2.3.2017, 16 Uhr

Erzählpartnerschaft „Our Stories – Rewrite the Future” #3: Larissa Boehning

Die Schriftstellerin Larissa Boehning hat das Projekt „Our Stories – Rewrite the Future“ an der Akademie der Künste initiiert. Seit Anfang Februar finden sich junge Geflüchtete mit deutschsprachigen Autorinnen und Autoren in Workshops zusammen, um gemeinsam literarische Geschichten zu entwickeln. Die Workshops finden in deutscher Sprache statt und auch die aus dem Partnerschaftsprojekt entstehenden Texte werden auf Deutsch verfasst. Hier beschreibt die Autorin, was das Projekt für sie bedeutet:

Ich will verstehen, uns Menschen verstehen. Schon immer, seit ich durch die Bruchstück-Erzählungen in meiner Familie begriff, dass das Leben etwas ist, das Unaussprechliches enthält. Was transportierte mein russischer Großvater nach dem Krieg zwischen Ost- und West-Berlin hin und her. Warum brachte der amerikanische Soldat den Weihnachtsbaum. Weshalb wurde so viel Alkohol getrunken, so verzweifelt getanzt. Der Autounfall. Das im Casino verspielte Erbe. Der Tod meines Cousins.

Swetlana Alexijewitsch schreibt: „Ich frage nicht nach dem Sozialismus, ich frage nach Liebe, Eifersucht, Kindheit und Alter. Nach Musik, Tanz und Frisuren. Nach Tausenden Einzelheiten des verschwundenen Lebens. Das ist die einzige Möglichkeit, die Katastrophe in den Rahmen des Gewohnten zu zwingen und etwas darüber zu erzählen. Etwas zu verstehen.“

Ich hab mich lange hinter Worten versteckt, bis ich merkte, die lassen sich ja zu allem benutzen. Ich dichtete die leeren Stellen zu. Ich studierte Lebenswissenschaften, die Philosophie. Ich verbarg mich in meinem Kopf, im Abstand der Betrachtung, im Dickicht des Dazuerfindens. Da passierte etwas Seltsames: Ich kam anderen Menschen und mir selbst völlig abhanden. Je mehr ich schrieb, desto mehr Fremdheit, Verwirrung, Ängstlichkeit und Scham. Das Tau, das ich auswarf zu anderen, um ihnen nahe und verbunden zu sein, um sie zu verstehen, hatte ich mir selbst gekappt.

Literatur kommt aus dem Leben, und sie führt uns dorthin zurück. In ihr ist der Schmerz und das Glück aufgehoben, ein Mensch zu sein. Wir spüren uns, in guter Literatur. Als Lesende genauso wie als Schreibende, sie ist ein Kind der Empathie. Das Projekt ist ein Teil dieses Wunsches: uns als Menschen zu verstehen.

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