sich Täuberts 2005 im trafo-Verlag erschienene Biografie; sie zeichnet erstmals das wissenschaftliche und politische Wirken des Mediziners systematisch nach.

Die etwa 2000 Blatt zählende Sammlung ist im Lesesaal des Walter Benjamin Archivs einsehbar. Sie enthält – im Original oder in Fotokopie – sämtliche bisher nachgewiesene Publikationen des Mediziners, Literatur über ihn sowie biografische Unterlagen und Fotografien. Darüber hinaus sind Arbeiten von und über Kollegen wie Dora Benjamin, Ernst Joël, Herbert Lennhoff und Rudolf Neumann vorhanden. Umfassende Forschungsliteratur zu politischen Mitstreitern und Freunden Fränkels – darunter Edwin Hoernle, Rudolf Leonhard, Willi Münzenberg, Otto Rühle, Gustav Regler und Victor Serge – gehört ebenso zur Sammlung wie Literatur zu der Gründungsgeschichte der KPD, zum Spanischen Bürgerkrieg, zu den Internierungslagern in Frankreich und dem Exilland Mexiko. Herausragender Teil ist die umfangreiche Korrespondenz Täuberts mit Institutionen und Personen, u. a. mit Fränkels geschiedener Frau Hilde McLean und dem Sohn André, mit Hilde und Michael Benjamin, Lisa Fittko, Gisèle Freund, Joseph Gurland, Werner Kraft, Susann und Michael Lennhoff, Ruth Stern und Mariana Frenk-Westheim.

Fritz Fränkel, am 7. September 1892 in Berlin geboren, beginnt nach dem Abitur ein Medizin- Studium an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität, das er im Jahr 1915 abschließt. Als Kriegsfreiwilliger ist er zunächst Bataillonsarzt und später Leiter einer Station für Kriegsneurotiker in Königsberg. Die Erfahrungen des Krieges bewirken hingegen eine radikale Wende im sozialen und politischen Denken des Mediziners. Der Konferenz des Spartakusbundes im Dezember 1918 – dem Gründungsparteitag der KPD – wohnt Fränkel als Delegierter des Arbeiter- und Soldatenrates Königsberg bei. In seinem Plädoyer für das Selbstbestimmungsrecht der Jugend und die Reformierung bestehender Bildungs- und Wissenschaftsstrukturen entwickelt er eine politische Programmatik, die seine Arbeit als Arzt und Wissenschaftler maßgeblich bestimmen wird. Als Suchtmediziner und Neurologe engagiert Fränkel sich zeitlebens für eine offene, sozialistische Gesundheits- und Sozialpolitik.

Nach Abschluss seiner Dissertation »Die psychopathische Konstitution bei Kriegsneurosen« bei Karl Bonhoeffer und vorübergehender Arbeit am Bürgerhospital in Stuttgart kehrt Fränkel als Assistent des Neurologen Otto Maas zurück nach Berlin. Er wird Mitglied im Verein Sozialistischer Ärzte und 2. Vorsitzender des Proletarischen Gesundheitsdienstes, einer Abspaltung des Arbeiter-Samariter-Bundes. In den Kontext dieser Arbeit fällt die Bekanntschaft mit Walter Benjamins Bruder Georg, der ebenfalls im Präsidium des Vereins aktiv ist. Mitte der zwanziger Jahre lässt Fränkel sich als Facharzt für Nerven- und Geisteskrankheiten in Charlottenburg, später in Wilmersdorf nieder. Zudem übernimmt er die Leitung der Psychopathologischen Fürsorgestelle am Gesundheitshaus Urban in Kreuzberg, wo er ehrenamtlich eine Sprechstunde für Gemüts- und Alkoholkranke etabliert. Sein sowohl fachliches wie soziales Engagement für Suchtkranke bezeugen auch zahlreiche Publikationen und Vorträge aus dieser Zeit.

Eine Vielzahl dieser Arbeiten entsteht in enger Zusammenarbeit mit dem Freund und Kollegen Ernst Joël. Die wissenschaftliche Studie »Der Cocainismus« etwa, die 1924 im Verlag von Julius Springer erscheint, erfährt über deutsche Fachkreise hinaus eine breite internationale Rezeption. Joël, der die erste Fürsorgestelle für Alkoholkranke und andere Giftsüchtige in Berlin-Tiergarten begründete, hatte bereits zu Studienzeiten das Amt für Soziale Arbeit innerhalb der Berliner Freien Studentenschaft inne – und war wie Fränkel hochschulpolitisch einer der schärfsten Kontrahenten des damaligen Präsidenten Walter Benjamin. »Er und ein anderer meiner Opponenten aus jener Zeit [Fritz Fränkel, U. M.]«, schreibt Benjamin am 30. Januar 1928 an Gershom Scholem, »haben sich durch Gottes – oder Satans – Fügung wunderbar verwandelt und sind zu Karyatiden an dem Portal geworden, durch das ich nun schon zweimal in die Bezirke des Haschisch eingegangen bin. Diese beiden Ärzte nämlich machen Versuche über Rauschgifte, zu denen sie mich als Versuchsperson gewinnen wollten. Ich bin darauf eingegangen. Die Aufzeichnungen, die ich teils selbständig, teils im Anschluss an die Versuchsprotokolle darüber gemacht habe, dürften einen sehr lesenswerten Anhang zu meinen philosophischen Notizen geben, mit denen sie, und z. T. sogar die Erfahrungen im Rausch, die engsten Beziehungen haben.« 

Nach dem frühen Tod Joëls im August 1929 übernimmt Fritz Fränkel dessen Funktion als Kurator der Ausstellung »Gesunde Nerven« im Gesundheitshaus Kreuzberg, an der auch Walter Benjamins Schwester Dora beteiligt ist. Walter Benjamin nennt die Ausstellung einen »Glücksfall«, er lobt die »grundsätzliche Klarheit« des Konzepts, das überraschende Moment der Darstellung und resümiert: »Den Veranstaltern dieser Ausstellung war nichts wichtiger als die Erkenntnis und der kleine Chock, der mit ihr aus den Dingen springt.«

Mit Dora Benjamin arbeitet Fränkel fortan eng zusammen; gemeinsame Publikationen zu den sozialen Ursachen und Folgen des Alkoholmissbrauchs und der Anwendung des Rorschachtests entstehen.

Unmittelbar nach der Reichtagswahl 1933 wird Fränkel als Jude und Kommunist verhaftet und in das SA-Gefängnis Papestraße verbracht. Nach Tagen der Verhöre und Misshandlungen kommt er auf Intervention Wolfgang Hellmerts, eines ehemaligen Patienten Fränkels und Freundes von Klaus Mann, am 25. März 1933 frei – unter der Bedingung, Deutschland umgehend zu verlassen. Gemeinsam mit seiner Frau Hilde und Sohn André flieht Fränkel in die Schweiz, im Oktober 1933 weiter nach Paris. Dort hält er Vorträge an der »Freien Deutschen Hochschule«, einer Lehrstätte nach Vorbild der Berliner »Marxistischen Arbeiterschule«, und praktiziert nebenher illegal als Mediziner und Psychiater. Zu seinen Bekannten zählen u. a. Dora Benjamin, Lisa Fittko, Gisèle Freund, Henny Gurland sowie Heinrich Blücher und Hannah Arendt. Das Wohnhaus Fränkels – ab 1934 10 rue Dombasle – entwickelt sich zum Treffpunkt deutscher Emigranten: Bewohner wie die Eltern und der Bruder Lisa Fittkos, der Arzt Rudolf Neumann, die Schriftsteller Arthur Koestler und Otto Katz und ab 1938 auch Walter Benjamin berichten von Poker- und Schachpartien sowie regelmäßigen Diskussionsabenden.

1936 nimmt Fränkel als Arzt der Internationalen Brigaden am Spanischen Bürgerkrieg teil, hält den Kampf aber schon bald für »eine unnütze Vergeudung von Menschenleben«. Gegen den Widerstand der Partei kehrt er im Januar 1937 nach Paris zurück. War er aufgrund politischer Differenzen über die Ausrichtung des Proletarischen Gesundheitsdienstes schon 1925 nur knapp einem Parteiausschluss entgangen, so sieht sich Fränkel nun erneut mit politischen Verleumdungen konfrontiert: er sei »Morphinist«, »Trotzkist« und habe »deutsche Kommunisten an die französische Polizei verraten«. Aber auch von anderer Seite gerät er in Bedrängnis. Mit seiner Ausbürgerung aus Deutschland staatenlos geworden, wird Fränkel nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in verschiedenen französischen Lagern interniert (Clos St. Joseph Nevers, Gurs, Les Milles). 1941 gelingt ihm die Flucht nach Mexiko, wo er am 21. Juni 1944 mit nur 52 Jahren stirbt.

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