Zeitsprung
Haifa, 1947 – Berlin, 1933

'Appointments Book', Detailansicht des Terminkalenders aus dem Arnold-Zweig-Archiv

'Appointments Book', Detailansicht des Terminkalenders aus dem Arnold-Zweig-Archiv

Zwei Jahre, zwei Länder, zwei Leben – so lässt sich der Inhalt des hier vorzustellenden kompakten Büchleins1 knapp umreißen. Aufgefunden im Nachlass des Schriftstellers Arnold Zweig, sticht unter den fast neunzig dort überlieferten Terminkalendern die hochwertige Aufmachung bereits durch den Ledereinband und den in Gold geprägten Schriftzug „Appointments“ hervor. Die Nutzung solch eines intimen Dokuments durch zwei Personen ist eher ungewöhnlich. Genau das offenbaren jedoch die beiden nebeneinanderstehenden Handschriften. Zuerst fällt der Name des Erstbesitzers ins Auge, notiert in unverwechselbar feiner Handschrift: M. Eitingon B[erlin] 1933. Beim weiteren Blättern wird deutlich, dass es sich um den Patientenkalender des Gründers des Berliner Psychoanalytischen Instituts, Max Eitingon, handelt. Darin hat der Arzt die Namen der bei ihm zur Analyse erscheinenden Personen – es waren durchschnittlich vier bis sechs pro Tag – festgehalten, darunter: Gebert, Holländer, Horowitz, Kayser, Richards, Rosenfeld, Stern, Wolff. Am Freitag, den 6. Januar 1933, begann Eitingon mit den Analysesitzungen, musste diese jedoch acht Monate später, am Mittwoch, den 6. September, beenden. Es war der Tag, an dem er offensichtlich sein Institut, das sein Lebenswerk war, zum letzten Mal betrat. Am 31. Dezember 1933 verließ er Deutschland für immer und emigrierte nach Palästina. Dort hatte Arnold Zweig zehn Tage vorher, nach Stationen unter anderem in Prag, Wien und Sanary-sur-Mer, einen sicheren Zufluchtsort vor den nationalsozialistischen Machthabern gefunden.

Dass Max Eitingon seinen Patientenkalender des Jahres 1933 auf dem Weg ins Exil im Gepäck trug und bis zum Lebensende sicher aufbewahrte, obwohl er schmerzlicher Beleg dafür gewesen sein dürfte, was er in Deutschland zurücklassen musste, zeigt die Bedeutung dieses Dokuments für ihn. Arnold Zweig wird der zweite Eigentümer, als er ein Jahr nach dem Tod des Freundes von dessen Witwe Mirra dieses private Geschenk erhält. Der Kalender passte auf das Jahr 1944, das heißt, die Wochentage stimmten mit den Kalendertagen überein, wie Zweig selbst darin verzeichnete, er nutzte ihn jedoch laut seinem Vermerk „1947, Haifa“ erst drei Jahre später. Spärlich, man meint eine gewisse Scheu Zweigs beim Schreiben zu spüren, sind die darin enthaltenen persönlichen Aufzeichnungen von ab- oder eingesandten Briefen, Terminen, gelegentlich zu Werken. Sein parallel geführtes „Pocket Diary 1947“2 hingegen ist dicht und ausführlich mit Notizen und Entwürfen gefüllt.

Mehrere Indizien sprechen dafür, dass die Freundschaft zwischen Max Eitingon und Arnold Zweig bereits in den 1920er Jahren in Berlin begonnen hatte. Am 17. Januar 1933 fand nach Eitingons Kalender – der auch einige persönliche Termine, etwa zu Reisen, enthält – ein Treffen mit Zweig statt. Im Exil wurde Eitingon für Zweig zum engen Vertrauten, wie die ab 1935 überlieferte Korrespondenz belegt. Einen festen Bezugspunkt ihrer Verbundenheit bildete dabei Sigmund Freud, der mit seiner Theorie der Psychoanalyse als einer der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts gilt. Beide Männer standen in ständigem Brief- und Telefonkontakt zu Freud, jedoch konnte Eitingon Freud häufiger besuchen und stellte damit für Zweig ein zusätzliches Bindeglied zum großen Gelehrten dar. Mit der Besetzung Österreichs durch die Nationalsozialisten wuchs die Sorge um Freuds Sicherheit, und auch die Freunde in Palästina bangten um dessen Leben. Zwar konnte Freud am 21. Mai 1938 schon die neue Londoner Adresse mitteilen, jedoch mit dem Zusatz: „unbestimmt wann, hoffentlich noch im Mai“.3 Am Abend des 3. Juni erhielt Zweig von Eitingon per Telefon die erlösende Mitteilung der bevorstehenden Ausreise Freuds. Auch wenn Freud sicher sein konnte, dass die Nachricht Zweig unmittelbar erreichen würde, schrieb er seinem Dichterfreund direkt am Tag der Abreise eine Postkarte, die in ihrer nüchternen Formulierung noch im Moment der Rettung die Anspannung erkennen lässt: „Leaving today for Elsworthy Road, London N. W. 3. Affect. greetings Freud.“4

Sowohl der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, als auch einer der ersten und treuesten Anhänger seiner Lehre, Max Eitingon, starben im Exil.5 Arnold Zweig kehrte 1948 zurück in ein – grundlegend verändertes – Deutschland. Mit ihm gelangten Dokumente der verstorbenen Freunde, darunter der Behandlungskalender und die Briefe Max Eitingons sowie 62 Originalbriefe Sigmund Freuds, nach Berlin. Literarisch setzte Zweig seinen Gefährten ein Denkmal und verarbeitete gleichzeitig die persönlichen Verluste, indem er seine im Exil begonnenen Manuskripte „Freundschaft mit Freud“ sowie „Traum ist teuer“ beendete. In letzterem ist für den kundigen Leser hinter der Figur des Manfred Jacobs unschwer Max Eitingon zu erkennen. Der Ich-Erzähler, ebenfalls Psychoanalytiker, beschreibt den Besuch in der Wohnung des verstorbenen Dr. Jacobs und erinnert sich wehmütig an „ein Wiedersehen mit dem fachlichen Teil seiner Bibliothek! Alle Jahrgänge unserer Zeitschriften standen da, anständig gebunden, alle Bücher der drei oder vier Verlage, in denen unsere Internationale Psychoanalytische Gesellschaft die Ergebnisse ihrer Forschung niedergelegt hatte […].“6 Gut möglich, dass Zweig beim Schreiben auch an Eitingons uneigennützige Unterstützung in den schweren Exiljahren dachte. Der Freund hatte ihm durch Vermittlung von Vorträgen zu Einkünften verholfen. Außerdem beherbergten die Eitingons das Ehepaar Zweig bei Aufenthalten in Jerusalem oder besorgten kostenloses Quartier. Nachweislich setzte sich Eitingon beim Leiter der Deutschen Abteilung der Jewish Agency, Georg Landauer, für eine monatliche Zuwendung ein, die Zweig ab 1940 bis zum Ende seines Exils auch erhielt.

Max Eitingon, Sigmund Freud und Arnold Zweig verband eine außergewöhnliche Freundschaft, immer wieder kreuzten sich ihre Wege. Nicht nur in dem hier vorgestellten Kalender, auch in anderen nachgelassenen Papieren Arnold Zweigs kann man ihnen folgen.

 

1  „Appointments Book“, Akademie der Künste, Berlin, Arnold-Zweig-Archiv (im Folgenden AZA), Nr. 2637
2  „Pocket Diary 1947“, AZA, Nr. 2638
3  Postkarte von Sigmund Freud an Arnold Zweig, Wien, 21.5.1938, in: Ernst Freud (Hg.), Sigmund Freud, Arnold Zweig. Briefwechsel, Frankfurt am Main 1968, S. 169. Das handschriftliche Original liegt im AZA, Nr. 7389.
4  Postkarte von Sigmund Freud an Arnold Zweig, Wien, 4.6.1938, ebd. Das handschriftliche Original liegt im AZA, Nr. 7390.
5  Sigmund Freud starb am 23. September 1939 in London, Max Eitingon am 30. Juli 1943 in Jerusalem.
6  Arnold Zweig, Traum ist teuer, Berlin 1963, S. 267

 
Autorin Maren Horn ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Literaturarchiv der Akademie der Künste.

Erschienen in: Journal der Künste 13, Juni 2020, S. 62-63