14.4.2021, 09 Uhr

Vom Meisteratelier zur Jungen Akademie

Anton von Werner, ein namhafter deutscher Historienmaler der Kaiserzeit, der 1860–1862 an der Königlichen Akademie der Künste in Berlin studiert hatte, war es, der die Erinnerung an dieses besondere Kalenderblattdatum begründete. Daselbst mit nur 32 Jahren zum Mitglied gewählt sowie parallel zum Direktor der sich im Zuge notwendiger Reformen vom Akademie-Mutterhaus abspaltenden Hochschule für die bildenden Künste, Berlin, wird er erster Vorsteher eines Meisterateliers der Akademie der Künste für Malerei, das er bis an sein Lebensende 1915 leitet. – Dieser Art Begabtenförderung widmeten sich besonders engagierte Akademiemitglieder fortan in den Bereichen Malerei (darunter Max Slevogt), Bildhauerei (wie Reinhold Begas und Fritz Klimsch), Grafik (zum Beispiel Käthe Kollwitz), Architektur (Hans Poelzig, Peter Behrens und andere) und für „musikalische Komposition“ (darunter Max Bruch, Richard Strauss, Hans Pfitzner, Arnold Schönberg). Das belegen fünf im Archiv erhalten gebliebene Matrikelbücher, die zudem die Namen der geförderten Talente dokumentieren. Sogenannte „Meisterklassen“ der Akademie der Künste der DDR führten Mitglieder der Sektionen Musik (wie Hanns Eisler und Paul Dessau) und der Bildenden Kunst (unter anderem Fritz Cremer, Gustav Seitz und Werner Klemke).

Die Förderung junger internationaler Kunst aller Sparten ist eine der zentralen Aufgaben der Akademie der Künste seit ihrer Gründung vor 325 Jahren. Transnationaler wie transdisziplinär ausgerichteter Austausch zu Grundfragen der Kunst aus vielfältigen Perspektiven und Erfahrungshorizonten mit breit gefächerten individuellen künstlerischen Auffassungen war, ist und bleibt essenziell bedeutsam, ist entscheidend für die Wahl ihrer Mitglieder und für ihre überragende Sonderstellung bzw. ihren Epochen überspannenden Autonomieanspruch. Dieser beruft sich auf die demokratisch-rechtsstaatlich zu garantierende künstlerische Freiheit und auf den sich daraus immer wieder neu ergebenden, ureigenen Beratungsauftrag. Über aktuelle Stellungnahmen hinaus zeigt er sich im Wortsinn „verantwortlich“  bei allen Aktivitäten der Akademie – unmittelbar, direkt und substanziell durch die Kunst selbst, in internen wie öffentlichen Debatten über sie und durch die Vergabe zahlreicher (Förder-)Preise und Stipendien.

Seit 2007 ist die „Junge Akademie“, das internationale wie spartenübergreifende Stipendiatenprogramm der Akademie der Künste, in der Satzung als fundamentaler Teil des Selbstverständnisses der Institution fest verankert. Die tragfähige Basis hierfür legte Renate Schubert mit ausdauernder Pionierarbeit über nahezu 20 Jahre nach der Vereinigung beider Akademien 1993. – Für die daraus im „Probelauf“ weiter- und neu entwickelten Formen prägnanter Sichtbarkeit analog-digital publizierter Programme sorgte ab 2012 der Autor. Die Programm-Nacht „Agora Artes“ mit Werkpräsentationen in den Ausstellungshallen, parallelen Projekt-Wochen unter Mitwirkung von Mitgliedern aller Sektionen sowie (inter)nationalen innovativ ausgerichteten Partnern zu gesamtgesellschaftlichen Themen (wie Nachhaltigkeit, Klimawandel, Kunst und Gesellschaft) oder experimentelle Zukunftsworkshops ( „Wie wollen wir leben?“) waren dicht gebündelte Aktivitäten. Sie verhalfen der Jungen Akademie zu breiter Akzeptanz auf Augenhöhe mit den Mitgliedern. 2016/17 gelang der Zugewinn des Berlin-Basel-(Austausch-)Stipendiums und des Werner-Düttmann-Stipendiums (für transdiziplinäre Kunst). Der Bezug auf den Genius Loci spielte dabei eine wichtige Rolle, weil die anregende Architektursprache des Düttmann-Akademiegebäudes – programmatisch lesbar als Manifest „Was ist eine Akademie heute?“ – interaktiv nutzbar gemacht werden kann, um immer wieder neue (Kunst-)Dialoge über Grenzen hinweg zu provozieren. Auch dadurch wurde die Entstehung beeindruckender Werke gefördert, nicht wenige davon innovativ forschende Gemeinschaftsproduktionen von jungen Kunstschaffenden aus verschiedenen Ländern, Kulturen und Künsten, sowie von Kunst und Wissenschaft. Das belegen exzellente Koproduktionen der Fellows dieser Jahre: wie Tensegrity aus dem Jahr 2017 mit einer Performance von Rima Pipoyan (Tänzerin, Rumänien) und der elastischen Röhrchengittergummizug-Skulptur von Martina Schlusnus (Architektin und Designerin, Deutschland); Music Boards von 2017, ein Projekt von und mit Martina Schlusnus (s.o.) und Elena Rykova (synästhetisch arbeitende Komponistin, Russland), das Musik in plastische Notationen übertrug und umgekehrt (beide Arbeiten der Stipendiaten kamen 2018 als Gastspiel an der Universität Salzburg bzw. im Mozarteum zur Aufführung und wurden danach der Kunstsammlung des Akademie-Archivs als Schenkung übergeben); oder der Film Vor dem Tanz (ursprünglich: Bewegungsfreiheit) von 2013, eine transdisziplinär vermittelte Alumni-Koproduktion von Aleksandra Odić (Schauspielerin und Filmemacherin, Bosnien – Stipendiatin 2012) und Mareike Franz (Tänzerin, Deutschland – Stipendiatin 2008). Der Film fußt auf einem Rundgang durch das Akademiegebäude innerhalb ihrer Tanzperformance zum Tag des offenen Denkmals 2013 und war eine Auftragsproduktion der Jungen Akademie unter dem Titel „Führung mit Hausgeist“.  – Die neue Leitung der Jungen Akademie, Clara Herrmann, gewann inzwischen noch das Mensch-Maschine-Stipendium hinzu, dessen öffentliche Ausschreibung bisher unübliche Selbstbewerbungen zulässt. Sie engagiert sich aktuell mit neuen Partnern global und lokal zugleich für die Transformation und Erweiterung bisher noch überwiegend analoger Formate der Akademie der Künste in die Welt des Digitalen, das heißt für ortsunabhängige Vernetzungs-, Kommunikations- und Gestaltungsmöglichkeiten, unter anderem durch Künstliche Intelligenz.

Christian Schneegass

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