Hermine-Körner-Ring an Hildegard Schmahl

Preisverleihung


Hildegard Schmahl. Foto Andrea Huber

Dieser Ring passt. An der Hand vielleicht am besten am kleinen Finger. Aber die künstlerische Laufbahn der Schauspielerin Hildegard Schmahl krönt der Hermine-Körner-Ring, als wäre er nur dafür gestiftet worden. In ihrer Dankesrede nach der Verleihung am 13. Dezember 2010 in den Münchner Kammerspielen - im Anschluss an eine Vorstellung von Elfriede Jelineks "Rechnitz (Der Würgeengel)" - berichtete sie, wie sie als 20-Jährige Hermine Körner in Berlin als "Irre von Chaillot" von Giraudoux auf der Bühne gesehen hatte und von ihrem Spiel getroffen wurde wie vom Blitz. Dass Theaterspielen sowohl lebendige Erinnerung als auch das öffentliche Einüben von Menschlichkeit ist, war ihr hier, 1960, in einer der letzten Vorstellungen von Hermine Körner, die im Dezember desselben Jahres starb, körperlich schmerzhaft und voller Verheißung bewusst geworden. Und sie begann so zu weinen, dass sie aus dem Theater geführt werden musste.

Fünfzig Jahre später hat Hildegard Schmahl nun - nach Roma Bahn, Marianne Hoppe und Gisela Stein - für ihr Lebenswerk und auf Lebenszeit das Körnersche Siegel übernommen. Das Siegel der Tragödin, der denkenden, immer suchenden (und findenden), der verantwortlich mitgestaltenden und prinzipalinnenhaft sorgenden Schauspiel-Künstlerin, als die sie in den Reden der Akademie-Mitglieder Klaus Völker und Jossi Wieler (letzterer Regisseur von "Rechnitz" und in den letzten zehn Jahren vielleicht der wichtigste Regisseur von Hildegard Schmahl) gepriesen wurde. Auch Johan Simons kam am Ende noch mit einem Strauß Blumen auf die Bühne des Schauspielhauses an der Maximilianstraße, Intendant des Hauses und neues Mitglied der Sektion Darstellende Kunst. Unter seiner Regie wird Hildegard Schmahl im Mai nächsten Jahres in den "Persern" des Aischylos die Atossa spielen - die gleiche Rolle, für die Hermine Körner 1960 im Rahmen der Ruhfestspiele die antike Münze aus Salamis überreicht bekam, die sie, zum Ring gefasst, als Auszeichnung für Ausnahmekolleginnen dann stiftete.  (Hier im Bild die Gratulanten: von links Jossi Wieler, Klaus Völker und Johan Simons. Foto: Andrea Huber) 


Der Hermine-Körner-Ring ist eine Auszeichnung auf Lebenszeit und für ein Lebenswerk. Es handelt sich um eine eingefasste, antike persische Münze, aus Salamis stammend, die Hermine Körner 1960, anlässlich eines Gastspiels der „Perser“ bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen für ihre Darstellung der Atossa als Schenkung des Kunsthistorischen Museums Essen überreicht wurde.
Die Bearbeitung des Aischylos-Stoffes stammte von dem jungen Dramatiker Mattias Braun. In dessen Euripides-Adaption „Die Troerinnen“ hatte sie schon 1958 so eindrucksvoll die Hekuba verkörpert, dass er zwei Jahre später „Die Perser“ speziell für sie nachdichtete - „um das Pathos Hermine Körners zu provozieren, dieses Pathos, dem die Gesten der sehr großen realistischen Kunst eignen, die großen Gesten der sixtinischen Sibyllen, die Michelangelo gemalt hat.“ Beide Stücke kamen am Berliner Schiller Theater in Inszenierungen von Hans Lietzau heraus.

Hermine Körner, die am 14. Dezember 1960 im Alter von 82 Jahren starb, verfügte testamentarisch, dass der Ring auf Lebenszeit an ihre Kollegin Roma Bahn übergehen und später immer im Besitz einer „Schauspielerin mit ernsthaftem Streben“ sein solle. Ausgewählt wird die jeweilige Nachfolgerin von der Sektion Darstellende Kunst der Akademie der Künste, deren Mitglied Hermine Körner seit 1955 war. 1975 wurde der Ring Marianne Hoppe übergeben, 2004 ging er an Gisela Stein, die im Mai 2009 verstarb. Zur ihrer Nachfolgerin bestimmte die Sektion Hildegard Schmahl.

(Hermine Körner als Königin Elisabeth am Berliner Staatstheater, 1936, Foto: Zander & Labisch)

Biografisches

Hildegard Schmahl wurde 1940 im pommerschen Schlawe (poln:. Sławno) geboren und wuchs nach 1945 bei Bremen und in Hamburg auf. Schauspielerin wollte sie schon als Schülerin werden, und mit 18 stand sie nach einem Jahr privaten Unterrichts bereits auf der Bühne des Thalia Theaters. Danach war sie in Braunschweig, Bern und Bochum engagiert, ab 1969/70 an den Staatlichen Schauspielbühnen (West-)Berlins. Gemeinsam mit ihrem damaligen Ehemann Niels-Peter Rudolph übrigens, in dessen Inszenierungen sie in den 70er Jahren die größten Erfolge hatte. Ihm folgte Hildegard Schmahl auch 1980 nach Hamburg, als er das Deutsche Schauspielhaus übernahm.
1987 zog sie nach Wien und spielte an George Taboris Theater Der Kreis - u.a. die Titelrolle in dessen Bearbeitung von Shakespeares „King Lear“ („Lears Schatten“, 1989). Nach einer weiteren Zeit am Hamburger Thalia Theater ist Hildegard Schmahl seit 2001 Mitglied der Münchner Kammerspiele. 2007 war sie dort (und im Jahr darauf beim Berliner Theatertreffen) erneut in einer der ganz großen Männerrollen zu sehen: als Prospero in Stefan Puchers Shakespeare-Inszenierung „Der Sturm“. „Viel über die dunklen Seiten des Lebens wissend, spielte sie ihn mit größter, warmer Lebensklugheit und einer bestechend souveränen, sparsamen und präzisen Körpersprache“. (Thomas Bockelmann, Intendant des Staatstheaters Kassel, in einem Jahresrückblick auf nachtkritik.de).

Hermine Körner, 1878 in Berlin geboren und 1960 ebendort gestorben, war nicht nur eine der bedeutendsten Tragödinnen des deutschsprachigen Theaters des 20, Jahrhunderts, sondern auch Theaterleiterin und Regisseurin. Ein Engagement bei Max Reinhardt beendete sie 1919, um Direktorin des Münchener Schauspielhauses zu werden, 1925 leitete sie in Dresden erst das Albert Theater, dann die Komödie und schließlich wieder das Albert Theater. Die Nazijahre verbrachte sie im Ensemble des Berliner Staatstheaters unter der Intendanz von Gustaf Gründgens, wo sie Hans Rehbergs „Königin Isabella“ war, Shaws Frau Warren oder Ibsens Frau Inger.
Einen sensationellen Erfolg hatte sie in der Nachkriegszeit als „Irre von Chaillot“ von Giraudoux, 1950, in der Inszenierung von Karl-Heinz Stroux im Berliner Hebbel Theater sowie in den Antiken-Bearbeitungen von Mattias Braun. Nach der Premiere der „Troerinnen“ schrieb Herbert Jhering 1958 über ihre Hekuba: „In einer Zeit der sprachlichen Verwahrlosung, ja der Gleichgültigkeit dem Wort gegenüber, wurde von Hermine Körner dem deutschen  Wort, dem deutschen Satzbau eine Ausdruckskraft gegeben, die die deutsche Sprache über Jahrhunderte bestätigte. In allen Übergängen vom Flüstern zum Schrei, vom Triumph zur Trauer erhielt das Wort seine Logik, seine Leuchtkraft.“

Literatur:
Barbara Burckhardt: „Den Schmerz verwandeln“. Porträt der Schauspielerin Hildegard Schmahl in: Theater heute 5/2008, 6 ff.
Amy Smith: „Hermine Körner“, Berlin 1970
Klaus Völker: „Hans Lietzau. Schauspieler. Regisseur. Intendant“, hrsg. Von der Stiftung Archiv der Akademie der Künste, Berlin 1999

Montag, 13.12.2010

22 Uhr

Münchner Kammerspiele, Maximilianstr. 28, Tel. 089 233966-00
Verleihung des Schauspielerinnen-Preises nach der Vorstellung von Elfriede Jelineks „Rechnitz“, www.muenchner-kammerspiele.de
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