16.10.2015, 09 Uhr

Deutsch-Israelischer Dramatikerdialog

Künstlerischer Austausch am 16. und 17. Oktober in der Akademie

Vier deutsche und vier israelische Dramatiker sind eingeladen, sich in der Akademie der Künste über mehrere Tage hinweg kennenzulernen und künstlerisch auszutauschen. Parallel dazu erarbeiten zwei Regisseure mit Schauspielern und Schauspielstudierenden der Universität der Künste Berlin szenische Lesungen von vier neu ins Deutsche übersetzten hebräischen Stücken. An zwei Veranstaltungstagen werden die Ergebnisse am Hanseatenweg präsentiert: die von Maya Arad und Jason Danino Holt geschriebenen Stücke am 16. Oktober, die von Inna Eizenberg und Yonatan Levy geschriebenen Stücke am 17. Oktober.

Programm Dramatikerdialog 16. Oktober hier
Programm Dramatikerdialog 17. Oktober hier

„Gott wartet an der Haltestelle” von Maya Arad
Aus dem Hebräischen von Matthias Naumann

Maya Arad, Foto © Steve Alcemi

Eine junge Palästinenserin tötet bei einem Selbstmordattentat auf ein Restaurant in Haifa 30 Menschen. Wie konnte es dazu kommen? Der Taxifahrer, der sie vom Grenzübergang dorthin gebracht hat, durfte niemanden ohne Passierschein mitnehmen, die israelische Soldatin, die sie ohne Schein passieren ließ, hätte kontrollieren können, ob die Frau wirklich schwanger ist, die Mutter hätte sehen können, wie sich bei der Tochter die Erfahrung von Gewalt zur Gewaltbereitschaft auswuchs, und sie selbst hatte doch einmal Ärztin werden wollen. Wo ist die Grenze, an der das, was man erwartet und was sein soll, eindeutig endet? Wie hoch ist der Preis, um den man seine Seele verkauft? Ein komplexes Roadmovie entlang des Zentralnervs der israelischen Gesellschaft. (© deutsche Übersetzung: Matthias Naumann)

Kurzbiografie:
Maya Arad geboren 1976 in Israel, lebt in Tel Aviv. Studium der Dramaturgie an der Universität Amsterdam. Von 2007 bis 2012 arbeitete sie in den Niederlanden als Produktionsdramaturgin. Ihr Stück „Diamond Stars” gewann 2010 den ersten Preis des Internationalen Dramatikerwet tbewerbs des Internationalen Theaterinstituts und der UNESCO. 2014 erhielt sie im Rahmen des „Terrorisms”-Projekt der Union des Théâtres de l ́Europe (U.T.E.) den Stückauftrag zu „God Waits at the Station”, das im November 2014 am Habima Theater in Tel Aviv uraufgeführt wurde. Die deutsche Übersetzung von Matthias Naumann kommt am 10. Oktober 2015 am Volkstheater Wien heraus.


„Gehäutet” von Jason Danino Holt, (dramaturgische Beratung: Lilach Dekel-Avneri) Aus dem Hebräischen von Gundula Schiffer

Jason Danino Holt, Foto © Omer Alsheich

Eine männliche Hure am Ende seines Arbeitstages. Er wartet auf den Anruf seines Freundes, der ihn jeden Tag um Mitternacht abholt. Aber diesmal nicht. Diesmal steht plötzlich eine junge Frau vor der Tür, die sagt, dass sie todkrank sei und sich nicht abweisen lässt. Später klingelt es noch einmal, und eine Polizistin überbringt die Nachricht, dass der Freund bei einem Unfall ums Leben gekommen sei. Auch der Vater der jungen Frau kommt vorbei. Jason Danino Holt schickt seine Figuren in Extremsituationen menschlicher Begegnungen. Spielerisch wirft er ihnen Rollen zu und zieht sie als Häute wieder ab. Ein Chor kommentiert das Geschehen und verortet es in einem Raum der Leidenschaft und Chancenlosigkeit. (© deutsche Übersetzung: Gundula Schiffer)

Kurzbiografie: Jason Danino Holt geboren 1987 in Israel, lebt in Tel Aviv. Schauspiel- ausbildung an der Thelma Yellin Acting High School 2001 bis 2005, 2006 Filmausbildung bei Ruth Daiches Cinema Studies, Schauspielstudium an der Nissan Nativ Tel Aviv Academy of the Arts 2007 bis 2010. Arbeitet als Dramatiker, Theaterregisseur, Schauspieler, Dokumentarfilmer, Fernsehmoderator und Übersetzer. Zu seinen Theaterstücken gehören „whore” (2014), „Queen Malka” (2013), „Odepalit” (2012), „Heart” (2011) und „Lady Twisted” (2010).


„Mein Gesichterbuch” von Inna Eizenberg

Aus dem Hebräischen von Gundula Schiffer

Inna Eizenberg, Foto © Eyal Rado

Fünf Freunde, die aus dem Süden Israels stammen und alle 28 Jahre alt sind, leben jetzt in der Großstadt: Pigmy und Windbag, die seit drei Jahren verheiratet und schon seit der Schulzeit zusammen sind, Frizzle und Gecko, die nach ihrer Militärzeit ein Paar wurden und jetzt heiraten wollen, und dazwischen Spigot, der beste Freund von allen. Am Vorabend einer militärischen Eskalation im Süden bekommen die Lebensentwürfe der Paare Sprünge. Windbag fliegt nach Amsterdam und dröhnt sich mit Drogen voll, Pigmy tröstet sich mit Spigot, Frizzle bekommt Zweifel am Vorgehen israelischer Soldaten gegen Palästinenser und Gecko zieht sich in die Spielwelten des Internets zurück. Nur über Facebook halten sie Kontakt. (© deutsche Übersetzung: LITAG Theaterverlag)

Kurzbiografie: Inna Eizenberg geboren 1981 in Ufa/Russland, lebt als Dramatikerin, Redakteurin und Dramaturgin in Tel Aviv. Studium der Regie und Dramaturgie an der Universität von Tel Aviv und am Kibbutzim Seminar College. Arbeitete als Lektorin mit Jugendlichen und Regiestudenten sowie als Produktionsdramaturgin mit verschiedenen Regisseuren in Tel Aviv und London. Zu ihren Stücken gehören „Raging Hormones” und „Meet at Midnight” (Kurzdramen, 2014), „My Book of Faces” (bestes Stück beim Acco Festival 2013 und Gewinner des Dov Gurfong Award für neues dramatisches Schreiben), „A Party of Friends” (Kurzdrama, 2012), „Free People” (2011), „Master and Margarita” (nach Bulgakov, 2009), „Why, who are you?” (Co-Autorin, 2009), „What about you?” (2000) und „The Road” (1999). Außerdem ist sie Lektorin bei Keter Books und Redakteurin der Jerusalem Post Lite und des Street teen magazine.


„General Raful und das Meer” von Yonatan Levy
Aus dem Hebräischen von Matthias Naumann

Yonatan Levy, Foto © yonatanlevy

Die Figur des Generals, den Yonatan Levy hier, unterbrochen von lyrischen Passagen, in Zwiesprache mit dem Meer treten lässt, ist an den historischen Generalstabschef Rafael Eitan (1929-2004, genannt Raful,) angelehnt, der unter anderem 1982 den Einmarsch der israelischen Truppen in den Libanon leitete. Nach seinem Rückzug aus der Politik im Jahr 1999 war er für den Ausbau des Hafens von Aschdod südlich von Tel Aviv verantwortlich. 2004 verunglückte er auf der Hafenmole und wurde ins Meer gerissen. Die Ansprache durch die insgesamt sieben Wellen berühren Rafuls Herkunft, seine familiären Tragödien, aber auch Fragen der politischen Schuld und sind eine hoch poetische Auseinandersetzung mit den Traumata des israelischen Alltags. (© deutsche Übersetzung: Matthias Naumann

Kurzbiografie: Yonatan Levy geboren 1974 in Montreal/Kanada, lebt bei Kiryat Tivon/Israel. Er studierte Philosophie und Vergleichende Religionswissenschaft an der Hebräischen Universität in Jerusalem und ist Dramatiker, Lyriker, Übersetzer, Regisseur,
Schauspieler und Lehrer (Mitbegründer einer Waldorfschule in Kiryat Tivon). Sein Stück „Saddam Hussein - A Mystery Play” wurde 2011 beim Acco Festival in den Kategorien „Bestes Stück”, „Beste Musik” und „Zweitbeste Performance” ausgezeichnet. 2014 war die Inszenierung in Yonatan Levys eigener Regie beim Festival Theater der Welt in Mannheim und beim Divadlo Festival in Poznan zu sehen, im April 2015 gastiert die Produktion beim F.I.N.D. - Festival der Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin. „The General and the Sea” wurde im Oktober 2014 mit der Musik von Noam Enbar und in der Regie von Yonatan Levy in der Hazira Performance Art Arena in Tel Aviv uraufgeführt.<

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