Archivgeschichte(n)

Archivpräsentation

„Archive sind das letzte Glück dieser Erde“, wusste Heinrich Böll: „Eine Leidenschaft zur Ordnung ist hier am Werk; Träume von Karteikästen, Karten, Tabellen und der Drang, zu koordinieren“. Archive erwerben und zugänglich machen, war für fast dreißig Jahre die Aufgabe von Wolfgang Trautwein als Direktor des Archivs. In einer Matinee verabschiedet ihn die Akademie in den Ruhestand und begrüßt seine Nachfolgerin Birgit Jooss. Erinnert wird an die Geschichte des Archivs, erzählt wird vom Wegwerfen und Horten, von der Unersättlichkeit des kleinen Häwelmanns, von der Schenkung eines Überseekoffers und vom „Glück des Verschwindens“ (Joachim John).

Es sprechen Klaus Staeck und Erdmut Wizisla, Ulrich Matthes liest Texte von Archivgebern. Dagmar Manzel singt, begleitet von Tal Balshai, Lieder von Brecht, Eisler und Heymann.  

Deutschlandradios Kultur, Fazit vom Samstag: http://www.deutschlandradio.de/audio-archiv.260.de.html?drau:broadcast_id=222 

Sonntag, 25.1.2015

11.30 Uhr

Hanseatenweg

Studio

mit Klaus Staeck, Erdmut Wizisla, Ulrich Matthes, Dagmar Manzel, Tal Balshai

Eintritt frei, Platzreservierung erforderlich

 

Klaus Staeck; Ulrich Matthes

Kartenreservierung

Tel.: (030) 200 57-1000 E-Mail: ticket@adk.de
Dokumentation

Erdmut Wizisla
Archive sind das letzte Glück dieser Erde
Wolfgang Trautwein zum Abschied
Akademie der Künste, 25. Januar 2015

Lieber Herr Trautwein, Herr Präsident, liebe Freundinnen und Freunde des Archivs, liebe Kolleginnen und Kollegen!

Es gibt eine kleine Zeichnung von Joachim John. Der Poet und Grübler aus dem Mecklenburgischen hat sie Wolfgang Trautwein zum Abschied gewidmet.
Wir sehen „Vor-Gezeichnete“, die ihre Kleidung und ihr Amt abgelegt haben. Sind es Archivarinnen und Archivare, aufgegangen in ihrem Gegenstand? Überflüssig geworden drängen sie in die Ewigkeit der Magazine – ein Vorgang von morbider Lust. (Einblendung: Zeichnung, Glück des Verschwindens, Joachim John)
„Glück des Verschwindens“ betitelte der wunderbare John sein Blatt. Und so wollte ich meine Anmerkungen zunächst auch nennen. Doch dann bekam ich einen kleinen Schreck: Wer soll hier Glück über ein Verschwinden verspüren? Wolfgang Trautwein, dass er alles hinter sich lassen darf? Oder etwa wir, weil er uns nun, wo seine Amtszeit endet, nur noch als leises Beben einer Signatur, als eine Erinnerung der Akten begegnen würde?
Es drohten gefährliche Missverständnisse.
Aber: Verschwinden kann doch nur, wer vorher anwesend war. Also könnte man auch vom Glück der Anwesenheit sprechen. Und vom Glück, etwas erreicht zu haben.
„Ich mach Schluss, und die müssen sehen, wie sie zurechtkommen“, hat Herr Trautwein kürzlich gesagt. Aber auch: „Beglückt, erfüllt gehe ich von hinnen.“
Das Wort Glück ist im Raum. Nicht von ungefähr haben wir mit einem Satz eingeladen, der es in unsere Welt holt: „Archive sind das letzte Glück dieser Erde.“
Ein Abschiedssatz und eine Vision. Geschrieben von Heinrich Böll, 1957 in einer Rezension von Arno Schmidts Roman „Das steinerne Herz“. In Schmidts Archivkunde sei eine „Leidenschaft zur Ordnung“ am Werke: „Träume von Karteikästen, Karten, Tabellen und der Drang zu koordinieren“, schreibt Böll. „Schmidt hat eine tiefe Wahrheit entdeckt: wie ungeheuer spannend Zahlen sind, wie aufregend Statistiken (die landläufige Meinung von der ‚trockenen Materie‘ ist ja nur dummes Vorurteil).“

Wir werfen einen unziemlich kurzen Blick auf ein langes und reiches Arbeitsleben. Das geschieht anhand eines Dokuments, das Heinrich Bölls Motto zu illustrieren scheint. Vereint und klandestin wirkenden Kräften gelang es, dieses Zeugnis aus heller Vorzeit für einen Moment den Verließen der Ewigkeit zu entreißen.
Auch wenn es schwer fällt: Ich spare mir jetzt ein Jandlsches Wortspiel mit Trautwein und Weintraub. (Einblendung: Foto WolfgangTrautwein mit Weintrauben)
Entstanden ist diese Aufnahme bei einem Archivausflug im Neuen Garten in Potsdam. Die Liebe zu Schlössern und Seen verdankt unser Held seinem Vater. Hier ist er zu sehen in einem Moment des Glücks. Man meint, Dionysos begegnen zu dürfen: Freude, Trauben, Wein.
Manchmal ist das Archiv ein dionysischer Ort, eine Insel der Seligen, ein Paradies.
Die Entdeckung dieser Aufnahme ermöglicht es uns, nicht nur den Arbeitsplatz unseres scheidenden Direktors genauer zu bestimmen, sondern den Geist, in dem er gewirkt hat. Unser Leitmotiv – Sie ahnen es dunkel – bleibt Glück.
Aber wir sind nicht so wirklichkeitsfremd, bei Dionysos zu verweilen. Wissen wir doch, dass dieser heiteren Szene der Alltag in Archivverwaltung, Sitzungsraum, Büro und stahlbetonbewehrter Kammer gegenübersteht. Und da fällt uns noch eine andere mythische Figur ein. Und ihre Überformung.
Als Schüler las Wolfgang Trautwein Albert Camus. Man entwirft sich selbst neu, behielt er als eine Erkenntnis. Gewiss gehörte „Der Mythos des Sisyphos“ zur Lektüre.
„Mythen sind dazu da, von der Phantasie belebt zu werden“ (S. 125), lesen wir bei Camus. Und es steht geschrieben: Wir müssen uns Wolfgang Trautwein als einen glücklichen Menschen vorstellen.
Die Mühe ist das Glück, die Möglichkeit, immer wieder von vorn anfangen zu können, und die Notwendigkeit, es zu müssen – mit der immer schwebenden Gefahr des Scheiterns. Sisyphos als der Held des Absurden (vgl. S. 125), der seinem Schicksal überlegen ist. Das Glück entspringt zwangsläufig der Entdeckung des Absurden (vgl. S. 237). Es geht nicht darum, dass der Stein oben bleibt.
Solange er immer wieder runterrollt, gibt es Momente des Glücks, hat Günter Grass kürzlich gesagt.

Wolfgang Trautwein gelingt es, Arbeit und Glück zu verbinden. Mehr als siebenundzwanzig Jahre hat er die Geschicke des Archivs der Akademie geleitet. Die Bilanz dieser geglückten Anwesenheit fällt beachtlich aus: Das Archiv ist um 750 einzelne Archive gewachsen, das sind zwei Drittes des Gesamtbestands. Es gab 180 Ausstellungen; mehr als sechs in jedem Jahr seiner Amtszeit.
Aber Zahlen können das nur notdürftig zum Ausdruck bringen. Wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehen das Bleibende in einem ganz existenziellen Sinne: Ohne Sie, lieber Herr Dr. Trautwein, gäbe es dieses Archiv vermutlich nicht mehr.
Man könne das doch alles aufteilen, äußerten Verantwortliche Anfang der neunziger Jahre. Und: Ihr habt doch die Gauck-Behörde. In Geheimverhandlungen haben Wolfgang Trautwein und Volker Kahl als eine Avantgarde die Archive noch vor der Mitgliedersozietät zusammengeführt und damit nicht nur dem Archiv eine Perspektive gegeben. Eine Rettungstat von historischem Ausmaß.
In den Jahren Ihres Direktoriums ist das Profil des Hauses geschärft worden. Hier haben wir wieder Bölls „Drang zu koordinieren“. Sie haben Ihre Arbeit mit einem der Sache verpflichteten Ethos geleistet – und mit Pragmatismus, Mut zum Außergewöhnlichen, gewiefter Diplomatie, zu der das Behaupten einer Position ebenso gehört wie die Aufgabe derselben und die Fähigkeit zur Deeskalation.
Wenn Herr Trautwein über Erwerbungen sprach, wurden langweilige Sitzungen mit einem Male interessant, hat Ingo Schulze gesagt. Hier sind sie wieder, die Träume von Karteikästen und Archivprogrammen. Keine Red‘ von trockener Materie. Sie lassen sich begeistern, und Sie können begeistern.
Gefürchtet und bewundert – je nach Perspektive – sind Ihre schwäbischen Rechenkünste, Ihr Abenteuergeist, wenn Finanzierungen gefunden werden mussten, und Ihr Gedächtnis für Zahlen. Der Haushaltsplan passte auf einen kleinen Zettel. Irritiert suchte man auf dem Platz neben Ihnen die Hieroglyphen zu entziffern, bis klar wurde, dass Ihnen einfach keine Zeit blieb, Nullen zu schreiben – 4 T oder 6 T war als 4.000 oder 6.000 zu lesen.
Ihr Verhandlungsgeschick schließt paradoxe Kommunikation ein. Die Verpflichtung auf das Dienstgeheimnis verbietet mir, hier ins Konkrete zu gehen. Ich erinnere an Ihre Formulierung, Erwerbungen seien ein delikates Geschäft.
Ihre Nachfolgerin wird eigene, neue Wege gehen. Ich begrüße Sie, liebe Frau Dr. Birgit Jooss, heute hier herzlich. Und ich darf, auch im Namen meiner Kolleginnen und Kollegen sagen, dass wir uns auf die Zusammenarbeit mit Ihnen freuen, und dass wir Sie gern unterstützen wollen.
Aber es heißt bei Camus: Wir müssen uns Wolfgang Trautwein als einen glücklichen Menschen vorstellen – nicht: wir dürfen, schon gar nicht: W. Tr. ist …
Die meisten haben Sie auch in Momenten erlebt, wo selbst Ihr süddeutscher Charme an seine Grenzen kam. Wenn es galt, bürokratische Vorschriften zu bedienen, den wohl behüteten Archivhaushalt vor gierigen Zugriffen zu schützen oder Personalentscheidungen zu fällen, die Enttäuschungen hervorriefen. Brecht meinte so etwas wohl, als er schrieb: „Aufgefressen wurde ich / Von den Mittelmäßigkeiten.“
Es gibt Tage, an denen sich der Mythos seiner Umdeutung verweigert. Sisyphos ist dann fern von den Trauben, die Lippen werden schmal.
Ihr Erfolg beruht auch darauf, dass Sie solchen Situationen entkamen und wieder beherzt nach den Trauben griffen.

Einer dieser Momente betraf eins der Archive, für das ich zuständig sein darf: das von Walter Benjamin. Zum Schluss eine Geschichte, die ich auch für Joachim Kersten und Jan Philipp Reemtsma von der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur erzählen darf.
1996 forderte diese Stiftung, autorisiert von seinen Erben, den in der Akademie aufbewahrten Teilnachlass Walter Benjamins zurück. Viele Kolleginnen und Kollegen fürchteten wie ich, dass die Manuskripte in Frankfurt verschwinden könnten – im Adorno Archiv, das sich nicht gerade durch Nutzerfreundlichkeit einen Namen gemacht hatte.
Wolfgang Trautwein schrieb einen folgenreichen Satz.
„8. Juli 1994 / Betrifft: Nachlaß Benjamin / Sehr geehrter Herr Kersten, besten Dank für Ihr Schreiben vom 2. 6. 94. / Sicherlich wird die Akademie ihre Position nicht auf Raubzügen der Gestapo begründen.“
Nach einer Prüfung des Anspruchs durch die Rechtsaufsicht gingen die Originale nach Frankfurt. Jedoch zu guten Bedingungen. Die wichtigste war, dass die Benutzung des Bestands hier auf Mikrofiches weiterhin möglich war.
Diese Haltung von Wolfgang Trautwein, das Loslassenkönnen aus Vernunft, führte acht Jahre später dazu, dass die Hamburger Stiftung das Benjamin Archiv als eigenständige Einrichtung in die Akademie der Künste einbringen wollte. Hier hatte man eine Eigenschaft gefunden, die vom Aussterben bedroht ist: Verlässlichkeit. Wer sich in einer für ihn so schwierigen Situation so souverän verhält, taugte als Kooperationspartner auf Dauer.
Die Geste des Freigebens weist auf den Bestandsbildner zurück. Benjamin hatte seine Papiere gezielt gestreut, weil er sie retten wollte. Eine paradox wirkende Idee des Archivierens. An die Stelle eines „Erwirb es, um es zu besitzen“ tritt, was Adorno gern zitierte: „Wirf weg, damit du gewinnst.“
Was man liebt, muss man loslassen. Wenn’s dann wiederkommt, bleibt es.
Und so gehört das Benjamin Archiv heute zu den Archiven der Akademie, die international die größte Ausstrahlung haben – und die meisten Benutzer. Bei unserem hausinternen Ranking, wenn es um die Lux’schen Zahlen geht, liefert sich Benjamin seit Jahren ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Brecht. Ich sehe das gelassen und sage immer: Möge der Bessere gewinnen.

Lieber Herr Trautwein, wir danken Ihnen für das, was Sie für die Archive der Akademie der Künste getan haben. Wie wir sahen, ist der tiefere Sinn des Begriffs „verschwinden“ ein Für-die-Ewigkeit-erhalten-Bleiben, ein Bewahren, ein Dauern. Und so verbinden wir unseren Dank mit der Hoffnung, dass Sie auf die Ihnen mögliche und wünschbare Weise anwesend bleiben.
Sie dürfen auch, wenn Sie mal hier sind, wieder Ihrem Laster frönen und die Türen, an denen leichtfertige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihren Schlüssel von außen steckengelassen haben, zu pädagogischen Zwecken verschließen.

Wir wünschen Ihnen, lieber Wolfgang Trautwein, und Ihnen, liebe Elisabeth Trautwein-Heymann, Gelassenheit, Trauben im Übermaß und Glück.
Es wird – ohne Archive – nicht leicht sein. Auch für uns.
Aber wenn wir das Glück nicht festhalten wollen, bleibt es. Es ist wie mit der Wahrheit, sagt Adorno: Man hat es nicht, sondern man ist darin.

Fotos: Christoph Rosenthal

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