1.7.2021, 09 Uhr

Alfred Kantorowicz wird Leiter des neu gegründeten Heinrich-Mann-Archivs

Der Ursprung des Archivs der Akademie der Künste

„Ach Du, mit deinem Heinrich Mann, mit deinem verdammten Heinrich Mann“. Die Reaktion der Parteigenossen in der KPD auf die Nähe von Alfred Kantorowicz zu Heinrich Mann im Jahr 1935 ist drastisch und gipfelt in einer Rüge. Nach dem Krieg gilt seine Berufung zum Leiter des Heinrich-Mann-Archivs zunächst als Glücksgriff. Doch diese Ansicht werden die SED-Funktionäre bald revidieren.

Im Rahmen der Volksfrontpolitik ändert sich um 1938 die Parteilinie und Heinrich Mann wird zum umworbenen Repräsentanten, dem später auch die Präsidentschaft der Deutschen Akademie der Künste angetragen wird. Schon von 1931 bis 1933 war er der Erste Vorsitzende der Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste. Nach dem Krieg zögert er lange, dem Ruf führender Parteifunktionäre um den von ihm verachteten Walter Ulbricht zu folgen, entschließt sich jedoch auf frühere Gefährten vertrauend im Frühjahr 1950 zur Rückkehr aus dem Exil. Nur eine Woche vor der geplanten Abreise sagt er zu Ludwig Marcuse: „Ich kann mich ganz auf Kantorowicz verlassen.“ Außerdem bittet er Arnold Zweig, als Vorsitzenden des vorbereitenden Ausschusses für die Akademie-Gründung, ihn bei der Ankunft im Hafen von Gdynia ohne viel Aufhebens abholen zu lassen, möglichst ausschließlich von Kantorowicz.

Doch Heinrich Mann stirbt am 11. März 1950 im Exil in den USA. Nur vier Tage nach seinem Tod beschließt die Regierung der noch jungen DDR, den Schriftsteller mit der Gründung eines Archivs unter dem Dach der Akademie der Künste und der Herausgabe seiner Werke zu ehren. Der Akademie-Direktor Rudolf Engel gewinnt den Publizisten und Literaturwissenschaftler Alfred Kantorowicz (1899–1979) für die Leitung. Beide kennen sich aus dem Spanischen Bürgerkrieg, wo sie zusammen für die Internationalen Brigaden gekämpft haben. Und so beginnt Kantorowicz am 1. Juli 1950 mit der Arbeit, die er später als „mein Zuhause, mein[en] inner[en] Schwerpunkt, mein Kraftfeld“ bezeichnen wird.

Zunächst besteht die Schwierigkeit darin, die durch das Exil verstreuten Papiere des Schriftstellers zusammenzutragen. Es dauert acht Jahre, bis der letzte von drei größeren Nachlassteilen im Archiv ankommt. Heute unterscheidet man den Münchener, den Frankreich- und den Amerika-Nachlass. Schenkungen und Ankäufe von Freunden und Bekannten Heinrich Manns vervollständigen den Bestand. 

Kantorowicz, unterdessen auch als Leiter des Thomas-Mann-Archivs an der Akademie der Wissenschaften und als Professor für Neue deutsche Literatur an der Humboldt-Universität tätig, sieht seine Aufgabe zunächst in der Herausgabe der Werke Heinrich Manns. Hierin ist er sich mit dessen Tochter Leonie Mann-Askenazy einig. Ihrer großzügigen Schenkung ist es zu verdanken, dass ein Großteil der Manuskripte, Arbeitsunterlagen und Briefe sowie die Nachlassbibliothek heute im Besitz der Akademie der Künste ist. 

Die Herausgabe von ausgewählten Werken beginnt 1951 und wird rapide fortgesetzt. Andere Aufgaben, wie die systematische Ordnung der Archivalien, müssen dahinter zurückstehen. Nach ersten Überlegungen der Regierung, die Schriftsteller-Nachlässe zentral in Weimar zu sammeln, beschließt das Präsidium der Akademie die Gründung einer eigenen Archivabteilung und ernennt Kantorowicz im März 1955 zu ihrem Leiter. 

Da Kantorowicz neben seinen vielen anderen Aufgaben nun auch Direktor des Germanistischen Instituts der Humboldt-Universität ist, bleibt weiterhin keine Zeit für die Aufgabe der archivischen Erschließung des Nachlasses. Die Unterlagen sind verteilt auf die Büros am Pariser Platz, am Robert-Koch-Platz und seine Pankower Privat-Wohnung. Im Oktober 1955 gibt Kantorowicz die Leitung der Archivabteilung aus gesundheitlichen Gründen ab, bleibt aber für das Heinrich-Mann-Archiv zuständig. Das Archiv wächst stetig weiter, eine Entwicklung, die bei der Gründung keineswegs absehbar war. Das Sammlungsspektrum erweitert sich schrittweise auf alle Kunstsparten und bildet das Fundament für die erfolgreiche Entwicklung zu einem interdisziplinären Archiv für die Kunst und Kultur der Moderne im deutschen Sprachraum.

Alfred Kantorowicz bezeichnet Heinrich Mann einmal als seinen „bewunderten väterlichen Freund und geistigen Ratgeber“. Näher an seinem Werk als in den 1950er-Jahren ist er nie wieder. Am 22. August 1957 flieht er in den Westen. Als Westemigrant und durch Teile seines publizistischen Wirkens schon länger unter Druck kapituliert er. „Die Wahrheit ist, dass ich am Ende meiner Nervenkräfte war und nicht mehr durchhalten konnte“, begründet er anschließend in den Medien seinen deutschlandweit Aufsehen erregenden Schritt. In der DDR wird er zum totgeschwiegenen Renegaten, auf dessen Verdienst am Aufbau des Heinrich-Mann-Archivs man sich erst nach 1990 wieder besinnen kann.

Haiko Hübner