9.1.2019, 17 Uhr

Neuerwerbung: Unbekannte Zeichnung von Heinrich Mann

Zeichnung von Heinrich Mann, 1886

Eine Erwerbung des Literaturarchivs der Akademie der Künste ermöglicht neue Einblicke in die künstlerische Tätigkeit des frühen Heinrich Mann. Die bislang unbekannte Jugendzeichnung zeigt, wie der Autor unter dem Bild notiert, die Aussicht aus seinem „damaligen Zimmer“ im elterlichen Wohnhaus in der Lübecker Beckergrube Nr. 52. Zu sehen sind der Hof und die Rückfront der gegenüberliegenden Gebäude. Die Arbeit ist gerahmt, signiert und auf das Jahr 1886 datiert. Der Hinweis der Mutter Julia Mann auf der Rückseite setzt jedoch einen früheren Entstehungszeitraum an: „Zeichnung von Heinrich um 1882-85“.

Wie zuletzt Dagmar von Gersdorff in ihrer Julia-Mann-Biographie (Berlin: Insel, 2018) geschildert hat, war Heinrich Mann kein robustes Kind. Zum häuslichen Spielzeuginventar gehörten Puppentheater und Baukästen, natürlich auch der hanseatische Kaufladen, nicht zuletzt Tusche und Zeichenstifte. Von den graphischen Ambitionen Heinrich Manns, die den literarischen Versuchen vorausgehen, zeugt die Lübecker Fassadenansicht.

Im Zyklus „Das Kind“ (entstanden seit 1926, publiziert 1929) schildert Heinrich Mann das Straßen- und Hoftheater vor dem Kinderzimmerfenster. Der Blick des Schülers am Lübecker Katharineum war früh detailaufmerksam, wenngleich zum Leidwesen des Vaters eher in ästhetischer als in ökonomischer Hinsicht. Bereits den Dreizehnjährigen hatte die Familie nach St. Petersburg geschickt, damit er sich vom Export und Import einen Eindruck verschaffen könne. In den „Fantasieen über meine Vaterstadt L.“ (1889, HMA 341, publiziert 1963 in SINN UND FORM) rechnet er mit dem wohlhabenden, aber wenig kunstsinnigen hanseatischen Bürgertum ab.

Wenig später verabschiedet er sich zugunsten der Literatur von Zeichenstift und Staffelei. „Wie es mit der Malerei steht, fragst Du?“, schreibt er 1890 an den Jugendfreund Ludwig Ewers (HMS 6141): „Ex, mein Junge, complet ex – wie mit dem ‚Idealismus‘. Zuweilen versündige ich mich, am Cassapulte stehend, an der hehren Kunst durch ein immer schmieriger werdendes Geschmier in der Art dessen, das ich Dir beifüge; Du siehst, ich erspare Dir auch das Fürchterlichste nicht. Mich zuhause ernstlich mit Zeichnen und Malen zu beschäftigen, mangelt mir die Zeit.“ (Briefe an Ludwig Ewers 1889-1913. Berlin, Weimar: Aufbau 1980)

Die Ikonographie der Lübecker Jugend fasziniert und verfolgt ihn freilich noch im kalifornischen Exil. In Santa Monica lässt er in einem spiralgebundenen „Scrap Book“ zeichnerisch „Die ersten zwanzig Jahre“ Revue passieren (HMA 461): das Idyllische und das Groteske, das Verwinkelte und das Abenteuerliche, Schuld und Schulden (Aufbau 1984; S. Fischer 2001).

Die Lübeck-Zeichnung, die wie andere Dokumente während der Exiljahre nach Prag gelangt war, wurde der Akademie aus Privatbesitz übergeben: Im Literaturarchiv fügt sie sich ein in die Überlieferung der Romanmanuskripte und Essays, der Entwürfe, Werknotizen und Briefe des ersten Vorsitzenden der Sektion für Dichtkunst (1931-33) und designierten Präsidenten der Akademie der Künste in Ost-Berlin (1950). Die Neuerwerbung geht in das internationale Projekt „Heinrich Mann DIGITAL“ ein, das, in Kooperation zwischen den bestandshaltenden Archiven, erstmalig 2021 einen integralen Blick auf die Heinrich-Mann-Überlieferung ermöglichen wird (Journal der Künste 2019, H. 1).

Ansprechpartner: Prof. Dr. Marcel Lepper, Leiter des Literaturarchivs, Christina Möller, Archivarin im Literaturarchiv

Zeichnung von Heinrich Mann, 1886, Rückseite,
mit Notiz der Mutter Julia Mann

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