Baukunstarchiv

Das Sammeln von Zeugnissen zur Architektur geht bis in die Frühzeit der Akademie der Künste zurück. Mit der Berufung des Bildhauers und Baumeisters Andreas Schlüter war es im Jahr 1694 Kurfürst Friedrich III., dem späteren König Friedrich I, gelungen, einen renommierten und tatkräftigen Künstler an Berlin zu binden. Die Erweiterung des Stadtschlosses nach modernsten baukünstlerischen Gesichtspunkten trug maßgeblich zum Ruf der Residenzstadt als einem neuem Zentrum der Kunst und Architektur bei.

Im Archiv ist ein Konvolut an Bauzeichnungen vom Ende des 18. Jahrhunderts überliefert, als sich die Akademie der Künste als Ausbildungseinrichtung etabliert hatte. In einem Modell des römischen Architekten Antonio Chichi sowie meisterhaften Zeichnungen von Architekten wie Karl Friedrich Schinkel, Friedrich Gilly und Heinrich Gentz spiegeln sich die zeitgenössischen Ideen einer klassizistischen Architektur wider.

Bis zum zweiten Weltkrieg waren Architekten wie bildende Künstler normale Mitglieder der Akademie; eine eigene Sektion Baukunst begründete der Architekt und erste Nachkriegspräsident der Westberliner Akademie Hans Scharoun im Jahr 1955. Er beförderte auch das systematische Sammeln von Dokumenten zur Baugeschichte, vor allem von Zeugnisse der Architektenavantgarde des frühen 20. Jahrhunderts. So enthält das Baukunstarchiv neben dem Archiv Scharouns, mit den Nachlässen von Hugo Häring, Hans und Wassili Luckhardt mit Alfons Anker, den Brüdern Bruno und Max Taut, Paul Baumgarten, Werner Hebebrand sowie Adolf Behne u. a. baukünstlerisch wie architekturtheoretisch hochrangige Bestände der Zwanziger Jahre. Einzigartig sind die expressionistischen Aquarelle und Zeichnungen Hans Scharouns, der Gebrüder Luckhardt, Erich Mendelsohn, Hermann Finsterlin und Bruno Taut, dessen „Alpine Architektur“ besonders hervorzuheben ist. Die architekturtheoretischen Dokumente der „Gläsernen Kette“, der Architektenvereinigung „Der Ring“ sowie der Künstlervereinigungen „Novembergruppe“ und „Arbeitsrat für Kunst“ bereichern die bildnerischen Dokumente um theoretisches Gedankengut.

Zahlreiche Künstler verließen Deutschland in der Zeit des Nationalsozialimus. Darunter auch Architekten, die mir Ihren Nachlässen im Baukunstarchiv vertreten sind. Bruno Taut ging nach Japan, Konrad Wachsmann in die USA, Thilo Schoder emigrierte nach Norwegen, Harry Rosenthal und Julius Posener nach Palästina. Allein die beiden letztgenannten kehrten nach Deutschland zurück.
Berlin war im 20. Jahrhundert eine Stadt der Brüche und Zerstörungen, die sich überdeutlich im Stadtbild und der Architektur widerspiegeln. Ein weiterer Schwerpunkt der Bestände liegt in Planungsdokumenten für das Nachkriegsberlin. das vom Ringen um ein neues Stadtbild, neue Architekturformen und ein neues Lebensgefühl geprägt war. Hatten die Debatten um das „neue Bauen“ in den 20er Jahren begonnen, so zeugen die Archivalien, Pläne und Fotografien nach 1945 von neuen und kontrovers geführten Debatten, die im geteilten Deutschland vor allem in Berlin geführt wurden.
Werner Düttmann, Hermann Henselmann, Helmut Hentrich, Kurt Junghanns, Kurt Liebknecht, Peter Pfankuch, Bernhard Pfau, Julius Posener, Harry Rosenthal, Walter Rossow, Jürgen Sawade, Thilo Schoder und Konrad Wachsmann sind nur einige Beispiele von in Berlin ansässigen Architekten, deren Archive wertvolles bauhistorisches Gedankengut bereithalten.
Mit seinen architektonischen und politischen Verflechtungen, Überschneidungen und Trennungen ist es noch nicht annähernd erforscht.

Das Baukunstarchiv sammelt nicht explizit Berlin bezogene Architekturdokumente. In den Architektennachlässen finden sich Bauentwürfe die international Geschichte geschrieben haben. Aktuell sind die Archive von Hans Busso von Busse, Szyzskowitz Kowalski aus Graz sowie Zeichnungen der Architektengruppe Haus Rucker Co aufgenommen worden. Auch der Nachlass des jung verstorbenen, international tätigen Architekten Mark Braun, ein Schüler Norman Fosters, kam jüngst ins Archiv.

Ein Architekturarchiv bewahrt auch Baugedanken und -entwürfe, die nie sichtbar im Stadtbild in Erscheinung getreten sind. Das Baukunstarchiv der Akademie der Künste wird somit auch zu einem Ort der unerfüllten Möglichkeiten. Damit unterscheidet es sich von Archiven zur bildenden Kunst. Anders als im Museum bewahrt und präsentiert man hier auch für so manches Bauwerk sämtliche Dokumente: Die erste Skizze und ihre Varianten, Zeichnungen bis zum fertigen Bauplan, Modelle, Korrespondenzen zwischen den Baubeteiligten, Fotografien des fertigen Werks und schließlich Publikationen rund um das Bauwerk.

Das Material, das seit der Wende zum 21. Jahrhundert in das Archiv gelangt, ist immer mehr auf elektronischen Datenträgern gespeichert. Immer weniger Architekten zeichnen mit der Hand, Bauabläufe werden vielfach fast ausschließlich über Internet koordiniert. Werden die Entwurfsprozesse dadurch auch unumkehrbar technisierter, da Entwürfe heute fast ausschließlich digital erzeugt werden. Die Frage des Archivierungspotenials elektronischer Dokumente steht aktuell zur Debatte. Bis jetzt gilt im Baukunstarchiv noch Mies van der Rohes Satz: „Meine Gedanken führen meine Hand, und meine Hand beweist, ob der Gedanke etwas Wert ist.“

(Stand 20.09.2011)